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Fast-Food-Verpackungen wie Pizza- und Burgerkartons oder Verpackungspapier sind oft mit Chemikalien behandelt, damit sie nicht aufweichen. © Tim Reckmann, Pixelio

PFAS: Konzerne verbargen Gefährlichkeit von Verpackungschemie

Daniela Gschweng /  DuPont und Daikin verheimlichten jahrelang Studien über schädliche Verpackungsbestandteile vor den US-Behörden.

Die US-Öffentlichkeit wusste von nichts, die Regulierungsbehörde FDA (Food and Drug Administration) irgendwann ein bisschen: Die Chemiekonzerne DuPont und Daikin hielten nach einem Bericht des «Guardian» jahrelang Studien zurück, die auf die Giftigkeit einer Chemikalie hindeuten, die in Lebensmittelverpackungen verwendet wird. Folgen für die Konzerne hat das erstmal nicht, passieren soll bis 2025 auch nur wenig.

6:2 FTOH, so der sperrige Name des Stoffes, gehört zu der mehrere tausend Chemikalien umfassenden Stoffklasse der PFAS (per- und polyfluorierte Alkylverbindungen). 6:2 FTOH wird beispielsweise in Pizzaboxen, Take-Away-Verpackungen oder beschichteten Kartonverpackungen verwendet. Von dort gelangt es in Lebensmittel.

Schädlichkeit ist keine riesige Überraschung

Eine grosse Überraschung ist die «neu entdeckte» Schädlichkeit nicht. Wasser- und fettabweisende Eigenschaften machen PFAS ideal für alle möglichen Anwendungen. Viele der mehreren tausend chemischen Stoffe in dieser Stoffklasse sind giftig und bleiben lange Zeit in der Umwelt erhalten, weil sie sehr stabil sind. FTOH werden auch bei der Herstellung anderer Chemikalien und in Arbeits- und Outdoorkleidung verwendet. Sie können sich im Körper in das giftige PFOA umwandeln.

Die bekanntesten PFAS wie PFOS (Perfluoroktansulfonsäure) und PFOA (Perfluoroktansäure) wurden inzwischen teilweise reguliert, verboten und durch kurzkettigere Alternativen ersetzt. Das heisst: solche mit geringeren Molekülgrössen. Deren Einsatz ist oft kaum weniger gefährlich, wie sich jetzt zunehmend herausstellt.

Studien schon bei der Zulassung zurückgehalten

Laut dem «Guardian», wissen DuPont, die DuPont-Tochter Chemours und Daikin seit mehr als zehn Jahren, dass 6:2 FTOH nicht so harmlos ist, wie sie es der Behörde gegenüber vor der Zulassung darstellten. Der «Guardian» stützt sich dabei auf Dokumente, die zwei unabhängige Wissenschaftlerinnen zusammengetragen und durch den «Freedom of Information Act» erzwungen haben.

Die von der FDA 2009 erteilte Zulassung von 6:2 FTOH basierte auf Studien des japanischen Unternehmens Daikin, die nahelegten, dass die Chemikalie nicht giftig sei und nur kurze Zeit im Körper verbleibe. Daikin hielt dabei eine Studie von 2009 zurück, die auf Leber- und Nierenschäden bei Laborratten hinwies. Hätte die FDA Kenntnis von diesen Daten gehabt, wäre 6:2 FTOH wahrscheinlich nicht zugelassen worden, sagt die Biochemikerin Maricel Maffini, die sich mit PFAS in Lebensmittelverpackungen beschäftigt.

DuPont hält dagegen, dass für eine Studie von 2008, in der Laborratten ebenfalls Nierenversagen, Leberschäden und andere Folgen zeigten, extrem hohe Konzentrationen eingesetzt wurden – ein Argument, das beim drohenden Verbot oder der Einführung von Grenzwerten für eine Chemikalie oft gebraucht wird.

DuPont behielt Gefährlichkeit nicht das erste Mal für sich

Wissenschaftlerinnen aus der Industrie, die FDA und unabhängige Forscher bringen 6:2 FTOH heute mit Nierenerkrankungen, Leberschäden, Krebs, neurologischen Schäden, Entwicklungsproblemen und Autoimmunerkrankungen in Verbindung. Forschende stellten bei jungen Tieren und Muttertieren, die den Chemikalien ausgesetzt waren, eine höhere Sterblichkeitsrate fest.

