Glaskugel mit Text.X

Ein Blick in die Kristallkugel ergibt viele «könnten», «wären» und «möglich». © fotichaestli

Corona: Prognosen sind wie ein Blick in die Kristallkugel

Urs P. Gasche /  Niemand weiss, ob es zu einer dritten Welle kommt. Einiges spricht dafür, anderes dagegen. In Nachhinein ist jeder klüger.

Viren, welche eine Pandemie auslösen, sind unberechenbar. Die Geschichte zeigt, dass sie sich rasant verbreiten und viele Menschen gefährden können, vielleicht aber auch wieder harmlos werden oder unerwartet verschwinden. Veränderungen des Virus können für die Menschen günstig oder ungünstig verlaufen. Manchmal kommt es nur zu einer einzigen Welle, öfter zu zwei und manchmal sogar zu einer dritten. Um den künftigen Verlauf der Corona-Epidemie abzuschätzen, hilft nur ein Blick in die Kristallkugel. 

Denn auch Rechenmodelle von Experten können die Zukunft höchstens annähernd prognostizieren. Die Annahmen für solche Modelle stehen auf wackligen Füssen, weil sie von zu vielen Unbekannten abhängen. Welche Variablen entwickeln sich wie? Wer kann eine Gewichtung zwischen den verschiedenen Parametern vornehmen? 

Das kann für einen neuen Ausbruch mit überlasteten Spitälern sprechen

  1. Neue Virus-Varianten, die sich namentlich in Grossbritannien, Südafrika und Brasilien ausgebildet haben, verbreiten sich schneller und führen auch häufiger zu schwereren Krankheitsverläufen. 
  2. Die «Durchseuchung» der Schweizer Bevölkerung ist bisher wahrscheinlich weit unter dem, was gemäss Epidemiologen für eine «Herdenimmunität» nötig wäre. Das heisst, viele Personen sind noch empfänglich für das Virus. 
  3. In den Nachbarländern Italien und Frankreich sind Spitäler in einigen Regionen wieder überlastet.
  4. Die Disziplin der Bevölkerung, Abstandsregeln einzuhalten und wo sinnvoll Masken zu tragen, könnte mit der Zeit stark abnehmen. Eine Corona-Müdigkeit scheint sich zu verbreiten.
  5. Die Impfungen könnten ausgerechnet die am meisten gefährdeten Betagten nur unzureichend schützen.
  6. Die Impfungen sind möglicherweise gegen einige mutierte Coronaviren nur schlecht wirksam.
  7. Wer schon erkrankt war oder wer geimpft wurde, könnte trotzdem erstens Dritte noch anstecken und zweitens nach einem halben oder ganzen Jahr wieder selber schwer an Covid-19 erkranken. 

Das kann gegen eine dritte Welle mit überlasteten Spitälern sprechen

  1. Erfahrungen in Brasilien oder in England mit den neuen Mutationen treffen möglicherweise nicht eins zu eins auf die Schweiz zu, denn in jenen Ländern gibt es deutlich mehr Arme und Übergewichtige und auch mehr engste Wohnverhältnisse. 
  2. Die Betagten mit Vorerkrankungen, die das grösste Risiko für schwere Erkrankungen haben, könnten bald durchgeimpft sein. 
  3. Das Virus könnte zuerst die fragilsten Betagten stark betroffen haben, so dass der Anteil der Ungeimpften, die kaum schwerer erkranken, ständig zunimmt. 
  4. Wer schon erkrankt war oder geimpft wurde, ist nach einer erneuten Ansteckung möglicherweise für länger als ein Jahr vor einer schweren Erkrankung geschützt und kann Dritte auch nur in seltensten Fällen anstecken.
  5. Immer mehr Schnelltests könnten das Risiko deutlich reduzieren, dass ahnungslose Ansteckende Dritte infizieren.
  6. Wir stehen vor der warmen Jahreszeit, während der in unseren Breitengraden Corona-Viren einen schweren Stand haben, weil sie die Hitze wahrscheinlich weniger vertragen und weil sich das soziale Leben häufig im Freien abspielt und Wohnungen, Häuser und auch viele Büros und Ateliers ständig durchlüftet werden.

* * *

Es fällt auf: Die Kriterien enthalten viele «könnten», «wären» und «möglicherweise». Sogar Wahrsager äussern sich manchmal etwas bestimmter.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors


Keine.

Zum Infosperber-Dossier:

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8 Meinungen

  • am 24.03.2021 um 14:04 Uhr
    Permalink

    «Flatten the Curve» hiess es anfangs letzten Jahres, als sich die Pandemie in Europa ausbreitete. Alle Massnahmen dienten dem Ziel eine Überlastung des Gesundheitswesens zu verhindern. Eine solche fand nicht statt, weder in der ersten noch in der zweiten Welle. – Im Gegenteil, in der Schweiz und in Deutschland sollen im Verlauf dieser «Pandemie» sogar Spital-Kapazitäten und Intensivplätze abgebaut worden sein. Ganz im Trend vom normalen kostenorientierten Zeitlauf. Vielleicht kann jemand noch die Zahlen liefern.

