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Verharmlosung von Glyphosat in der Weltwoche vom 3. März 2016 © weltwoche

Glyphosat, AKW etc.: Der Weichspüler der Weltwoche

Urs P. Gasche /  Redaktor Alex Reichmuth schreibt wie ein PR-Organ von Unternehmen: Vorsorge- und Verursacherprinzip sind für ihn Fremdwörter.

Die EU-Kommission wollte das umstrittene Herbizid Glyphosat für weitere 15 Jahre bewilligen. Doch die Vertreter von Frankreich, Italien, der Niederlande und von Schweden stellten sich Anfang März quer und haben im zuständigen Ausschuss der EU-Länder den Vorschlag der EU-Kommission zurückgewiesen. Diese muss nun ihren Vorschlag überarbeiten.
In der Weltwoche vom 3. März 2016 warf Redaktor Alex Reichmuth den Glyphosat-Kritikern eine unsachliche und unseriöse «Kampagne nach Drehbuch» vor und stellte sich voll hinter die Konzerne Monsanto und Syngenta.
Damit stellte sich Reichmuth auf die Linie von SVP-Nationalrat Roger Köppel, der als Verleger und Chefredaktor den Tarif durchgegeben hatte: «Ich halte kritische Unternehmensberichterstattung für riskant und sogar für unnötig.»*
Sprachrohr der Stromkonzerne
Im Gegenteil: Konzerne müssen verteidigt werden. Köppel will «Gegensteuer» geben beispielsweise zur «undifferenzierten, einseitigen Berichterstattung über Kernenergie». Mit diesem Argument hatte er vor fünf Jahren gegenüber der WOZ seine Teilnahme an einer Versammlung des «Nuklearforum Schweiz» im Salon Royal des Hotels Bellevue in Bern begründet. Köppel referierte dort unter dem Titel «Die grosse Hexenjagd. Journalismus und Atomkraft: eine Bedienungsanleitung».
In der Weltwoche waren in den letzten Jahren Artikel der Redaktoren Alex Reichmuth und Alex Baur zu lesen, die sich laut WOZ «inhaltlich nicht im Geringsten von Artikeln im ‹Nuklearforum-Bulletin› unterschieden».
Kein Wort davon, dass die Energiekonzerne die Kosten für die Lagerung und Überwachung hochradioaktiver Abfälle während Jahrtausenden sozialisieren und künftigen Generationen aufbürden können. Kein Wort davon, dass sich die Atomkraftwerke gegen Grossrisiken nicht versichern müssen und hoch subventioniert sind.
Umso heftiger schreibt Reichmuth gegen die viel bescheidener subventionierte alternative Energieproduktion an: «Bei erneuerbarem Strom wird oft vorgegaukelt, er sei rentabel. Fast immer handelt es sich um einen faulen Zauber.»
Sprachrohr der Erdölkonzerne
Zwei Seiten lang berichtete Alex Reichmuth über eine kanadische Journalistin, die nachgewiesen habe, dass der Weltklimarat «nicht die besten Forscher versammelt, wie immer behauptet wird». In diesem Gremium würden «Aktivisten sitzen und grüne Propaganda betreiben». Die Forschungsresultate seien deshalb «häufig zweifelhaft».

Weltwoche vom 1. Dezember 2011
Ende 2011 forderte Alex Reichmuth, Klimakonferenzen abzuschaffen, weil sie sowieso nichts brächten.

Kritiker sind Ideologen
Ob Klimaerwärmung, Gentechnik, Amalgam, Acrylamid oder Feinstaub: Medien würden viel behaupten und nichts beweisen. In seinem Buch «Verdreht und hochgespielt: Wie Umwelt- und Gesundheitsgefahren instrumentalisiert werden» rief Reichmuth im Jahr 2008 zu «mehr Sachlichkeit und weniger Ideologie» auf. Warner vor den Folgen der Klimaveränderung würden «Propaganda statt Wissenschaft» betreiben, schrieb er in der Weltwoche. In einem andern Artikel versuchte Reichmuth, die Klimawarner Professor Thomas Stocker und Unternehmer und Ballonfahrer Bertrand Piccard zu disqualifizieren, weil die beiden zum Vergnügen in die Antarktis gereist seien und viel klimaschädigenden Treibstoff verbraucht hätten.

Sprachrohr von Monsanto und Syngenta
Reichmuth nimmt Kritiker nicht ernst. Er unterstellt ihnen niedrige Motive: «Glyphosat-Hersteller wie Monsanto und Syngenta entsprechen dem Feindbild der Umwelt- und Bio-Lobby…Also müssen diese Konzerne nonstop als unverantwortlich und profitgierig gebrandmarkt werden
In der Weltwoche vom 3. März 2016 «zerpflückte» der Weltwoche-Redaktor die Kritik am umstrittenen Herbizid Glyphosat mit Argumenten, welche direkt aus den PR-Küchen von Monsanto und Syngenta stammen könnten. Seiner Forderung nach Sachlichkeit wurde er nicht gerecht:
Reichmuth: Die Glyphosat-Rückstände im Urin der Schweizer Bevölkerung liegen «um das Hundertfache oder sogar Tausendfache unter den Grenzwerten».
Richtig ist:
Für Glyphosat im Urin gibt es in keinem einzigen Land einen verbindlichen Grenzwert, ja nicht einmal einen unverbindlichen Richtwert. Darauf angesprochen räumte Reichmuth gegenüber Infosperber ein, dass es keinen Grenzwert gibt. Er habe sich auf einen «Wert» bezogen, den die EU-Lebensmittelbehörde EFSA als «noch vertretbar» halte. Die EFSA berücksichtigte allerdings bei ihrer Einschätzung nicht, dass Glyphosat krebserregend sein könnte.
Gesetzliche Grenzwerte gibt es für Rückstände im Urin keine, dagegen für Rückstände im Trinkwasser. Diese hat Reichmuth nicht erwähnt.
Die in Deutschland gefundenen Glyphosat-Rückstände im Urin übersteigen den Grenzwert für Trinkwasser um das Vielfache: «75 Prozent von 2000 freiwilligen Testpersonen in Deutschland hatten mindestens 0,5 Mikrogramm Glyphosat pro Liter in ihrem Urin. Bei 79 Prozent der Personen lagen die Werte 5- bis 42-fach über dem Rückstandshöchstwert in Trinkwasser (0,1 Mikrogramm pro Liter). Studienleiterin Monika Krüger bezeichnete die Belastung

