Leeres Intensivbett.ARD

Jedes fünfte Intensivbett war in der Schweiz bisher fast immer frei. © ard

Corona: Etwas Licht ins Dunkel der Spitalbetten

Urs P. Gasche /  Spitaldirektoren rufen den Notstand aus. Doch gleichzeitig bauen sie Pflegepersonal und Intensivbetten ab. Eine Übersicht.

Für die Corona-Strategie ist es seit dem Frühjahr ein entscheidendes Kriterium, ob Spitäler schweizweit an ihre Kapazitätsgrenzen kommen und Operationen verschieben müssen, die nicht dringend sind. Doch ausgerechnet dazu gibt es viele widersprüchliche und wenig präzise Informationen. Bundesrat Alain Berset und sein Bundesamt für Gesundheit haben es offensichtlich unterlassen, von den Spitälern und den Kantonen einheitlich definierte und vergleichbar erfasste Daten einzufordern.

Auch während der zweiten Welle haben etliche Spitäler Patientinnen und Patienten, die eine nicht dringliche Operation wie den Ersatz eines Hüft- oder Kniegelenks wollten, auf einen unbestimmten Zeitpunkt vertröstet. Doch Zahlen von beispielsweise 300 verschobenen Operationen, welche Medien verbreiteten, sagen wenig aus, wenn nicht gleichzeitig darüber informiert wird, auf welchen Zeitraum sich diese Zahl bezieht und um wieviel Prozent aller Operationen es sich handelt.

Wenig hilfreich sind auch die täglichen Zahlen der Belegung von Intensivbetten oder von Spitalbetten generell. Denn diese täglich «neusten» Zahlen sind immer unvollständig und werden im Nachhinein oft deutlich nach oben oder auch nach unten korrigiert. Die Meldepflicht wird zu wenig befolgt. Wenn sie verletzt wird, gibt es keine Sanktionen. Solange dies so bleibt, sind diese Angaben sehr ungenau, und es sollten keine täglichen Zahlen verbreitet werden, namentlich auch nicht von Medien.

Bei der Angabe über noch freie Betten wurden bisher zum Beispiel zusätzlich bereitgestellte Intensivbetten stets dazugezählt. Doch einige Spitäler melden seit einiger Zeit bereits eine Vollbelegung, wenn lediglich die «zertifizierten» Betten belegt waren. Dies hatte Ende November in der New York Times sogar zur Schlagzeile geführt «All of Switzerland’s intensive care beds are now full». Tatsächlich aber waren damals noch 21 Prozent aller Intensivbetten frei.

Auch die aufgestockten, «nicht zertifizierten» Intensivbetten, welche das BAG in der folgenden Grafik berücksichtigt, müssen gemäss bundesrätlicher Verordnung voll ausgerüstet und mit Personal versorgt sein.

BAG: Am 19. Dezember waren noch 25 Prozent der Intensivbetten und 24 Prozent aller Spitalbetten frei  

201218-Freie-Betten-nur-Zahlen

Intensivbetten abgebaut

Am 17. Dezember meldeten die Spitäler eine Gesamtkapazität von 1076 Intensivbetten. Obwohl sich seit einem Monat die zweite Welle der Corona-Epidemie zuspitzte, stellten die Spitäler damit 66 Intensivbetten weniger bereit als am 17. November mit 1142.

201218_AuslastBetten.hun
Gesamtschweizerische Auslastung der Spitalbetten. Balken=Tagesdurchschnitte während jeweils 14 Tagen. Dunkelgrau=Covid-19-Patienten. Hellblau=Andere Patienten. Hellgrau=Freie Betten.

Aus der Grafik des BAG ist ersichtlich, dass die Spitäler im April in der Lage waren, insgesamt 1500 Intensivbetten bereitzustellen (Skala links). Das waren ganze 40 Prozent mehr als gegenwärtig während der zweiten, grösseren Corona-Welle. Am 17. Dezember standen kaum mehr Intensivbetten bereit wie während der Sommermonate, als praktisch keine Corona-Patienten in Intensivstationen lagen. Doch der Anteil der freien Betten blieb vom Sommer bis heute – trotz stark zunehmender Corona-Patienten – konstant zwischen 20 und 25 Prozent. Der wahrscheinlichste Grund: Statt die Intensivbetten wie im Frühjahr wieder aufzustocken, haben Spitäler eine unbekannte Zahl nicht dringlicher Operationen verschoben.

