Grippeimpfung

Grippeimpfung: Die Wirkstoffe werden jedes Jahr angepasst und der Schutz ist bescheiden. © Lance McCord/Flickr/CC

Kampagne für Grippeimpfung – eine Hoffnung ohne grosse Evidenz

Urs P. Gasche /  Im Herbst startet eine präzedenzlose Werbung für die jährliche Grippeimpfung. Doch ausgerechnet den Risikopersonen nützt sie wenig.

Die medizinische Fachzeitschrift «Pharma-Kritik», die unabhängig ist von Behörden und Pharmaindustrie, bestätigt frühere unabhängige Befunde. Nach erneuter Durchsicht der vorhandenen wissenschaftlichen Literatur stellt sie in ihrer neusten Nummer fest:

  • «Um eine einzige Grippeerkrankung zu verhindern, müssen entweder 71 gesunde Erwachsene geimpft werden oder 30 über 65-Jährige.»
  • «Die Impfung beeinflusst wenig oder gar nicht

    • das Risiko von Hospitalisationen;
    • die Absenzen bei der Arbeit;
    • Grippe-Komplikationen;
    • die Sterblichkeit.»
  • «Die Datenlage zur Wirksamkeit der Impfung bei chronischen Erkrankungen sowie bei Personen, die im Gesundheitswesen tätig sind, ist ebenfalls wenig überzeugend … Es gibt keine verlässlichen Daten, welche ein Impf-Obligatorium für Angestellte im Gesundheitswesen rechtfertigen würde.»
  • «Trotz einem immer höheren Durchimpfungsgrad der Bevölkerung konnte die gesamte Grippesterblichkeit nicht in relevantem Masse reduziert werden.»

Zu ähnlichen Schlüssen waren das Cochrane-Zentrum und die Gesundheitsabteilung der deutschen Stiftung Warentest gekommen. Im Informationsmaterial des BAG findet man keine dieser unabhängigen Beurteilungen, weil diese Informationen dem Ziel entgegenstünden, die Impfbeteiligung zu erhöhen.
Es stellt sich die Frage, ob grosse Kampagnen im Winter für mehr körperliche Bewegung, gesunde Ernährung, Abstandhalten und Schutzmasken in geschlossenen Räumen, in denen sich viele Personen eng zusammen aufhalten, nicht viel mehr Influenza-Erkrankungen vermeiden würden als die jährlichen Impfkampagnen. Eine solche Abwägung des Mitteleinsatzes hat das BAG nie vorgenommen.
Gegen die normalen Erkältungskrankheiten wie Schnupfen, Halsweh oder Husten, im Volksmund fälschlicherweise oft «Grippe» genannt, nützt die Grippe-Impfung ohnehin nichts. Wer an Influenza erkrankt, bekommt sofort hohes Fieber.
Zahl der Arztkonsultationen wegen Verdachts auf Influenza

Wöchentliche Arztkonsultationen wegen Influenza-Verdacht: Jedes Jahr waren es ähnlich viele – unabhängig davon, wie treffsicher der jeweilige Impfstoff des Jahres gegen das Virus war. Der Winter 2019/2020 fehlt, weil das BAG nach Ausbruch der Corona-Welle die Influenza-Statistik einstellte. Zahlen und Grafik: BAG.