    3
    • am 24.03.2021 um 14:58 Uhr
      Permalink

      Bitte keine Vermutungen und Gerüchte verbreiten. Offiziell zertifizierte Intensivbetten wurden weder in Deutschland noch in der Schweiz abgebaut, nur ein Teil der Betten, die wegen der ersten Welle provisorisch zusätzlich bereitgestellt wurden. – Eine Überlastung fand letztes Jahr nicht statt, unter anderem weil drastische Massnahmen ergriffen wurden.

      6
  • am 24.03.2021 um 14:43 Uhr
    Permalink

    Bravo, Herr Gasche, besser könnte man das gegenwärtige mentale Chaos kaum beschreiben. Und herzliche Gratulation zum 10-jährigen Bestehen des InfoSperbers. Ein grosartiger Beitrag für eine bessere Demokratie. Für diesen Einsatz kann man dem Spender und dem InfoSperber-Team nur von Herzen danken.

    0
  • am 24.03.2021 um 20:27 Uhr
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    Ja, Prognosen sind tatsächlich schwierig, und wenn man etwas über eine allfällige dritte Welle wissen will, kann man gerade so gut den Astrologen wie den Virologen fragen.

    Ergänzend dazu kann man sich überlegen, welche Prognosen hilfreich sind, um ein sinnvolles Verhalten daraus abzuleiten.
    Es wäre wohl theoretisch möglich, dass sowohl die natürliche wie auch die durch Impfung hervorgerufene Immunität nur für einige Monate hält. Ebenso wäre es möglich, dass jedes Jahr ein neues mutiertes Virus entstehen könnte, welches das ganze Spiel in gesteigerter Intensität wieder von vorne starten würde.
    Welche Lehre können wir aus solchen Horrorszenarien ziehen? Wohl nicht viel mehr, als dass wir dann ziemlich am A**** wären. Nützliche Handlungsoption lassen sich aus den extremen Worst-Case-Modellen selten ableiten.

    2
  • am 25.03.2021 um 09:20 Uhr
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    @Daniel Hierli – alles richtig, hilft uns aber nicht weiter. Der einzige wirkliche Schutz, den wir haben, ist unser Immunsystem. Die Impfungen machen ja nichts weiter, als ihn zu mobilisieren. Wenn wir uns also vor künftigen Viren schützen wollen, dann müssen wir den grössten negativen Einfluss auf unser Immunsystem stark reduzieren – den Langzeitstress. Allerdings sind dazu erhebliche Änderungen in unserem persönlichen, beruflichen und sozialen Bereich erforderlich. Schwierig, aber nicht unmöglich. Am besten man fängt mit Rücksicht auf andere an, und nicht mit der viel beschworenen Selbstoptimierung. Die ist Ausdruck des Konkurrenzdenkens, und dieses Denken ist ja die grösste Bleastung für unser Immunsystem. Wir haben immer die Wahl zwischen Ich und Du. Wann lernen wir das endlich?

    1
  • am 25.03.2021 um 09:42 Uhr
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    Herr Gasche, vielen Dank für ihre kritischen Beiträge, die ihresgleichen in der Medienlandschaft suchen. Wenn Sie allerdings auf Kommentare reagieren, ist es unstatthaft, den selben Fehler zu begehen, den Sie (zurecht) vorwerfen: Es ist ein Gerücht, bestenfalls eine Vermutung, dass eine Überlastung des Gesundheitswesens nicht stattfand WEIL (unter anderem) drastische Massnahmen getroffen wurden. Gesellschaftlich wird das ja nicht diskutiert, weil es ja so sein MUSS. Doch die wissenschaftliche Diskussion, so scheint mir, zeigt in eine diesem Gerücht eher unfavorable Richtung. Tatsächlich werden wir es sicher erst viel später wissen. Wissenschaft ist da nicht so schnell (und wartet gerne ab, bis die politische Brisanz abgekühlt ist)…

    3
  • am 25.03.2021 um 19:03 Uhr
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    Meiner Meinung nach sehr gut zusammengefasst. Einzig den zweiten Punkt 6 sehe ich anders: Nicht die Hitze macht dem Virus den Garaus, sondern allenfalls die Bestrahlung durch UV-Licht. Und natürlich ist man draussen eben nicht so zusammengepfercht wie drinnen, wodurch die Konzentration extrem abnimmt.

    0
  • am 28.03.2021 um 09:17 Uhr
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    Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt…
    Deshalb die altbewährte Regel «Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste» 😀

    Wie man sieht, gibt es auch für solch ungewöhnliche Situationen genügend brauchbare Redensarten.

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