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Sonnencreme kann schädliche Stoffe enthalten. Weiterschmieren sollte man aber unbedingt trotzdem, sagen Fachleute. © Depositphotos

Kinder noch immer mit verbotenem Weichmacher belastet

Daniela Gschweng /  Ein hormonstörendes Phthalat aus Sonnencreme, das schon vor zwei Jahren im Kinderurin gefunden wurde, ist weiterhin nachweisbar.

2024 schlug das Ergebnis einer Untersuchung durch das deutsche Magazin «Öko-Test» hohe Wellen. In Sonnencreme waren fruchtbarkeitsstörende Phtalate, deren Abbauprodukte sich unter anderem im Urin von Kindergartenkindern wiederfanden. Auch «Infosperber» berichtete.

Zahlreiche Eltern erkundigten sich bei «Öko-Test», ob sie ihre Kinder noch unbesorgt mit Sonnenschutz eincremen dürften. Die Antwort des Magazins und zahlreicher befragter Fachleute: «Ja. Unbedingt». Das Hautkrebsrisiko sei höher einzuschätzen als die östrogenähnliche Wirkung des Weichmachers DnHexP (Di-n-Hexylphthalat). Dieser ist in Deutschland und auch in der Schweiz längst verboten, kommt aber als Verunreinigung in einem UV-Filter namens DHHB vor.

Dem Sonnencreme-Fund ging eine ausführliche Suche voraus. Im Urin von Kindern und Erwachsenen gefunden wurde 2024 nämlich nicht DnHexP, sondern dessen Abbauprodukt MnHexP (Mono-n-hexylphthalat). MnHexP kann auch aus anderen Stoffen entstehen. Ein «Öko-Test»-Versuch mit freiwilligen Testpersonen zeigte, dass DnHexP rasch aufgenommen wird. Nach einer Woche hatten sechs von acht Testenden deutlich erhöhte MnHexP-Werte im Urin.

Erschreckend: Geändert hat sich wenig

Ursache erkannt – Problem behoben, sollte man meinen. Leider nein. 2025 waren waren Kinder und Jugendliche weiterhin mit dem gleichen Weichmacher belastet. Das zeigt eine aktuelle Untersuchung des deutschen Umweltbundesamts (UBA).

Von 259 Urinproben, die im Rahmen einer Gesundheitsstudie untersucht wurden, enthielten 238 Proben MnHexP, also 92 Prozent. Die Proben stammten von Kindern im Alter von 6 bis 17 Jahren und aus den Monaten April bis Juli 2025.

Mit 83 Mikrogramm MnHexP pro Liter Urin und 107 Mikrogramm MnHexP pro Liter Urin überschritten zwei Proben den 2024 von der Human-Biomonitorn-Kommission festgelegten Beurteilungswert von 60 Mikrogramm MnHexP pro Liter deutlich. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung legte die noch tolerierbare tägliche Aufnahmemenge von DnHexP bei 63 Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht fest.

Besonders überrascht habe die Testerinnen und Tester der hohe Anteil belasteter Proben sowie die teilweise sehr hohen Konzentrationen des Phthalats, erklärte UBA-Präsident Dirk Messner Mitte Februar in einer Pressemitteilung.

Sonnencreme als wichtige Quelle

Untersuchungen von Sonnenschutzmitteln zeigten vor zwei Jahren, dass einige Produkte stark belastet waren, während andere trotz desselben Filters DHHB keine Verunreinigung enthielten. «Öko-Test» fand in 7 von 25 getesteten Kindersonnencremes DnHexP. Das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt Karlsruhe fand unterschiedliche Mengen des Weichmachers in 21 von 57 untersuchten Sonnencremes.

Die EU-Behörden haben inzwischen reagiert: Ab 2027 dürfen Sonnenschutzmittel in der EU nur noch maximal 1 Milligramm DnHexP pro Kilogramm Creme enthalten. Technisch machbar seien laut dem Verbrauchersicherheits-Ausschuss der EU noch weniger, nämlich 0,1 Milligramm pro Kilogramm.

Das Hauptproblem ist die Mehrfachbelastung

Das UBA weist auf ein grösseres Problem hin: DnHexP ist nur einer von vielen Weichmachern, denen besonders Kinder und junge Erwachsene gleichzeitig ausgesetzt sind.

Phthalate werden eingesetzt, um Kunststoffe weich und flexibel zu machen. Sie können aus Verpackungen, Kunststoffen, Kosmetika oder Hausstaub in die Umwelt und in den menschlichen Körper gelangen.

Einige Phtalate sind bereits als fortpflanzungsschädigend und hormonstörend bekannt und verboten oder nur eingeschränkt erlaubt. Die Phthalate DiNP, DiDP DnOP, DEHP, DBP oder DIBP sind beispielsweise in Dingen, die Kinder in den Mund nehmen könnten, verboten. Auch in Lebensmittelverpackungen oder Kosmetika sind Phthalate nicht mehr erlaubt. Bei Analysen finden Labors jedoch immer wieder Phthalate in Plastikgegegenständen und Kosmetika.

Frühere Untersuchungen an Kindern und Jugendlichen zeigten bereits, dass die Gesamtbelastung mit mehreren Weichmachern teilweise über einer als tolerierbar eingestuften Aufnahme lag. Deshalb empfehlen Behörden in der EU und der Schweiz, vermeidbare Phthalat-Quellen zu reduzieren. Immer mehr Hersteller verwenden auch phthalatfreie Weichmacher, etwa in PVC-Böden.

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