durch Glyphosat als «erheblich». Wenn Glyphosat aufgenommen wird, verteile es sich im gesamten Körper einschliesslich dem Gehirn. «Der Grenzwert von Glyphosat im Körper sollte bei null liegen», fordert Krüger.
Tatsächlich gibt es in Deutschland für krebserregende Substanzen keine Grenzwerte, sondern nur Richtwerte. Denn bei Krebserregern gibt es – anders als bei andern Schadstoffen – keine untere sichere Grenze. Je niedriger die Dosis, desto weniger Krebsfälle. Bei einem Produkt, das weltweit breit eingesetzt wird, summieren sich auch wenige Krebsfälle zu einer grösseren Zahl. Die Weltgesundheitsorganisation WHO kam nach Analyse der industrie-unabhängigen Forschungsresultate zum Schluss, dass Glyphosat «wahrscheinlich krebserregend» ist.
Doch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sieht bei Glyphosat «keine Gefahr für die Gesundheit». Der Glysophat-Gehalt im Urin zeige, dass dieses Pestizid mit dem Urin vom Körper ausgeschieden werde. Das BfR hat verschiedene Urin-Studien bewertet und kam zum Schluss: «Die berechnete Verbraucherexposition lag mindestens eine, meistens aber zwei oder mehr Grössenordnungen unter den ADI- und AOEL-Werten.»
Reichmuth: «Es gibt schon über tausend wissenschaftliche Studien zu Glyphosat und das Mittel gehört zu den am besten untersuchten Herbiziden überhaupt.»
Richtig ist:
Die allermeisten Studien haben die Hersteller und Vertreiber von Glyphosat finanziert. Eine grosse Zahl von Studien bedeutet nicht, dass keine Risiken vorhanden sind. Asbest wurde ebenfalls als «eine der meist erforschten Substanzen» verkauft, mit dem Hinweis auf viele Studien, die keine Risiken ergeben hätten. Unterdessen ist Asbest als einer der heimtückischsten Krebserreger in fast allen westlichen Ländern verboten. Und typisch: Die Herstellerkonzerne und Verkäufer von Asbest müssen die Milliardenschäden heute nicht zahlen.
Ohne Haftpflichtversicherung für Langzeitschäden fällt es Konzernen leicht, Risiken nicht zu erforschen, sie herunterzuspielen oder abzustreiten. Denn das Risiko (und die Beweislast!) tragen häufig nicht sie, sondern die geschädigten Personen.
Auf die Eigenverantwortung der Konzerne ist deshalb wenig Verlass. Umso mehr müssten die Behörden nach dem Prinzip der Vorsorge handeln. Davon hält Reichmuth nichts: «Greenpeace sammelte zusammen mit den Ärztinnen und Ärzten für Umweltschutz und der Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) über 25’000 Unterschriften für ein Verbot. Dabei wurde das Vorsorgeprinzip angeführt: ‚Es gibt heute noch eine zu grosse Ungewissheit über die Auswirkungen von Glyphosat‘, mahnte SKS-Chefin Sara Stalder.» Reichmuth empört sich über dieses Argument und bedauert, dass «die Behörden in einigen andern Ländern bereits am Einknicken sind
Als letztes (tot-)schlagendes Argument führt der Weltwoche-Redaktor den «Welthunger» an: Ohne Herbizide weniger Lebensmittel. «Aber solche Folgen kümmern die Umweltbewegung wenig
Wie sagte doch sein Chef Roger Köppel: «Ich halte kritische Unternehmensberichterstattung für riskant und sogar für unnötig.»

*In «Der Journalist», März 2011.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine

Zum Infosperber-Dossier:

Glyphosat

Der Unkraut-Killer Glyphosat

Das in Landwirtschaft (mit «Roundup-Ready»-Saatgut) und Hobbygärten versprühte Herbizid ist in der Kritik.

Zeitungen_1

Kritik von Zeitungsartikeln

Printmedien üben sich kaum mehr in gegenseitiger Blattkritik. Infosperber holt dies ab und zu nach.

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2 Meinungen

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    am 9.03.2016 um 19:12 Uhr
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    Da steckt auch eine ganze Branche dahinter. Empfehlenswert: Die Machiavellis der Wissenschaft: Das Netzwerk des Leugnens (Erlebnis Wissenschaft) seit 17. September 2014 auch auf deutsch, englisch Merchants of Doubt
    von Naomi Oreskes und Erik M. Conway

    MfG
    Werner T. Meyer

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    am 15.03.2016 um 19:35 Uhr
    Permalink

    Ich teile eher selten die Meinung von Köppel seit er in Diensten der SVP ist, aber ich habe ihn bis jetzt immer für einen intelligenten Menschen gehalten.
    Wenn er das wirklich gesagt hat : «Ich halte kritische Unternehmensberichterstattung für riskant und sogar für unnötig.», da greife ich mir schon an den Kopf ob solcher journalistischer und politischer Weisheit.

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