DuPont stellte 2012 in einer Studie fest, dass 6:2 FTOH viel länger im Körper von Versuchstieren bleibt als angenommen. Das Unternehmen informierte weder die FDA noch die Öffentlichkeit darüber. Dieses Vorgehen zeigt Parallelen zur Geschichte der ehemaligen Allerwelts-Chemikalie PFOA, deren Gefährlichkeit die Industrie ebenfalls lange verschwieg, bis der Anwalt Rob Billot in jahrelangem Kampf aufdeckte, wie gefählich PFOA ist.

Die FDA tat ein bisschen was

Die FDA bekam erst 2015 Wind von den beiden Studien. Zwischen 2018 und 2020 stellten drei FDA-Analysen fest, dass 6:2 FTOH jahrelang im Körper bleiben kann und giftiger ist als bis dahin angenommen. Für DuPont und Diakin hat die Entdeckung bisher keine Konsequenzen.

2019 bemühte sich die Behörde, die Chemikalie vom Markt zu nehmen, das zeigen Unterlagen über den Austausch zwischen der FDA und dem Hersteller Asahi. Das Vorhaben blieb anscheinend erfolglos. Im Juli 2020 kündigte die FDA an, dass vier grössere Hersteller zugestimmt hatten, 6:2 FTOH bis 2025 aus den Regalen zu entfernen.

Zehn Jahre von den ersten Bedenken zum Phase-Out

Das Vorgehen wirft die Frage auf, ob die Behörde die Öffentlichkeit vollständig vor potenziell giftigen Chemikalien schützt. «Ich denke, die Leute sollten sich darauf verlassen können, dass die FDA wissenschaftliche Erkenntnisse auch in Massnahmen umsetzt. Im Moment scheint das nicht der Fall zu sein», sagt Tom Neltner, Leiter Chemikalienpolitik beim Environmental Defense Fund, der zusammen mit Maffini dem FTOH-Schwindel nachgegangen ist.

Für die öffentliche Gesundheit seien zehn Jahre ein inakzeptabel langer Zeitraum, sagen Neltner und Maffini. Darüber hinaus gilt das FDA-Phase-out nur für 6:2 FTOH und schließt andere PFAS nicht ein. Beide Wissenschaftler stellen das Vorgehen bei der Zulassung von Inhaltsstoffen in den USA in Frage. Demnach wird eine Chemikalie bei Bedenken erst dann vom Markt genommen, wenn ihre Gefährlichkeit hinreichend belegt ist.

Falsche Voraussetzungen – Komplettverbot gefordert

Unabhängige Forscher wie zum Beispiel Erika Schreder, wissenschaftliche Leiterin von Toxic Free Future, sagen, Chemieunternehmen gingen davon aus, dass «neuere» kurzkettige PFAS alle sicher und «praktisch ungiftig» seien und damit ältere PFAS ersetzen könnten. Schreder hat aber Hinweise gefunden, dass PFAS sich unabhängig von der Kettenlänge in der Umwelt und im Körper anreichern und dass auch neue, kurzkettige Vertreter der Stoffklasse sehr wohl toxisch sind. Für Schreder ist das ein starkes Argument, alle PFAS zu regulieren.

Die FDA erklärte gegenüber dem «Guardian», dass die Studien «keine unmittelbare Gesundheitsgefährdung belegen» und dass weitere Studien erforderlich seien, um konkrete Schlussfolgerungen über die Sicherheit des Stoffes und anderer kurzkettiger PFAS zu ziehen.

Anfang Juni haben ein Dutzend Organisationen die FDA darum gebeten, alle PFAS in Lebensmittelverpackungen zu verbieten.

Zum Thema PFAS sind auf Infosperber bereits erschienen:
«PFAS: Krebsverdacht durch Arbeitskleidung»
«Chemikalien verringern Antikörper in Kleinkindern»
«PFAS: Chemie, die kostet»
«Wie giftige Chemikalien ewig im Nahrungszyklus bleiben»
«Der Mann, der DuPont das Fürchten lehrte»
«Transparente Wasserqualität wäre ein Albtraum»
«Kompostgift im Spargelfeld»


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

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Gifte und Schadstoffe in der Umwelt

Sie machen wenig Schlagzeilen, weil keine «akute» Gefahr droht. Doch die schleichende Belastung rächt sich.

