Desinfizieren. freepik

Tische, Stühle, Bänke, Böden und Möbel werden mit Desinfektionsmitteln mikrobenfrei geputzt. © freepik

Zu viel Covid-Hygiene kann schädlich sein

Urs P. Gasche /  Ständiges Desinfizieren und das konsequente Abstandhalten können unser Immunsystem längerfristig schädigen, warnen Forscher.

Der Verlust nützlicher Mikroorganismen kann Menschen anfälliger machen für  Infektionen – auch für Infektionen mit Sars-Cov-1. «Wenn wir nützliche Keime von uns fernhalten, hat dies grössere Folgen für unsere Gesundheit», erklärt der kanadische Mikrobiologe Professor Brett Finlay. Er ist Erstautor eines Papers von Gesundheitsforschern, das die «Proceedings of the National Academy of Sciences PNAS im Januar veröffentlichte. Eine der Kernaussagen:

«Die [gegenwärtige] Hyperhygiene und Hypersauberkeit ist das grösste [Gesundheits-] Experiment des Jahrhunderts, weil wir die Folgen nicht kennen.»

Brett Finlay in der «New York Times»

Es erscheine heute «klar, dass ein wahlloses Töten von Mikroorganismen irreversible Folgen haben kann», kommentiert der NYT-Gesundheitsreporter Markham Heid.

Das Desinfizieren von Räumen und Gegenständen sei kontraproduktiv

An Anfang der Corona-Pandemie wurde vermutet, dass sich Sars-Cov-2 verbreitet, wenn man infizierte Oberflächen berührt und dann mit den Händen das Gesicht berührt. Deshalb wurden Böden, Wände, Stühle und Tische mit Desinfektionsmitteln besprüht und an vielen Orten Dispenser für die Hände aufgestellt.

Unterdessen gehen fast alle Wissenschaftler davon aus, dass sich das Coronavirus vor allem in der Luft über Aerosole verbreitet, die eingeatmet werden. Nicht einmal 1 von 10’000 Ansteckungen erfolge mit Berührungen, erklären heute die US-Centers for Disease Control and Prevention, heisst es in der «New York Times». Auch Infosperber berichtete am 21. Mai 2021 darüber: «Späte Corona-Einsicht bei der WHO: Aerosole sind wichtig».

Doch in manchen Ländern wie Indien werden noch heute grossflächig Desinfektionsmittel versprüht. Und in Europa sind die Hand-Dispenser noch weit verbreitet.

Wir leben mit und dank Keimen und Bakterien

Im und am menschlichen Körper leben Milliarden von Bakterien und Keimen. Fast alle sind nützlich, vor allem im Darm. Aber auch auf der Haut, in unseren Lungen, vielleicht leisten sie äusserst wichtige Dienste sogar in unserem Gehirn. Nur krankheitserregende (pathogene) Organismen können zu Krankheiten und Infektionen führen, falls sie in grösserer Zahl in unseren Körper gelangen. Forscher vermuten, dass sich krankmachende Viren, Bakterien oder Pilze im Körper leichter breitmachen können, wenn weniger der nützlichen Mikroorganismen vorhanden sind. Dies sei unter anderem bei Personen mit starkem Übergewicht und Diabetes der Fall. Das könne ein Grund sein, weshalb diese Personengruppen bei Covid-19 zu den Gefährdeten gehören. Das vermutet jedenfalls eine Forschergruppe aus Hongkong, welche die NYT zitiert.

«Unsere Gesundheit hängt von Interaktionen mit Mikroorganismen ab»

Graham Rook, ehemaliger Professor für medizinische Mikrobiologie am University College in London, vergleicht unser Immunsystem mit einem Computer: «Die Keime, mit denen wir täglich in Berührung kommen, sind die Daten, welche unser Immunsystem benötigt, um dieses zu programmieren und zu regulieren.»

Vor allem am Anfang des Lebens sei es wichtig, dass der Mensch vielen Mikroorganismen ausgesetzt sei, damit das Immunsystem sich gut entwickeln könne. Anderenfalls könne es zu Allergien, Asthma, Autoimmunschwächen, Diabetes Typ 2 und anderen chronischen Krankheiten kommen, erklärt Graham Rook.

Markham Heid braucht ein anderes Bild: Der menschliche Körper bestehe, ähnlich wie der Regenwald, aus einem grossen und symbiotischen Ökosystem. Eine Störung habe jeweils Folgen. 

Wenn wir unsere Körper und Räume sterilisieren, ist der Schaden wahrscheinlich grösser als der Nutzen, schreibt die Forschergruppe im PNAS. Co-Autorin Tamara Giles-Vernick vom Institut Pasteur in Paris ergänzt: «Händeschütteln, Umarmen und Küssen – diese kulturellen Praktiken ­– können dem Austausch von [nützlichen] Mikroorganismen dienen».

