Screenshot SRF Grippeimpfung in Schweizer Spitälern

Zahlen zur Grippeimpfung in Schweizer Spitälern. "10 vor 10" berichtete im Februar 2020 über grosse Unterschiede bei ärztlichen Mitarbeitenden und bei Pflegekräften. © SRF / 10 vor 10

Grippe-Studie: Spitalmitarbeitende steckten keine Patienten an

Martina Frei /  Wissenschaftler verfolgten die Ansteckungsketten im Spital. Sie fanden nur eine – von einem Patienten zum Spitalmitarbeiter.

Seit Jahren nimmt bei der Grippeimpfung der Druck aufs Gesundheitspersonal zu, sich impfen zu lassen, zu. Das Argument: Wer mit kranken und pflegebedürftigen Menschen zu tun hat, ist moralisch verpflichtet, Schaden von ihnen abzuwenden. Durch die Grippeimpfung des Personals sollen die Patienten besser vor Grippeansteckungen geschützt werden. Eine Studie am Universitätsspital Zürich stellt die Sinnhaftigkeit dieser Massnahme nun aber in Frage. 

Grippestudie mit Nasenabstrichen, PCR-Tests und Contact Tracing

Dort untersuchte eine Gruppe von Fachleuten in den beiden Wintern 2015/2016 und 2016/2017, wie häufig es zu Ansteckungen zwischen Angestellten und Patienten kam. Die Studie wurde im Mai 2021 veröffentlicht und kam zu erstaunlichen Ergebnissen.

Auf acht Spital-Stationen verfolgten die Mediziner akribisch, wer sich wann mit Grippe ansteckte und wer wem die Viren «weitergab». Das Ziel: Mehr über die Infektionsketten herausfinden, insbesondere bei den asymptomatischen Personen. 

Fast 550 Patienten und rund 150 Mitarbeitende beteiligten sich an der Studie, die tägliche Nasenabstriche, PCR-Tests und genaue Virusanalysen beinhaltete. Ausserdem sollten die Teilnehmenden täglich ihre Symptome rapportieren und ihre Kontakte mit Patienten, Spitalangestellten sowie grippekranken Personen in ihrem Umfeld.

159 «Infektionstage» – nur eine Übertragung

Von den knapp 700 Studienteilnehmenden steckten sich in den beiden Wintern 35 mit Grippe an. 19 von ihnen waren Patienten und 16 Spitalmitarbeitende. 

Alle 35 Grippe-Positiven und -Kranken zusammengenommen hatten an 159 Tagen Begegnungen mit anderen Personen, an die sie die Viren hätten weitergeben können – trotzdem kam es mutmasslich höchstens zu einer einzigen Übertragung: Ein Patient mit Grippesymptomen steckte einen nicht-geimpften Spitalmitarbeiter an.

«Begrenzte» Wirkung der Grippeimpfung

Von den Spitalmitarbeitern, die an der Studie teilnahmen, war nur knapp ein Viertel gegen Grippe geimpft, von den teilnehmenden Patienten fast jeder dritte. 

Eine signifikante Schutzwirkung der Grippeimpfung konnten die Wissenschaftler nicht erkennen: Bei 4,9 Prozent der nicht gegen Grippe geimpften Studienteilnehmenden wurde Grippe diagnostiziert, verglichen mit 5,3 Prozent bei denen, die sich hatten impfen lassen.

Das ist umso erstaunlicher, als die Grippeimpfung die zirkulierenden Grippevirenvarianten in beiden Wintern gut abdeckte. «Die Wirksamkeit der Impfung war trotzdem begrenzt», heisst es in der Studie. Die Impfung verhinderte auch nicht, dass einige asymptomatische, geimpfte Personen Grippeviren verbreiteten.  

Asymptomatische Personen stellten kein Risiko dar

Eine Sorge im Spital gilt den infizierten Personen, die keine oder noch keine Symptome bemerken. Das sind erstens diejenigen, die gar nichts von ihrer Ansteckung merken. Laut früheren Studien verspürt bis zu einem Drittel der Grippeinfizierten keine Symptome.