Die Auslastung sämtlicher Spitalbetten blieb seit Anfang November ziemlich konstant

201218_AuslastBetten.hun
Gesamtschweizerische Auslastung der Spitalbetten. Balken=Tagesdurchschnitte während jeweils 14 Tagen. Dunkelgrau=Covid-19-Patienten. Hellblau=Andere Patienten. Hellgrau=Freie Betten. Grössere Auflösung hier.

Ergänzende Auswertung

Josef Hunkeler, langjähriger Gesundheitsspezialist beim Preisüberwacher, hat die offiziellen Zahlen des BAG für den ganzen Epidemie-Zeitraum von März bis heute grafisch noch klarer aufgearbeitet.

Zur Erfassung der Zahlen erklärt Josef Hunkeler: «Die Spitäler melden mehr oder weniger regelmässig ihre jeweiligen Kapazitäten. Die Serien der gemeldeten Tageswerte zeigen daher eine Säge-Form, welche durch geschätzte Mittelwerte ergänzt werden.»

Die folgende Grafik zeigt die Belegung sämtlicher Betten aller Spitäler, die jeweils am Montag gemeldet wird. Fehlende Meldungen hat das BAG bei diesen Zahlen durch Mittelwertschätzungen berücksichtigt.
Die auf Sars-Cov-2 positiv getesteten Patienten sind hellblau gut zu erkennen:

201217_Gesamtkapazität.hun
Betten-Gesamtkapazität der Schweizer Akutspitäler. Blau: Freie Betten. Hellblau: Covid-Patienten. Rot: Andere Patienten.

Pflegepersonal abgebaut

Spitaldirektionen alarmieren zurecht, dass das tertiär ausgebildete Pflegepersonal am äussersten Anschlag arbeitet. Doch manche dieser Direktoren haben dieses Jahr wenig unternommen, um dem Pflegepersonal bessere Arbeitsbedingungen zu gewähren und es aufzustocken. Im Gegenteil: Die Berner Inselgruppe beispielsweise baut in einigen Bereichen Pflegekapazitäten sogar ab und will dies auch im 2021 tun. Trotz der gegenwärtig angespannten Situation sucht die Spitalgruppe zum Teil nicht einmal Ersatz für voll ausgebildete Pflegekräfte, die sich im Schwangerschaftsurlaub befinden oder für längere Zeit krankheitsabwesend sind. Grund: Es sollen Kosten gespart werden.*

Spitäler, welche ihr Pflegepersonal nicht abbauten

Spitäler, welche dieses Jahr pro Akutbett gleich viele tertiär ausgebildete Pflegefachkräfte (umgerechnet in 100%-Stellen) angestellt haben wie letztes Jahr, oder die für das Jahr 2021 eine Aufstockung beschlossen haben, können sich bei Infosperber melden. Geben Sie uns die Zahlen bekannt. Wir werden die Spitäler hier gerne erwähnen.

Weiterführende Informationen

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*Die Medienstelle der Inselspital-Gruppe meint dazu allgemein: «Die Insel Gruppe beschäftigt aktuell 1,3 Prozent mehr Pflegefachkräfte als im Vorjahr.» Die Medienstelle verweigert jedoch die Auskunft darüber, wie sich die Zahl der voll ausgebildeten Pflegefachkräfte im Verhältnis zur Zahl der Akutbetten entwickelt hat. Schwangerschaftsurlaube oder längere Krankheitsabsenzen «können laut Budget kompensiert werden», heisst es. Ob diese in den meisten Bereichen jedoch tatsächlich kompensiert werden, sagt die Medienstelle nicht. Infosperber stützt sich auf mehrere Aussagen vor Ort. Für das Jahr 2021 plane die Insel-Gruppe «keinen Abbau von tertiär ausgebildeten Pflegekapazitäten im Verhältnis zum Angebot an Akutbetten», erklärt die Medienstelle.


Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

Zum Infosperber-Dossier:

Coronavirus_1

Coronavirus: Information statt Panik

Covid-19 fordert Behörden und Medien heraus. Infosperber filtert Wichtiges heraus.

