Fragezeichen Medikamente

Weil die Studien nicht publik werden, bleiben Fragen zum Nutzen oder zum Risiko unbeantwortet. © InfinitumProdux / Depositphotos

Pharmafirmen drücken sich ungestraft vor ihren Hausaufgaben

Martina Frei /  Nach der Zulassung müssen Hersteller noch wichtige Punkte klären. Doch die Ergebnisse verschwinden zu häufig in Schubladen.

Birgt ein neu zugelassenes Medikament noch nicht erkannte Risiken? Hilft es wirklich so gut, wie es anfangs scheint? Das ist bei der Zulassung nicht immer glasklar.

Insbesondere Behandlungen gegen schwere oder seltene Krankheiten werden oft auf schwächerer Datenbasis zugelassen als sonst üblich. Um die Wissenslücken zu schliessen, verlangen die Arzneimittelbehörden – als Bedingung für die Zulassung – häufig «Post-Marketing-Studien», die der Hersteller nach der Zulassung durchführen und über die er berichten muss. Genauer gesagt: müsste. 

Denn viele Patentinhaber unterlaufen diese Auflagen, wie eine Auswertung der Datenbank bei der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA zeigt. Es gebe da noch «viel Potenzial für Verbesserungen», halten vier Wissenschaftler im «British Medical Journal» fest.

Resultate oft nur in knapper Übersicht geliefert

Nur in etwa 6 bis 7 von 10 Fällen kamen die Verantwortlichen ihrer Verpflichtung nach und gaben den Studienplan für die verlangte Post-Marketing-Studie in der EMA-Datenbank bekannt. Das wäre die erste Bedingung. Sie soll verhindern, dass der Sponsor schummelt und den Plan nachträglich zu seinem Vorteil «anpasst».

Zweitens sollen nach Studienende die Ergebnisse in der EMA-Datenbank hinterlegt werden. Hatte die EMA eine Veröffentlichung «empfohlen», wurden die Studienergebnisse nur bei 7 von 10 Studien hinterlegt. Hatte die EU dies hingegen gesetzlich verlangt, wurde dies bei etwa 9 von 10 Studien zwar gemacht – aber meist bloss in Form einer kurzen Zusammenfassung. 

Die Zusammenfassungen umfassten im Mittel 4 Seiten, die vollständigen Resultate dagegen 77. Daran lässt sich ermessen, wie viel mehr an Informationen im kompletten Datensatz stecken würde – den die Studiensponsoren aber sowohl den Arzneimittelbehörden als auch der Öffentlichkeit eben oft vorenthalten. Folglich bleiben die Wissenslücken zum Nutzen-Risiko-Verhältnis dieser neuen Medikamente bestehen. 

Arzneiaufsicht könnte Bussen verhängen, tut es aber nicht

Seit 2007 hat die EMA das Recht, säumige Studiensponsoren zu büssen. «Doch in bald zwei Jahrzehnten hat sie dies noch nie wegen Verletzung der Transparenz gemacht. Das ist nicht bloss eine Durchsetzungslücke, sondern eher ein Durchsetzungsvakuum», schreiben mehrere chinesische Ärzte in einem geharnischten Leserbrief ans «British Medical Journal». «Der Rechtsrahmen wird nicht verletzt, er wird schlicht ignoriert.»

Die Patienten, die an diesen Studien teilnehmen und Medikamente mit unbekanntem Zusatznutzen oder mit Sicherheitsbedenken bekommen, «bleiben unwissentlich Teil eines Systems, das ihre Daten zwar sammelt, sie aber der öffentlichen Kontrolle vorenthält». Sie stellen sich folglich – vergebens – als «Versuchskaninchen» zur Verfügung.

Bei den Studien, welche die europäische Arzneiaufsicht empfahl, um speziell Sicherheitsbedenken auszuräumen, kamen die Sponsoren ebenfalls nur in 7 bis 8 von 10 Fällen ihrer Verpflichtung nach und hinterlegten Resultate in der EMA-Datenbank.

