Kommentar

kontertext: Medienwahl und Wahlmedien in Frankreich

Felix Schneider © zvg

Felix Schneider /  Die Rolle der Medien im französischen Wahlkampf ist Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung.

Die französische unabhängige Aufsichtsbehörde für audiovisuelle und digitale Kommunikation, genannt ARCOM («Autorité de régulation de la communication audiovisuelle et numérique») hat vor wenigen Tagen gegen den Radiosender Europe 1 eine verschärfte Warnung («mise en demeure») ausgesprochen. Gerügt wird die Sendung «On marche sur la tête». Das ist eine tägliche, zweistündige Wahlsendung, die Europe 1 extra für den nur 21 Tage dauernden Wahlkampf – es ist der kürzeste Parlamentswahlkampf der fünften Republik – eingeführte und dem Starreporter Cyril Hanouna anvertraute. 

Einseitigkeit, Unausgewogenheit, Masslosigkeit, Unanständigkeit – so lauten die happigen Vorwürfe der Aufsichtsbehörde. 

Umfassend und raffiniert

Möglich wurde die Rüge der Aufsichtsbehörde, weil die «Fondation Jean Jaurès» – eine der französischen sozialistischen Partei nahestehende Denkfabrik und Forschungsstätte – eine umfassende und methodisch raffinierte Studie zur Rolle der Medien im laufenden Wahlkampf veröffentlicht hat. Berücksichtigt wurden dabei 117 Publikumsmedien aus den Bereichen Print, TV, Radio und Online. Untersucht wurde die Periode vom 9. bis 21. Juni. Unter die Lupe genommen wurden unter anderem die Sender Europe 1, CNews und C8, die zum Konzern des Medienmoguls Vincent Bolloré gehören. 

Bolloré, das ist seit längerem bekannt, stellt seine Medien in den Dienst der Rechten und extremen Rechten. Er scheut vor Konflikten mit dem journalistischen Personal nicht zurück, kippt kritische Sendungen aus dem Programm, verfügt Entlassungen. Vorletztes Jahr hat er den Chefredaktor der Zeitschrift «Paris Match» entlassen, weil dieser Kritik an der katholischen Kirche geduldet hatte. Letztes Jahr brachte er die Zeitung «Journal du Dimanche» auf rechten Kurs. 

Auch Hanounas Wahlsendung auf Europe 1 begann richtungweisend: In der ersten Ausgabe waren Mathieu Valet vom Rassemblement National und Eric Zemmour von Reconquête! (noch weiter rechts als Le Pens Rassemblement National) als Gäste eingeladen. 

Dass derartige Einzelfälle auf systematischen politischen Optionen beruhen, zeigt nun die Untersuchung der «Fondation Jean Jaurès». Die Eingeladenen aller Sendungen von Hanouna auf Europe 1, CNNews und C8 teilen sich im untersuchten Zeitraum wie folgt auf die politischen Parteien auf:

Extreme Rechte
(Rassemblement National; Republicains, die sich dem RN angeschlossen haben;
Reconquête! von Zemmour)
54%
Rechte
(verbliebener Rest der Républicains)
27%
Mitte
(Ensemble pour la République, Macrons Koalition)
11%
Linke
(Nouveau Front populaire)
8%

Ein Star

Auch sonst förderte die Untersuchung Interessantes zu Tage. Zum Beispiel: Die weitaus grösste Aufmerksamkeit und Sichtbarkeit gleich nach dem Präsidenten der Republik genoss der Star des Rassemblement National: Jordan Bardella. Er ist weitgehend ein Medienprodukt. Was die Inhalte betrifft, so dominierten die sozialen Themen, vor allem Rentenalter und Kaufkraft. Erst danach kamen Migration und Antisemitismus. 

Auffällig war, dass die Erwähnung von Jean Luc Mélenchon oft in Zusammenhang mit Antisemitismusvorwürfen erfolgte. Während sich in wenigen Tagen drei parteipolitische Blöcke herauskristallisierten (Volksfront, Regierungslager, Rechte), hat sich auch das Medien-Publikum stärker polarisiert. Vereinfacht gesagt: Die Rechten haben ihre Medien, die Linken ebenso. Eine gemeinsame Öffentlichkeit schwindet dahin.  

Social media

Obwohl Umfragen ergeben, dass auch in Frankreich Print, TV und Radio für die politische Information immer noch hohes Ansehen geniessen, darf man den Einfluss der Socal media nicht unterschätzen. 

Bardella wird nicht nur in den klassischen Medien aufgebaut. Er hat auf Tiktok 1,3 Millionen Follower. Der Eifer, mit dem die Rechte die klassischen Medien kontrollieren will, spricht allerdings nicht für deren Bedeutungslosigkeit. 

Das Rassemblement National will die Medien privatisieren, falls es an die Macht kommt. Das System Bolloré soll ausgeweitet werden. 

Die hiesige SVP und der Bundesrat mit seiner Anti-SRG-Sparpolitik beabsichtigen nichts anderes. 


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Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe von Autorinnen und Autoren. Sie greift Beiträge aus Medien auf, widerspricht aus journalistischen oder sprachlichen Gründen und reflektiert Diskurse der Politik und der Kultur. Zurzeit schreiben regelmässig Silvia Henke, Mathias Knauer, Michel Mettler, Felix Schneider und Beat Sterchi.

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Eine Meinung zu

  • am 1.07.2024 um 10:49 Uhr
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    Danke für diesen interessanten Text.
    Habe wieder einmal viel gelernt.

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