Gerhard Schwarz: Ein brillanter Marktgläubiger

Rudolf Strahm ©

Rudolf Strahm /  16 Jahre prägte er den NZZ-Wirtschaftsteil. Seit 5 Jahren führt er die Konzerne-finanzierte «Avenir Suisse» – noch bis Ende März.

Red. Ökonom Rudolf Strahm war SP-Nationalrat und Preisüberwacher. Seit 2008 ist er Präsident des Schweizerischen Verbands für Weiterbildung (SVEB).

Eine persönliche Einschätzung von Gerhard Schwarz
Sechzehn Jahre prägte er den Wirtschaftsteil der NZZ, fünf Jahre die publizistische Produktion des Konzerne-finanzierten Thinktanks Avenir Suisse. Per Ende März hat Gerhard Schwarz seinen altersbedingten Rücktritt angekündigt. Sein Nachfolger wird Peter Grünenfelder, bisher Staatsschreiber des Kantons Aargau.
Formell ist die Produktion von Gerhard Schwarz‘s Denkfabrik Avenir Suisse recht beachtlich: Allein in einem Jahr 120 gedruckte Artikel, weitere 400 Publikationen online, dazu einige Broschüren und zahlreiche Auftritte in Wirtschaftskreisen. Die rund vierzigköpfige Crew des Thinktanks – nicht alle sind vollzeitlich angestellt – ist fleissig und produziert in ihrer Gesamtheit mehr als jedes Hochschulinstitut. Fast alle grossen Konzerne und viele Markenartikler gehören zu den Förderern der Denkfabrik. 5,2 Millionen Franken standen ihr vorletztes Jahr an Sponsorgeldern zur Verfügung. Gerhard («Geri») Schwarz ist in der Denkfabrik, wie zuvor in der NZZ-Redaktion, als umgänglicher «Nichtchef» sehr geachtet.

