NYT.6.8.21.Schlagzeile

Schlagzeile auf der Frontseite der New York Times: «Keine Arbeit, kein Essen: Die Pandemie verschärft das globale Problem des Hungers. © NYT

Keine Arbeit, kein Geld zum Essen: Corona verursacht Hunger

Christa Dettwiler /  Corona-Epidemie und Corona-Massnahmen haben weltweit bisher sieben Millionen mehr Menschen fast verhungern lassen.

Die Corona bedingte Wirtschaftskrise hat jene Menschen auf unserem Planeten am schwersten getroffen, die vorher schon von der Hand in den Mund lebten. In Südafrika und anderen Ländern werden sie über den Rand gestossen. 

Laut eines Berichts der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation sind schätzungsweise 270 Millionen Menschen in diesem Jahr von lebensbedrohender Nahrungsknappheit bedroht. Vor der Pandemie waren es 150 Millionen. Die Analyse rechnet vor, dass die Anzahl Menschen, die am Rande des Verhungerns stehen, im Vergleich zum letzten Jahr von 34 auf 41 Millionen gestiegen ist.

Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen hat Ende Juli in einem gemeinsamen Bericht mit der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation Alarm geschlagen. Sie warnten, dass «über die nächsten vier Monate Konflikte, die ökonomischen Auswirkungen von Covid-19 und die Klimakrise in 23 besonders gefährdeten Regionen die akute Nahrungsunsicherheit erhöhen werden» – in Afrika, aber auch in Zentralamerika, Afghanistan und Nordkorea.

Hunger 2021 Welt.
Je dunkler die Farbe, desto mehr Millionen Menschen, die sich kaum minimal ernähren können, fehlernährt sind oder vor dem Verhungern stehen. Szene aus Südafrika. Grössere Auflösung der Grafik hier.

Aus der Analyse des Welternährungsprogramms

Seit Jahren nimmt die Zahl der Hungernden weltweit zu. Arme Länder haben gleich mit mehreren Krisen zu kämpfen, von bewaffneten Gruppen bis zu extremer Armut. Der Klimawandel – anhaltende Dürren und Überschwemmungen – verschärft die Lage zusätzlich. Dabei sind die einzelnen Staaten mit der Krisenbewältigung völlig überfordert. Massiv verstärkt haben diese Krisen die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie. Jede neue Welle der Virus-Erkrankungen zerstörte insbesondere das informelle Sicherheitsnetz auf dem afrikanischen Kontinent, das die Ärmsten auffängt, wenn Regierungen versagen – finanzielle Hilfe von Verwandten, Freunden, Nachbarinnen. Heute ist Hunger das entscheidende Element des wachsenden Grabens zwischen reichen Ländern, die zur Normalität zurückfinden und armen Nationen, die noch tiefer in die Krise rutschen. 

«Ich habe die Lage weltweit nie so verheerend gesehen wie gerade jetzt», sagte Amer Daoudi, der Einsatzleiter des Welternährungsprogramms, gegenüber der New York Times. «Normalerweise gibt es gleichzeitig zwei, drei, vier Krisen wie Konflikte oder Hungersnot. Aber jetzt sprechen wir über eine ganze Anzahl signifikanter Krisen rund um die Welt.»

Während des letzten Jahres haben etwa in Südafrika drei verheerende Epidemie-Wellen Zehntausende Haupternährer ausgelöscht. Familien bleiben ohne Einkommen und können keine Nahrung mehr kaufen. Durch die monatelangen Schulschliessungen fielen auch die Gratisessen für rund neun Millionen Schülerinnen und Studierende weg. Ein strikter Lock-down im letzten Jahr hat die informellen Essensverkäufer aus den Townships vertrieben. Viele der Ärmsten mussten lange Distanzen zurücklegen, um Lebensmittel zu beschaffen. 

Geschätzte drei Millionen Südafrikaner haben ihre Arbeit verloren. Die Arbeitslosenrate ist auf ein Rekordhoch von 33 Prozent gestiegen. In ländlichen Gegenden haben jahrelange Dürren das Vieh vernichtet und das Einkommen der Bauern dezimiert. Trotz minimaler Regierungshilfe waren Ende letzten Jahres rund 40 Prozent aller Südafrikaner vom Hunger betroffen. 

Beispiele zweier betroffenen Familien

Wie schnell Netze und Existenzen zusammenbrechen können, zeigen zwei Beispiele, welche die New York Times dokumentierte. Vor der Pandemie herrschte in der Township Duncan Village, in der Provinz Ostkap jeden Morgen Hochbetrieb, wenn sich die Menschen zur Arbeit ins nahe East London aufmachten – ein Industriezentrum für Automontage, Textilien und Nahrungsmittelverarbeitung. «Wir hatten immer genug», sagte Anelisa Langeni am Küchentisch ihres Hauses, in dem sie mit ihrem Vater und ihrer Zwillingsschwester wohnt. Etwa 40 Jahre arbeitete ihr Vater als Maschinenführer bei Mercedes-Benz. Als er sich zur Ruhe setzte, hatte er genug verdient, um zwei weitere Einfamilienhäuser zu bauen. Mit der Vermietung hoffte er, seinen Kindern finanzielle Sicherheit zu verschaffen. Die Pandemie hat diese Hoffnung zerstört. 

