Sperberauge

Höchste Zeit, die (vermutete) Übersterblichkeit zu untersuchen

Lupe © Depositphotos

Martina Frei /  Zwei renommierte Epidemiologen fordern eine Ursachensuche. Andernfalls würden die Spekulationen wohl weitergehen.

Carl Heneghan und Tom Jefferson sind zwei weltweit bekannte Epidemiologen. Heneghan leitet das «Centre for Evidenced-Based Medicine» in Oxford, Jefferson ist der Epidemiologe, der mithalf, die Skandale um den Schweinegrippe-Impfstoff Pandemrix und das Grippemittel Tamiflu aufzudecken. (Infosperber berichtete). 

Nun haben sich beide auf einer Website namens «Trust the Evidence» – auf deutsch etwa «Vertraue den Beweisen» – zu Wort gemeldet. In den letzten drei Monaten sei die Anzahl der Todesfälle in England und Wales die meiste Zeit überdurchschnittlich hoch gewesen, schreiben die zwei Wissenschaftler. Das gelte für zwölf der letzten 14 Wochen. 

In dieser Zeit starben dort 17’233 Personen mehr als im Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019 und 2021. 4’716 dieser Menschen seien gemäss der offiziellen Statistik an Covid-19 gestorben. 

Seit der 17. Kalenderwoche, also der letzten Aprilwoche 2022, seien die Sterbezahlen merklich höher als in jedem der letzten sieben Jahre – ein Zeichen, dass irgendetwas nicht stimme.

Grafik Todesfälle in England und Wales
In dieser Grafik werden die Todesfälle im Jahresverlauf dargestellt. Ganz oben beginnt das Jahr mit Woche 1, von dort wird die Linie im Uhrzeigersinn weitergeführt. Eine starke Zunahme an Todesfällen ist im Frühling 2020 (rote Linie) zu erkennen. Die schwarz gepunktete Linie zeigt die bisherige Anzahl der Todesfälle im Jahr 2022. Mit Ausnahme des Jahres 2020 ist sie im Vergleich zu den Vorjahren seit einiger Zeit höher.

Mehr als nur eine zufällige Schwankung

Bei einem substanziellen Anstieg an Todesfällen, der den Anschein erwecke, dass er mehr als nur eine zufällige Schwankung sei, «sollten wir die möglichen Gründe prüfen», finden Heneghan und Jefferson. Diesen Punkt habe man jetzt wohl erreicht – doch von offizieller Seite werde nichts unternommen, um eine Untersuchung zu veranlassen. Damit stelle sich die Frage, warum diese Daten überhaupt gesammelt würden. So würden die Spekulationen über die möglichen Gründe für die Übersterblichkeit wohl weitergehen, folgern Heneghan und Jefferson.

Auch die Schweiz verzeichnet laut dem Bundesamt für Statistik bei den Personen ab 65 Jahren eine Übersterblichkeit:

Grafik Todesfälle Schweiz
Die roten Linien in dieser Grafik des Bundesamts für Statistik zeigen die Zeitabschnitte, in denen die Todesfälle in der Schweiz den erwarteten Wert überstiegen oder unterschritten. Der graue Bereich markiert die erwartete Bandbreite.

Für Europa meldet «Euromomo» Ähnliches:

Grafik Euromomo
Auch in Europa überschreitet die Anzahl der Todesfälle bei Senioren über weite Zeitabschnitte den sonst üblichen Bereich. Die oberste Grafik zeigt die Todesfälle im Zeitverlauf bei den 65- bis 74-Jährigen. Wenn die blaue Linie die rote, gestrichelte Linie übersteigt, gilt dies als Übersterblichkeit.

Auf die Frage nach den Gründen und was man dagegen unternehme, verweist das BAG an das Bundesamt für Statistik. Dieses wiederum weist darauf hin, dass es dafür zuständig sei, grundlegende Daten zur Verfügung zu stellen, nicht aber Studien zur Kausalität zu initiieren.

Die Spekulationen über die möglichen Ursachen sind zahlreich: Covid-bedingte, aber nicht erfasste Todesfälle, indirekte Folgen der Pandemiemassnahmen, Impfschäden, hitzebedingte Todesfälle, falsche Berechnung der Übersterblichkeit, überfordertes Gesundheitswesen… Es könnten auch mehrere Gründe zugleich in Frage kommen, die sich zudem im Zeitverlauf verändern könnten.

