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Der Bonner Virologe Hendrik Streeck zur Corona-Krise. © Universität Bonn

Hotspot – Corona 2020 in Deutschland

Heinz Moser /  «Hotspot», das Buch des Virologen Hendrik Streeck, umfasst laut Verlagswerbung neuste Ergebnisse zur Corona-Epidemie.

Hotspot von Hendrik Streeck; Bild: piper.de
«Hotspot» von Hendrik Streeck erschien im Verlag Piper.

Die Reise durch das Pandemiegeschehen beginnt mit dem Nachmittag des 21. Januar 2020. Streeck ist rastlos unterwegs: «Ich eilte den Venusberg hinunter, um den Zug nach Brüssel noch zu bekommen. Gerade einmal ein paar Monate war es her, dass ich meine neue Stelle am Institut für Virologie an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn angetreten hatte.» (S. 9) Etwas später kommt er zur Einschätzung: «Die Zeit raste, in einer Woche passierte so viel wie sonst in Monaten nicht.» (S.20)

Das Buch durchmisst auf knapp 200 Seiten die Pandemie in Sieben-Meilen-Stiefeln. Dabei nimmt es schnell Fahrt in eine bestimmte Richtung auf: nach dem nordrhein-westfälischen Landkreis Heinsberg, wo Streeck eine der ersten Corona-Studien in Deutschland durchführte. Der Ausbruch zur Karnevalszeit in Gangelt sei eine einmalige Chance gewesen, Wissen auf vielen Ebenen zu generieren, und vielleicht Lösungen für ganz Deutschland zu entwickeln.

Weltweit an der Spitze sein

Wie Streeck berichtet, sei sein Team das erste gewesen, welches als typisches Symptom für eine Covis-19-Erkrankung Anzeichen für einen Geruchs- und Geschmacksverlust feststellte. Und dann musste es mit der Veröffentlichung schnell gehen. Man wollte nicht auf ein Fachjournal mit seinem  lang andauernden Begutachtungsverfahren warten. Streeck im Buch: «Es war eine Frage der Verantwortung, derart wichtige Erkenntnisse nicht so lange zurückzuhalten, denn schliesslich waren wir weltweit die Ersten, die diese Symptomatik beschrieben» (S. 44). Befriedigt über dieses Vorpreschen heisst es dann eine Seite später: «Das Medienecho war riesig. Weltweit wurden unsere Fallbeschreibungen aufgegriffen und ausführlich besprochen, wie beispielsweise im New Yorker.» Merkwürdig ist allerdings, dass Streeck genau das in seinem Buch eigentlich kritisiert: Das grösste Hindernis sei es, dass die Wissenschaft hochkompetitiv sei: «Immer geht es darum, wer als Erster etwas nachweisen kann.» (S. 83)

Nichts anderes geschieht auch bei der Hauptstudie. Die Datenerhebung startete am 1. April 2020. Und schon am 9. April – noch vor dem anstehenden Ostertermin – wollte man Zwischenresultate der Studie der Presse präsentieren – ein reichlich sportlicher Forschungsplan. An der Presskonferenz erschienen die Wissenschaftler allerdings nicht allein, vielmehr kamen sie im Schlepptau des nordrhein-westfälischen Landesfürsten Armin Laschet, der die Empfehlung der Wissenschaftler dazu nutzte, die Lockerung des damaligen Lockdowns zu fordern. Streeck bestätigt: «Die Staatskanzlei in Düsseldorf wollte eine Presskonferenz abhalten – und das so schnell als möglich» (S. 106).

Shitstorm um Streeck

Doch die Pressekonferenz endete für Streeck im Desaster. Er bezeichnet das Echo als «Shitstorm».  Wie er in seinem Buch berichtet, schien erst alles gut zu laufen. Streeck fuhr nach Köln und wurde der Sendung «Markus Lanz» zugeschaltet, gab den «ARD-Tagesthemen» und dem «RTL-Nachtjournal» Interviews. Doch zu seiner Verwunderung wurde er fast gleichzeitig aus dem «Heute-Journal» des ZDF ausgeladen.

Den Grund dafür sei sein Berliner Kollege Christian Drosten, der zugeschaltet wurde, um die Heinsberg-Studie zu kommentieren. Streeck: «Der Beitrag zur Heinsberg-Studie wurde mit den Worten ‘Auf dünnem Eis’ angeteasert, und Moderator Claus Cleber fragte Drosten nach der frühen, ‘unorthodoxen’ Veröffentlichung unserer Zwischenergebnisse» (S. 123). Seit dieser Episode schwelt der Gipfelstreit bei den deutschen Virologen.

Drosten steht mit Angela Merkel auf der Seite der Warner, während Streeck – damals mit Support von Arnim Laschet, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, die These populär machte, dass man mit dem Virus leben lernen müsse. Man kann sich allerdings fragen, wie unterschiedlich die Positionen der Chefvirologen wirklich sind, oder ob es nicht Fragen des eigenen Egos sind, die im Vordergrund stehen.

