aa.Spieler.Synes.2020

Synes Ernst: Der Spieler © zvg

Der Spieler: Spielen in vollen Zügen

Synes Ernst. Der Spieler /   Worker Placement-Spiele bieten alles, was Spielen überhaupt zu bieten hat. So auch «Caylus 1303».

Grossformatige Schachtel, riesiger Spielplan, viel Material, zwölfseitige, üppig illustrierte Spielanleitung – «Caylus 1303» ist definitiv kein Reisespiel, das man in einen Koffer oder Rucksack packen könnte. Es ist eine grosse Kiste, und zwar gross in verschiedenster Hinsicht. Doch alles der Reihe nach.

«Caylus 1303» ist eine verschlankte und vereinfachte Neuausgabe von «Caylus», das 2005 erstmals im französischen Kleinverlag Ystari erschienen war. Dieses hatte die Spielgemeinde inklusive Kritik auf Anhieb begeistert. Die Jury «Spiel des Jahres» würdigte es mit einem Sonderpreis «Komplexes Spiel». Das war ein wichtiges Signal. Denn es bedeutete den Durchbruch für die so genannten strategischen Worker Placement-Spiele. «Caylus» war nicht nur einer ihrer ersten Vertreter, sondern setzte auch gleich den Massstab für eine neue Gattung, die seither aus der Welt der Spiele nicht mehr wegzudenken ist.

In eine eigene Welt eintauchen

Der Worker Placement-Mechanismus bietet Spielen in vollen Zügen, das heisst, er bietet praktisch alles, was Spielen überhaupt zu bieten hat, ausser vielleicht das Spiel mit dem Zufall. Spielerinnen und Spieler tauchen in eine eigene Welt ein und versuchen aus den verschiedenen Aktionsmöglichkeiten, die sich der Autor oder die Autorin ausgedacht hat, jene auszuwählen, mit denen sie ihrer Ansicht nach das Spielziel am besten erreichen. 

Wesentlich scheint mir, dass die Spiele dieser Art nicht eine Vorlage darstellen, die man von A bis Z runterspielt. Worker Placement-Spiele entwickeln sich stattdessen immer wieder neu und bauen sich von Aktion zu Aktion, von Runde zu Runde allmählich auf. Man nennt sie deshalb auch Aufbauspiele. Wie sich ein Spiel entwickelt, hängt von den Teilnehmenden ab, von ihrer Anzahl, von den Aktionen, die sie wählen, von ihrer Taktik und ihrer Strategie. Das Überleben in einem solchen Spiel hängt nicht zuletzt davon ab, ob man seine Mittel, die leider immer knapp sind, klug einsetzt: Ressourcenmanagement ist alles. 

 Ein tolles Spielerlebnis als Gegenleistung

Ein Spiel, bei dem man aus dem Vollen schöpfen kann, bedingt allerdings auch, dass man sich als Spielerin oder Spieler voll und ganz darauf einlässt. Man muss neugierig sein, man muss die Ideen und verschiedenen Wege, die einem geboten werden, auch ausprobieren wollen. Das mag zwar angesichts der schier unendlichen Zahl von Möglichkeiten äusserst aufwändig erscheinen (ist es auch!), aber man bekommt als Gegenleistung ein höchst intensives Spielerlebnis geboten. Nicht ohne Grund geniessen viele Worker Placement-Spiele Kultstatus, so auch «Caylus».

 Kommen wir nun zu dessen Nachfolger «Caylus 1303». Wir schlüpfen in die Rolle von Baumeistern, die das in Südfrankreich (Departement Tarn-et-Garonne) gelegene Städtchen Caylus entwickeln und das dazugehörige Schloss wieder aufbauen sollen. Markenzeichen der «Caylus»-Spiele ist eine Strasse, die in weiten Bogen von den ersten Häusern bis zum Schloss führt. Entlang dieser Strasse werden zu Beginn des Spiels eine Reihe Plättchen gelegt, auf denen Gebäude abgebildet sind. Weitere Gebäude kommen im Verlauf des Spiels hinzu. 

