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Prof. Andreas F. Widmer (Swissnoso) und Thomas Straubhaar (ANQ) © srf; Urs Baumann (Berner Zietu

Spitalinfektionen weichgespült

upg /  Statt die vermeidbaren 600 Todesfälle ernst zu nehmen, kaprizieren sich Spitäler, Swissnoso und ANQ auf Nebensächliches.

«Ungenügende Noten für Schweizer Spitäler: Das Risiko, im Spital eine Infektion zu erwischen, ist in der Schweiz höher als im Durchschnitt der EU.» Der Artikel mit diesem Titel, der am 28. Oktober im «Tages-Anzeiger», im Berner «Bund» und dann auf Infosperber erschien, löste heftige Reaktionen aus. Einerseits berichteten Dutzende von Leserinnen und Lesern von eigenen schlechten Erfahrungen. Andrerseits fühlten sich die Organisationen Swissnoso und ANQ, die sich seit einigen Jahren bemühen, die Situation zu verbessern, angegriffen. In unzähligen E-Mails und in einer «Replik» weckten sie den Eindruck, das Infektionsrisiko sei nicht so gross wie dargestellt.

Unbestritten
In ihrem Rundumschlag zu ihrer Verteidigung blieben die wesentlichen Fakten unbestritten:

  • Rund 600 Todesfälle und 15’000 Infektionserkrankungen könnte man jedes Jahr vermeiden, wenn in Operationssälen und bei der Wundbehandlung in Schweizer Spitäleren gebotene hygienische Standards eingehalten würden.
  • Das Bundesamt für Gesundheit will 2015 ein nationales Qualitätsprogramm starten mit dem Ziel, die Zahl der Wundinfektionen «wesentlich und nachhaltig zu senken».
  • Im August hat Swissnoso, eine Gruppe von leitenden Hygiene- und Infektionsspezialisten, erstmals einen internationalen Vergleich publiziert, der zeigt, wie häufig es nach bestimmten Operationen zu Wundinfektionen kommt. Diese können noch während des Spitalaufenthalts oder erst nach Austritt aus dem Spital auftreten. Bei diesem Vergleich haben die Schweizer Spitäler schlecht abgeschnitten.

Das schlechte Abschneiden hatte Swissnoso sowie der ANQ, der Nationale Verein für Qualitätsentwicklung in Spitälern, bei Veröffentlichung im August in einem Communiqué relativiert: In der Schweiz habe man die Infektionen, die erst nach Spitalaustritt auftreten, viel gründlicher erfasst als im Ausland. Vor allem deshalb seien die Infektionszahlen in der Schweiz statistisch höher, vielleicht aber nicht in der Realität.
«Mutmassung», «unzutreffend», «unkorrekt»

Ob das stimmt, und ob das Infektionsrisiko für Patientinnen und Patienten in der Schweiz – entgegen des schlechten Abschneidens im Vergleich – doch nicht grösser ist als in einigen andern Ländern, wollte ich als Journalist in Erfahrung bringen. Es lag der 9-seitige «Zusammenfassende Bericht» der Swissnoso vor. Der vollständige Bericht wird als «vertraulich» behandelt. Meine Recherchen ergänzte ich mit einem ausgiebigen E-Mail-Verkehr und Telefonen mit Swissnoso und ANQ.

Der Klartext meines «Artikels» über den Infektionsvergleich mit dem Ausland geriet einigen Spitälern, der Swissnoso und dem ANQ, der u.a. vom Spitalverband finanziert wird, in den falschen Hals. Sie beanstandeten, der Artikel würde die «Patienten verunsichern» und verfassten eine Replik. Unterschrieben war diese von Thomas Straubhaar, dem Präsidenten ANQ, und von Professor Andreas F. Widmer, dem Präsidenten Swissnoso. Mein Artikel sei «missverständlich», zum Teil «unzutreffend» und «unkorrekt» oder blosse «Mutmassung». Kurz: Mein Artikel würde «ein falsches Bild vermitteln», die Infektionsrisiken also aufbauschen.
Der Tages-Anzeiger und der Berner Bund druckten die 3-spaltige Replik ab. Infosperber erhielt die Replik nicht. Doch der ANQ verbreitete sie per E-Mail in der ganzen Branche.

Unterstellung des FMH-Präsidenten
In dieser Replik verlieren Straubhaar und Widmer kein Wort über FMH-Präsident Jürg Schlup, obwohl dieser im «Tages-Anzeiger» und im Berner «Bund» verbreiten liess, es handle sich bei den Schweizer Infektionszahlen um blosse «Schätzungen», die Vergleiche unmöglich machten. Diese Falschaussage und Schlechtmacherei ihrer aufwändigen Arbeit – es handelt sich um mühsam erfasste Statistiken – beanstanden ANQ und Swissnoso in ihrer Replik nicht. Offensichtlich geht es Swissnoso und ANQ weniger um eine Richtigstellung von Fakten als um das Beschönigen des Resultats einer unbequemen Recherche.