Verfilzungen mit Politik und PR

Zum Shitstorm um Streeck führte die Zusammenarbeit mit der PR-Agentur Storymachine, die von Kai Diekmann, einem ehemaligen Chefredakteur der Welt am Sonntag mitgegründet worden war. Dies enthüllte die Zeitschrift «Capital» wenig später. Die eilige Veröffentlichung des Zwischenberichts und die Nähe zur NRW-Landesregierung führten zu Diskussionen, wie unabhängig die Wissenschaft noch sei.

Leider artikuliert Streeck in seinem Buch lediglich wortreich sein Unverständnis zu den Vorwürfen:

«Ein Vorwurf lautete, Storymachine habe ein Script für den Twitterkanal geschrieben, um die Politik zu beeinflussen. Alles kulminierte in der Aussage, Storymachine habe sich gemeinsam mit der Landesregierung und einzelnen Glasfaserfirmen einen Wissenschaftler gesucht, der die Pandemie verharmlose, und damit Argumente für eine rasche Lockerung der Kontaktbeschränkungen geliefert. Absurd: Ich hätte mich also über Storymachine vor den Karren der Wirtschaft spannen lassen und Laschet ein Konzept präsentiert, damit er den Lockdown zu Fall brächte.» (S. 127).

Streeck muss sich tief verletzt gefühlt haben. In seinem Buch betont er immer wieder, wie seine Studie ein weltweites Echo erhalten habe, und dass er mit der Heinsberg Studie die ersten Daten zu Covid-19 in Deutschland geliefert habe. Für ihn spricht, dass er nach allen Quellen wirklich der erste Wissenschaftler war, der in Deutschland auf Geschmack- und Geruchsstörungen als Anzeichen von Covid-19 hingewiesen hatte.

Bis heute sieht sich Streeck als Opfer einer schleichenden Politisierung des Virus: «Anstatt eine vorbehaltlose Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Positionen und Vorschlägen zu fördern, denkt die Politik in Lagern und grenzt kritische Stimmen aus.» (S. 159).  So wirft er in den Medien der deutschen Bundesregierung vor, die Experten zur Beratung einseitig auszuwählen. In einem Interview mit der «Welt» (30.1.2021) berichtet er davon, wie er bei den Beratungen über den Lockdown der zweiten Welle einen Anruf erwartete und übergangen wurde: «Ich hatte am Donnerstag vor diesem Termin ein Telefonat mit einem Ministerpräsidenten, der mich oder den Epidemiologen Klaus Stöhr in die Beratung holen wollte, und habe mir den entsprechenden Montag freigehalten.»

Zu viel Heinsberg

Das Buch von Streeck ist leider zu stark vom Heinsberg-Fall geprägt. Gefühlte zwei Drittel des Inhalts ranken sich um die Rechtfertigung für seine Heinsberg-Studie. Das geht zulasten des Raums für den versprochenen aktuellen Überblick zur Pandemie. Leider bleibt der Autor hier oft unpräzise und wiederholt nur, was aus diversen Talkshows und Medienberichten hinlänglich bekannt ist. Ausführlich wird im Buch nur die eigene Heinsberg-Studie referiert, die Zusammenfassung der internationalen Forschung zu Covid-19 bleibt bei pauschalen Aussagen stehen wie: «Es gibt immer mehr Studien zu der Frage, ob die Kinder die Treiber im Infektionsgeschehen sind, doch bislang ohne eindeutiges Ergebnis.» (S. 55). Vom Buch eines führenden Epidemiologen würde man erwarten, dass vertiefende Erklärungen und neue Informationen nachgereicht werden. Ähnlich unpräzise bleiben Informationen zur Frage, ob in Restaurants Übertragungen des Virus stattfinden. Dazu der Originalton von Streeck: «So konnten Studien zeigen, dass rund 15 Prozent der Neuinfektionen auf Pubs und Restaurants zurückzuführen sind.» (S.156). Leider erfährt man weder, was das für Studien sind, noch woher sie stammen.

Unter dem Wert verkauft

In einigen Passagen deutet sich an, wie viel mehr mit dieser Publikation zu erreichen gewesen wäre. Die These Streecks, dass man sich auf ein Leben mit dem Corona Virus einrichten müsse, ist ja nicht von der Hand zu weisen. Trotz allem Impfen weiss man heute nicht, was die Zukunft bringt. Bei den langfristigen Überlegungen zu Covid-19 könnte es hilfreich sein, dass Hendrik Streeck nicht einfach Labor-Wissenschaftler ist, sondern sich als Schwerpunkt seit seiner Studentenzeit mit der HIV-Bekämpfung befasste. Sein Ausgangspunkt: Bei HIV ist es bis heute nicht gelungen, einen Impfstoff zu entwickeln. Von hier stammt seine These, mit dem Virus leben zu müssen.

