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Fehlende finanzielle Unterstützung in Beziehungen erhöht das Risiko für Schlaganfälle/Herzinfarkte © pxfuel

Die soziale Isolation führt zu einem höheren Sterberisiko

Cornelia Eisenach, higgs /  Fehlende soziale Beziehungen erhöhen die Sterblichkeit. Das zeigt eine Studie, die 4000 Ältere während 13 Jahren verfolgte.

Statt mit Freunden im Kino sassen wir während des schweizweiten Shutdowns oft allein vor dem Bildschirm. Hochzeiten fanden ohne Gäste statt. Der Jass-Abend fiel aus. Die fehlenden Sozialkontakte schlagen nicht nur aufs Gemüt, nein, sie können sogar ein handfestes Gesundheitsrisiko darstellen, besonders für ältere Menschen. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie aus Deutschland, die den Gesundheitszustand von über 4’000 Teilnehmenden, die im Schnitt 60 Jahre alt waren, über einen Zeitraum von 13 Jahren verfolgte. Konkret war die Sterblichkeit um 50 Prozent erhöht, wenn die Probanden schlecht sozial integriert waren.

Es handelt sich um eine Korrelationsstudie, das heisst, sie macht eigentlich keine Aussagen über Ursache und Wirkung. Allerdings ist es aus ethischen Gründen unmöglich, die Frage, ob soziale Isolation zu höherer Sterblichkeit führt, durch Experimente zu untersuchen. Vor diesem Hintergrund kommt die Studie der Wahrheit so nahe wie möglich, denn sie enthält sehr viele Probanden, umfasst einen sehr langen Zeitraum und hält den verfälschenden Einfluss von allerlei Faktoren durch statistische Tests im Zaum.

Schlaganfall, wenn einer allein alles bezahlt

Insgesamt starben 530 Teilnehmer im Laufe der Studie. Dass die Todesfälle tatsächlich mit den Sozialkontakten in Zusammenhang standen und nicht etwa mit Alter, Geschlecht, Bluthochdruck oder Depression, haben die Studienautoren mittels statistischer Verfahren überprüft.
Zwar ist es aus früheren Studien bereits bekannt, dass Einsamkeit ein Gesundheitsrisiko ist. Allerdings beruhen diese oft auf einer Selbsteinschätzung der Probanden dazu, wie einsam oder wie gut sozial integriert sie sich fühlen. Das Besondere an der neuen Studie ist, dass das Team aus Medizinern, Psychologen und Soziologen bei den sozialen Beziehungen genauer hinschaute: So zählten sie etwa die Zahl der sozialen Kontakte oder die Einbindung in Vereine und untersuchten, wie sehr sich die Probanden in ihren Sozialbeziehungen emotional, instrumentell, das heisst zum Beispiel durch Hilfe im Haushalt, und finanziell unterstützt fühlten.

Dabei stellte sich heraus, dass es unter anderem die fehlende finanzielle Unterstützung in sozialen Beziehungen ist, die das Risiko für Schlaganfälle und Herzinfarkt deutlich erhöht. Also wenn zum Beispiel in einer Beziehung die Kosten für Miete, Strom und Einkauf nicht geteilt werden. «Eine mögliche Erklärung ist, dass fehlende finanzielle Unterstützung psychologische und körperliche Stressreaktionen hervorrufen kann», sagt Urte Scholz, Professorin für Angewandte Sozial- und Gesundheitspsychologie am Psychologischen Institut der Universität Zürich. Dieser Stress könne dann zu Herzkreislaufproblemen führen.

Auch dass fehlende Sozialkontakte das Sterberisiko erhöhen, kann vermutlich auf ein höheres Stress-Level zurückgeführt werden. Aber die Studie gibt auch Hinweise darauf, dass, wer weniger sozial eingebunden ist, auch mehr raucht und trinkt, schlechtere Bildung oder ein geringeres Einkommen hat. «Die Daten legen nahe, dass fehlende soziale Integration auch damit einhergeht, dass man ungesünder lebt», sagt Scholz.
Eins-zu-eins auf die Situation anwenden, die wir während des Corona-Shutdowns erlebten, könne man die Resultate der Studie nicht, sagt die Psychologin. «Wir haben ja viel eher eine physische als eine soziale Isolation erlebt.» Dennoch zeige die Studie, dass es gut tut, soziale Kontakte zu pflegen, gerade in der Zeit der Isolation, die aus anderen Gründen zusätzlichen Stress auslöse. Den Jass-Club digital durchführen ist also besser, als ihn pausieren zu lassen.
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Dieser Beitrag erschien auf higgs.ch, einem unabhängigen Magazin für Wissen.