Arbeiten für Prestigepunkte

Das Spiel geht über neun Runden, die wiederum in vier Phasen unterteilt sind. In der ersten Phase setzt man einen seiner insgesamt zehn Arbeiter entweder auf ein Gebäude oder in die Baustelle vor dem Schloss. Das ist das Worker Placement, von dem sich der Begriff für diese Art von Spielen herleitet. Man darf auch passen. Der erste Spieler, der das macht, ist in der nächsten Runde Startspieler, was gewisse Vorteile mit sich bringt. In der zweiten Phase werden die Gebäude aktiviert. Wer einen Arbeiter dort stehen hat, darf den Effekt des betreffenden Gebäudes sofort nutzen. Das heisst, man bekommt bestimmte Ressourcen wie Holz, Tuch, Stein, Nahrung oder Gold, die man für spätere Aktionen verwenden kann, oder man kann Gebäude als eigene markieren, wofür man dann Prestigepunkte bekommt, wenn ein fremder Arbeiter dort eingesetzt wird. Ein weiterer Effekt besteht schliesslich darin, dass man den Vogt bewegt. Dessen jeweilige Position auf dem Spielplan zeigt an, welche Gebäude in dieser Phase aktiviert werden, das heisst Ertrag abwerfen. 

Die dritte Phase dreht sich um die Baustelle beim Schloss. Wer dort Arbeiter eingesetzt hat, bekommt dort gegen ein Bündel mit fünf seiner Ressourcen fünf Prestigepunkte. Wer die meisten Bündel abgeliefert hat, erhält als Belohnung eine so genannte Gunst, unter anderem in Form zusätzlicher Gebäudenutzungen oder von Charakterkarten. DIese geben den Mitspielenden spezielle Fähigkeiten und können deshalb im weiteren Verlauf des Spiels sehr viel wert sein. Die «Architektin» etwa verhilft beim Bau eines Gebäudes zu zusätzlichen Prestigepunkten, während man mit dem «Fuhrmann» auf der Baustelle Ressourcenbündel abliefern darf, ohne dort einen Arbeiter eingesetzt zu haben. Die Charakterkarten sind allerdings nicht fest zugeteilt, sondern können während des Spiels häufig wechseln, was bei der Planung der eigenen Züge unbedingt berücksichtig werden muss.

In der vierten und letzten Phase geht es um die Verwaltung. Gebäude werden zu Residenzen aufgewertet, diese wiederum können in Monumente umgewandelt werden. Entsprechend werfen sie bei der Nutzung auch höhere Erträge in Form von zusätzlichen Ressourcen ab. Wer Residenzen besitzt, darf in dieser Phase neben den drei neuen Arbeitern, die jedem pro Runde zustehen, noch zusätzliche Arbeitskräfte einstellen.

Ist man mit diesen vier Phasen durch, beginnt eine neue Runde. Nach neun Runden werden die Gewinnerin oder der Gewinner ermittelt. Das ist der oder die mit der höchsten Zahl von Prestigepunkten.

 Klein-Klein-Spiel bringt nichts

Allein schon die rudimentäre Beschreibung des Spielverlaufs von «Caylus 1303» lässt die Vielzahl von Aktionsmöglichkeiten erahnen, unter denen wir in der Rolle von Baumeistern wählen können, wenn wir an der Reihe sind. Die Gefahr ist gross, dass man die Übersicht über das Geschehen verliert und sich im Klein-Klein-Spiel verheddert. Das ist mühsam und bringt nichts. Wer den Erfolg will, muss die grossen Linien im Auge behalten und seine Aktionen ein paar Züge voraus planen. Es ist unbedingt auch von Vorteil, seine Mitspielenden zu beobachten, um, wenn nötig, auf ihre Aktionen reagieren zu können. 

Lässt sich die Komplexität von «Caylus 1303» überhaupt in den Griff bekommen? Spielerinnen und Spieler, die über eine gewisse Erfahrung mit Strategiespielen verfügen, die gewohnt sind, auch längere Spielanleitungen zu lesen und zu interpretieren, und die auch bereit sind, sich zusammen mit andern über eine Stunde lang in eine spannende Herausforderung zu vertiefen, schaffen das. Eine reich illustrierte und gut gegliederte Spielanleitung erleichtert den Einstieg. Und trotz der Komplexität des Spiels ist der Ablauf so logisch und transparent, dass man nach ein paar wenigen Runden richtig drin ist.

Wer ein Spiel mit Tiefe sucht, ist mit «Caylus 1303» sehr gut bedient. Er bekommt auch etwas fürs Auge – einen farbigen Spielplan mit einer prächtigen Landschaft, die einen direkt einlädt, dort als Baumeisterin oder Baumeister aktiv zu werden.

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Caylus 1303: Strategisches Worker Placement-Spiel von William Attia für 2 bis 5 Spielerinnen und Spieler ab 12 Jahren. Huch Spiele (Vertrieb Schweiz: Carletto AG, Wädenswil), ca. Fr. 65.-


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Spielekritiker Synes Ernst war lange Zeit in der Jury «Spiel des Jahres», heute noch beratendes Mitglied, in dieser Funktion nicht mehr aktiv an der Juryarbeit beteiligt.
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

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