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8 Meinungen

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    am 21.12.2020 um 20:58 Uhr
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    sehr komisch – während die bevölkerung schwer restriktive massnahmen zu erdulden hat damit die spitäler nicht überlastet werden, sabotieren diese jedoch eben diese massnahmen. und das kann nicht unterbunden werden, unter den heutigen umständen?? gesunder menschenverstand würde eine aufstockung des personals begrüssen; lesen wir den nicht ständig, dort sei der engpass? sie seien überarbeitet?

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      am 3.01.2021 um 06:49 Uhr
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      Radek Jager und Ekkehard Blomeyer haben es auf den Punkt gebracht.-
      In dieser aussergewöhnlichen Situation hätte man sofort nach der ersten Welle massiv mehr Spitalbett-Reserven und mehr Pflegepersonal einstellen müssen, um bei einer 2.Welle besser gewappnet zu sein.
      Dass diese vorausschauende und sinnvolle Politik nicht umgesetzt wurde, lässt aufhorchen.

      Sind da noch andere Interessen und Absichten im Spiel?–
      Will der Bundesrat und die Kantonsregierungen mit Unterstützung von reisserischen Konzernmedien-Berichten absichtlich einen Betten- und Personalmangel erzeugen, um den Druck beim einfachen Volk für scharfe Lockdown-Massnahmen zu erhöhen, um so wiederum per Dekret regieren zu dürfen, statt ordentlich mit einer demokratischen Kontrolle durch Parlament und Volk?-

      Und Lockdown-Massnahmen schädigen nicht nur unsere KMU-Betriebe, sondern verursachen auch eine vom Volk ungewollte Wirtschaftsstruktur-Veränderung, wo gigantische international operierende Online-Konzerne die grossen Profiteure sind; auf Kosten unserer KMU, die hierzulande Steuern bezahlen.
      Will man uns in die Abhängigkeit von Online-Konzerne treiben, welche uns dann zwingen werden, Bargeldlos zu bezahlen und unsere Privatsphere preis zu geben?

      Da ist offenbar eine obskure Agenda in Gang gesetzt worden.–

      Gottlob kam das Referendum gegen dieses dringliche Corona-Gesetz vom 25.9.20 zu Stande!–
      Damit haben wir die Möglichkeit, solch unlauteren Machenschaften per Volksentscheid ein Ende zu bereiten.-

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    am 22.12.2020 um 10:04 Uhr
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    Eine Intensivstation muss eine gute Auslastung haben, sonst rechnet sie sich nicht. Dass die Spitäler an die Grenzen gehen, macht also Sinn. Und da die Politik für die Spitäler keine finanziellen Reserven oder eine Defizitgarantie spricht, wird sich das auch nicht ändern.
    Hier stehen die finanziellen Interessen eines Spitals und das Bedürfnis der Bevölkerung nach flexibler Voraussicht gegeneinander.

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      am 22.12.2020 um 14:37 Uhr
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      wäre es nicht besser überkapazitäten der intensivstationen/spitalbetten zu haben? dann müsste man ev. keinen lockdown machen mit den bekannten schwer negativen folgen für volk&wirtschaft. scheint mir weitaus das kleinere (und günstigere!) übel zu sein.

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    am 23.12.2020 um 18:41 Uhr
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    ein kommentar zur mitarbeiterauslastung in pflegebereichen in spital und heimen:
    der interessierte beobachter kann ohne probleme die unstimmigkeiten durch die corona-manipulation feststellen. diese informationen sind öffentlich zugänglich und eine aktive meinungsbildung ist längst möglich. darunter gehört auch die auslastung der infrastruktur und der immer wieder erwähnten vollbelastung des pflegepersonals. wie ist es aber möglich, dass bei dieser belastung (gefahr) die bettenanzahl stagniert, die „verifizierten“ betten sinken, sich die mitarbeiteranzahl nicht erhöht sondern reduziert und dennoch nach „massnahmen“ zur vermeidung einer überlastung des gesundheitswesens gerufen wird?

    meine antwort (kleinanalyse)
    – ein spital oder ein ein heim ist mach wie vor ein „profit.center“
    – die unternehmensleitung kennt längst die wahre bedrohung (seit frühling normal)
    – verschobene operationen sind nicht verloren (kein umsatzverlust)
    – verschobene operationen benötigen kurzfristig aber weniger bis keine mitarbeiter
    – mitarbeiter sollen in kurzarbeit, bund zahlt (vertragsbindung bleibt aber aufrecht erhalten!)
    – weniger mitarbeiter sind am arbeitsplatz ZEITLICH höher ausgelastet, nicht durch die ANZAHL patienten, sondern weil die „ansteckungsgefahr“ zu einer teamaufteilung führt (kleinere teams)
    – die massnahmenbefehle ermöglichen „deckungsansprüche“ wie kostenübernahmen durch den bund
    – das argument der „überlastungsgefahr“ wird genutzt um kapazitätserhöhungen fremd zu finanzieren

