Chemikalien in Lebensmitteln verursachen Billionenschäden
Synthetische Chemikalien gefährden Gesundheit und Umwelt und kosten jährlich Billionen Dollar. Das ist das Ergebnis der im Dezember veröffentlichten Studie «Invisible Ingredients» (unsichtbare Zutaten), die sich mit den vier häufigsten synthetischen Chemikalien im Lebensmittelsystem befasst. Bisphenole, Pestizide, PFAS und Phthalate haben demnach schwerwiegenden Folgen für Mensch und Natur.
Entkommen kann man ihnen kaum, selbst dann nicht, wenn man sein Gemüse pestizidfrei selbst anbaut und die Kuh von Hand melkt. Ob Phthalate als Weichmacher in Plastikhandschuhen, PFAS im Boden und in der Pfanne, Bisphenole in der Wasserleitung oder Chemikalien in Plastikboxen – sie finden sich überall, sogar in der Luft. Werden Lebensmittel im industriellen Rahmen produziert und verarbeitet, gibt es natürlich ein paar Verschmutzungsquellen mehr: Förderbänder, Melkmaschinen, Plastikfolie, Dichtungen und Pizzakartons zum Beispiel.
3 Billionen Dollar Schaden jedes Jahr
Die vier untersuchten Chemikaliengruppen trügen massgeblich zu steigenden Krebsraten, Entwicklungsstörungen und Unfruchtbarkeit bei und zerstörten die Grundlage der globalen Landwirtschaft, listen die Forschenden auf.
Insgesamt kosteten allein diese Auswirkungen die Weltwirtschaft jedes Jahr rund 3 Billionen Dollar. 1,4 bis 2,2 Billionen fallen im Gesundheitssystem an, mindestens 0,6 Billionen Dollar betrage der ökologische Schaden, den die Autorinnen und Autoren nach eigenen Angaben nicht vollständig erfasst haben. Berücksichtige man zusätzlich lediglich die Kosten für Wasserreinigung sowie landwirtschaftliche Verluste, entstünden weitere Kosten von 640 Milliarden Dollar.
2,2 Billionen Dollar, das sind ausgeschrieben 2’200’000’000’000 Dollar. Oder zwei bis drei Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts (BIP), schreiben die Autorinnen und Autoren. Oder so viel wie der Gewinn der 100 grössten börsennotierten Unternehmen, vergleicht der «Guardian».
Am meisten kosten Pestizide
An «Invisible Ingredients» haben Dutzende Forschende aus mehreren internationalen Organisationen wie der Minderoo-Foundation, Chem-Sec und verschiedenen Universitäten in den USA und Grossbritannien mitgearbeitet. Der Bericht wurde vom Unternehmen Systemiq geleitet, das in Firmen investiert, die auf die Erreichung der UN-Nachhaltigkeitsziele und des Pariser Klimaabkommens abzielen.
Die Autorinnen und Autoren erklärten, dass sie sich auf vier Chemikalienarten konzentriert haben, weil diese zu den am weitesten verbreiteten und am besten untersuchten weltweit gehören, «mit robusten Beweisen für Schäden an der menschlichen und ökologischen Gesundheit».
Die grössten gesundheitlichen Schäden durch PFAS, Pestizide, Bisphenole und Phthalate entstehen demnach durch Störungen bei der Entwicklung des Nervensystems, Stoffwechsel- und Kreislauferkrankungen und eine verkürzte Lebenserwartung.

Die höchsten Gesundheitskosten entstehen mit jährlich 1043 Milliarden Dollar in Asien. Dort gebe es aber auch die grössten Unsicherheiten bezüglich Bevölkerungsgrösse, sozialer Kosten und individueller Belastung. In Europa sind die Folgekosten nur halb so hoch und die individuelle Belastung niedriger, was die Forschenden auf die strenge europäische Chemikalienregulierung zurückführen. Grösster Kostentreiber in allen Teilen der Welt sind Pestizide.
Insgesamt gehen 37 Prozent der berechneten Kosten auf Pestizide zurück, 28 Prozent auf PFAS, 24 Prozent auf Phthalate und 10 Prozent auf Bisphenole. Alle vier Chemikaliengruppen können sich wie Hormone verhalten oder ins Hormonsystem eingreifen. Sie gehören zur Gruppe der endokrinen Disruptoren, die in kleinsten Mengen wirksam sind. Besonders besorgniserregend sind deshalb die langfristigen demografischen Folgen: Bis 2100 wird die Chemikalienbelastung im Mittel 525 Millionen Geburten verhindert haben, die meisten in Asien:

