Tamedia: Manchmal sind die Leser klüger als die Schreiber
«Liebe Pensionierte, habt ihr ein schlechtes Gewissen?», fragten Janina Gehrig und Christian Zürcher vor zehn Tagen in der «Sonntags-Zeitung». Sie bezeichneten die Alten in ihrem Artikel als «Kostenfaktor». Denn: «Immer mehr ältere Menschen belasten die AHV.»
«In Schieflage»
Der Artikel reiht sich nahtlos in die Polemik ein, welche die Tamedia-Zeitungen seit der Debatte um die 13. AHV-Rente betreiben. Der Ton ist häufig abschätzig bis herablassend, manchmal sogar anklagend. Im Februar etwa warf Wirtschaftsredaktor Konrad Staehelin den Rentnern vor: «Die Alten bringen den Staat in Schieflage.»
Kurz darauf, als es um eine allfällige Erhöhung des Rentenalters ging, war bei Bundeshausredaktor Markus Brotschi eine gewisse Enttäuschung herauszulesen: «Die Boomer sind fein raus.» Denn bis eine Erhöhung des Rentenalters in Kraft träte, wären die Babyboomer längst in Pension.
«Eine grosse Belastung»
Kurz darauf schrieb wiederum Staehelin: «Dass die Menschen immer älter werden, ist aus Sicht der Staatsfinanzen eine grosse Belastung.» Und: «Die Verteilung der Bevölkerung ist nun mal nicht ideal.» Es klang so, als würde er hoffen, dass die Alten möglichst rasch wegstürben.
Staehelin beklagte auch, dass bei der AHV ein «Transfer von Jung zu Alt» stattfinde. Dabei müsste er – gerade als Wirtschaftsredaktor – wissen, dass die AHV seit 1948 nach dem Umlageverfahren funktioniert. Dass also die Erwerbstätigen die Rente der Pensionierten finanzieren. Ganz im Gegensatz zum Kapitaldeckungsverfahren, nach dem die Pensionskassen funktionieren.
Der Leserbrief
Aber zum Glück haben die Tamedia-Zeitungen kluge Leser. Manche nehmen sich die Mühe, der Redaktion zu schreiben. Den Leserbrief von Jakob Rechsteiner aus Wiesendangen ZH hat die «Sonntags-Zeitung» abgedruckt. Infosperber bringt Auszüge davon:
«Wie bitte? Ich soll ein schlechtes Gewissen haben? Etwa weil ich rund 50 Jahre gearbeitet habe, für den Verein Frondienst und für die Gemeinde ein Amt ausgeübt habe, dessen Entschädigung bei weitem nicht dem Stundenlohn einer Reinigungskraft entsprochen hat? Oder soll ich ein schlechtes Gewissen haben, weil ich viel mehr in die AHV einbezahlt habe, als ich nun bekomme?»
«Die AHV hat übrigens schon immer so funktioniert, dass die Jungen für die Pensionierten einbezahlt haben. Mit der Stunde null der AHV war es sogar so, dass Pensionierte eine Rente bekommen haben, obwohl sie gar nie etwas einbezahlt haben. Auch bei den Pensionskassen gab es gravierende Ungerechtigkeiten mit dem Leistungsprimat, da haben Rentner 60 Prozent des Lohnes bekommen, egal wie viel sie einbezahlt hatten. Auch das haben damals die Jungen (die heutigen Alten) mitfinanziert. War aber nie ein Problem oder Thema.»
Damit ist eigentlich alles gesagt.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.










Viel Journalisten schreiben eben nicht «was ist», sondern was meinungsmässig in der Luft liegt. Das nennt man den Leser abholen, wo er ist. Und so das Schreiben besser vermarkten. Darum geht es vor allem. Der Profit will mitschreiben. Drum: Augen auf beim Lesen und schauen aus welcher Richtung die Sätze zufliegen. Und zu welchen Gunsten Wörter sich aneinander reihen.
Danke Marco Diener für den deutlichen Text.
Habe zwei Kinder allein erzogen und viel idealistische Arbeit geleistet. Konnte für die Alimente keine AHV einzahlen. War neben der Kinderarbeit immer Berufstätig und habe im Garten viel selber produziert.
War dann mit 60 Jahren völlig ausgepowert.
Warte sehnlichst auf die 13. AHV und musste gestern im CLUB SRF1 hören, dass wir die 13. AHV-Rente nicht benötigen.
Das ist falsch: Ich kenne viele geschiedene Frauen mit und ohne Kinder, welche sich mit einer kleinen Rente durchschlagen.
Ergänzungsleistungen bekomme ich z.B keine, da ich in einer Bauruine gelebt und sie im Laufe der Jahre mit etwas Erbe – und ohne Schulden zu machen – renoviert habe.
Hätte ich Geld für Kauf und Umbau aufgenommen, könnte ich heute nicht günstig im eignen Haus leben.
So kann die Wirklichkeit aussehen. Ich bereue nichts und führe ein glücklicher Leben z.Zeit mit herrlich frischem Löwenzahn und Brennnesseln.
Wegen DER Realität sagten wohl viele JA zur 13. AHV.
Debatten über Rentenalter und Demografie erwecken den Eindruck, Menschen über 65 gehörten klar zum alten Eisen. In Fitnesszentren und im GesellschaIn heutigen Gesellschaften wird Jugendlichkeit glorifiziert, es wird entsprechend investiert. Das gefühlte Alter gewinnt an Bedeutung, dies ist ein Spiegelbild kulturellen Wandels und persönlicher Gesundheit – fachlich ausgedrückt: als bio-psycho-sozialer Marker.
Besten Dank für den guten Beitrag. Eine kleine Bemerkung trotzdem. Der «grundliegende» Unterschied von AHV und BVG bzw. Umlage- und Kapitaldeckungsverfahren ist nicht wirklich einer bzw. besteht vor allem darin, dass jeder einzelne BVG-Rentenfranken durch die viel höheren Verwaltungskosten etwa 3000mal teurer ist, als der AHV-Rentenfranken. Zum Unterschied der Systeme, der nicht wirklich einer ist: Auch die BVG kann die Renten nur aus den laufenden Erträgen bezahlen – volkswirtschaftlich und nicht versicherungswirtschaftlich gesehen. Auch das BVG legt um. Man stelle sich vor, unsere Bevölkerungszahl schrumpfe (massive Abnahme der Geburtenzahlen, aus irgendwelchen globalen Veränderungen massiv abnehmende Zuwanderung) – woraus würden die BVG-Kassen mit ihrem immensen Immobilienbestand angesichts der Leerstände die Renten bezahlen? Nicht einmal die Immobilien könnten sie noch liqudieren.