Kommentar

kontertext: Wie über Gaza berichten?

Silvia Henke ©

Silvia Henke /  Ein unabhängiger Kreis von Medienbeobachtern lud in Basel zum Austausch über die schwierige Berichterstattung zu Gaza ein.

Um zu wissen, braucht es die Vorstellung («pour savoir, il faut s’imaginer»), schrieb der französische Kunsttheoretiker Georges Didi-Huberman einst zu den Bildern von Auschwitz. Könnte dies auch für Gaza gelten? – Die Veranstaltung «Blinde Flecken, Verzerrungen, doppelte Standards?» fand Ende Januar in der Basler Buchhandlung «Labyrinth» statt, in kleinem privatem Rahmen. Der Skandal, der im Titel anklang, gehörte allerdings auf eine grössere Bühne der politischen Öffentlichkeit. Es ist der Skandal, dass wir eigentlich alle wussten, was in Gaza passierte, dass wir es uns aber nicht vorstellen mussten, weil uns die Leitmedien im Land mehrheitlich im Stich liessen.

Journalismus im Abseits

Eingeladen hatten zum Austausch Ernst Gräub, ehemaliger Sekretär der Mediengewerkschaft SSM, Elsbeth Dangel Pelloquin, Literaturwissenschafterin, Rita Schiavi, ehemals Mitglied der Geschäftsleitung Unia und Hans Schäppi, Historiker. Das Impulsreferat kam von Ignaz Staub, dem ehemaligen Auslandredaktor beim «Tages-Anzeiger», heute Ombudsmann bei Tamedia und intensiver Beobachter der Gaza-Berichte in internationalen Medien fürs «Journal21». Dass öffentliche Diskussionen zur medialen Berichterstattung über den Gaza-Krieg noch immer quasi im Verborgenen stattfinden, ist Teil des Problems.

In Deutschland gibt es dazu eine eigene, wissenschaftlich kuratierte Website www.dokumentation-gaza.de und einige journalismuskritische Untersuchungen. So belegt die Analyse von Mandy Kröger in «Journalistik», dass laut einer Studie der NGO Reporter ohne Grenzen (RSF) von 2025 der Gaza-Krieg «das schwierigste Thema» war, zu dem die befragten 60 Journalist:innen in Deutschland je gearbeitet haben. Nicht nur sei das Arbeitsklima «extrem hart», die Journalist:innen berichten auch «über massiven Druck, Selbstzensur und erodierende journalistische Standards» in den Redaktionen, direkte Einflussnahme der israelischen Botschaft auf Medienhäuser und verordnete Glossarien, welche im Sinne der «Antisemitismus-Resolution» einen bisher nicht bekannten Einfluss nahmen auf die journalistische Praxis. So mussten etwa israelische Angriffe immer als «Reaktionen» oder «Gegenangriffe» dargestellt werden bei der ARD; der Begriff «Massaker» galt einzig für die Hamas und musste zu jedem Angriff genannt werden. Die Analogie zwischen Auschwitz und Gaza als pars pro toto für einen Genozid wurde verboten.

Für die englischen Medien gibt es ähnliche journalismuskritische Untersuchungen des «Centre for Media Monitoring», in den USA in der «Columbia Journalism Review» oder in «The Nation» vom Oktober 2024 eine Analyse der Berichterstattung von CNN und MSNBC zu den ersten 100 Tagen nach Kriegsbeginn. Für die Schweiz fehlen solche Studien. Es gibt aber doch zahlreiche einzelne Medienbeobachter wie etwa Ernst Gräub oder Ignaz Staub. Als Ombudsmann konnte Staub bestätigen, dass beim Presserat mehrheitlich Klagen eingereicht wurden von Lesenden, welche Stimmen aus Palästina vermissten.