Innerhalb weniger Wochen des ersten Lockdowns verloren die Mieter ihre Arbeit und konnten ihre Mieten nicht mehr bezahlen. Dann wurden Anelisa Langeni und ihre Schwester von ihren Arbeitgebern freigestellt. Die 120 Dollar-Rente ihres Vaters musste nun für alle reichen. Im Juli kollabierte der Vater mit Husten und Fieber und starb wohl an Covid-19 auf dem Weg ins Spital. Die Töchter fanden keine Arbeit und baten zwei ältere Nachbarinnen um Hilfe. Eine teilte Maismehl und Gemüse mit ihnen, das sie mit der Rente ihres Mannes kaufte. Die andere half ebenfalls mit Lebensmitteln aus, die sie von ihrer Tochter erhielt. Als letzten November eine neue Virus-Variante die Provinz heimsuchte, starb der Mann der einen Nachbarin. Die Rente blieb aus. Einen Monat später starb auch die Tochter der anderen Nachbarin am Virus.  

200 Meilen weiter westlich, in der Karoo Region, hat eine achtjährige Dürre die Folgen der Corona-Krise noch verschärft. Das einst grüne Land ist grau und staubig. Der 70jährige Zolile Hanabe sieht aber nicht nur das Land verdorren. Mit seinen Ersparnissen leaste der ehemalige Schuldirektor eine Farm, kaufte fünf Rinder und zehn Ziegen. «Ich dachte, diese Farm ist mein Vermächtnis, das ich an meine Kinder weitergeben kann.» 2019 verschlimmerte sich die Dürre, der Fluss trocknete aus, die Vegetation verdorrte, ein Teil der Tiere starb. Zolile Hanabe musste Futter für seine mittlerweile angewachsene Tierschar zukaufen, was ihn jeden Monat 560 Dollar kostete. 

Die Pandemie hat seine Lage noch verschlimmert. Um das Infektionsrisiko zu senken, entliess er zwei seiner drei Helfer. Die Futterhändler entliessen ebenfalls Angestellte und erhöhten die Preise. «Vielleicht könnte ich eine der beiden Krisen bewältigen», sagte Hanabe. «Aber beide?»


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Vorschlag einer Sondersteuer für Superreiche

Red. – Die Entwicklungshilfeorganisation Oxfam Deutschland hat kürzlich vorgeschlagen, die Gewinne, die Milliardäre während der Pandemie gemacht haben, mit 99 Prozent zu besteuern und diese Steuergelder zu verwenden, um die Covid-19 Impfungen zu finanzieren sowie jedem Arbeitslosen weltweit 20’000 Dollar zu spenden. Die Argumentation von Oxfam:

«Die einmalige Steuer würde 5,4 Billionen US-Dollar in die öffentlichen Kassen spülen. Die 2.690 Milliardär*innen, die es auf der Welt derzeit gibt, wären zusammen dann immer noch 55 Milliarden US-Dollar reicher als vor Ausbruch des Virus. Sie verfügten Ende Juli 2021 über ein kollektives Nettovermögen von 13,5 Billionen US-Dollar – acht Billionen mehr als zu Beginn der Pandemie. Das Vermögen von Amazon-Gründer Jeff Bezos stieg während der Pandemie um 79,4 Milliarden US-Dollar auf 192,4 Milliarden. Seit Beginn der Pandemie sind 325 neue Milliardär*innen in den Club der Superreichen hinzugekommen. Das entspricht etwa einem neuen Milliardär pro Tag.»

Oxfam beruft sich dabei auf die «Forbes-Reichenlisten» und legt einen Preis von 7 Dollar pro Impfdosis zugrunde. «Der Milliardär Jeff Bezos könnte mit seinem Reichtum persönlich dafür sorgen, dass ausreichend Impfstoff für alle Menschen auf der Welt vorhanden ist. Doch er gibt sein Geld lieber für einen aufregenden Flug ins All aus. Regierungen lassen es zu, dass eine Handvoll Superreicher obszönen Reichtum anhäuft, während Milliarden Menschen um ihre Existenz kämpfen und keinen Zugang zur rettenden COVID-19-Impfung haben», kritisierte Tobias Hauschild, Experte für Entwicklungsfinanzierung bei Oxfam Deutschland, in einer Pressemitteilung

Zum Infosperber-Dossier:

Hunger

Hunger und Fehlernährung weltweit

Alle Menschen auf der Erde können sich nicht so ernähren wie wir. Der Kampf um fruchtbare Böden ist im Gang.

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7 Meinungen

  • am 26.08.2021 um 12:44 Uhr
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    Eine Milliarde Vermögen bei 80 Jahren Lebens-Erwartung im Lauf eines Lebens zu verbraucben würde heissen, dass man jeden Monat etwa 1 Million ausgeben könnte .

