Kommentar

Sprachlust: So lesen uns Deutsche gern

Daniel Goldstein © Grietje Mesman

Daniel Goldstein /  Nein, wir müssen nicht jede sprachliche Mode mitmachen, die von draussen reinkommt. Hier lebende Deutsche haben’s lieber hiesig.

Die Mär, Deutsche würden in der Schweiz nicht mit offenen Armen aufgenommen, muss von einem Analphabeten in die Welt gesetzt worden sein, oder wenigstens von einem Zei­tungsmuffel. Denn wer hiesige Gazetten liest, hat’s schon lange vor der Freizügigkeit be­merkt: Unsere Presse tut alles, damit sich deutsche Leserinnen und Leser wie zu Hause fühlen. Wir sind vor Ort (also zur Stelle), wenn Leute zum Rauchen nach draussen gehen (hinausgehen), weil sie das Rauchverbot in der Kneipe (Beiz) dazu zwingt. Und wir rappor­tieren, wenn sie zwischen zwei Lungenzügen jammern, das seit 2012 geltende Gesetz lasse sie aussen vor (schliesse sie aus). Nein, nicht «lasse»: Wir setzten in der indirekten Rede den Kon­junktiv II, «liesse» – als ob’s das Gesetz gar noch nicht gäbe.

Wir halten diese Abschaffung des Konjunktivs I für besonders gutes Hochdeutsch, obwohl der Sprachdoyen Wolf Schneider vor einigen Jahren die Schweizer dafür lobte, anders als seine Landsleute wüssten sie noch zwischen den beiden Formen des Konjunktivs zu un­terscheiden. Eigentlich hilft uns die Mundart dabei, sofern uns der Schnabel noch richtig gewachsen ist: «Er hät gsäit, er lösi der Bart la schta» gibt die Aussage eines entschlos­senen Aargauer Bartträgers wieder, er lasse das Rasieren bleiben. Fällt die Zierde aber ei­ner Wette zum Opfer: «… er liess der Bart la schta, wenn er nid verlore hett», oder auf Hochdeutsch: «… er liesse den Bart stehen, wenn …».
Anheimeln statt anbiedern

Statt uns sprachlich anzubiedern, sollten wir der deutschen Leserschaft das bieten, was wenigstens ihr sprachbewusster Teil in der Schweiz ganz besonders schätzt: die Gelegen­heit, helvetische Besonderheiten kennenzulernen. Wir brauchen sie dazu nicht gleich mit Mundartausdrücken zu überfallen. Das Schriftdeutsche umfasst fürs Erste genug (auch vom Duden vermerkte) schweizerische Varianten. Manchmal tragen diese sogar nostalgi­sche Züge: Ein Norddeutscher erzählte mir, «Trottoir» erinnere ihn an seine Grosseltern, die das Wort noch anstelle von «Bürgersteig» verwandt hätten.

Ob sie auch «Perron» sagten, weiss ich nicht – aber Zugewanderte sind sicher dankbar, wenn ihnen diese Bezeichnung schon begegnet ist, bevor sie den Bahnsteig suchen und womöglich den Zug verpassen. Müssen sie zu einer Sitzung fahren, so werden sie von selbst merken, dass mit «Traktandenliste» die Tagesordnung gemeint ist. Braucht’s zuvor einen Besuch beim Coiffeur, sollten sie nicht noch lange einen Frisör suchen, und haben sie doch das Auto genommen, so ist es schneller parkiert, wenn keine Missverständnisse mit «parken» passieren.

Um den aus Norden Zugezogenen eine besondere Freude zu machen, lassen wir ab und zu einen Diminutiv auf «-li» enden, besonders wenn das Hochdeutsche keine exakte Ent­sprechung kennt. Auf der Traktandenliste darf statt «fest zugeteilte, regelmässig wieder­kehrende Aufgaben» ruhig «Ärbetli» stehen. Unbedingt zu verhüten sind indessen die in Deutschland oft zitierten «Verhüterlis», die es bei uns wirklich nicht gibt. Und ein Schluss-S im Plural hätten sie ohnehin nicht.
— Zum Infosperber-Dossier «Sprachlust»


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Der Autor ist Redaktor der Zeitschrift «Sprachspiegel» und schreibt für die Zeitung «Der Bund» die Kolumne «Sprachlupe», die auch auf Infosperber zu lesen ist. Er betreibt die Website Sprachlust.ch.

Zum Infosperber-Dossier:

Portrait_Daniel_Goldstein_2016

Sprachlupe: Alle Beiträge

Daniel Goldstein zeigt, wie Worte provozieren, irreführen, verharmlosen – oder unbedacht verwendet werden.

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2 Meinungen

  • am 3.02.2015 um 11:49 Uhr
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    Danke für die – wie immer! – spannende Glosse.
    Zusätzlich: Fest eingebürgert in der Schweiz sind mittlerweile «die Jungen», was aber nicht junge Leute, sondern Buben oder Knaben meint. Und das am Schluss erwähnte leidige Plural-S, das es im Deutschen nur für Lehnwörter gibt: Dieser Anglizismus ist in der Sprache der Jungen (gemeint sind beide Geschlechter) gang und gäbe, aber auch in seriösen Zeitungen wie der NZZ liest man von Kumpels, was – gemäss Duden – umgangsspachlich zwar nicht verboten ist, aber die fortschreitende Anglisierung des Deutschen manifestiert.

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  • am 3.02.2015 um 21:05 Uhr
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    Die vorläufige Krönung sind die «Jungs"; das Wort habe ich auch schon in (sonst) schweizerdeutschen Sätzen gehört. Das Plural-S ist hier allerdings weder «lehnwörtlich» noch englisch, sondern niederdeutsch. Es findet gelegentlich den Weg bis an den Rand des Standarddeutschen, so bei den «(langen) Kerls» oder eben den «Kumpels» (beide im Duden, als «landsch., bes. nordd.» bzw. «ugs.» (umgangssprachlich, auch bei «Jungs").

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