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Die Medienhäuser verkaufen mehr Online-Abos, aber die Zeitungsverkäufe sinken weiter. © moritz320

Medien: Nach dem Jammern die Erleichterung

Rainer Stadler /  Die Geschäftsabschlüsse der hiesigen Medienhäuser sind erstaunlich gut. Das Vertrauen in die Medien wächst. Doch Fragen bleiben.

Der Schrecken der Pandemie ist in den Finanzergebnissen der grossen Schweizer Medienhäuser nicht sichtbar geworden. Im Gegenteil. Gemessen an den Wehklagen im vergangenen Jahr präsentieren die Geschäftsberichte fast schon formidable Eckdaten. CH-Media, Herausgeberin des gleichnamigen Zeitungsverbunds, erzielte eine Ebit-Marge von 5,8 Prozent – gemeint ist damit der Gewinn vor Zinsen und Steuern, in Prozent des Umsatzes. Im vergangenen Sommer hatte man noch mit roten Zahlen gerechnet, wie Geschäftsführer Axel Wüstmann anlässlich der Publikation der Geschäftszahlen mitteilte.

Die NZZ wiederum verzeichnet fürs vergangene Jahr eine Ebit-Marge von 8 Prozent – sie ist sogar leicht höher als im Vorjahr.  Die TX Group, Herausgeberin des zweiten grossen Zeitungsverbunds in der Schweiz (Tamedia), erzielte eine Ebitda-Marge (Betriebsergebnis vor Abschreibungen) von 14 Prozent, nur 4 Prozent weniger als im Vorjahr. Weil die Mediengruppe den Wert ihres Presseportfolio auf Grund des negativen Trends deutlich senkte, weist sie allerdings ein Defizit (Ebit) von 70 Millionen Franken aus. Ringier schliesslich meldete vergangene Woche eine Ebitda-Marge von 8,8 Prozent.

Schwere Werbeverluste

Allerdings mussten die vier Unternehmen Umsatzverluste hinnehmen. Die pandemiebedingten Einschränkungen des wirtschaftlichen und sozialen Lebens schlugen massiv auf den Werbemarkt durch. Bei Ringier sanken die Anzeigenerlöse um 37 Millionen auf 93 Millionen Franken – ein Rückgang von mehr als 28 Prozent. Bei der NZZ nahm die Pressewerbung um 22 Prozent ab. Der Betriebsertrag der Pendlerzeitungen der TX Group (vor allem «20 Minuten») sank um 25 Prozent auf 110 Millionen Franken.

Durch Diversifizierung der Geschäftsbereiche, Restrukturierungen, Einsparungen und nicht zuletzt dank staatlichen Unterstützungsmassnahmen konnten die Medienunternehmen indessen diese herben Verluste auf dem Werbemarkt kompensieren. Angesichts der positiven Geschäftsabschlüsse drängt sich die Frage auf, ob der Staat allzu schnell Nothilfe geleistet hat. 57,5 Millionen Franken gab der Bund dafür aus, wobei davon auch lokale Radio- und Fernsehsender sowie kleine Pressehäuser profitierten. CH-Media bekam für ihre RTV-Stationen Nothilfe in Höhe von 6,9 Millionen Franken. Man wird nun auf Grund des guten Geschäftsverlaufs voraussichtlich 1,5 Millionen zurückzahlen.

Starker Zuwachs bei den digitalen Abonnements

Positive Nachrichten verbreiteten die Medienhäuser auch in Bezug auf das Kundeninteresse. Sie verzeichnen einen deutlichen Zuwachs an Abonnenten. Die NZZ meldet, die Anzahl digitaler Abonnements sei gegenüber dem Vorjahr um 83 Prozent gestiegen. Insgesamt gewann das Unternehmen 23,5 Prozent mehr Abonnenten. Der Umsatz auf dem Lesermarkt nahm jedoch nur um 5 Prozent zu. Was heisst: Man verlor gut zahlende Zeitungsabonnenten, konnte aber diesen Rückgang mit einem deutlichen Zuwachs bei den billigeren digitalen Abos auffangen. Dieselbe Entwicklung ist bei Tamedia zu beobachten: Das Medienhaus vermochte bei den digitalen Abos stark zuzulegen, und zwar um 43 Prozent auf 126 000. Doch insgesamt nahm die Kundenzahl (Print und Online) nur um 3 Prozent zu. Kleine Medienanbieter weisen ebenfalls einen positiven Trend aus: Sowohl die «Wochenzeitung» wie auch die «Republik» vergrösserten ihren Kundenkreis. A propos: Der frei zugängliche «Infosperber» erzielte ebenfalls einen Zuwachs an Besuchern.

