Europas digitale Souveränität trotzt der globalisierten Welt
Red. Als Vizekanzlerin im Bundeshaus von 1991 bis 2005 leitete die Autorin verschiedene Digitalisierungsprojekte. Heute verfolgt Hanna Muralt Müller die Entwicklung der künstlichen Intelligenz in ihren Newslettern.
Die wichtigsten Promotoren einer verstärkten digitalen Souveränität sind Deutschland und Frankreich.
- Rund um eine neue KI-Fabrik in München entwickelt sich ein souveränes Ökosystem für die Nutzung generativer KI in Industrieprozessen («Physical-AI») und für Robotik.
- Frankreich wirkt mit seinem Hub in Paris als Treiber eigenständiger Entwicklungen und leistet diesbezüglich Pionierarbeit.
Die Förderung digitaler Souveränität erfolgt auf einer Gratwanderung zwischen verstärkter Bevorzugung europäischer Produkte und Dienstleistungen («Buy European») und unerlässlicher internationaler Zusammenarbeit. Zurzeit befasst sich die EU mit der Frage, was «Buy European» konkret beinhalten soll.
Deutschland baut KI-Fabrik für Europas Souveränität
Anfang Februar 2026 ging in München mit «Industrial-AI-Cloud» eine der grössten KI-Fabriken Europas in Betrieb. Obwohl es sich um eine privatwirtschaftliche Initiative handelt, nahm Bundesfinanzminister und Vizekanzler Lars Klingbeil an der Eröffnung teil und sagte, dass mit diesem Milliardenwerk die digitale Souveränität Europas und das deutsche wie das europäische KI-Ökosystem gestärkt würden.
Mit der KI-Fabrik entstanden in der Rekordzeit von nur sechs Monaten neue Rechenzentrumskapazitäten und Cloud-Angebote unter europäischer Kontrolle gemäss den Vorgaben und Zielen der EU. Es ist dies ein erster Schritt weg von den grossen US-Hyperscalern wie Amazon Web Services, Microsoft Azure oder Google Cloud, die derzeit den europäischen Markt beherrschen.
Technologieschub erwartet
Die neue KI-Fabrik, die «Industrial-AI-Cloud», entstand in Zusammenarbeit von Europas grösstem Netzbetreiber, der Deutschen Telekom, mit dem Weltmarktführer bei KI-Chips, Nvidia, Deutschlands grösstem Softwarekonzern SAP und dem Datacenter-Partner Polarise. Die KI-Fabrik stellt eine von ausländischen Anbietern unabhängige technische Struktur für die digitale Transformation bereit. Dies wird zu einem Technologieschub führen, denn viele Unternehmen nutzten bisher KI-Anwendungen nur zurückhaltend, weil sie, so Tim Höttges, CEO der Deutschen Telekom, den Abfluss ihrer Daten ausserhalb des europäischen Wirtschaftsraums befürchteten.
Mit dem «Deutschland-Stack», das die KI-Fabrik zur Verfügung stellt, erhalten Unternehmen und Verwaltungen eine sichere digitale Umgebung für ihre Daten und Anwendungen. Der Begriff Stack wird verwendet, da die zahlreichen Funktionskomponenten eines Rechenzentrums übereinandergestapelt sind. Diese Struktur gewährleistet zudem Interoperabilität zwischen Bund, Ländern und Kommunen.
Ohne US-Chips geht es nicht
Ein Rechenzentrum auf der Höhe der Zeit kommt nicht darum herum, die weltbesten Chips und damit Produkte des US-Herstellers Nvidia einzubauen. Die rund 10’000 Chips liefern eine Rechenleistung von 0,5 ExaFLOPS – damit könnten alle 450 Millionen Menschen, die in der EU wohnen, einen Chatbot gleichzeitig nutzen. Diese US-Chips beeinträchtigen die sichere Datennutzung nicht, aber die Grenzen einer Bevorzugung von europäischen gegenüber US-Produkten – «Buy European» – werden sichtbar.
München mit Fokus auf Industrie und «Physical-AI»
Europa, insbesondere Deutschland, verfügt mit seiner Industriebasis über viele Prozessdaten und damit über beste Voraussetzungen für die Nutzung von «Physical-AI». Dank Sensoren und einem Training mit physischen Daten kann diese KI nicht nur in der Welt der Bit und Bytes, sondern auch in der physischen Welt der Atome interagieren. Diese Systeme ermöglichen Simulationen in World-Models. Mit «Physical-AI» können gewaltige Fortschritte in der Robotik erzielt werden. Es kündet sich die zweite grosse KI-Welle an (siehe Infosperber vom 5.2.2026).
Der Fokus der «Industrial-AI-Cloud» liegt bei «Physical-AI». Der grosse deutsche Technologiekonzern Siemens integrierte bereits Teile seines Simulationszentrums Simcenter. Damit können Unternehmen, auch kleine und mittelgrosse, ihre Produkte virtuell entwickeln, testen und so schneller zur Marktreife bringen. Siemens hat Erfahrung mit dynamischen, virtuellen Abbildern physischer Objekte, Prozesse oder Systeme in Echtzeit, bezeichnet als Digitale Zwillinge oder Digital Twins.