Gerhard Schwarz (Bild iw)
Andere Schwerpunkte des Vorgängers
Der Output von Avenir ist imposant – aber ist er auch wirksam? Ich muss gestehen, die früheren Think-Tank-Würfe unter Thomas Held haben mich mehr angesprochen; sie waren auch stärker meinungsbildend in der Schweiz. Helds‘ Avenir Suisse befasste sich mit den grossen Strukturfragen des Landes, mit dem Föderalismus etwa oder der Bildung von Metropolitan-Regionen (ein Ausdruck, der sich seither eingebürgert hat), mit ökonomischen Reformen etwa der Landwirtschaft oder der Hochpreisinsel und nach 2008 durchaus mutig auch mit der Too big to fail-Problematik.
Und heute? Man schätzt auch heutige solide Analysen noch, etwa jene der älteren Peer-Mitarbeiter Rudolf Walser und Alois Bischofberger. Aber unter der Direktion von Gerhard Schwarz entsteht viel publizistisches Kleingemüse, viel analytisches Klein-Klein, natürlich immer unter dem Signet des von den Sponsoren verlangten, marktgläubigen Anti-Etatismus. Aber es ist kaum eine Debatte wert. Viele Artikel sind zwar interessant, aber sie reichen intellektuell nicht über das akademische Mittelmass und über die üblichen Medienpublikationen hinaus.
Viel Weltanschauung und wenig Relevanz
Viel Output der Denkfabrik kommt mit scheinexakter, pseudowissenschaftlicher Verbrämung daher und ist dennoch weit von der Wirtschaftswirklichkeit entfernt. Das Kantonsrating mit dem «Avenir Suisse-Freiheitsindex» wurde von Gerhard Schwarz zwar mit todernster Absicht publiziert, aber selbst bei Freisinnigen hat es bloss ein müdes Lächeln ausgelöst. Die 21 Messindikatoren der «Freiheit» reichen vom Alkoholkonsumverbot über die Häufigkeit der Radaranlagen bis zur Videoüberwachung. In den Kantonen Aargau, Schwyz, Glarus und Appenzell herrscht offenbar die höchste «zivile und ökonomische Freiheit»; jedoch Genf, Graubünden, Uri, St. Gallen werden gemäss «Freiheitsindex» zu den unfreiesten Ständen. «Freiheit» ist nach Avenir Suisse, so ein Spötter, wenn man am meisten saufen, rasen, rauchen und die Landschaft verbauen kann. Manche wussten nicht, ob dies als Satire oder als ernst gemeinte Wissenschaft gedacht war. Jedenfalls sind solche Freiheits-Ratings reiner Leerlauf.
Provokation der KMU-Wirtschaft
Unter Gerhard Schwarz ist das Verhältnis zum Schweizerischen Gewerbeverband tief getrübt worden. Mit einer fehlerhaften Studie, verfasst von einem Bankökonomen ohne Bildungserfahrung, wurde die Berufslehre madig gemacht. Mit viel Lobbyaufwand wurde eine neu erfundene Lehre für Akademiker propagiert, ein Modell, das sich bestenfalls für Banken und Versicherungen eignet.
Den Zorn des Gewerbes provozierte Avenir Suisse auch mit einem «Diskussionspapier». Es enthalte «15 krasse Denkfehler», sagte ein Direktionsmitglied des Gewerbeverbands. Das Papier ignoriere die Bedeutung der KMU-Wirtschaft für die Schweiz. Gerhard Schwarz publizierte zusammen mit dem Lohnschreiber-Historiker R. James Brading einen 400-seitigen, farbig bebilderten Avenir Suisse-Luxusband unter dem Titel «Wirtschaftswunder Schweiz – Ursprung und Zukunft eines Erfolgsmodells», der die schweizerische Wirtschaft ausschliesslich als Konzernwirtschaft darstellt. In der Realität umfasst die KMU-Wirtschaft auch heute noch 99.6 Prozent aller Unternehmen und sie beschäftigt nahezu zwei Drittel aller Arbeitnehmenden.
In dieser Wirtschaftsgeschichte der Schweiz, die Avenir Suisse auch auf französisch, englisch, chinesisch, japanisch herausgibt, hat die KMU-Wirtschaft keinen Platz. Auch der öffentliche Sektor, der immerhin die herausragende Lebensqualität des Wirtschaftsstandorts Schweiz konstituiert, ist in diesem Band kein Thema. Die Motive für diese Einäugigkeit wurzeln in einem unbegründeten Anti-Etatismus.
Gläubiger Dogmatismus