Das muss nicht als mutlos und pessimistisch verstanden werden. Schritt für Schritt gelang es bei HIV, der Krankheit ihre tödliche Schärfe zu nehmen: Jahrzehntelange Anstrengungen in der Forschung führten dazu, dass Menschen mit HIV heute ein fast normales Leben führen können. Auf dem Hintergrund dieser gelebten Erfahrungen hätte Streeck viel zum Umgang mit Pandemien beitragen können.

Noch ein zweiter Ansatz des Buches könnte wegweisend sein. Aus seinen Erfahrungen mit HIV in Afrika beleuchtet er die globalen Hintergründe der Pandemie. Seine Zeit in Afrika habe seine Perspektive als Virologe und Arzt stark geprägt und dabei sei auch sein Wunsch entstanden, breiter und international vernetzt zu arbeiten. Doch auch die Ausführungen zu dieser globalen Perspektive sind auf wenige Seiten beschränkt.

Mittlerweile hat Streeck mit Wolfgang Winter übrigens einen neuen PR-Berater angeheuert. Das Ziel der Zusammenarbeit: «Wissenschaft so zu kommunizieren, dass sie nachvollziehbar wird und eine Orientierung anbietet» (vgl. KressNews vom 17.11.2020). Sein Buch zeigt, dass da noch Luft nach oben ist.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine.

Zum Infosperber-Dossier:

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Coronavirus: Information statt Panik

Covid-19 fordert Behörden und Medien heraus. Infosperber filtert Wichtiges heraus.

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3 Meinungen

  • Avatar
    am 8.03.2021 um 15:34 Uhr
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    Dr Schnäller isch dr Gschwinder!

    Das ist genau das Problem bei dieser P(l)andemie.
    Diese Impfungen wurden im Schnellverfahren durchgepeitscht.

    Gut gibt es noch kritische Stimmen wie Dr. Streek, Dr. Wodarf, Dr. Bhakti.
    Und in der Schweiz Dr. A. Heisler oder Dr. Riggenbacher.
    Leider herrscht in der Schweiz auch Zensur und kritischen Ärzten wird die Approbation entzogen.
    Aber es werden immer mehr kritische Stimmen laut.

    3
  • Avatar
    am 9.03.2021 um 01:19 Uhr
    Permalink

    Herr Hendrik Streek – ein Herr Professor mit einem sehr verletzlichen Seelchen –
    weil noch etwas jung halt und sehr emotional!

    Der für sich nicht gelten lassen mag, was für uns alle normal ist:
    wer sich zu früh, zu laut zu Wort meldet – und daher nicht zu Ende dachte,
    bevor er „hervorsprudelte“, bekommt halt was um die Ohren!

    Was ich ihm – und fast allen seiner Kollegen – aber ernsthaft vorwerfe, ist, dass es anscheinend allen diesen Herren sehr wohl tut, sich öffentlich äussern zu dürfen und Regierungen zu beraten, wärend anscheinend es fast keinen dieser Herren Professoren interessiert, uns, dem Volk, auch nur ein klein wenig hilfreichen Rat zu sinnvoller Selbst-Hilfe zu geben?

    Freundliche Grüsse – und alles Gute !
    Wolfgang Gerlach, Ingenieur

    1
  • Avatar
    am 29.03.2021 um 00:22 Uhr
    Permalink

    Hier in Deutschland geht es wirklich richtig übel zu, denn wenn einer der vielen Experten, von denen man vor Coraona nie etwas gehört hat, sich plötzlich gegenseitig das Wasser abgraben wollen, statt sich zusammenzusetzen um das Problem gemeinsam zu lösen, wird mir ganz anders. Jeder für sich leidet offenbar an einem ausgeprägten Narzissmus, wie er nicht schlimmer sein kann. Jeder will der erste sein und niemand gönnt dem anderen das schwarze unter den Fingernägeln. Diese angeblich klugen Menschen sind Egomanen reinster Sorte, die gar nicht auf die Idee kommen, sich mal zusammenzuraufen, um das Problem gemeinsam zu lösen. Man würde sich sogar darüber streiten, wessen Name denn als erstes auf dem Studienergebniss stehen sollte.
    Dümmer gehts nimmer! Und ob nun ein Prof. Dr. Streek ein Buch schreibt oder nicht, dient es doch nur der Selbstdarstellung; was ist so wichtig daran, ob er den Zug nach Brüssel noch bekommen hat?
    Vermutlich könnte von diesem Buch 2/3 gestrichen werden, weil lediglich 1/3 etwas zum Virus gesagt wird.
    Statt nun von einem Studio zum anderen zu tingeln, hätte er besser im Labor arbeiten können, um eine Lösung zu finden. Wenn da doch bloß nicht dieses verdammte Ego wäre…
    Wie heißt das in Norddeutschland so schön: Weniger sabbeln (reden) und mehr arbeiten; vom sabbeln erledigt sich keine Arbeit.

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