Äpfel am Baum

Äpfel sind besonders reich an Pektin. © uschi dreiucker / pixelio.de

Sorge vor radioaktivem Fallout: Pektin könnte Kindern nützen

Martina Frei /  Ein einfaches, gut verträgliches Mittel reduzierte nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl bei Kindern die radioaktive Belastung.

Kämpfe und technische Probleme am Atomkraftwerk Saporischschja wecken erneut Befürchtungen, dass es zu einer nuklearen Katastrophe kommen könnte. Dazu kommen Aussagen von Liz Truss, der britischen Aussenministerin und Kandidatin für die Nachfolge von Boris Johnson, sie sei «parat, den Atomknopf zu drücken, falls es nötig wird«. Und eine Gruppe von deutschen SPD-Politikern warnt «mit Verweis auf die Gefahr eines Atomkriegs vor der Lieferung schweren Kriegsgeräts an die Ukraine. Mit Kampfpanzern oder Kampfjets würde man eine «rote Linie» überschreiten, Russland werde das «als Kriegseintritt» wahrnehmen, berichtet «welt.de«.

Für den Fall, dass sich ein nuklearer Unfall ereignet, rieten die Schweizer «ÄrztInnen für soziale Verantwortung und zur Verhütung eines Atomkrieges» (PSR/IPPNW) im Jahr 2012: «Die Einnahme von Pektin wird dringend empfohlen». Dieser Rat gilt weiterhin. 

Apfel als gute Quelle

Das sehr gut verträgliche Pektin zählt zu den löslichen «Ballaststoffen» und kommt vor allem in Früchten vor, insbesondere solchen, die schnell gelieren. Marmeladeköchinnen ist Pektin als Geliermittel bekannt. Äpfel (oder Apfeltrester) zum Beispiel, Beeren, aber auch Hafer und manche Algen enthalten Pektin. Es kann Cholesterin-senkend wirken und Schwermetalle wie Quecksilber oder Blei binden. Die Pharmafirma Sanofi entwickelte einst ein Pektinpräparat, das bei chronischen Schwermetallvergiftungen zum Einsatz kam. 

Mehrere Jahre nach dem Atomunfall in Tschernobyl testete ein weissrussisches Forscherteam Apfelpektin an Kindern, die erhöhte Cäsiumwerte (Cs-137) aufwiesen.

Cäsium-137

Das radioaktive Cäsium-137 hat eine Halbwertszeit von etwa 30 Jahren. Das heisst, dass nach rund 30 Jahren erst die Hälfte der ursprünglichen Menge zerfallen ist. Zum Vergleich: Beim radioaktiven Jod-131 dauert diese Zeitspanne nur etwa acht Tage. Nach 80 Tagen ist das radioaktive Jod also praktisch verschwunden, während das radioaktive Cäsium weiter strahlt, ebenso radioaktives Strontium, Plutonium und weitere Radionuklide, die nach einem atomaren Unglück in den Körper gelangen können.

Kinder in der Gegend von Tschernobyl nahmen das Cäsium-137 über die Muttermilch, Kuhmilch und lokal gezogenes Gemüse auf. Die höchsten Konzentrationen an Cäsium-137 finden sich in wilden Beeren, Pilzen und Wildfleisch – also genau jenen Nahrungsmitteln, die für arme Familien eine wichtige Nahrungsquelle darstellen. Ein zusätzliches Problem ist die Holzasche aus den Öfen, die die Familien zum Düngen ihrer Gemüsebeete verwenden, weil das verheizte Holz ebenfalls radioaktiv belastet ist.

Deutliche Reduktion der Belastung mit radioaktivem Cäsium

Die Studie mit 64 Kindern fand anlässlich eines Kuraufenthalts in einem Sanatorium statt. Drei Wochen lang erhielt die Hälfte der Kinder zweimal täglich etwa fünf Gramm Apfelpektin, das in Wasser gelöst wurde. Die andere Hälfte der Kinder bekam ein ähnliches Placebo-Pulver ohne Pektin. Dazu gab es für alle Essen, das nicht radioaktiv kontaminiert war. 

Innerhalb von drei Wochen sanken die Werte von Cäsium-137 bei den Kindern, die Pektin eingenommen hatten, von durchschnittlich 30 Becquerel/ Kilo Körpergewicht (Bq/kg) auf elf. Bei den Kindern, die das Placebopulver eingenommen hatten, sank dieser Wert hingegen nur leicht, von anfangs 30 auf etwa 26 Bq/kg. 

Ein anderer Versuch wurde mit Ratten gemacht, denen Getreidekörner verfüttert wurden, die mit radioaktivem Strontium (Sr-90) und Cäsium-137 kontaminiert waren. Auch hier drosselte das Apfelpektin die Aufnahme der beiden Radionuklide. So wurde weniger Strontium in die Knochen eingebaut. 

Vermutlich bindet das Pektin Cäsium-137, das mit der Galle in den Darm gelangt, so dass die radioaktive Substanz im Darm nicht wieder aufgenommen, sondern mit dem Stuhlgang ausgeschieden wird. Über die Nieren und den Urin soll nach Pektineinnahme ebenfalls mehr Cäsium eliminiert werden. 

Grösserer Nutzen bei Kindern mit besonders hohen Werten

Auch andere Experimente zeigten, dass der Körper dank der Pektineinnahme radioaktives Cäsium loswird. Bei Kindern, die mit besonders viel Cäsium-137 belastet waren, schienen sich beispielsweise abnorme Herzstromkurven nach Einnahme von Pektin zu normalisieren. Cäsium-137 kann von Muskelgewebe – auch vom Herzmuskel – aufgenommen werden.

Kritiker brachten jedoch Bedenken vor: Wenn das Cäsium-137 dank des Pektins vermehrt ausgeschwemmt würde und die Kinder danach wieder stark radioaktiv belastete Nahrungsmittel essen würden, sei es denkbar, dass sie nach einer Pektin-Kur umso mehr Cäsium-137 aufnehmen würden. Der Körper scheidet Cäsium normalerweise nach etwa 70 bis 110 Tagen wieder aus, nimmt in dieser Zeit – bei entsprechender Kontamination von Nahrungsmitteln – aber auch wieder neues Cäsium auf.

Trotz dieses Einwands hielten die «ÄrztInnen für soziale Verantwortung und zur Verhütung eines Atomkrieges», aber auch russische und weissrussische Behörden, den Einsatz von Pektin für sinnvoll. In Weissrussland wurde schliesslich «Vitapect» entwickelt, eine Apfelpektin-Mischung mit Vitaminen und Spurenelementen. Zehntausende von Kindern allein in Weissrussland machten fortan mehrmals pro Jahr mehrwöchige «Pektin-Kuren».

Professor Michel Fernex, ein letztes Jahr verstorbenes Vorstandsmitglied von PSR/IPPNW, trug viele Informationen zum Pektin zusammen. Er berichtete, dass das russische Gesundheitsministerium «Zosterine Ultra» zuliess, ein in Russland mehrfach preisgekröntes Pektinpräparat, das aus Seegras-Algen gewonnen wird. Unter anderem habe es einen Wettbewerb des russischen Ministeriums der Nuklearindustrie gewonnen. Zosterine Ultra «leiste einen praktischen Beitrag, um die Gesundheit der Nation zu stärken», lobte die russische Akademie der Naturwissenschaften 2001 die Entdeckung. 


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors. Dieser Artikel erschien erstmals am 23.3.2022. Aufgrund der aktuellen Entwicklungen veröffentlicht Infosperber ihn nun in leicht veränderter Form nochmals.

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