Sprachlust: Wo das Gegenteil ebenfalls wahr ist

Daniel Goldstein © Grietje Mesman

Daniel Goldstein /  Wer sein Leben riskiert, riskiert zugleich den Tod. Der vermeintliche Gegensatz ist keiner: Da passt die Faust aufs Auge. Stimmts?

«Das ist so falsch, dass nicht einmal das Gegenteil richtig ist», soll in den Sechzigerjahren der legendäre Bundesrat Hans Schaffner einem Parlamentarier entgegengehalten haben. Dem so Gescholtenen hätte es also nicht einmal etwas genützt, hätte er die Sache und das Gegenteil behauptet, wie das Politiker bisweilen tun – wenn auch meistens mit solchem zeitlichen Abstand, dass sie meinen, niemand mehr erinnere sich an die erste Aussage. Mit etwas sprachlichem Geschick kann man freilich im gleichen Moment völlig gegensätzliche Dinge von sich geben, oder jedenfalls solche, die das Gegenüber so oder so verstehen kann.
Die vor Kurzem hier präsentierte Schokoladenseite wäre so ein Fall, wenn es denn (noch) Leute gäbe, die ihr eine abseitige, abschätzige Bedeutung verleihen. Dem «Bund»-Korrektorat danke ich für den Hinweis, dass in umgekehrter Richtung die «Faust aufs Auge» doppeldeutig (geworden) ist. Laut dem Online-Duden bedeutet die Redensart sowohl «genau passen» als auch «überhaupt nicht passen». Mir scheint die positive Deutung jüngeren Datums zu sein; sie hat ja auch einen zynischen Beiklang, wenn man an die Folgen des passgenauen Zusammentreffens von Faust und Auge denkt.
Die riskante Untiefe
Vielleicht ist es ausgleichende Gerechtigkeit, dass auch der umgekehrte Fall vorkommt: Ein Wort und seine vermeintliche Verneinung bedeuten genau dasselbe – «wirsch» und «unwirsch» etwa, weil «un-» hier eine Verstärkung bedeutet. «Tiefe» und «Untiefe» können zwar als Gegensätze verwendet werden, sie müssen es aber nicht: «Untiefe» kann sowohl «seichte Stelle» als auch «grosse Tiefe» bedeuten. Bestimmt auf dem Irrweg ist indes jener (englische) Reiseführer, der angibt, man habe den Prager Kaufmannshof einst «Ungelt» angeschrieben, damit Räuber meinten, hier gebe es nichts zu holen. Der Ort hat seinen Namen vom «Ungelt», dem Entgelt, das fremde Marktfahrer bezahlen mussten.
Fast immer wird bei doppeldeutigen Begriffen aus dem Zusammenhang klar, wie sie gemeint sind. Wenn etwas «kein Thema» ist, so bedeutet das meistens, es komme nicht in Frage. Nicht aber hier: «Der Verbleib von Bruno Zuppiger im Nationalrat war für die SVP-Fraktion gestern kein Thema.» Dieser Zeitungssatz war wörtlich gemeint: Es wurde nicht darüber geredet, weil niemand den Verbleib in Frage stellte. Auch wenn jemand etwas riskiert, kann das zweierlei bedeuten: Er setzt es aufs Spiel, oder er nimmt es in Kauf. Man kann also mit waghalsigem Verhalten gleichzeitig sein Leben und den Tod riskieren.
Das realisierte Gift
Mein Verdacht, «sein Leben riskieren» sei eine jüngere Anlehnung an den im Englischen vorherrschenden Gebrauch von «to risk», hat sich nicht erhärtet: Im Deutschen sind beide Bedeutungen gut verankert. Als Anglizismus wird zuweilen die Verwendung von «etwas realisieren» im Sinne von «einer Sache gewahr werden» kritisiert: Auf deutsch bedeute das Wort nur «verwirklichen», was zwar nicht gerade das Gegenteil, aber doch etwas ganz anderes ist. Doch auch hier sind beide Bedeutungen schon lange gebräuchlich; dass ein Wort mehrere unterschiedliche Dinge bezeichnen kann und im Zusammenhang verstanden werden muss, ist ja keine Seltenheit.
Lästig finde ich es aber, wenn im Deutschen englische Wörter verwendet werden, die sich gleich schreiben wie ganz andere deutsche, und man daher aus dem ganzen Satz nicht nur auf die Bedeutung, sondern auch auf die Aussprache schliessen muss. Wer Roger Schawinski als Meister des Talks bezeichnet, der riskiert, dass man an weissen Puder statt ans Mikrofon denkt. Von der Webseite, die weder gewoben noch eine Seite ist, war in der «Sprachlupe» schon die Rede, ebenso vom Boxing Day (26.12.), an dem nur in Bern geboxt wird. Auch an dem Tag wird jemand irgendwo einen Tag aufsprühen, vor allem, wenn er eine Gift Box bekommen hat und nicht weiss, ob er sie öffnen oder weitergeben soll.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Verfasser der Kolumne «Sprachlupe», alle 14 Tage in der Zeitung «Der Bund». Ab 2012 Redaktor der Zeitschrift «Sprachspiegel».

Zum Infosperber-Dossier:

Nationalratssaal_Bundeshaus

Parteien und Politiker

Parteien und Politiker drängen in die Öffentlichkeit. Aber sie tun nicht immer, was sie sagen und versprechen.

Portrait_Daniel_Goldstein_2016

Sprachlupe: Alle Beiträge

Daniel Goldstein zeigt, wie Worte provozieren, irreführen, verharmlosen – oder unbedacht verwendet werden.

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

IBAN: CH 0309000000604575581

Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...