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5 Meinungen

  • am 12.06.2020 um 11:43 Uhr
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    ‹Die soziale Isolation führt zu einem höheren Sterberisiko›
    Selbstverständlich nicht. Es ist immer wieder das gleiche Märchen. Was miteinander korreliert steht deshalb nicht in kausalem Zusammenhang. Empirische Sozialstudien sollte man verbieten. Man erfährt nichts aus der Beobachtung und Befragung von Menschen.
    Es gibt Männer wie z.B. Schopenhauer und mich, die bekommen Pickel, wenn sie mit anderen Menschen in einem Raum gesperrt werden. Und andere sind wieder völlig fremdfixiert, können nicht alleine sein. Das ist aber nichts generisch Menschliches, sondern nur Anerzogenes. Es gibt keine Normalen für Sozialverhalten. Alles ist möglich, nichts hebt sich von Anderem ab.

  • am 14.06.2020 um 07:02 Uhr
    Permalink

    Ist doch logisch, dass (ungewollte)Einsamkeit krank macht, es gibt auch eine Studie, die an Grausamkeit nicht zu überbieten ist: Da wurden Babies isoliert, sie sind allesamt gestorben.
    Bei älteren Personen ist das ähnlich. Es werden immer mehr Senioren, nach Tagen tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Es ist auch eine Frechheit, Rentner, die Hartz4 beziehen müssen zwar vom Rundfunkbeitrag befreit sind, trotzdem aber mindestens 80€ Hundesteuer bezahlen zu bezahlen haben, obwohl ein Hund bekanntlich des Menschen bester Freund ist; eine Katze oder ein Vogel kann das nicht leisten. Damit kann man nämlich nicht Gassi gehen und dabei andere Hundeleute treffen und neue Freunde finden, nachdem die alten bereits weggestorben sind. Ausserdem muss Hund bei jedem Wetter Gassi geführt werden und Bewegung an der frischen Luft hält fit und gesund, psychisch und physisch.

  • am 17.06.2020 um 13:38 Uhr
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    Die soziale Isolation führt zu einem ‹höheren› Sterberisiko.

    Definition «sozialer Isolation» ? – Eigeneinschätzung ? – Gefühl von «Einsamkeit» ?- Wie oft ermittelt in den 13 Jahren usw.

    Wie hoch war denn die «Signifikanz» für das «höhere» Sterberisiko, bloss an der Variablen sogenannter «sozialer Isolation» ?
    Es gibt sehr viele Risiken für verfrühtes Sterben.
    Selbst wenn «soziale Isolation» allein ein deutlich erhöhtes Risiko darstellt, wie sind die Risiken dafür ?
    Die Risiken sind auch noch miteinander verschränkt haben vielfache Kombinationseffekte und/oder der sogenannte Cocktaileffekt in der höheren Statistik.

    Haben Menschen, die mit sich im Reinen, in Harmonie sind, «All-Ein» mit sich sein können, eventuell mehr introvertiert als extrovertiert sind ein «geringeres» Sterberisiko ?
    Erst eine Kontrollgruppe mit signifikanten Variablen für ein geringeres Sterberisiko wäre im Sinne «vergleichender» Wissenschaft viel Aussagekräftiger..

    Mensch sind individuell sehr verschiedene, «mehr oder weniger» soziale Wesen. Machthaber instrumentalisieren gerne den Herdentrieb und lassen so Gruppendruck erzeugen.
    Der Glaube an DAS soziale Wesen ist auch «Opium des Volkes» von Gnaden seiner geistigen Herrschaften.

  • am 19.06.2020 um 13:46 Uhr
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    Ich freue mich für Frau Eisenach, dass sie ihren Artikel doch noch irgendwo platzieren konnte – überflüssig ist er aber allemal, das übliche statistische Geschwafel.

  • am 21.06.2020 um 15:09 Uhr
    Permalink

    Das Risiko zu sterben liegt bei Lebewesen bei 100%. Das ist Wissenschaftlich/Naturgesetzlich bewiesen. Nichts erhöht oder senkt dieses Risiko. Von einem «Überlebewesen» zeugen nur von Menschen geschriebene Worte.Und die Autoren hat der Tod leider auch erwischt. Jeder kann beeinflussen, wie/wann/wo er stirbt. Aber ist das denn nicht genug?

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