Vor dem Avenir Suisse-Abenteuer war Gerhard Schwarz sechzehn Jahre lang Wirtschaftschef der Neuen Zürcher Zeitung. Die Neoliberalen wollten ihn zum Chefredaktor machen, doch der Vorschlag lief im NZZ-Veraltungsrat auf. Schwarz‘ frühere langfädigen Sonntags-Predigten im NZZ-Wirtschaftsteil hatten wegen ihrer staatsfeindlichen Marktgläubigkeit damals mehr Diskussion und Widerspruch ausgelöst als die heutige Produktion seiner Denkfabrik.
Wir Ökonomen haben uns ja in vielen Fragen der Wirtschaftsentwicklung getäuscht. Aber es gibt im Lande wohl keinen Ökonomen, der sich so tüchtig an der Realität vorbei verrannt hat, wie Gerhard Schwarz. Während der Neunzigerjahre verteidigte er Jahre lang die monetaristische Hochzinspolitik der damaligen Nationalbankleitung, die im historischen Rückblick als gewaltige Fehlleistung betrachtet wird. Im Jahr 2000 höhnte er mit dem provokativen Buchtitel der «Neidökonomie» gegen den Sozialstaat. Danach verteidigte er vehement das Mainstream-Dogma des Shareholder Value. Die Kritik an dessen Boni-Wirtschaft galt für ihn als «Neidökonomie».
Als dann im September 2008 Lehman Brothers zusammenbrach, würdigte er das Ereignis zunächst lehrbuchmässig als natürlichen Bereinigungsvorgang in der Marktwirtschaft. Der Lehman-Kollaps kostete dann der Weltwirtschaft einige tausend Milliarden Dollar an Systemschaden. Nach der expansiven Geldpolitik der Notenbanken zur Verhinderung der Systemkrise warnte er sechs Jahre lang, wiederum vom Lehrbuchmodell geprägt, vor einer Hyperinflation – wahrscheinlich wartet er heute noch darauf.
In der Welt draussen kann wohl passieren, was kommen mag, Gerhard Schwarz wird seine neoliberalen Denkmuster und Erleuchtungen nicht anpassen. Er ist geprägt von der Hayek-Schule, war seit frühen Zeiten in der Mont Pelerin-Society, deren Vizepräsident er ist. Viele Schüler von Friedrich A. von Hayek, der den Sozialstaat als «Weg zur Knechtschaft» gebrandmarkt hatte, sind zeitlebens geschädigt von der Staatsfeindlichkeit ihres Gründers. Der weise alte Hans-Christoph Binswanger sprach von der «Glaubensgemeinschaft der Ökonomen». Der Glaube ist vor Anfechtungen immun, die Katechismus in den Köpfen ist durch keine auch noch so markante Realitätsverschiebung zu verändern. Die Hayek-Jünger – in Deutschland haben sie sich jetzt zerstritten, wie dies in Glaubensgemeinschaften üblich ist – werden indes von den jüngeren Schulökonomen heute als Sekte betrachtet und gemieden.
Unkenntnis der dörflichen Kleinbürgerlichkeit
In gewissen Krisensituationen war Gerhard Schwarz aber dennoch überaus anpassungsfähig. Als im Frühjahr 2008 die Riveraine-Konferenz den unglücklich agierenden UBS-Chef Marcel Ospel zum Abschuss freigab – Gerhard Schwarz durfte als einziger Medienmann der Konferenz beiwohnen – forderte er nur einige Tage darauf im NZZ-Wirtschaftsteil den Rücktritt Ospels. Zuvor hatte er jahrelang der Deregulierung des Bankensektors das Wort geredet.
Zur Ehrenrettung oder eher Rechtfertigung muss indes auch der Werdegang des brillanten Schreibers Gerhard Schwarz erklärt werden. Er war Österreicher, studierte in St. Gallen, wo er auch in seinem Anti-Etatismus geprägt worden ist, aber er kannte weder die Praxis und Mentalität der dörflichen Kleinbürgerlichkeit noch die gesellschaftliche Vertrauenskultur der Schweiz. Er hat – wie heute viele Akademiker – nie verstanden, dass die ländliche, kleinbürgerlich-gewerbliche Prägung auch die ökonomische Stärke der Schweizer Wirtschaft ausmachen, etwa mit Werten wie Zuverlässigkeit, Treu und Glauben, Arbeitspräzision, Termintreue und zivilgesellschaftliche Verantwortungsbereitschaft.
Der soziale Zusammenhalt, der in der schweizerischen Patron-Mentalität bis heute weiterlebt, aber in den globalen Konzernen völlig verloren ist, war für ihn nie ein Thema. Sein Credo zur gesellschaftlichen Kohärenz hat er 2011, als er schon Thinktank-Direktor war, in der NZZ so zusammengefasst: «Der Generationenvertrag ist von niemandem je unterzeichnet worden.» Wer so ahistorisch denkt, versteht die Wirtschaftswirklichkeit der Schweiz nicht.