Zweitens sind es diejenigen, die tatsächlich erkranken. Typischerweise scheiden Grippekranke bereits am Tag vor Symptombeginn Viren aus und könnten dann schon unwissentlich Patienten anstecken.

Insgesamt war an 61 Tagen irgendjemand von den Teilnehmern ansteckend, ohne Symptome zu haben. Von diesen (noch) asymptomatischen Personen ging aber offensichtlich keine Gefahr aus: «Wir konnten keinen einzigen Fall einer asymptomatischen Übertragung finden», heisst es in der Studie. Übertragungen von asymptomatischen Virusausscheidern auf andere Personen, scheinen demnach also «selten bis nie vorzukommen». Das ergaben das Contact Tracing plus genaue Virusanalysen im Rahmen der Studie. Über 10’500 Nasenabstriche und 11’000 Tagebucheinträge werteten die Wissenschaftler dafür aus. Ihnen sei keine vergleichbare Studie in der Akutpflege bekannt, schreiben sie.

Genügend Schutz dank Hygienemassnahmen und Krankmeldung

Die Teilnehmenden an der Zürcher Studie erfuhren übrigens erst am Ende, was ihre täglichen Nasenabstriche ergeben hatten. Das sollte gewährleisten, dass sie sich genauso verhalten wie sonst, also: Gute Händehygiene, Masken tragen bei Erkältungsbeschwerden und daheim bleiben bei Grippesymptomen.

«Unsere Befunde legen nahe, dass diese Massnahmen genügen, um Virusübertragungen von symptomatischen Personen zu verhindern», schlussfolgern die Studienautoren.

Ihre Studie liefert noch keinen abschliessenden Beweis. Aber sie passt zum Fazit einer Cochrane-Studie, die «keine vernünftige Evidenz» dafür fand, Mitarbeiter in Alters- und Pflegeheimen gegen Grippe zu impfen, um damit indirekt die Senioren zu schützen.

Ein Fachartikel in der Zeitschrift «Primary and Hospital Care» wies unlängst darauf hin, dass «99,1 Prozent des geimpften, aber auch 97,7 Prozent des ungeimpften Gesundheitspersonals pro Winter nicht an Grippe erkranken». Daher könne keine Rede davon sein, dass sich das nicht gegen Grippe geimpfte Spitalpersonal in «ethisch nicht zu verantwortende[r] Art und Weise» verhalte. 

Corona: Impfpflicht für Pflegepersonal

Verschiedene Studien schätzten die Rate der Patienten, die sich in Gesundheitseinrichtungen mit Corona ansteckten, auf 17,3 Prozent (Grossbritannien) beziehungsweise 9,6 Prozent (Schweiz). Der Druck auf das Gesundheitspersonal, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen, nimmt auch aus diesem Grund zu. In Frankreich ordnete die Regierung eine Impfpflicht für Mitarbeiter von Spitälern und Pflegeheimen, Feuerwehrleute und weitere Rettungskräfte an. Wer sich nicht gegen Covid-19 impfen lässt, erhält keinen Lohn mehr. 

In Grossbritannien stellte der Gesundheitsminister dem Personal in Alters- und Pflegeheimen ein Ultimatum: Wer sich nicht innerhalb von 16 Tagen gegen Covid-19 impfe lasse, müsse gehen.

Ein Argument für solche Anordnungen ist, dass von den geimpften Spitalangestellten weniger erkranken werden und auch weniger in Quarantäne müssen. Dadurch fehlen weniger von ihnen bei der Arbeit, was gerade in Zeiten hoher Arbeitsbelastung für die Spitäler wichtig ist.