Vor grosser Impfkampagne im Herbst

Für den kommenden Winter beschafft das BAG 2,5 Millionen Dosen Grippe-Impfstoff statt nur 1,2 Millionen wie in den letzten Jahren. Martin Ackermann, neuer Chef der Corona-Task-Force, will «möglichst viele Menschen überzeugen, sich gegen die saisonale Grippe impfen zu lassen».
Der Epidemiologe Marcel Tanner, Mitglied der Task Force, empfiehlt «vor allem Risikopersonen» (über 65-Jährige, Schwangere und chronisch Kranke sowie deren Umfeld), sich dieses Jahr gegen die Grippe impfen zu lassen.
Mark Witschi, Leiter der Sektion Impfempfehlungen beim BAG, räumte in der NZZ zwar ein, bei älteren Menschen nehme die Wirksamkeit der Impfung ab. Gerade deshalb aber sei es wichtig, dass sich die jüngeren Kontaktpersonen impfen liessen. Denn sehr gut wirke die Impfung bei Schulkindern, die bei der Grippe – im Unterschied zum Coronavirus – stark zur Verbreitung der Viren beitrügen. Deshalb legten andere Länder den Fokus auf sie, sagt Witschi. Doch dies sei in der Schweiz derzeit nicht umsetzbar.

Ambitiöse Versprechen
Behörden und Task Force erklären, eine stärkere Durchimpfung gegen Grippe (Influenza) könne im Falle einer zweiten, grösseren Corona-Welle im Winter hilfreich sein. Die sonst oft geforderte wissenschaftliche Evidenz dafür gibt es allerdings nicht.
Das BAG möchte mit der Impfoffensive verhindern, dass Corona-Patienten und Grippe-Infizierte das Gesundheitssystem im kommenden Herbst und Winter gleichzeitig belasten.
Marcel Tanner meint, falls weniger Personen an Grippe erkranken, käme es weniger häufig zu einer «Verwirrung bei der Diagnose» von Grippe und Covid-19.

Bereits forderte der Walliser CVP-Nationalrat Philipp Bregy, die Grippe-Impfungen sollten dieses Jahr gratis sein. «Basler Zeitung», «Landbote» und andere Zeitungen titelten «Schweiz liegt im Wettlauf um Grippeimpfungen zurück».

Ausgerechnet für Risikopersonen von geringem Nutzen

Ob dieser Wettlauf sinnvoll ist, bleibt fragwürdig. Das jährliche Ziel, den Anteil der Geimpften stetig zu erhöhen, hindert die Behörden daran, über den tatsächlichen Nutzen der Grippeimpfung ausgewogen und sachlich zu informieren. Obwohl Behörden die Grippe-Impfung seit vielen Jahren empfehlen, gibt es keine wirklich aussagekräftige Studie zum Nutzen für Risikopersonen.
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Die «Pharma-Kritik» beurteilt und empfiehlt folgende andere Impfungen

Die Quellen für folgende Beurteilungen sind hier einsehbar (Gebühr 10 CHF).

Hepatitis B
«Gut verträgliche und wirksame Impfung»
Basisimpfung im Säuglingsalter oder ungeimpfte Jugendliche

Windpocken (Verizellen)
«Lebendimpfstoff mit guter Wirksamkeit. Schwerwiegende Komplikationen wie Varizellen, Pneumonie, Hepatitis oder Meningitis sind äusserst selten.»
Impfung von Jugendlichen im Alter von 11 bis 15 Jahren, sofern sie an Windpocken nie erkrankt waren.

Gürtelrose (Herpes zoster)
«Der in der Schweiz erhältlicher Lebendimpfstoff Zostavax für Personen im Alter 65 bis 79 ist wenig wirksam. Ein neuer Impfstoff Shingrix ist viel wirksamer, wenn auch vermutlich etwas weniger verträglich, muss jedoch über eine Apotheke im Ausland bestellt werden.» Die Europäische Arzneimittelagentur EMA hat Shingrix zur Prävention von Gürtelrose bei Erwachsenen ab 50 Jahren zugelassen. Der Impfstoff ist in Deutschland erhältlich.

HPV
«Gardasil 9 schützt gegen 30 Prozent aller Krebsvorstufen des Gebärmutterhalses. Langzeitstudien über schwerwiegende Nebenwirkungen fehlen. Auch unter Fachleuten gibt es Stimmen, welche die mehrheitlich positive Beurteilung in Frage stellen. Die überwiegende Zahl der Studien hat die Industrie finanziert, was die objektive Beurteilung von unerwünschten Wirkungen erschwert.»
Die Behörden in der Schweiz empfehlen eine Basisimpfung für Mädchen mit zwei Dosen möglichst vor Beginn der sexuellen Aktivität.