Diesen Beitrag hat Rudolf Strahm ursprünglich auf Anfrage der Redaktion in der Weltwoche publiziert.

Weiterführende Informationen


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Rudolf Strahm, 72, Ökonom und Chemiker, war eidgenössischer Preisüberwacher und zuvor SP-Nationalrat. Von 2008 bis 2015 war er Präsident des Schweizerischen Verbands für Weiterbildung (SVEB).

Zum Infosperber-Dossier:

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Der ordoliberale Gerhard Schwarz

«Ordoliberale Prinzipientreue» propagierte Schwarz jahrelang in der NZZ und bis März 2016 bei Avenir Suisse

Gerhard_Schwarz_Portrait

Gerhard Schwarz: Widerspruch

Der frühere NZZ-Wirtschaftschef und Leiter von «Avenir Suisse» zählt sich zum Kreis der echten Liberalen.

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3 Meinungen

  • am 28.01.2016 um 17:29 Uhr
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    Brilliante Kritik, Danke Rudolf Strahm! Was sonst wäre denn von egonomie suisse zu erwarten???
    Nur zu zwei Sätzen mein Sempf:
    "Der Lehman-Kollaps kostete dann der Weltwirtschaft einige tausend Milliarden Dollar an Systemschaden."
    Hatte die «Weltwirtschaft» den Schaden – (wer oder was ist überhaupt) ? – waren es nicht eher Hausbesitzer und institutionelle Anleger mit ihren Versicherungsnehmenden?
    "Nach der expansiven Geldpolitik der Notenbanken zur Verhinderung der Systemkrise warnte er sechs Jahre lang, wiederum vom Lehrbuchmodell geprägt, vor einer Hyperinflation – wahrscheinlich wartet er heute noch darauf.»
    Es ist auch für mich verwunderlich, dass die (tatsächliche) Hyperinflation noch nicht zum völligen Zerfall der Geldwerte geführt hat. Zudem müsste nebst der Geldschöpfung der Nationalbank(en) insbesondere die private Geldschöpfung in die Kritik einfliessen.

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  • am 29.01.2016 um 15:26 Uhr
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    Denoch wurden neoliberale Dogmen bis in kleinste Bereiche unseres Zusammenlebens umgesetzt und bringen es inzwischen fertig soziales, solidarisches, humanistisches denken, fühlen und handeln der Lächerlichkeit auszusetzen und/oder damit in sozialen Netzwerken Milliarden Gewinne mit den Daten anderer zu generieren. Verursachergerechte Kosten, Eigennutzmaximierung als nie erreichbare Karotte zum Wohle angeblich aller, Selbstverschulden wenn man im sehr eng definierten Korsett der Bilanzen «nicht geschaft, krank, arm, invalid, zu Alt, zu Jung, Mann, Frau, arbeitslos, prekarisiert etc.» der ganzen Soziologie der Welt, des Menschen, der Natur wurde von Ökonomen in die Zwangsjacke von Verlust oder Gewinn gestellt… es zählt völlig pervertiert nur noch ein Parameter der als wertig akzeptiert wird. Gewinnmaximierung. Hunderte tausende millionen wurden an Leib und Seele krank gewirtschaftet… angeblich für jeden Selbstverschuldet und dennoch jegliches Sozialverhalten des Menschen als unnötiger Kostenfaktor völlig ignorierend und es ist noch nicht zu Ende, denn schon unserem Nachwuchs lassen Wir den gleichen Unsinn neoliberaler Dogmen zukommen. Listig und gut Versteckt in der angeblichen Normalität von Konzernen gesponsorter Lehrmittel, Ratings, Standortwettbewerb. Dem Staat bleibt am Ende in dieser neoliberalen Markt-Welt als Aufgabe nur Schutz von Investitionen und Eigentum, doch die meisten von uns besitzen ausser wertlosen Konsumgütern nichts als Arbeitskraft…

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  • am 30.01.2016 um 19:49 Uhr
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    Rudolf Strahm irrt nicht durchgehend. Wenn ich jedoch seine Ansichten zur Geldpolitik über die vergangenen 35 Jahre Revue passieren lasse, bin ich sehr froh, dass sich die stabilitätsorientierte Ansicht von Gerhard Schwarz durchgesetzt hat. Gegenüber der Weichspülerei von Rudolf Strahm. Die die Schweiz in den Schlamassel geführt hätte, wie wir ihn im Eurokrückenland besichtigen können.

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