Schreie im Brunnen

Die Klagen, dass über Gaza nicht oder falsch berichtet wurde, weisen auf ein tieferes Problem hin: Nicht nur wurden ausländische Medienschaffende seit Beginn des Krieges über weite Strecken aus dem Gazastreifen verbannt, auch wurden in Gaza palästinensische Journalist:innen gezielte Opfer der israelischen Angriffe. Journalist:innen in Gaza kommen nicht um, sie werden ermordet. Staub zitiert hierzu die NGOs «Committee to Protect Journalists» und «Reporter ohne Grenzen», denen zufolge im Nahen Osten seit Oktober 2023 250, in Gaza allein 220 Medienschaffende getötet und 173 weitere verwundet worden sind. 94 sitzen in Haft; erst vor zwei Wochen wurde ein palästinensisches Journalisten-Trio ermordet, ein weiteres Kriegsverbrechen, von den Israelian Defensive Forces IDF immer legitimiert mit «Sicherheitsgründen» – Behauptungen, die mit Sicherheit nie aufgeklärt werden. Das heisst: Die objektive Berichterstattung aus Gaza wurde seit Beginn des Kriegs gezielt ins Abseits gestellt und die meisten inländischen Medien folgten den Quellen der kriegführenden israelischen Regierung. Staub zitiert die palästinensische Juristin Diana Buttu, die jüngst schrieb, der jüdische Staat verbanne bis dato «die letzten ausländischen Zeugen des Genozids in Gaza». Geblieben sind lokale Stimmen, die weiterhin ausharren – wie jene von Al Aila Shrouq, eine der ganz wenigen überlebenden Medienschaffenden in Gaza, die letztes Jahr bei einem Treffen von «Truth Tellers» in London einen verzweifelten Appell lancierte: «Meine Botschaft an die journalistische Gemeinschaft ist: Wir als Medienschaffende haben über alles gesprochen. Wir haben alles gefilmt. Es ist jetzt an der Zeit, dass ausländische Korrespondentinnen und Korrespondenten kommen und über den Krieg berichten. Wir haben keine Worte mehr. Es gibt nichts mehr zu sagen oder zu filmen. Man kann sich alles auf dem Bildschirm ansehen und trotzdem hat niemand gehandelt. Es ist, als ob wir in einem Brunnen sitzen und schreien und nur das Echo hören.»

Wer sie hören will, kann ihre Rede vor der UNO hier nachhören. Noch lebt sie.

«Eines Tages wird jedermann schon immer dagegen gewesen sein.»

Ignaz Staub, der für das «Journal21» diese Schreie vernahm, machte in seinem Referat einen Exkurs zu literarischen Zeugnissen: Wenn die Wahrheit im Journalismus nicht mehr garantiert ist, nicht mehr gehört oder nicht einmal mehr gesucht wird, so gibt es doch die Quellen von Augenzeugen, die in Gaza geschrieben und gezeichnet haben, solange sie konnten. Er zitiert den wohl berühmtesten maltesisch-amerikanischen Comic-Journalisten Joe Sacco, der sich seit den 90er Jahren des Themas Palästina annimmt. Von Januar bis Juli 2024 schrieb Sacco eine regelmässige Kolumne mit dem Titel «The War on Gaza» in «The Comics Journal». In seiner letzten Kolumne schrieb er programmatisch, dass das Einzige, worauf sich die Toten von Gaza verlassen können, die Stimmen der Poeten sein werden. In einem Interview bekräftigte er, worin er dennoch seine journalistische Objektivität sehe: im Bemühen, die Wahrheit zu sehen und zu hören, die Menschen vor Ort berichten. Natürlich gebe es auch dort Widersprüchlichkeiten. Aber die Unterdrückung der Wahrheit durch westliche Medien habe eine ganz andere Logik: Sie folge einem kolonialen Blick und einer jahrzehntelangen Blindheit bezüglich der militärstrategischen Politik Israels. Sacco schreibt: «Der Westen starb in Gaza».

Film
Der Gazastreifen als Erinnerungsraum im Filmset von «Qui vit encore» von Nicolas Wadimoff

Eine andere literarische Quelle zu Gaza, die Staub in Erinnerung ruft, ist Omar El Akkads «One Day, Everyone Will Have Always Been Against This». Ein Buch, dessen Aussage sich letztlich darauf richtet, was mit Händen zu greifen ist, nämlich unsere Ohnmacht. «Es ist verwirrend, über Grausamkeit Buch zu führen, Tag für Tag über das Hässliche zu schreiben, während es geschieht. Die Monate ersticken die Monate, bald werden die Jahre die Jahre ersticken. Tötungen, die einst vielleicht Schlagzeilen auf den Frontseiten gemacht haben, unterwerfen sich langsam dem Gesetz des abnehmenden Ertrags – was bleibt übrig als von mehr Toten, noch mehr Toten zu sprechen?» Das bittere Fazit des ägyptisch-kanadischen Autors, dass wir eines Tages alle behaupten können, wir seien ja auch dagegen gewesen, kann uns kaum entlasten. Seit Beginn des Trump’schen «Friedensplans» sind in Gaza schon wieder mehrere hundert Menschen getötet worden.