Insgesamt kann man festhalten: Wer im Corona-Jahr nicht in der Lage war, seine Kundschaft zu vergrössern, sollte eine Krisensitzung einberufen.

Wie stabil der positive Trend auf der Kundenseite ist, dürfte allerdings erst im kommenden Jahr sichtbar werden – dann, wenn die Pandemie ihre Dringlichkeit verloren haben wird und «nur» noch die wirtschaftlichen Schäden zu beheben sein werden. Dann wird sich zeigen, ob die Medienhäuser in der Lage sind, eine stabile, über die Corona-Sorgen hinausreichende Kundenbeziehung aufzubauen. Der Erfolg ist ihnen keineswegs gewiss.

Mehr Kritik, mehr Vertrauen

Die Folgen der Pandemie sind in einer weiteren Hinsicht interessant. Einerseits registrieren die Redaktionen eine starke, wenn nicht rekordverdächtige Zunahme an Reklamationen und Beschwerden wegen der Berichterstattung über Corona. Anderseits scheinen die Medien – trotz der manifesten Kritik – an Glaubwürdigkeit zu gewinnen. Dies legt eine Langzeitstudie der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz nahe. Sie führt seit 2008, zusammen mit der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Umfragen zum Medienvertrauen in der Bevölkerung durch. Danach vertrauen 56 Prozent der 1200 Befragten den Medien «eher/voll und ganz». In den vergangenen Jahren lag diese Quote zwischen 41 und 44 Prozent. Ziemlich oder völlig unzufrieden über die gesamte Corona-Berichterstattung äusserten sich nur 15 Prozent. Bei der nächsten Umfrage wird man sehen, ob die Medien auch diesen Zugewinn halten können.

Widerspruchsfrei sind die Ansichten der Interviewten allerdings nicht. Ihre Antworten auf weitere Fragen fallen nämlich skeptischer aus. So finden 42 Prozent, viele Berichte über Corona seien zu einseitig. Zudem sagen 48 Prozent, wichtige Informationen würden ihnen in der Berichterstattung fehlen – dies trotz der riesigen Menge an Pandemie-Informationen, welche die Medien seit mehr als einem Jahr auf den Markt werfen.


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Keine.

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2 Meinungen

  • am 27.04.2021 um 11:55 Uhr
    Permalink

    „Das vertrauen in die medien wächst“….ich glaub immer mehr das ich auf dem falschen planeten zuhause bin….kopfschütteln…

    0
  • am 27.04.2021 um 21:48 Uhr
    Permalink

    …» trotz der riesigen Menge an Pandemie-Informationen, welche die Medien seit mehr als einem Jahr auf den Markt werfen.»
    Weil es immer dieselben statistiken sind. Der PCR-test muss manchmal über 40 mal in die Zentrifuge, bis er was anzeigt. Ansteckend ist dan aber kaum noch was.
    Dann wäre Tib Molbiols Verbindung zu Drosten mal zu klären, und seinen Werdegang zum promovierten Arzt. Unser Bundesrat funktioniert nur nach den Informationen des BAG? Wieviele Gruppen untersuchen und verifizieren diese Daten? Peer reviews sind in der Medizin sonst Standard. Einige Geimpfte gelten immer noch als Krank? Ja, die Presse und ihre widersprüchlichen Mitteilungen machen das meiste aus den clicks.Allerdings ist vom «Standardartikel» 90% Beatmet und 10% tot. von mir aus kann das ruhig so weitergehen, dann sind wir in 10 Monaten auch den Letzten Artikel los.

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