_________________________________

Originalzusammenfassung (Summary) des Artikels in den PNAF

«The COVID-19 pandemic has the potential to affect the human microbiome in infected and uninfected individuals, having a substantial impact on human health over the long term. This pandemic intersects with a decades-long decline in microbial diversity and ancestral microbes due to hygiene, antibiotics, and urban living (the hygiene hypothesis). High-risk groups succumbing to COVID-19 include those with preexisting conditions, such as diabetes and obesity, which are also associated with microbiome abnormalities. Current pandemic control measures and practices will have broad, uneven, and potentially long-term effects for the human microbiome across the planet, given the implementation of physical separation, extensive hygiene, travel barriers, and other measures that influence overall microbial loss and inability for reinoculation. Although much remains uncertain or unknown about the virus and its consequences, implementing pandemic control practices could significantly affect the microbiome. In this Perspective, we explore many facets of COVID-19−induced societal changes and their possible effects on the microbiome, and discuss current and future challenges regarding the interplay between this pandemic and the microbiome. Recent recognition of the microbiome’s influence on human health makes it critical to consider both how the microbiome, shaped by biosocial processes, affects susceptibility to the coronavirus and, conversely, how COVID-19 disease and prevention measures may affect the microbiome. This knowledge may prove key in prevention and treatment, and long-term biological and social outcomes of this pandemic.»


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

Coronavirus_1

Coronavirus: Information statt Panik

Covid-19 fordert Behörden und Medien heraus. Infosperber filtert Wichtiges heraus.

Bildschirmfoto20130713um10_03_04

Für die Gesundheit vorsorgen

Meistens wird die Prävention nur finanziell gefördert, wenn jemand daran verdienen kann.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

IBAN: CH 0309000000604575581

4 Meinungen

  • am 7.06.2021 um 10:27 Uhr
    Permalink

    Der Hygienewahn in unserer Gesellschaft ist nicht erst seit Corona, wobei er jetzt sozusagen ’next level› erreicht hat! Ist das Immunsystem dann mal so richtig ausgeleiert, wird die Pharma bestimmt nur zu gerne mit passenden Laborsäften in die Bresche springen…

    0
  • am 7.06.2021 um 11:48 Uhr
    Permalink

    So wichtig diese Feststellungen und Tatsachen! Und wie widersprüchlich unser Verhalten: unser Forscher beschäftigen sich mit Insbrunst fürs Microbiom, das ein unendlich wichtiges weiteres Organ unseres Organismus darstellt. Wir «sterilisieren» uns (z.B. auch Kaiserschnitt!) so sehr, dass wir damit wie im Artikel erwähnt, Schäden unklarer Grösse setzten. Ein unglaublich spannendes und wichtiges Gebiet, das sich öffnet. Die Natur ist halt deutlich komplexer, als wir es mit unserem begrenzten Wissen meinen. Leben ist nicht nur Chemie und Physik.

    0
  • am 7.06.2021 um 12:28 Uhr
    Permalink

    DAS Gleiche schreibe ich -wiederholt- seit über 1/2 Jahr auf meiner homepage (freundeskreis-alternfroh). UND – DAZU braucht man absolut kein Forscher zu sein !
    Weil zu dieser «neuesten Super-Erkenntnis» der ganz normale Verstand genügt !

    ES scheint mir schon lange so, dass viel zu viele unserer «Wissens-Schaffer» mit Taxi-Fahren ihr Geld ehrlicher verdienen würden !

    Die Zeit ist wohl allmählich gekommen, dass es Zeit wird, dass wir uns selbst abschaffen ?!
    Denn Ehrlichkeit, Vertrauens-Würdigkeit, Fleiss, Humanität, Hilfsbereitschaft
    scheint allmählich «Alleinstellungs- Merkmal der «kleinen Leute» zu werden !

    Wo ES hinführt, befürchte ich, zu ahnen,
    da ich schon sehr viele von «intelligenten Schaffern» gegründete Unternehmen erlebte,
    die durch Gier und Faulheit der Erben (und Manager) «starben».

    Das «Unternehmen Menschheit» wird nun wohl auch bald von dessen «Erben-Familien» gegen die Wand gefahren. Denn es sind mittlerweile zu viele «Erben-Familien» geworden – und es kommen immer mehr noch dazu. So viele wohl alsbald, dass das «Unternehmen Menschheit» Bankrott gehen muss. (Bankrott = betrügerischer Konkurs) .

    Weltweiter Protest (Greta) von Millionen OHN-Mächtigen verpufft. Da ohne Macht.

    Die Frage -wegen des konstanten «Weiter So»

    .— Die de-generierenden, «Forscher spielenden»
    «Wissen-Schaftler» sind deutlichstes Alarm-Zeichen ! —

    scheint mir nicht mehr zu sein, ob unsere Welt untergeht –
    sondern NUR NOCH, das Wann und Wie scheint mir fraglich.

    0
  • am 7.06.2021 um 16:23 Uhr
    Permalink

    Das war mir vor einem guten Jahr schon klar. Es gab auch mal so biozides Abwaschmittel welches Kläranlagen fast zum kippen brachte.

    0

Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...