«Mit der erteilten Zulassung verliert der pharmazeutische Unternehmer akut das Interesse an weiterer Forschung. […] Denn mit der Zulassung ist das Hauptziel […] gesichert, und neue Daten können dann eher stören», stellte der frühere Leiter des deutschen Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen jüngst im «Arzneiverordnungsreport 2025» fest. Und: «Die Anforderungen für die Zulassung sind zwar schleichend abgesenkt worden, aber die Kompensation durch nach der Zulassung beizubringende Evidenz ist nicht erfolgt.»

Für die Zulassung wichtige Daten müssten vorher erhoben werden, sagt Windeler, «weil es nach der
Zulassung nicht mehr klappt. Die Firmen haben dann kein Interesse mehr daran und die Behörden können es nicht durchsetzen. Bei den Post-Marketing-Studien könnte potenziell etwas herauskommen, das für den Hersteller schlecht ist.»

Die Behörde ist selbst eine der grössten Sünderinnen

Besonders peinlich: Wenn die EMA Studien (mit-)sponserte – sie ist immerhin die zweitgrösste Sponsorin in dieser Auswertung – wurde das Studienprotokoll nur in 65 Prozent der Fälle bekannt gegeben und die Resultate wurden nur in 79 Prozent veröffentlicht. Dies betraf zum Beispiel eine Studie zu Medikationsfehlern oder zum Zusammenhang zwischen bestimmten Blutdrucksenkern und Hautkrebs. Immerhin handelte es dabei aber nicht um gesetzlich vorgeschriebene Studien.

Manche Pharmafirmen, darunter Pfizer und Novartis, waren da transparenter. Mit gutem Beispiel voran gingen beispielsweise Studien, die von Bayer gesponsert wurden. Dort wurde fast immer sowohl der Studienplan als auch die Resultate in der EMA-Datenbank hinterlegt. Hiess der Sponsor dagegen Boehringer Ingelheim, war dies nur bei 37 respektive 57 Prozent der Fall. 

Dargestellt haben die vier Wissenschaftler dies alles mit Hilfe einer extra von ihnen kreierten, frei zugänglichen App. Denn in der EMA-Datenbank gibt es bisher gar keine Suchfunktion, mit der sich gezielt jene Studien finden liessen, bei denen das Protokoll und / oder die Resultate hochgeladen wurden. «Wir konnten zeigen, dass man das untersuchen kann. Für mehr Transparenz ist es erforderlich, dass die Vorgaben besser eingehalten werden», sagt der Arzt und Mathematik-Student Pedram Ramezani von der Charité Universitätsmedizin in Berlin, der Erstautor der Studie.

«Es braucht eine strengere Aufsicht», fordern er und seine Kollegen im «British Medical Journal». Würde dies nicht genügen, dann «sollte die Europäische Arzneimittelbehörde EMA von ihrer selten ausgeübten Macht Gebrauch machen, Geldbussen zu verhängen und Marktzulassungen zu widerrufen».

Post-Marketing-Studien werden zunehmen

Die Lösung dieses Problems «erfordert mehr als blosse Ermutigung», finden auch die chinesischen Leserbriefschreiber. Die EMA solle säumige Studiensponsoren an die Europäische Kommission melden, damit diese ein Bussgeld verhänge, fordern sie und schliessen: «Transparenz ohne Durchsetzung ist keine Transparenz. Wenn das Gesetz Bussgelder vorsieht und die EMA weiss, dass Studien fehlen, worauf warten wir dann noch?»

Diese Frage stellt sich auch im Hinblick auf die kommende Welle an Gentherapien (Infosperber berichtete). Die US-Arzneimittelbehörde FDA – weltweit einflussreichste Arzneiaufsicht – will diese fördern und schneller zulassen. Sie erwartet eine Flut an Zulassungsanträgen. Der Leiter der FDA kündigte an, dass die Hersteller mit Post-Marketing-Studien «beauftragt» würden. Ob sie dort transparenter sein werden?


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