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    am 26.12.2020 um 13:33 Uhr
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    Eine Erklärung für die tiefere Kapazität sind die jetzt angesteckten und deshalb ausgefallenen Pflegenden und auch die überbordende Überzeitkonten.
    In der Zwischenzeit vertraue ich auf die Angaben von Direktbetroffenen in Pflegeheimen und Spitälern.
    Ich zweifle an den Aussagen, die aus anonymen, unvollständigen Statistiken gezogen werden.

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    am 1.01.2021 um 17:33 Uhr
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    Interview mit Pflegefachkräften aus Spital und Spitex zur aktuellen Corona-Situation.

    Wie lange seid ihr in diesem Beruf?
    Wir haben ca. 30 Jahre Erfahrung in unserem Beruf als Pflegefachfrau/Pflegefachmann. Wir können also auf eine lange Zeit der Erfahrung zurückblicken und haben auch viele kritische Situationen erlebt.

    Wie schätzt ihr die momentane Situation bezüglich Corona ein?

    Wir erleben einen extremen Unterschied zwischen unserer täglichen Arbeit und der Darstellung in den Medien. Wir machen unsere Arbeit eigentlich wie immer und die Überbelastung in unserem Job ist unser Alltag. Den Hype, der um Corona gemacht wird, können wir nicht nachvollziehen. Wir haben eine Situation, wie jedes Jahr im Herbst/Winter. Wir arbeiten am Anschlag und Überstunden sind an der Tagesordnung, aber eben das ist normal zu dieser Jahreszeit.

    Ist nach eurer Meinung Covid-19 vergleichbar mit einer saisonalen Grippe oder ist es schlimmer als in den anderen Jahren?

    Die Symptome von Covid-19 sind die gleichen, wie bei einer Influenza- Grippe. Aber der Umgang mit den Patienten ist ein anderer. Für Covid-19-Patienten gelten besondere Schutzmassnahmen. Für jeden Covid-19-Patienten müssen die Kleidung und das andere Schutzmaterial, wie Handschuhe, Mundschutz usw. ständig gewechselt werden. Diese Massnahmen sind das Problem. Sie nehmen enorm viel Zeit in Anspruch.

    https://www.comm4u.ch/?p=865&fbclid=IwAR1coiVJx1Wtyl5hcUdB594vRJJKgVWdzqlwpVvUaJk-ACENCUUzW1GPwzw

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    am 4.01.2021 um 09:32 Uhr
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    Herr Lüthi, Ihre ergänzte Analyse hat mich erhellt. Dass aber jederzeit selber festgestellt werden könne, wie es um die Auslastung der Spitäler geht, ist ziemlich bevölkerungsfern resümiert. Sie können das, aber die Mainstream-Medien verhindern, dass die Bevölkerung überhaupt daran denkt eine solche vertiefte Zahlen-Zusammenstellung zu erstellen, indem jene praktisch unisono alle dieselben Falschaussagen an die Öffentlichkeit bringen. Wer sich nicht sowieso schon an den Alternativ-Medien orientiert, hat keinen Verdacht, dass daran etwas falsch sein könnte. Nicht mal Politiker bemühen sich, echte Zahlen zu generieren, selbst wenn sie ein Mandat für die Gesundheit innehaben. Sie beten einfach nach, was überall im Mainstream abgebildet wurde – „das müsse ja wahr sein!“ was wahrscheinlich vom BAG oder BR gern unterstützt wird. Tolle Demokratie – sie ist durch Lobbyarbeit schon lange zum hohlen Begriff geworden, wie es sogar die französische Presse von weitem erkennen kann. Demokratie kann nur stattfinden, wenn eine Meinungsvielfalt im Diskurs steht. Heute erleben wir eher Meinungs-Zensur anstatt Vielfalt. Probieren Sie doch mal Ihre Analyse in der NZZ, oder dem Tagi unterzubringen!

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