Bestrittene Fakten

Am Artikel «Ungenügende Noten für Schweizer Spitäler» kritisieren Straubhaar und Widmer konkret Folgendes:
«Missverständlich»: «Die Aussagen im Artikel…sind missverständlich.» Als Beweis führen die beiden einzig an, ich hätte den Begriff «Spitalinfektionen» verwendet, statt von «Wundinfektionen» zu schreiben.
Richtig ist, dass es nur um Infektionen von Operationswunden geht, und nicht um sämtliche in Spitälern aufgelesenen Infektionen.
«Mutmassung»: «Unangebracht ist die Mutmassung, die Hälfte aller Spitäler habe bei der Erhebung nicht mitgemacht, darunter solche, die ein schlechtes Abschneiden befürchteten
Richtig ist, dass nur 84 Spitäler teilnahmen, was der Hälfte der Spitäler ausmacht, welche die fraglichen Operationen in den Jahren 2010/2011 durchführten. Die Teilnahme war freiwillig. Nicht mitgemacht haben vermutlich solche, die ein schlechtes Abschneiden befürchteten. Letzteres ist eine Mutmassung.
«Nicht korrekt»: «Nicht korrekt ist der Vorwurf der mangelnden Transparenz».
Richtig ist, wie Straubhaar und Widmer in ihrer Replik selber schreiben, dass ANQ und Spitäler vereinbarten, die Resultate ohne Namensnennung der Spitäler zu veröffentlichen. Nicht einmal einen Vergleich zwischen den Gruppen der Universitätsspitäler, Zentrumsspitäler und Regionalspitäler hat Swissnoso veröffentlicht. Nur teilweise transparent ist auch der publizierte Vergleich, weil lediglich eine Zusammenfassung zugänglich gemacht wurde.
«Unzutreffend»: «Unzutreffend ist der Vorwurf, der ANQ habe Faktoren verschwiegen, welche die Schweizer Zahlen noch schlechter aussehen lassen würden.» Diesem Vorwurf begegnen ANQ und Swissnoso mit der allgemeinen Beteuerung, sie hätten sich «verpflichtet, sachlich und fair zu informieren» und würden sich «an den Vorgaben der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften orientieren».
Richtig ist, dass ich Swissnoso schriftlich mit dem Vorwurf konfrontierte, warum ihr Bericht und ihre Medienmitteilung (wörtlich) «lediglich Faktoren erwähnten, welche die Resultate in der Schweiz möglicherweise zu negativ darstellen, und nicht auch Faktoren, welche die Resultate möglicherweise zu positiv darstellen (zum Beispiel wegen der freiwilligen Teilnahme oder der fehlenden externen Kontrollen)». Swissnoso gab darauf keine Antwort, sondern wiederholte, weshalb die Resultate in Wirklichkeit vielleicht besser sein könnten.

Wiederholtes Beschönigen

Wörtlich wiederholte Swissnoso ähnlich wie in der Medienmitteilung: «Infektionen, die erst nach der Spitalentlassung auftreten bzw. erfasst werden, gehen in Deutschland nicht in die Statistik ein». Deshalb weise die Statistik in Deutschland weniger Infektionen aus, so dass die dortigen Spitäler besser wegkommen.
Also alles paletti?
In meinem Artikel ging ich speziell auf Operationen an Dickdarm oder Enddarm ein. Bei diesen Operationen erfasst Deutschland – anders als behaupet – auch Infektionen, die erst nach Spitalaustritt manifest werden, allerdings tatsächlich weniger umfassend. Doch nach Darmoperationen fallen Infektionen, die erst nach Spitalaustritt manifest werden, kaum ins Gewicht. Wegen der relativ langen Verbleibzeit im Spital haben die Schweizer Spitäler nur 20 Prozent der Infektionen erst nach Spitalaustritt erfasst, Spitäler in Deutschland 23 Prozent. «Es leitet sich die Schlussfolgerung ab», schreibt Swissnoso in ihrem eigenen Bericht, «dass die Zahl der im Spital festgestellten Infektionen in der Schweiz vergleichsweise hoch ist». Weil der Vergleich mit dem Ausland bei den Darmoperationen eine «robuste statistische Aussage erlaubt» (Zitat Swissnoso-Bericht) habe ich in meinem Artikel die Folgen ausgerechnet: «Bei den insgesamt rund 9700 Darmoperationen pro Jahr käme es zu fast 400 Infektionen weniger, wenn die Behandlungsqualität in der Schweiz so gut wäre wie in Deutschland, und sogar zu fast 500 weniger, wenn die Qualität auf dem Niveau französischer Spitäler wäre.»

Grund zur Verunsicherung

Fazit: Erika Ziltener, Präsidentin der Patientenstellen, versucht schon seit vielen Jahren als Pionierin, die Öffentlichkeit über die vermeidbaren Infektionsrisiken aufzuklären und die Spitäler für das Problem zu sensibilisieren. Dank der zum Teil freiwilligen Arbeit von Swissnoso liegen jetzt endlich vergleichbare Zahlen über Infektionshäufigkeiten in Schweizer Spitälern vor. Man begann 2007 mit einer Arbeit, die andere Länder schon vor zwanzig Jahren begonnen hatten. Es eilt. Denn Infektionen werden für Operierte zunehmend gefährlicher: Ständig mehr Keime werden gegen Antibiotika resistent. Patientientinnen und Patienten haben durchaus Anlass, sich ein wenig «verunsichert» zu fühlen.

Siehe auch


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Autor des Artikels «Ungenügende Noten für Schweizer Spitäler»

Zum Infosperber-Dossier:

Arztfehler_Schere

Vermeidbare Arzt- und Spitalfehler

In Schweizer Spitälern sterben jedes Jahr etwa 2500 Patientinnen und Patienten wegen vermeidbarer Fehler.

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Wenn Antibiotika nicht mehr wirken

Eine tödliche Gefahr im Spital: Keime, die gegen Antibiotika resistent sind, verbreiten sich seit langem.

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