Zecken (FSME)
«Wegen des zunehmenden Auftretens und der weiteren Ausbreitung der Risikogebiete ist eine breitere Durchimpfung gegen Zecken wohl gerechtfertigt, auch wenn der Impfstoff häufig (zwar meist harmlose) unerwünschte Wirkungen verursacht. Auffrischimpfungen sind alle zehn Jahre empfohlen».

Nachhol- und Auffrischimpfungen

Wer noch nicht gegen Diphtherie, Tetanus oder Polio geimpft ist, kann dies in jedem Alter nachholen.
Wer gegen Diphtherie, Starrkrampf (Tetanus), Keuchhusten (Pertussis) oder Polio geimpft ist, kann diese Impfungen auffrischen. Indiziert vor allem bei Reisen in Risikoländer.
Bei den Impfungen MMR, Hepatitis B, Hib und Pneumokokken sind keine Auffrischimpfungen empfohlen.

Weiterführende Informationen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine

Zum Infosperber-Dossier:

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Covid-19 fordert Behörden und Medien heraus. Infosperber filtert Wichtiges heraus.

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3 Meinungen

  • am 18.08.2020 um 12:38 Uhr
    Permalink

    Die ständige Impfkommission (STIKO) in Deutschland orientiert sich an den Kriterien der evidenzbasierten Medizin. Sie empfiehlt Ende Juli in Übereinstimmung mit dem BAG:

    "Von verschiedenen Seiten wird derzeit die Meinung geäußert und an die STIKO herangetragen, dass die Indikation für eine Influenzaimpfung auf die gesamte Bevölkerung ausgeweitet werden sollte. Hintergrund ist die aktuelle COVID-19-Pandemie, die zusammen mit einer starken Influenzawelle das Gesundheitssystem vor besondere Herausforderungen stellen könnte. Die STIKO schlussfolgert im Epidemiologischen Bulletin 32/33 2020, dass zum Schutz der Menschen und zur Entlastung des Gesundheitssystems in der kommenden Influenzasaison 2020/21 mit den verfügbaren Impfstoffmengen der größte Effekt erzielbar ist, wenn die Influenzaimpfquoten entsprechend der STIKO-Empfehlung vor allem in den Risikogruppen erheblich gesteigert werden."

    Alexander Borbély

    0
  • am 18.08.2020 um 15:25 Uhr
    Permalink

    @Borbély. Weder die STIKO noch die Schweizer Impfkommission, in der verschiedene Lobbyisten sitzen, stützen sich auf die evidenzbasierten Befunde der Cochrane-Collaboration. Für alles wird wissenschaftliche Evidenz verlangt, z.B. für den umstrittenen Nutzen von HCQ zur Frühbehandlung von Civid-19 Erkrankten. Doch wenn es um das Propagieren der Grippeimpfung geht, wird einfach behauptet, sie schütze auch vor Sars-Cov-2 oder führe wenigstens zu einem milderen Verlauf von Covid-19. Dafür gibt es keine Evidenz.

    0
  • am 20.08.2020 um 22:59 Uhr
    Permalink

    Ich bewundere Ihren Fleiß, mit dem Sie zu jedem beliebigen Thema sozusagen die ganze Presse und Sekundärliteratur zitieren. Aber dies ist auch sehr verwirrend. Bei den Impfungen würde mich eine Statistik viel mehr interessieren, bei wievielen Patienten von sagen wir einmal 100 Internisten FMH trotz Impfung eine Grippeerkrankung erfolgte. Das sind dann Facts und nicht nur Meinungen. Aber da müsste das BAG ja tatsächlich mal arbeiten.

    0

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