    Wieviel mehr an Lebens-Qualität könnte man sich für noch mehr Vermögen wohl noch erkaufen ?! ?! ?!

    Geld sollte nicht grenzenlos gehortet werden können, sondern «arbeiten dürfen». Für eine bessere Welt -vor Allem für die der Ärmten, die sich weder satt essen noch sauberes Wasser trinken können..

    Wenn ich der mächtigste Mensch der Welt wäre, würde ich alles daran setzten, den maximal erreichbaren Reichtum sinnvoll zu begrenzen. –

    Einerseits weil ES den Super-Reichen keinen persönlich fühlbaren Mehr-Nutzen bringt,
    ihren Berg Gold in den Himmel wachsen zu lassen. –

    Vor Allem aber, damit es keine milliarden-fache, bitterste Armut und Elend und Not und elendes Verrecken mehr gibt !

    Wie DAS zu realisieren wäre ? ? ?
    Wenn unsere Regierungen diesbezüglich so «wendig» wären, wie diese
    «im Zusammenhang mit Corona» fast täglich neu beweisen,
    hätte man sicher nach 2-3 Jahren «Probieren» einen guten Weg gefunden !

    wolfge
    scheinbar.org

    0
  • am 26.08.2021 um 13:06 Uhr
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    Da werden verschiedene Ursachen vermengt: Naturkatastrophen, Kriege, Korruption, die Pandemie und die Lockdowns. – Ein Haupttreiber dieses Genozides sind zweifellos diese Corona-Restriktionen, allen voran diese Lockdowns. Wenn wir sehen wie kaltschäuzig diese politisch verursachten Kollateralschäden hingenommen werden, dann müssen wir uns nicht wundern, wenn solche genozid-ähnliche Kollateralschäden auch bei der aktuellen Impfkampagne und der Installation einer Impfapartheid in Kauf genommen werden. Zuständig und verantwortlich ist niemand. Wer ist das «BAG», die «Regierung» die «Pharma» etc? – Nichts anderes als intransparente, anonyme und unzugängliche Begriffe. Die einzige Verantwortung die noch zählt ist die Eigenverantwortung.

    0
  • am 26.08.2021 um 15:20 Uhr
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    Es geschah genau das, was die Kritiker dieser bescheuerten Corona-«Massnahmen» immer voraus gesagt haben. Wann hört der kriminelle Unsinn dieser «Massnahmen» endlich auf?

    0
  • am 26.08.2021 um 16:03 Uhr
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    Wenn die Corona-Krise menschengemacht ist, um die Weltbevölkerung zu optimieren – was ja als Hypothese immer wieder herumgeistert – dann wäre das sozusagen ein Pflasterstein auf dem Weg zum Erfolg.

    0
  • am 26.08.2021 um 17:03 Uhr
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    Ein sehr informativer Artikel.
    Der Titel ist ein wenig einseitig. Selbstverständlich verursacht das Virus auch direkt Hunger. Ziemlich sicher aber sind die Massnahmen dagegen, welche viele Menschen um ihr Einkommen gebracht haben, bedeutender.
    In Südafrika sind bis heute pro Million Einwohner gemäss worldometers.info 1337 Menschen gestorben. Dass in engster Nachbarschaft gleich mehrere Menschen am Virus gestorben sind, ist sicher in Einzelfällen vorgekommen, aber für das Land bestimmt nicht representativ. Der Lockdown aber hat tatsächlich alle betroffen.

    Die reichen Länder handeln in der Coronakrise sehr egoistisch. Teils, indem sie alle Impfdosen für sich zusammenraffen, um im eigenen Land alles zu impfen, was sich bewegt. Gravierender hingegen dürfte sein, dass sie der Welt eine Linie vorgegeben haben, die für reiche Länder wohl tragbar war (auch wenn der Nutzen völlig unklar bleibt), die für arme Länder aber ein absolutes Desaster mit darstellte.

    0
  • am 26.08.2021 um 20:43 Uhr
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    Nun ich sehe das etwas anders.
    Zitat: Keine Arbeit, kein Geld zum Essen: Corona verursacht Hunger.
    Es ist nicht Corona das Hunger verursacht.
    Es sind die Weltweiten Maßnahmen und der Umstand wie bzw. das sie Durchgesetzt werden.
    Wenn ich Tagelöhner daran hindere ihr täglich Brot zu verdienen kann wohl kaum ein Fakevirus
    am Hunger schuld sein.
    Für mein dafür halten ist dies genau so gewollt.

    0
    • am 27.08.2021 um 17:05 Uhr
      Permalink

      Es ist kein Fake-Virus. Das ist schon echt. Aber es ist nicht so gefährlich, wie es die Regierungen darstellen.
      Ich teile Ihre Einschätzung, dass in Armen Ländern die Coronamassnahmen mehr Opfer gefordert haben als das Virus. Und die Armut wird auch nicht so rasch wieder verschwinden wie das Virus.

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