aa.Spieler.Synes.2020

Synes Ernst: Der Spieler © zvg

Der Spieler: Boostern mit «Schenken» und «Klauen»

Synes Ernst. Der Spieler /  Ein Spiel für den Silvesterabend? Das Würfelspiel «Verflixxt!» sorgt in grösseren Gruppen für viel Spass und gute Unterhaltung.

Ein Spiel, das sowohl zu Weihnachten als auch zu Silvester passt? Eine schwierige Frage. Meine Antwort lautet: «Verflixxt!». Dies aus zwei Gründen: Erstens kommt darin eine Aktion «Schenken» vor, was fast von allein eine Beziehung zum heutigen Weihnachtsfest schafft, und zweitens handelt es sich um ein Spiel, das sich für den Silvesterabend, an dem man traditionell in grösseren Gruppen zusammensitzt und gute Unterhaltung sucht, geradezu aufdrängt.

«Verflixxt!» gehört zu der Gattung der Würfel- und Laufspiele, die unter den Neuerscheinungen leider ein wenig ins Hintertreffen geraten ist, aber in der Spielbiographie jedes Menschen auftaucht, vor allem bei den ersten Erkundungsreisen in der wunderbaren Welt der Brett- und Gesellschaftsspiele. Wer von uns hat nicht in der Kindheit und Jugendzeit bis zum Abwinken «Eile mit Weile» gespielt und dabei elementare Spielerfahrungen für das ganze Leben gemacht, vor allem mit dem Siegenkönnen und Verlierenlernen oder dem Umgang mit der Unberechenbarkeit des Zufalls? 

Klassiker unter den neuen Familienspielen

Erstmals ist «Verflixxt!» 2005 erschienen und hat sich seither zu einem Klassiker unter den so genannten Familienspielen entwickelt. Als solche bezeichnet man Spiele, die sich dank ihres eingängigen und leicht erlernbaren Mechanismus für Runden eignen, in denen Spielerinnen und Spieler mehrerer Generationen sitzen. Solche Spiele eignen sich auch für Gruppen, die lieber gleich los spielen wollen, statt lange Spielanleitungen zu studieren.

«Verflixxt!», das seit kurzem in einer neuen, auch grafisch aufgefrischten Edition vorliegt, stammt aus der Werkstatt des bekannten deutschen Autoren-Duos Wolfgang Kramer und Michael Kiesling. Bereits bei seinem ersten Auftritt im Jahr 2005 hat es mit einigen Innovationen und Besonderheiten begeistert. Jetzt sind noch ein paar neue Ideen dazu gekommen, die meines Erachtens dem Spiel noch mehr Power verleihen.

Plus und Glück sind gut fürs Konto

Bei «Verflixxt!» geht es darum, mit seinen Figuren über einen Parcours zu ziehen und am Schluss möglichst viele Punkte zu erzielen. Plus- und Glücksplättchen sind gut fürs Konto, während man Minusplättchen am besten der Konkurrenz überlassen sollte. Und falls man dennoch selber eines oder mehrere aufnehmen muss, kann man sie immer noch mit Hilfe eines Glücksplättchens zu Pluspunkten machen (sofern man ein solches besitzt). Eine geniale Möglichkeit, die man unbedingt in seine taktische Überlegungen miteinbeziehen sollte.

Der Aufbau des Parcours ist – in der Grundvariante – von Spiel zu Spiel verschieden. Denn die 8 Plus-, 18 Minus- und 6 Glücksplättchen werden verdeckt gemischt und dann nach dem Zufallsprinzip aneinandergelegt. Nach jeweils acht Plättchen wird zusätzlich noch eine Aktionstafel mit der Seite «Schenken» eingefügt. Nachdem man mit einer Start- bzw. Zieltafel Anfang und Ende markiert hat, kann es los gehen. Von da an bestimmen Würfel, Glück und Taktik das Geschehen.

Innovatives Spielprinzip

Innovativ ist das Spielprinzip von «Verflixxt!» insofern, als Aktionen nicht ausgelöst werden, wenn man mit seiner Figur auf einem Feld ankommt, sondern erst dann, wenn man sie davon wegzieht, und zwar nur, wenn sie allein auf diesem Feld gestanden hat. An dieses Prinzip muss man sich anfangs erst ein wenig gewöhnen. Doch schnell hat man entdeckt, welche taktischen Möglichkeiten sich da auftun.

Begehrt von allen Mitspielenden sind – logisch – die grünen Plättchen mit den Pluspunkten. Da insgesamt nur deren acht im Spiel sind, muss man sich fast glücklich schätzen, wenn man einmal allein auf einem solchen Plättchen steht und dann mit dem nächsten Würfelwurf wegziehen kann. Diese Pluspunkte darf ich nun schon zu mir nehmen; auf sicher habe ich sie allerdings noch nicht (siehe weiter unten). 