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4 Meinungen

  • am 23.06.2021 um 12:04 Uhr
    Permalink

    Mir geht es so, dass ich immer mehr ab-stumpfe gegen all die Informationen darüber,
    wie uns ?die Mehzahl? Gross-Konzerne mit «alten» und «neuen» «»harmlosen Giften»»
    beglücken.

    Denn ES hört einfach nicht auf, dass immer wieder von Neuem getrickst wird
    – alte Gefahren-Quellen über Jahre weiter geduldet werden
    -neue Gefahren verheimlicht werden
    -die «Über-wacher» sehr langsam und sehr wenig handeln.

    Man ist einfach machtlos
    sowohl gegen die uns auf kriminelle Weise vergiftenden Konzerne
    als auch gegen die «schlafenden» ?gut geschmierten? Scheinbar-Überwacher

    Was uns allen einzig bleibt, ist,
    die bekannten, uns zer-störenden Dinge zu meiden.

    Und zu hoffen, dass DIE, die uns so unverfroren vergiften,
    die vorsätzlich unsere Körper zerstören
    und die uns vorsätzlich «frühzeitig sterben lassen»
    dass DIE und auch deren Kinder und deren Enkel
    selbst auch noch eine gute Dosis Gift ab-bekommen.

    So ähnlich, wie einst die Vornehmsten der «alten Römer»,
    die sich teure, bleierne Wasser-Rohre leisten konnten –
    und sich durch dieses «vornehme Blei» schleichend vergifteten –
    UND schliesslich auch noch «vor-geschädigte» Kinder zeugten.

    Ich bemühe mich sehr, fair, menschlich, tolerant zu sein,
    lade aber keine Brandstifter in mein Holz-Häus-chen ein !
    ===> Vater, vergib denen NICHT, die ganz genau wissen, was sie tun !

    Wolf Gerlach, Ingenieur

    1
  • am 23.06.2021 um 16:26 Uhr
    Permalink

    Ich heisse Hase und weiss von nichts. Wer’s glaubt …

    0
  • am 23.06.2021 um 22:09 Uhr
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    Was kann man von einer Nation, welche jeglichem Raubtierkapitalismus keine Grenzen setzt, auch anderes erwarten? Ich kann mit Verpackungsmaterial als Umweltsünder unbegrenzt Menschen krank machen und sterben lassen, es wird niemals gleich behandelt vor Gericht wie wenn jemand direkt einen anderen Menschen ermordet oder fahrlässig tötet. Kapitalistisch motivierter Massenmord ist heute Alltag. Von den 200 Millionen welche man damit verdient hat, kann man dann ja 10 Millionen Strafe zahlen. Dann ist alles wieder gut. Wer wissentlich das Leben eines anderen Menschen verkürzt, wird anders beurteilt wenn es ein Konzern ist der dies mit giftigen Verpackungen macht, als wenn es ein Einzeltäter ist, der dies mit einem Messer in einem Hauseingang macht. Zynischer geht’s nicht mehr. Als Krönung das Mantra derjenigen, die noch nicht verstanden haben, dass das Leichenhemd keinen Geldbeutel hat: Komm Herr Dollar und sei unser Gast, und verzinse was du uns bescheret hast. Und gib uns unseren Krieg auch heute, damit es Brot gibt durch arme tote Leute. Die frohe Botschaft ist die Steuererklärung und die höhere Macht das Finanzamt. Lasset die Kinderlein kommen für Eppstein, damit das Dollar-Paradies uns allen zuteil wird. Amen.

    1
  • am 24.06.2021 um 16:16 Uhr
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    Die Papierkarton-Becher (Bio-) Rahmglace (Coop, Migros)?
    Die Papierkarton-Becher im Fastfood (McDonalds, KFC), wo kochend-heisser Kaffee in diese «beschichteten» bzw. «imprägnierten» Becher gefüllt wird.
    Aber die Schäfchen (religiös) bzw. Hammelherde (prosaisch in Westernromanen) vertrauen, vertrauen in die Barmherzigkeit und Fachwissen der Macher bzw. Metzger.
    Wir schauen nur noch zu oder weg, auch betreffend objektiven Angriffskriegsvorbereitungen, Umzingelungskomplettierung der USA gegen Opfer Russland (früher hiess deren Genozid-Slogan «Go West», heute «Go-East» aka planetary Endsieg forever, eternity and infinity, what the hell).

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