Das Nachhaltigkeitsmagazin «Flip» stellt den Betrieb ein
Was wäre, wenn es ein Medium gäbe, das sich ausschliesslich um die grünen Versprechen von Unternehmen kümmert? Das Nachhaltigkeitsclaims prüft, Belege einfordert und Marketing von Substanz trennt? Genau das war die Idee hinter «Flip».
Fünf Jahre lang sezierten die Journalist:innen des Hamburger Magazins grüne Produkte, Finanzangebote und Werbeaussagen – systematisch, verständlich und oft ernüchternd. Als einzige Publikationsform diente ein Newsletter. «Flip» war eines der besten Experimente im jüngeren Umwelt- und Nachhaltigkeitsjournalismus. Jetzt ist Schluss. Das gab die Redaktion noch vor Jahresende 2025 in ihrem letzten Newsletter bekannt. Ende 2025 stellte «Flip» den Betrieb ein.
Die Idee: Nachhaltigkeit braucht gute Information
«Ausgeflipt», schrieb Christian Salewski in einem langen Post auf LinkedIn. Zusammen mit Christian und Dominik Sothmann sowie Felix Rohrbeck hatte er das Magazin 2020 gegründet. Der Gedanke dahinter war denkbar simpel: Informierte Konsument:innen treffen nachhaltigere Entscheidungen. Und jemand muss diese Informationen zusammentragen.
Gleich zu Anfang gab es viel Nützliches für Leserinnen und Leser. Der erste Newsletter befasste sich mit der Schokolade von Tony’s Chocolonely. Das Unternehmen aus den Niederlanden liegt in Nachhaltigkeitsrankings regelmässig vorne. Es stellt nach eigenen Angaben ausbeutungsfreie Schokolade her und bezahlt die Produzent:innen dafür auskömmliche Preise mit langfristiger Vertragsbindung. Das «Flip»-Urteil: Auch bei «Tony’s» ist nicht alles komplett super – aber mehr Mühe, nachhaltig, fair und transparent zu arbeiten, geben sich wohl nur wenige.
Zahlreiche Nachhaltigkeitsversprechen enttarnt
Auch bei anderen Produkten bohrte «Flip» unnachgiebig nach, wie nachhaltig sie wirklich waren, welche Belege es dafür gab und ob diese einer vertieften Recherche standhielten. Die Redaktion verschickte anfangs alle zwei Wochen einen Newsletter, der jeweils ein Produkt thematisierte – vom Gebrauchsgegenstand über Lebensmittel bis zu Finanzprodukten. Jedes Mal liess «Flip» die Leser:innen anschliessend darüber abstimmen, wie nachhaltig sie das Produkt nach dieser Betrachtung noch fanden. Die Community gab nicht nur Feedback und konnte Themen vorschlagen, in einzelne Projekte wurde sie auch direkt einbezogen.
Kurz nach der Gründung kam die erste Recherchepartnerschaft mit einem grossen Medium. Gemeinsam mit der «Zeit» veröffentlichte das Newsletter-Magazin 2021 eine erste grosse Recherche zum Putzmittelhersteller Hersteller Everdrop. Everdrop stellt Putzmittelkonzentrate her, die sich einfach in Wasser auflösen lassen. Anschliessend können sie wie herkömmliche Putzmittel verwendet werden. Das Trockenprinzip soll Verpackungsmüll vermeiden und Transportkosten sparen.
Viele Produkte wurden bei «Flip» zum «Flop»
Die «Flip»-Recherche zeigte: Everdrop bietet viel Marketing und viel Design, aber wenig öko und wenig nachprüfbare Nachhaltigkeit. Beispielsweise fehlten die angegebenen Zertifikate. Der «Flip-Score», über den die Newsletter-Abonnent:innen abstimmen durften, lag am Ende bei 2,4 von 10. Kein «Flip» also, sondern eher ein Flop. Auch andere Hersteller wie die populäre Rucksackmarke GOT mussten Federn lassen: Der Meeresplastik-Rucksack wurde 2022 mit einem Flip-Score von 2,6 bewertet, weil er doch nicht so grün war wie behauptet.