Aussichtsloser Kampf

So sehr man sich auch dagegen wehrt, Minusplättchen aufzunehmen, der Kampf ist aussichtslos. Denn der Parcours ist mehrheitlich rot gepflastert. Auf den ersten Blick erscheint das Verhältnis zwischen Plus und Minus höchst unausgewogen. Doch mit dem Glücksplättchen haben die beiden Autoren ein Gegengewicht geschaffen – und was für eines! Für jedes Glücksplättchen, das man gesammelt hat, darf man je ein beliebiges Minus- in ein Plusplättchen verwandeln. Aus minus 10 wird so plus 10, und Freude herrscht! Das macht auch deutlich, dass die Jagd auf die Glücksplättchen gnadenlos sein kann.

Raffiniert sind die beiden Aktionen, mit denen die Neuauflage des Spiels aufwartet. «Schenken» und «Klauen», so heissen sie, boostern das Potenzial von «Verflixxt!» zusätzlich. Im Unterschied zu den übrigen Plättchen, die man beim Wegziehen zu sich nimmt, lässt man diese Aktionsplättchen an ihrem Platz liegen und dreht sie um, so dass aus «Schenken» «Klauen» wird. Wer vom «Schenken-»Plättchen wegzieht, muss das oberste Plättchen vom Stapel der Plättchen, die man bereits gesammelt hat, verschenken: Ist es ein Minus, geht es an die Mitspielerin oder den Mitspieler, der gerade das wertvollste Plättchen auf seinem Stapel liegen hat. Ein Plus- oder Glücksplättchen geht umgekehrt dorthin, wo das wertloseste Plättchen liegt. Zeigt das Aktionsplättchen die Seite «Klauen», so nimmt man irgendein Plättchen vom Sammelstapel eines oder einer Mitspielenden. Wen es trifft, ist dem Spieler am Zug überlassen. 

Interaktion vom ersten Zug an

«Verflixxt!» ist von seiner Grundstruktur her ein Spiel, das man nicht teilnahmslos einfach so runterspielt. Interaktion gibt es vom ersten Zug an, das heisst die Möglichkeit, den Mitspielenden die guten Plättchen frech vor der Nase wegzuschnappen bzw. die schlechten «grosszügig» zu überlassen. Welche Möglichkeit man auch wählt, Emotionen werden bei den Mitspielenden immer ausgelöst, zum Teil heftige, gerade wenn man mit der entsprechenden Aktion jemandem direkt acht Pluspunkte klaut. 

Emotionen gibt es in «Verflixxt!» immer, selbst wenn man die taktischere Profi-Version mit den Wächter-Figuren und einem vorgegebenen Parcours spielt. Denn wer von der Aktion negativ betroffen ist, dem ist es letztlich egal, ob hinter dem entsprechenden Zug bewusste taktische Überlegungen stehen oder ob dieser nur das zufällige Ergebnis eines Würfelwurfs ist. 

Glücksfaktor bleibt immer hoch

Der Glücksfaktor in «Verflixxt!» lässt sich mit der Wahl der Variante, die man spielt, zwar variieren, aber er bleibt immer hoch. Denn über Zugweiten und, abhängig davon, über Aktionen entscheidet letztlich immer der Würfel. Und der nimmt auf niemanden am Tisch Rücksicht. Das ist gerade das Schöne an dieser Art von Spielen, dass vor dem Würfel alle gleich sind, egal, ob jung oder alt, ob Viel- oder Wenigspieler, ob versierte Taktikerin oder nicht. 

Das bedeutet nun nicht, dass man hier dem Würfel vollkommen ausgeliefert ist. Wäre dem so, wäre «Verflixxt!» ein Glücksspiel. Das ist es jedoch nicht, da man durchaus taktische Entscheide treffen kann. Nur, ob sie sich dann auch umsetzen lassen, bestimmt der Würfel. Nicht schlimm: Denn es ist wie verflixt: In diesem Spiel habe ich trotzdem immer das Gefühl, ich sei Herr des Geschehens wie ein Zocker, der glaubt, er könne dem Würfel befehlen, auf welche Seite er zu rollen hat.

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Verflixxt!: Würfel-, Lauf- und Sammelspiel von Wolfgang Kramer und Michael Kiesling für 2 bis 6 Spielerinnen und Spieler ab 8 Jahren. Amigo-Spiele (Vertrieb Schweiz: Max Bersinger AG, St. Gallen), ca. Fr. 35.- 

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Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Synes Ernst ist Spielekritiker und beratendes Mitglied der Jury «Spiel des Jahres».
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

Zum Infosperber-Dossier:

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