Global Terrorism Index 2020

Durch Terrorismus kamen in den vergangenen Jahren weniger Menschen zu Schaden. Eine Entwarnung ist das nicht. © copyright Institute for Economics & Peace

Weniger Terror-Tote weltweit – doch es droht Gefahr von rechts

Daniela Gschweng /  Der globale Terrorismus hat in den letzten fünf Jahren kontinuierlich abgenommen. Doch es gibt neue Gefahren.

Der weltweite Terror geht zurück. Terrorismus konzentriert sich auf weniger Länder und fordert weniger Menschenleben. Mit dem Fall des sogenannten «Islamischen Staates» (IS) hat die Zahl der Toten und der Einfluss von Terrororganisationen abgenommen. Dies allerdings vor dem Hintergrund, dass die 2010er-Jahre ein Jahrzehnt des Terrors waren, berichtet der «Global Terrorism Index», der jährlich vom «Institute for Economics and Peace» herausgegeben wird.

Nur ein sehr kleiner Teil aller Terroropfer starb in den letzten fünf Jahren in westlichen Ländern, der grösste in Konfliktgebieten wie Afghanistan und Somalia. In Nordafrika und dem Nahen Osten hat die Zahl der Todesopfer zwischen 2016 und 2019 um 87 Prozent abgenommen. Die grösste Wahrscheinlichkeit, an den Folgen eines Terroranschlags zu sterben, besteht nach wie vor in Afghanistan.

Der islamistische Terror verlagert sich nach Süden

Zum Aufatmen ist es zu früh. Die verbliebenen Aktivitäten des IS haben sich in Länder in Subsahara-Afrika verlagert, wo auch andere islamistische Gruppen wie Boko Haram und Al Shabab aktiv sind. Am meisten zugenommen haben terroristische Aktivitäten in Äthiopien, Burkina Faso, der Demokratischen Republik Kongo, Kamerun, Mali, Mosambik und Niger.

Am stärksten von Terrorismus betroffen sind Länder, die in mindestens einen Konflikt verwickelt sind, analysiert der Report. Auch der Druck durch ökologische Umstände trage zunehmend zum Terrorrisiko bei. Die meisten Todesopfer gab es 2019 in Sri Lanka.

Im Westen wächst die Bedrohung durch Rechtsterror

Dazu registriert «Institute for Economics and Peace» eine zunehmende Bedrohung durch Rechtsterrorismus in der westlichen Welt, wozu das Institut die nord- und westeuropäischen Länder, die USA, Kanada, aber auch Australien und Neuseeland zählen. In fast jedem Jahr seit 2002 gab es im Westen gemäss deren Recherchen mehr politisch als religiös motivierte Terroranschläge.

Welche Eigenschaften rechtsterroristische Organisationen haben und welche Ideologien sie vertreten, lässt sich nicht scharf abgrenzen. Dazu zählen beispielsweise anti-islamische und antifeministische Bewegungen, am rechten Rand angesiedelte politische Gruppen, das Incel-Movement, Anti-LGBT-Aktivitäten, Neofaschisten und migrantenfeindliche Gruppen. Nicht jede Gruppe mit diesen Eigenschaften ist jedoch gewalttätig oder terroristisch.

Rechtsterroristische Anschläge von Einzelgängern werden häufiger

Generell häufen sich Anschläge von Einzelgängern so wie jene in Christchurch, im texanischen El Paso oder in Hanau, deren Täter vom Gedankengut solcher Bewegungen zumindest beeinflusst waren.

Beim Grossteil (92 Prozent) aller Terroranschläge im Westen seit 2002 gab es glücklicherweise keine Toten. Die Frequenz rechtsterroristischer Anschläge hat im selben Zeitraum aber zugenommen. Das ist keine gute Nachricht, denn rechter Terror führt häufiger zu Todesopfern als Linksterrorismus, der in den westlichen Ländern in den 1970er-Jahren viele Opfer forderte. Auch das lässt sich an den Zahlen sehen.

In den USA wurden seit 9/11 mehr Menschen Opfer rechtspolitisch motivierter Morde als jeder anderen Form von politischer Gewalt, schreibt die «Süddeutsche Zeitung» und bezieht sich dabei auf Zahlen der «Anti Defamation League» (ADL). Von anderer Seite werden diese Informationen allerdings angezweifelt.

USA: die Akzeptanz von Gewalt steigt

Die Zahl gewaltsamer politisch motivierter Anschläge in den USA hat in den vergangenen fünf Jahren jedenfalls stark zugenommen. Die Täter sind grossmehrheitlich männlich und weiss. Hinter so manchem «Lone Wolf», der scheinbar unvermittelt zur Waffe greift, stehen zumindest ideologisch «White Supremacy», die noch junge Boogaloo-Bewegung oder gewaltbereite Rechtsextremisten wie die «Atomwaffen Division». Die Journalistin und Historikerin Annika Brockschmidt, die sich dazu oft und ausführlich in den sozialen Medien äussert, warnt vor der Radikalisierung christlicher Fundamentalisten in den USA.

Das gesellschaftliche Klima bremst die Entwicklung nicht. Etwa ein Drittel der US-Bevölkerung hielt im September 2020 den Einsatz von Gewalt zur Erreichung politischer Ziele für gerechtfertigt, führt der «Global Terrorism Index» auf. 2017 waren es noch acht Prozent. Der Anteil ist bei den Anhängern der demokratischen und republikanischen Partei annähernd gleich hoch.