Im Vergleich zu Grippeviren ist Sars-CoV-2 leichter übertragbar und verursacht insgesamt auch deutlich mehr schwere Erkrankungen. Hygieneschutzmassnahmen können das Risiko einer Übertragung in Gesundheitseinrichtungen zwar deutlich senken. Allerdings sind solche Massnahmen nicht überall stringent umsetzbar, beispielsweise von Patienten mit Demenz. Überdies ist die Immunität des Gesundheitspersonals gegenüber Sars-CoV-2 geringer als gegenüber den jährlich zirkulierenden Grippeviren.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Zum Infosperber-Dossier:

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Grippe und Influenza: Richtig niesen

Gegen Erkältungen nützt Impfen nichts. Zum Vermeiden einer Influenza ist die Wirkung umstritten.

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6 Meinungen

  • am 27.07.2021 um 11:07 Uhr
    Permalink

    Was sind ‹Spitalmitarbeitende›? Ehrenamtliche oder Temporärkräfte? Wer einen Arbeitsvertrag hat ist Mitarbeiter.

    0
  • am 27.07.2021 um 20:23 Uhr
    Permalink

    «Durch die Grippeimpfung des Personals sollen die Patienten besser vor Grippeansteckungen geschützt werden. Eine Studie am Universitätsspital Zürich stellt die Sinnhaftigkeit dieser Massnahme nun aber in Frage.» – Da stellt sich nun die Frage: was oder wem nützen solche teuren und aufwändigen Studien, wenn am Ende doch keine Lehren daraus gezogen werden?

    1
  • am 27.07.2021 um 20:24 Uhr
    Permalink

    Das Gesundheitspersonal zu einer Corona-Impfung zu zwingen, ist meiner Meinung nach eine Anmassung. Entweder sind die Pflegenden längst mit dem Virus in Kontakt gekommen und somit immun oder sie haben bewiesen, dass sie ihren Beruf ausüben können ohne angesteckt zu werden.

    1
  • am 29.07.2021 um 10:03 Uhr
    Permalink

    Guten Tag Frau Frei
    Vielen Dank für diese sehr interessante Studie! Ihren Schlussfolgerungen in Bezug auf Covid-19 kann ich nicht ganz nachvollziehen. Hygieneschutzmassnahmen senken das in Pflegeeinrichtungen und lassen sich auch bei Demenz-Patienten wirksam umsetzen. Voraussetzung ist genügend Personal. Genau daran werden aber seit Jahren aus Kostengründen Abstriche gemacht. Das ist der Skandal.
    Dann schreiben Sie, dass das Pflegepersonal gegen Covid-Viren weniger immun sei als gegen Grippeviren. Das leuchtet mir nicht ein, denn Pflegefachpersonen kamen von Anfang an mit dem Virus in Kontakt. Der Aufbau des Immunsystems scheint mir doch recht komplex und individuell von verschiedenen Faktoren abhängig. Darf ich fragen, worauf Sie sich mit dieser Aussage stützen?
    Freundliche Grüsse
    L. Elmer

    0
    • am 30.07.2021 um 16:35 Uhr
      Permalink

      Sehr geehrte Frau Elmer,
      Danke fürs kritische Lesen! Das Medizinpersonal gehört zu den Berufsgruppen, die sich am häufigsten mit Covid-19 angesteckt haben. Der Anteil der Erkrankten war höher als es sonst bei den jährlich zirkulierenden Grippeviren der Fall ist. Was die Immunität betrifft, hätte ich mich präziser ausdrücken sollen: Gemeint war nicht, dass speziell das Pflegepersonal gegenüber Sars-CoV-2 weniger immun ist als andere Berufsgruppen. Auch Nicht-Pflegekräfte erkranken öfter an den neuen Coronaviren als den Grippeviren. Freundliche Grüsse, Martina Frei

      1
    • am 31.07.2021 um 07:44 Uhr
      Permalink

      Wen meinen Sie, Medizinpersonal, also Ärzte, oder Gesundheitspersonal, alle anderen am Patienten arbeitenden Berufe? Medizin ist Ärztliche Heilkunst, mithin kein Gesundheits-, Pflege deshalb kein medizinischer Beruf.

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