Im Umfeld der Technischen Universität München hat sich bereits ein Ökosystem für Robotik entwickelt. Es ist mehr als nur symbolisch, dass ein humanoider Roboter des Münchner Start-ups Agile Robots den Startknopf für die neue KI-Fabrik drückte. Jetzt kann es richtig losgehen, weit über München hinaus. Mit PhysicsX nutzt auch bereits ein Start-up in London die «Industrial-AI-Cloud».
In der KI-Fabrik soll auch ein souveränes europäisches Sprachmodell mit 100 Milliarden Parametern trainiert werden. Die Leibniz Universität in Hannover entwickelt mit SOOFI (Sovereign Open Source Foundation Models) ein Sprachmodell mit KI-Agententechnologien, das speziell auf die industrielle Nutzung ausgerichtet ist.
Vorleistung für eine EU-Gigafabrik
Die KI-Fabrik in München entspricht den Vorgaben der EU – auch in ökologischer Hinsicht. Sie werde vollständig mit erneuerbarer Energie betrieben, sei auf höchste Energieeffizienz ausgelegt, die Abwärme versorge ein ganzes Quartier. Die Kühlung übernehme der nahe Eisbach. Es handelt sich im Unterschied zu den KI-Fabriken der EU um eine privatwirtschaftliche Initiative. Die KI-Fabrik ist nicht oder noch nicht Teil des EU-KI-Netzwerks.
Die bereits aufgegleisten, von der EU mitfinanzierten 19 KI-Fabriken bilden ein Netzwerk, unterstützt vom European High-Performance-Computing-Joint-Undertaking. Sie sind mit Antennas ergänzt, die auch Standorte ausserhalb der EU, wie die Schweiz, an dieses Netzwerk anschliessen. In Europa, das von den US-Hyperscalern dominiert wird, möchte die EU, dass vier bis fünf KI-Gigafabriken als europäische Alternativen erstellt werden. Auf eine informelle Ausschreibung der EU im letzten Jahr bekundeten 16 EU-Mitgliedsstaaten mit 70 möglichen Standorten ihr Interesse (siehe Infosperber vom 14.1.2026).
Gigafabriken sollen mit 100’000 Chips ausgestattet sein. Damit sind sie um Dimensionen grösser als die «Industrial-AI-Cloud» mit 10’000 Chips. Die beeindruckende Vorleistung, die mit der KI-Fabrik in München als einem der bisher grössten Rechenzentren in Europa erbracht wurde, könnte im Standortwettbewerb für eine der Gigafabriken punkten. Um Deutschlands Chancen bei der bevorstehenden formellen Ausschreibung zu erhöhen, sollen bereits Gespräche zwischen den Verantwortlichen in München und der Lidl-Muttergesellschaft, der Schwarz-Gruppe, laufen. Deutschland muss den Nachteil einer im Vergleich zum EU-Durchschnitt sehr teuren Energie mit überzeugenden Vorleistungen ausgleichen.
Frankreichs Vorreiterrolle für die digitale Souveränität Europas
Probleme stellen nicht nur die technologischen Abhängigkeiten von den USA, es sind auch die chinesischen Produkte, die auf dem europäischen Markt immer stärker präsent und immer herausfordernder sind. Vor allem Frankreich, mit Präsident Macron, aber auch mit dem EU-Vizepräsidenten Stéphane Séjourné, einem Franzosen, fordert mit «Buy European» Massnahmen zur Priorisierung europäischer Produkte und Dienstleistungen und geht mit Pionierleistungen voran.
Frankreichs Regierung lancierte bereits im Juli 2025 die Initiative «Osez l’IA», dotiert mit 200 Millionen Euro. Sie hat zum Ziel, den Anteil der KMU’s, die KI in ihre Prozesse integriert haben, von heute 13 Prozent bis 2030 auf 80 Prozent zu steigern. Ende Januar 2026 fand eine erste Regierungssitzung zu Digitaler Souveränität in Paris statt. Angekündigt wurden nicht nur öffentliche Sensibilisierungskampagnen für KI, sondern auch 65 neue mögliche Standorte für Rechenzentren. Zudem werden zur Messung und Förderung von Fortschritten der digitalen Souveränität Europas zwei neue Instrumente angekündigt. Ein «Digital Sovereignty Observatory» soll zusammen mit einem «Digital Resilience Index» den Grad der Abhängigkeit von Verwaltungen und Unternehmen von Nicht-EU-Technologien und die damit verbundenen Risiken kartieren und Massnahmen zu ihrer Reduktion vorschlagen.