Eine Vorstellung von Gaza

Wenn es bei der Basler Veranstaltung eine Kontroverse gab, dann drehte sie sich darum, ob die Blindheit der inländischen, insbesondere der öffentlich-rechtlichen Medien auf Unbedarftheit und Nicht-Wissen zurückzuführen sei oder ob es sich um ein gezieltes politisches Ausblenden handelt. Die Meinung im Saal war klar: Wer selber sucht, der findet. Es gibt zum Nahen Osten neben den israelischen Magazinen «Haaretz» oder +972mag.com, btselem.org, Jewish Currents und anderen weltweit viele israelkritische Online-Medien, die eine Vorstellung von dem, was in Gaza geschah und geschieht, ermöglichen. Unter ihnen wäre hier das französische Online-Magazin orientxxi.info zu nennen, in welchem seit über zwei Jahren wöchentlich das «Journal de bord» des unabhängigen Journalisten Rami Abou Jamous erscheint. Jamous, der nach diversen Vertreibungen zur Zeit wieder in Gaza-Stadt lebt, gibt in seinem jüngsten Journal eine Einschätzung der Kräfteverhältnisse im sogenannten «Nationalkomitee für die Verwaltung Gazas», das ganz auf die Befehle von Trumps Amerika abstellt. Gaza, so Jamous‘ realistische Einschätzung, wird unter dem Deckmantel von Frieden aktuell nicht nur seines Landes, sondern auch seiner Geschichte beraubt.

Es bleibt Sache der letzten Journalist:innen und Poet:innen, der Geflüchteten und der Filmemacher:innen aus dem Ausland, Gazas Geschichte zu retten. Zwei aktuell in den Schweizer Kinos (leider nur in Randzeiten) zu sehende Filme geben eine Vorstellung von Gaza, die über das reine Wissen hinausgeht. Zum einen der Doku-Spielfilm der tunesischen Filmemacherin Kaouther Ben Hania «The voice of Hind Rajab», der die reale Tötung eines 5‑jährigen Mädchens mit dessen von einer Notrufnummer aufgezeichneten Stimme nacherzählt und damit, wie der Rezensent der WOZ meint, an die Grenze der zumutbaren Affektwirkung geht. Zum andern der Dokumentarfilm «Qui vit encore» vom Genfer Filmemacher Nicolas Wadimoff, der eben den «Prix de Soleure 2026» gewonnen hat, und der ganz auf die Stimmen und Geschichten einer Schar Überlebender setzt. Es ist nicht das erste Mal, dass Wadimoff in Palästina war; dieses Mal sei das, was er antraf in Gaza-Stadt, ein Blick ins Herz der Finsternis gewesen. In einem Gespräch mit der WOZ sagt er dies so eindringlich, dass es nicht überhört werden sollte: «Es war wie ein Abgrund. Es hat mich erschüttert und zurückgeworfen auf meine Erinnerungen, wie ich Claude Lanzmanns ‹Shoah› schaute oder die Filme von Rithy Panh über die Verbrechen der Roten Khmer. Das sind Momente, in denen man plötzlich mit dem Unaussprechlichen konfrontiert wird. Man spürt, dass diese Menschen etwas gesehen haben, etwas erlebt haben, das, wie soll ich das sagen, der Finsternis angehört.»


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Silvia Henke ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin und Publizistin. Sie unterrichtet an der Hochschule Luzern Design & Kunst u.a. Kunst und Politik und visuelle Kultur. Forschungsschwerpunkte sind Kunst und Religion, künstlerisches Denken, transkulturelle Kunstpädagogik. Sie interessiert sich grundsätzlich für die Widersprüche der Gegenwart, wie sie auch in der Medienlandschaft auftauchen, und veröffentlicht regelmässig Texte und Kolumnen in Magazinen und Anthologien.

Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe von Autorinnen und Autoren. Sie greift Beiträge aus Medien auf, widerspricht aus journalistischen oder sprachlichen Gründen und reflektiert Diskurse der Politik und der Kultur. Zurzeit schreiben regelmässig Silvia Henke, Mathias Knauer, Michel Mettler, Felix Schneider und Beat Sterchi.
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