Derweil hat der französische Staatspräsident Emmanuel Macron die Pandemie nun für beendet erklärt.  


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine.
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Zum Infosperber-Dossier:

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Coronavirus: Information statt Panik

Covid-19 fordert Behörden und Medien heraus. Infosperber filtert Wichtiges heraus.

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5 Meinungen

  • am 30.08.2022 um 12:00 Uhr
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    Danke, es braucht endlich Klarheit. Wir schulden den Verstorbenen eine vorbehaltlose Aufklärung. Ebenso denjenigen, die ihre Lieben verloren haben. Ohne geschwärzte Dokumente, mag die Realität auch noch so schmerzlich sein. Viele Fachpersonen welche gewaltfrei Argumentiert haben, wurden mit verbaler Gewalt ausgegrenzt. Eine Schande für eine Demokratie und Konsensgesellschaft. Danke für diesen Beitrag.

    0
  • am 30.08.2022 um 13:29 Uhr
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    Da lärmen doch sämtliche Alarmglocken und Sirenen von allen Dächern: auch in D und Ö gibt es kein offizielles Interesse an einer profunden Untersuchung einer möglichen Übersterblichkeit. Teilweise wird mit Verweis auf Hitzetote abgewiegelt (nur kommen die rechnerisch hier noch obendrauf). Von der vorher viel beschworenen und als Ausrede für jedwede noch so unsinnige Maßnahmen gebrauchten «Solidarität» spürt man hier leider nichts. Die Gesundheitsfürsorge scheint nicht ihrem Zweck sondern der Politik zu folgen. Ginge es wirklich um unsere Gesundheit, um Menschenleben, um Vermeidung einer neuen Gefahr, wären längst großangelegte Untersuchungen und bessere Zahlen am Tisch. Das BAG darf sich zum RKI in D und zur AGES in Ö gesellen – es herrscht der gleiche verdruckste, wortkarge, redundante, überhebliche Stil, wenn einmal intensiv nachgefragt wird.

    0
  • am 30.08.2022 um 14:27 Uhr
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    Bei genauer Betrachtung ist die Zeit vor der 17. KW statistisch sehr schwierig zu beurteilen, denn nach wie vor gab es nur wenige Grippetote im Gegensatz zu den Vorjahren. Berücksichtigt man dies, gibt es für das gesamte bisherige Jahr 2022 (BRD) eine hohe Übersterblichkeit (wie vermutlich auch anderswo), die nicht auf Corona beruht. Abgesehen vom (mit PEI-PM begründeten) spekulativen Titel wird gemäß Link unten das Jahr 2021 nach exakt der Methodik und den Daten von destatis dargestellt, was sie in der Form nicht machen, obwohl es trivial ist. Es kann im Diagramm gesehen werden, weshalb der Jahresanfang 2022 kritisch ist, denn wie bereits angedeutet gab es trotz vieler Coronatote eine Untersterblichkeit im Februar/März 2021 (mit der Fortsetzung in 2022) wegen vermiedenen Grippetoten:
    https://tkp.at/2022/05/22/45-000-impftote-in-deutschland-2021/
    Mit Gruß aus Deutschland

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  • am 1.09.2022 um 19:31 Uhr
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    Und was schliessen wir daraus? Sobald man nachdenken und der Sache auf den Grund gehen müsste oder gar Problemlösungen vorschlagen, sind unsere Bundesämter am Limit. Und politisch kann man auch keine Kränze gewinnen, wenn man ein Problem beschreiben und analysieren muss und man es nicht einfach plakativ breitschlagen kann.
    Also sterben die Leute weiter, so wie das normal ist im Leben und kein Hahn kräht danach.

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  • am 1.09.2022 um 21:50 Uhr
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    «Auf die Frage nach den Gründen (für die Übersterblichkeit) und was man dagegen unternehme, verweist das BAG an das Bundesamt für Statistik.» Hier machen sich offensichtlich Bundesangestellte über uns lustig… dürfen sie auch, denn sie kommen ja durch damit

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