In Europa führt Deutschland beim rechten Terror

In Europa führt Deutschland die Statistik an, was nicht bedeutet, dass in anderen Ländern keine Gefahr von rechtem Terror droht. Gilles de Kerchove, EU-Koordinator für die Terrorismusbekämpfung, warnte bereits Anfang 2020 vor gewalttätigen rechtsextremen Gruppen in Europa. In Deutschland gab es seit der Wiedervereinigung 121 Todesopfer rechter Gewalt, von 2002 bis 2019 notiert der «Global Terrorism Index» 48 rechtsterroristische Anschläge.

2019 wurden rund die Hälfte der schweren Anschläge in Deutschland von Einzeltätern verübt, führen die Extremismus-Experten Anders Ravik Jupskås und Daniel Köhler in einem Gastbeitrag der «Zeit» auf. Andere Anschläge oder Anschlagspläne gehen von militanten rechtsextremen Gruppen wie der «Gruppe Freital» aus. Mehrere Waffenfunde standen in Verbindung mit der Reichsbürgerbewegung, die Deutschland nicht als Staat anerkennt. Zahlreiche Drohungen an politisch oder anderweitig exponierte Personen sind noch nicht aufgeklärt. Der traurige Höhepunkt bisher, falls man von so etwas sprechen kann: der Mord an dem CDU-Politiker Walter Lübcke im Juni 2019.

Eine Warnung für die Zukunft

Es gebe keine Garantie, dass rechtsterroristische Gewalt unorganisiert bleibe, warnen die Autoren des Terrorismus-Reports. Insbesondere in den USA habe es in den vergangenen Monaten eine besorgniserregende Zunahme halborganisierter Gewalt gegeben. Wenn die Verschlechterung der Bedingungen wie gesellschaftliche Spaltung, Unsicherheit und Polarisierung im Westen weiter anhalte, werde organisierte politische Gewalt immer wahrscheinlicher.


Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

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3 Meinungen

  • am 22.12.2020 um 14:27 Uhr
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    Ein nützlicher, kluger Artikel «zum Terrorismus» ! Dank dafür !

    ABER
    dabei den Staats-Terrorismus sehr vieler Staaten
    und dessen viel schlimmere Folgen -weltweit-
    so «aussen vor» zu lassen, als gäbe es IHN gar nicht,
    halte ich für sub-optimal.

    Alles Gute !
    Wolfgang Gerlach, Ingenieur

    0
  • am 24.12.2020 um 17:05 Uhr
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    Danke für den Artikel. Ich bin von gangstalking und electronic harassement (organisiertem Stalking und elektronischer Belästigung) betroffen. Seit einiger Zeit führe ich Tagebuch über die Vorkommnisse. Dabei lassen sich Tätergruppen identifizieren. Das Ganze beruht auf einer mafiösen Clanstruktur und erstreckt sich in einem dichten Netz über die ganze Schweiz und über die Grenzen (F und D). Es ist vermutlich lukrativ, frisierte und zurechtgebastelte ‹Echtzeitvideos› von terrorisierten Personen ins Netz zu stellen. Das ist eine Form des aktuellen Terrorismus. Leider gibt es keine polizeiliche Fachgruppe oder fachkompetente Beratungsstelle. Es unterscheidet sich grundlegend vom Stalking durch eine Person. Mitbetroffenen Alles Gute! Maria Frech

    0
  • am 3.01.2021 um 01:32 Uhr
    Permalink

    Falsche Entwarnung beim islamistischen Terror

    Die Schlussfolgerungen von D.Gschweng, dass der islamistische Terror im Abnehmen sei und der rechtsextreme Terror zunehme, ist aus diversen Gründen eine falsche und fatale Einschätzung, welche durch ein falsches „political-correctness“ und transatlantisches Denken gepusht wird.
    Diese Globalisten meinen immer noch, dass es eine weltweite Uniformierung über ökonomischen Neoliberalismus geben kann und die über Jahrtausende historisch gewachsenen Wurzeln der verschiedenen Kulturkreise einfach ignoriert werden können. Ein fataler und tödlicher Trugschluss!–

    Der islamistische Terror ist viel älter als der IS-Kalifatsstaat; er geht bis ins 7.Jh.n.Chr. zurück. Dieser fusst auf dem Koran und den Gedankengängen des Gründers, welcher ein Warlord war. Die jüngsten Anschläge in Nizza und Wien waren nur eine Fortsetzung dieser sehr alten „Tradition“. Es gibt sogar Aussagen hinter vorgehaltener Hand, dass ohne Corona solche Anschläge sich gesteigert hätten. Auch die verstärkte unkontrollierte Zuwanderung von Leuten aus diesem Kulturkreis nach Europa seit 2015 lassen nicht den Eindruck aufkommen, dass dieses Phenomen hier so schnell verschwinden wird, wie von der Artikelschreiberin angenommen. Die Anzahl der Anhänger (verborgene Schläfer, wie auch offen operierende „Aktivisten“) dieser Ideologie wird unter diesen gegebenen Umständen eher zunehmen, als ein paar Anschläge aus der Neonnazi-Szene, die durchaus auch verabscheuungswürdig sind.

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