Sprachlust: Sprachschelte für Schweizer «in 1892»

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Daniel Goldstein /  «Sprachdummheiten», die ein deutscher Autor um 1890 rügte, fand ein Landsmann auch in der Schweiz - und nahm sie teils in Schutz.

«Der widerwärtige Gebrauch des in bei Jahreszahlen macht sich auch hier bisweilen breit: ‹in 1870›, anstatt ‹im Jahre 1870›.» – «Die Präposition ‹in› vor einer Jahreszahl ist ein lästiger Anglizismus, der vor allem im Wirtschaftsjargon allgegenwärtig ist. Die deutsche Sprache ist jahrhundertelang ohne diesen Zusatz ausgekommen und braucht ihn auch heute nicht. Ich wurde nicht ‹in 1965› geboren, sondern 1965.» Die Jahreszahlen machen deutlich, dass auch die Aufregung über die zwei Buchstaben schon mehr als ein Jahrhundert alt ist.
Das zweite Zitat stammt von Bastian Sick (dem «Zwiebelfisch» beim «Spiegel»). Ihm hielt der Anglist Anatol Stefanowitsch Beispiele entgegen, wonach im Deutschen schon im 18. Jahrhundert Jahreszahlen bisweilen mit «in» verwendet wurden, und er fand: «Selbst, wenn es tatsächlich aus dem Englischen käme: Zweihundert Jahre reichen, um eine urdeutsche grammatische Struktur daraus zu machen.» Hundert dieser Jahre waren schon abgelaufen, als 1892 das Eingangszitat geschrieben wurde, mit dem Zusatz: «Ohne Zweifel liegt hier eine alberne Nachäffung des französischen en vor.»
«Dummheiten» à la carte
Dass sich «auch hier» dieser «widerwärtige Gebrauch» breitmache, bezog sich auf die Schweiz, denn der Autor, Hugo Blümner, lehrte an der Universität Zürich Archäologie und alte Sprachen. Er verfasste aber auch die Broschüre «Zum schweizerischen Schriftdeutsch. Glossen eines Laien zu Wustmanns Schrift ‹Allerhand Sprachdummheiten›». Der Sonderdruck aus der NZZ bezog sich auf ein damals stark beachtetes und bis in die 1960er Jahre immer wieder neu aufgelegtes Buch des gestrengen, ja pedantischen Sick-Vorläufers Gustav Wustmann.
Blümner fühlte sich bewogen, Wustmann häufig beizupflichten, ihm aber gelegentlich zu widersprechen, besonders wenn es um «Dummheiten» ging, die in der Schweiz üblich waren und sich gut begründen liessen. So verteidigt er den Dativ in «jemandem rufen», der auch bei Luther und Goethe vorkomme, oder in «jemandem stimmen», wenn man ihm die Stimme gibt. Beides empfinden wir heute als mundartlich. Dagegen werden die «scheusslichen Nachbildungen kulturell und maschinell» heute im ganzen deutschen Sprachraum bedenkenlos verwendet, obwohl damals «importirte Waare». Vieles, was Wustmann und Blümner anprangern, ist selten geworden oder ganz verschwunden, etwa «die stattgehabte Versammlung» oder gar «das uns betroffene Unglück».
«Fehler» bei Gottfried Keller
Immer noch aktuell ist dagegen die Umschreibung des Konjunktivs mit «würde», die Blümner als Fehler rügt, sogar «bei Gottfried Keller: ‹sie rieb sich die Hände, als ob sie frieren würde›, anstatt ‹fröre›». Nach «als ob» stört heute «würde» kaum noch, wohl aber oft in indirekter Rede. Darüber schrieb der Altphilologe 1892: «Die Empfindung, dass dies würde nur dann am Platze ist, wenn das Ausgesagte nicht als Thatsache, sondern als Möglichkeit hingestellt werden soll, ist bei vielen Leuten ganz verloren gegangen. Also: ‹er sagte, dass er fleissig arbeiten würde, wenn er gesünder wäre›; aber: ‹er sagte, dass er fleissig arbeitete, da er wieder gesund wäre›.» Da hat der aus Berlin stammende Blümner dem Schweizer Sprachgebrauch wohl etwas zu wenig Rechnung getragen; heute jedenfalls schriebe man, durchaus hochsprachlich: «…dass er arbeite, da er gesund sei».
Bei den Jahreszahlen scheint dem Autor das jetzt in der Schweiz ab und zu auftretende «im 1892» erspart geblieben zu sein. Und was gilt jetzt, wenn man den mundartlichen Dativ beiseite lässt? «In wird nach englischem Vorbild – vor allem in der Journalistensprache – öfter mit einer Jahreszahl gebraucht», heisst es im Duden-Band 9 (Richtiges und gutes Deutsch), aber: «Standardsprachlich ist die Jahreszahl ohne Präposition oder die Fügung im Jahre + Jahreszahl.» Wetten, dass dies in 2092 nicht mehr gilt?


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Redaktor der Zeitschrift «Sprachspiegel»; Verfasser der Kolumne «Sprachlupe», alle 14 Tage in der Zeitung «Der Bund».

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Daniel Goldstein zeigt, wie Worte provozieren, irreführen, verharmlosen – oder unbedacht verwendet werden.

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