Wenn es einen Durchbruch für «Flip» gab, war es die Recherche «Sneakerjagd», die das Investigativmedium 2021 in Zusammenarbeit mit der «Zeit» veröffentlichte. Mehrere Sneakerpaare wurden dabei mittels GPS-Chip auf ihrem Weg vom Altkleidercontainer bis in die hintersten Winkel der Welt verfolgt. Jede Woche gab es eine neue Folge – spannend wie ein Krimi. Am Ende stellte sich heraus, dass Nike in Belgien neuwertige Sneaker schreddert. Auch «Infosperber» berichtete.
Auch zu weiteren Recherchen, in denen «Flip» Missstände aufdeckte oder beteiligt war. Etwa, wie Zalando Retouren wochen- bis monatelang rund um den Globus schickt, wie typisch Greenwashing beim Shell-Konzern abläuft oder über das WM-Trikot deutschen Fussballnationalmannschaft, das sich deutlich weniger nachhaltig darstellte als beworben – der Recyclingplastik-Anteil betrug nur 20 statt der angegebenen 50 Prozent. Ob es überhaupt von dem Unternehmen stammte, das das «Ocean Plastic» angeblich geliefert hatte, blieb auch nach den Recherchen unklar.
Preisgekrönte Recherchen
«Flip» wurde mehrfach ausgezeichnet, etwa 2022 als «Wirtschaftsredaktion des Jahres», 2025 für die journalistische Nachwuchsförderung sowie ebenfalls 2025 mit dem Schweizer Medienpreis für eine Recherche über Trophäenjagd auf Braunbären. Später wurde der Newsletter zum wöchentlichen «Flip Briefing», das die jüngsten News zu Nachhaltigkeit, Klima und Umwelt zusammenfasste und jeweils ein wichtiges und aktuelles Thema einordnete und erklärte.
Als Unternehmen hat «Flip» rückblickend sehr vieles richtig gemacht: eine moderne Publikationsform, die ein echtes Informationsbedürfnis traf, Kooperationen mit bekannten Medienhäusern und wichtige Recherchen. Dazu kamen nachvollziehbar durchgeführte und aufsehenerregende Enthüllungen – investigativer Journalismus at its Best.
Alles richtig gemacht – trotzdem vorbei
Zur Anfangsfinanzierung durch Fördergelder und Investoren kamen Honorare von Medienpartnern, ein Abo-Modell, bezahlte Anzeigen und Sponsoring. Bald gab es die «Flip-Box» mit fünf Produkten, die von der Community als empfehlenswert eingestuft worden waren, dazu ein gedrucktes «Flip»-Magazin mit den dazugehörigen Recherchen. 2024 gründete «Flip» einen Online-Marktplatz, der ausschliesslich geprüfte, garantiert greenwashingfreie Produkte anbot. Nach der «Sneakerjagd» begann das Start-Up zudem, selbst Sneaker zu produzieren.
Man kann fragen, ob dieses Portfolio noch als Journalismus durchgeht und ob das «Flip»-Modell nicht sehr nah an der Grenze zum Produktmarketing operiert – wenn auch im besten Sinn. Man kann «Flip» aber auch als Modell dafür sehen, wie sich aufwendiger, kritischer, investigativer und gemeinwohlorientierter Journalismus langfristig finanzieren lässt.
Allein wäre «Flip» mit diesen Ansätzen nicht. Viele Medien finanzieren sich über Online-Marktplätze – teilweise in Bereichen, die überhaupt nicht mehr mit Journalismus verbunden sind. «Flip» betonte stets, sich streng an den Pressekodex zu halten und keinerlei Einfluss auf die Berichterstattung zuzulassen.
«Schöne Weihnachten – und lasst euch von Greenwashern nicht blenden»
Wirtschaftlich hat das Hamburger Medium jedenfalls nichts unversucht gelassen und ist nach eigenen Angaben stetig gewachsen. Am Ende hat es trotzdem nicht gereicht. Grössere Förderungen seien weggefallen, schreibt das «Flip»-Team, die Wirtschaftsflaute in Deutschland habe zudem Online-Marktplatz und Anzeigenpreise einbrechen lassen. Und die Medienkrise kommt hinzu. Das Fazit und der letzte Wunsch der Redaktion: «Es ist bitter, aber wir haben verdammt viel erreicht. Schöne Weihnachten – und lasst euch von Greenwashern nicht blenden.»
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.










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