Frankreich schaltet Microsoft Teams und Zoom ab
Gleichzeitig kündigte Frankreich an, es werde ab 2027 die US-Videokonferenzdienste Microsoft Teams und Zoom in sämtlichen französischen Behörden mit Visio ablösen. Visio wurde ein Jahr lang bei 40’000 Personen getestet. Es wird in souveräner Cloud-Lösung in Frankreich gehostet und enthält KI-Funktionen zweier französischer Start-ups. Mit den wegfallenden Lizenzen für Teams und Zoom sollen sich pro 100’000 Personen rund eine Million Euro pro Jahr einsparen lassen.
Frankreichs Präsident Macron verweist auf Paris als wichtiges Zentrum für Europas digitale Souveränität. Das Start-up Mistral AI ist das einzige europäische Unternehmen, dessen Sprachmodelle es mit der US-Konkurrenz aufnehmen können. Mistrals CEO Arthur Mensch denkt europäisch und will mit seinen proprietären und seinen Open-Source-Modellen die EU im KI-Wettlauf voranbringen. Er hat deshalb soeben 1,2 Milliarden Euro in den Bau eines Rechenzentrums in Schweden – wegen des hohen Anteils an erneuerbarer Energie – investiert. Aber auch Mistral AI musste in mehreren Finanzierungsrunden beachtlich viel US-Kapital aufnehmen und ging Partnerschaften mit Microsoft und Nvidia ein. Im September 2025 investierte mit ASML, dem weltweit einzigartigen Hersteller von hochkomplexen Maschinen für die Chipproduktion, ein holländischer Multi 1,5 Milliarden Dollar in Mistral AI.
Macron kann auf weitere Highlights hinweisen. Anfang dieses Jahres eröffnete Yann LeCun, bisher Chef-KI-Wissenschaftler bei Meta und Preisträger des Turing Award, in Paris sein neues Start-up AMI-Labs (AMI für Advanced Machine Intelligence). Er bringt die für die europäische Industrie wichtigen Forschungsgebiete – World-Models und «Physical-AI» – ins Zentrum Frankreichs (siehe Infosperber vom 5.2.2026).
Zur Freude Macrons ist Paris so attraktiv geworden, dass rivalisierende US-Unternehmen – OpenAI, Anthropic, Google und andere – mit einem gemeinsamen «Start-up Accelerator» Kurse in Frankreichs Metropole anbieten wollen.
«Buy European» im Single Market der EU
«Buy European» ist ursprünglich eine Forderung, die Euro-Stack, eine Non-Profit-Organisation mit über 300 europäischen CEOs aus dem Digital- und Technologiesektor, im März 2025 in einem offenen Brief an die EU-Kommission stellte. Es wurde keine völlige Abkoppelung von US-Technologie angestrebt, sondern mehr Wettbewerb dank europäischer Angebote. Im Fokus steht das öffentliche Beschaffungswesen (siehe Infosperber vom 14.1.2026).
Im Digitalbereich sind US-Produkte und Dienstleistungen so dominant, dass vielfach europäische Alternativen gar nicht in Betracht gezogen werden. Dass es auch anders geht, und zwar rasch, zeigt sich am Beispiel der KI-Fabrik in München und an den französischen Pionierleistungen. Sie stehen für Europas digitale Souveränität, auch wenn eine völlige Abkoppelung weder möglich ist noch gewünscht wird.
Unbestritten ist, dass Regulierungen abgebaut werden sollen, nicht nur solche der EU, sondern auch Handelshemmnisse im immer noch fragmentierten EU-Wirtschaftsraum. Starke Lobbygruppen verhindern seit Jahren die Weiterentwicklung zu einem Single Market. Der Internationale Währungsfonds (S. 3, letzter Absatz) schätzt deren Wirkung bei Waren auf ein Zolläquivalent von 44 Prozent, bei Dienstleistungen von über 100 Prozent.
«Industrial Accelerator Act» in Vorbereitung
Inzwischen befasst sich die EU mit «Buy European», und einige Vorschläge zur konkreten Umsetzung haben schon Staub aufgewirbelt und auch die Schweiz alarmiert. An einem Treffen der 27 EU-Staaten im Februar 2026 wurden Differenzen sichtbar. Trotz demonstrativ gemeinsamem Auftritt setzte der deutsche Bundeskanzler Merz mit «Made with Europe» anstatt «Made in Europe» auf eine deutlich offenere Auslegung als Frankreichs Präsident Macron.
Offensichtlich soll an einem EU-Treffen Anfang März 2026 ein Vorschlag der EU-Kommission für einen «Industrial Accelerator Act» vorgelegt werden. Er enthalte Massnahmen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie mitsamt Vorgaben, wie «Buy European» umgesetzt werden soll. Er dürfte noch viel zu diskutieren geben, bis der Vorschlag die zahlreichen Gesetzgebungsprozesse der EU durchlaufen hat. Es wird sich zeigen, ob die 27 EU-Mitglieder in der aktuellen krisenhaften geopolitischen Lage es schaffen, sich zusammenzuraufen.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.









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