Chemische Verschmutzung genauso ernst wie die Klimakrise
Die umfassende und gut illustrierte Studie nutzt Daten aus den Jahren 2010 bis 2015. Sie sei als eine Art Referenzdatensatz («Baseline») zu verstehen, schreiben die Autorinnen und Autoren. Philip Landrigan, ein bekannter Kinderarzt und Gesundheitsexperte, bezeichnet den Report gegenüber dem «Guardian» als «Weckruf». Dabei habe man nur wenige Chemikalien untersucht. Die Gruppe derer, über die man «solide toxikologische Information» habe, sei aber ohnehin nicht sehr gross, vielleicht 20 bis 30 Chemikalien.
Schon vor vier Jahren schätzten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Stockholm-Resilience-Center (SRC), dass die Menge der künstlich erzeugten Substanzen bereits die planetaren Grenzen sprengt (Infosperber berichtete). Umweltchemikalien verschmutzen die Umwelt dabei seit vergleichsweise kurzer Zeit: Die meisten heute breit eingesetzten Chemikalien werden erst seit den 1950er- oder 1960er-Jahren in grossem Umfang produziert und eingesetzt.
«Die Spitze des Eisbergs»
Landrigan betont, dass die chemische Verschmutzung genauso ernst zu nehmen sei wie die Klimakrise. Bei Kindern und ihren Erkrankungen habe er den Wandel selbst beobachten können: Todesfälle durch Infektionskrankheiten seien mittlerweile viel seltener, dafür hätten nicht übertragbare Krankheiten stark zugenommen. Einer der Gründe sei die zunehmende Chemikalienbelastung.
Die vorliegende Arbeit zeige nur die Spitze des Eisbergs. «Was uns wirklich beunruhigen sollte, sind die Tausenden von Chemikalien, denen wir täglich ausgesetzt sind und über die wir nichts wissen», sagt er. Viele der schädlichsten Stoffe seien erst entdeckt worden, als sie bereits weit verbreitet gewesen seien.
Die gute Nachricht: Gegensteuer ist möglich
Der Report geht für sein Zukunftsszenario davon aus, dass die Chemikalienbelastung so bleibt und nicht kleiner wird. Die gute Nachricht: Sie könnte auch niedriger sein, wenn heute schon bestehende Gegenmassnahmen voll greifen würden oder neue Verbote hinzukämmen – zum Beispiel bei der Verwendung von Bisphenolen im Kontakt mit Lebensmitteln.
Auch damit haben sich die Expertinnen und Experten befasst. Mit den jetzt bekannten Mitteln, sei es möglich, die Belastung des Lebensmittelsystems zu senken und die fraglichen Chemikalien zu ersetzen. Damit liesse sich der Schaden um rund 70 Prozent reduzieren, rechnen sie vor. Die Erfahrung zeige, dass sich die herstellende Industrie oft schnell anpasse. Andererseits treten Auswirkungen von nicht akut giftigen Umweltchemikalien häufig erst nach vielen Jahren auf.
Ein weitgehender Verzicht auf Pestizide, PFAS, Phthalate und Bisphenole könnte demnach jährlich 1,9 Billionen Dollar sparen. Durch Verbote, wie es sie in der EU oder in Brasilien schon gibt, könnten weltweit 80 Prozent aller Pestizide eingespart oder durch sichere Substanzen ersetzt werden. Vorteilhafte Auswirkungen seien dabei weit grösser als die Kosten der damit vermiedenen Schäden. Beispielsweise, weil sich ohne Pestizide die Artenvielfalt wieder vergrössere.

Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.












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