Kommentar

Sprachlust: Fachwörter, zum Auslisten empfohlen

Daniel Goldstein © Grietje Mesman

Daniel Goldstein /  Wer kannte das Wort «auslisten», bevor sich Ladenregale lichteten? Manche Fachwörter werden Allgemeingut – zum Glück nicht alle.

Listig und ganzseitig wirbt ein Discounter: «Wir listen nicht einfach aus, sondern verkaufen Markenartikel günstiger.» Denn die Konkurrenz hatte etliche dieser Artikel soeben ausgelistet, also «aus dem Sortiment genommen», wie die jüngste Duden-Ausgabe erläutert. Das Manöver diente dazu, Lieferanten unter Druck zu setzen, damit sie den günstigen Euro-Kurs weitergaben. Dieses Auslisten, ein Fachwort aus der Welt des Detailhandels, gelangte damit erstmals einer breiteren Öffentlichkeit ins Bewusstsein. Ob es dort bleibt, wird sich erst noch weisen müssen; das hängt davon ab, ob sich der Vorgang wiederholt, oder auch, ob sich die Anwendung des Worts ausweitet. Vielleicht liest man ja demnächst: «Der Nati-Trainer hat den Stürmer X. ausgelistet.»
Mit List hat das Vorgehen der Detailhändler nichts zu tun, oder jedenfalls das Wort nicht: Es geht hier nicht um Schlauheit, sondern um eine Liste, und die ist sprachlich mit der Leiste verwandt. Etwas verwirrend ist die Bildung von Verben: Mit List kann man jemanden überlisten; auf einer Liste dagegen etwas listen, es ist dann dort gelistet. Diese Verwendung kennt der Duden schon länger, sie ist aber eher fachsprachlich geblieben, etwa für an der Börse gelistete (kotierte) Wertpapiere. Nur die Erweiterung «auflisten» wird breiter verwendet. Der Online-Duden erwähnt das Verb «listen» auch als Ableitung von List: «den Ball ins Tor listen».

Das Wort kommt mit der Sache

Dass Fachwörter Allgemeingut werden, kommt wohl vor allem dann vor, wenn auch das entsprechende Fachgebiet grössere Bekanntheit erlangt. Ältere Generationen sind aufgewachsen, ohne sich Gedanken darüber zu machen, wie sie dabei sozialisiert wurden – nur schon deshalb nicht, weil ihnen das Wort nie begegnete. Laut Duden bedeutet es in Psychologie und Soziologie «jemanden in die Gemeinschaft einordnen, zum Leben in ihr befähigen». Griffiger gehts wohl ohne das Fremdwort nicht, also reden zwar nicht gerade alle vom Sozialisieren – aber alle, die diesen Vorgang thematisieren wollen.
Als die Verben «sozialisieren» und «thematisieren» aufkamen, wirkten sie geschraubt; sie tun das für manche auch heute noch. Der Verdacht lag nahe, da wolle sich jemand wichtig machen; heute kann, wer das beabsichtigen sollte, kaum noch mit diesen Wörtern punkten. Eher muss er dann von einem Diskurs reden, wenn er eine gewöhnliche Diskussion meint. In dieser Bedeutung ist das Wort laut Digitalem Wörterbuch der deutschen Sprache «veraltend»; die Schweizerische Mediendatenbank zeigt indes stark zunehmenden Gebrauch. Wo mit Bedacht von Diskurs die Rede ist, geht es meistens um eine bestimmte Art, mit einem Thema umzugehen: «Der neoliberale Diskurs ist noch immer sehr in Mode», schrieb etwa die «Basler Zeitung».

Schoolschooling gefällig?

Als kürzlich im «Tages-Anzeiger» ein Artikel über Homeschooling (Unterricht zu Hause) erschienen war, protestierte ein Lehrer: Ob er denn jetzt sein eigenes Wirken als «Schoolschooling» bezeichnen müsse? Er störte sich am Englischen, doch liegt hier auch ein Fall von Fach­chinesisch vor: «Homeschooling» ist international vernetzten Bildungsforschern zu verdanken, und der Begriff sei ihnen unbenommen. Für einen Zeitungsartikel über das Thema ist es praktisch, wenn auch nicht zwingend, ihn zu übernehmen. Zur Nachahmung würde ich das nicht empfehlen, und Heavy Rotation wünsche ich dem Wort schon gar nicht.
Heavy Rotation? Davon war im «Bund» zu lesen, im Zusammenhang mit einem TV-Werbespot: Gemeint war häufige Ausstrahlung, und offenbar reden Musik­radiomacher so. Aber bitte nur unter sich, auch wenn das Internet-Lexikon Wikipedia bereits meldet, der Ausdruck habe «Eingang in die deutsche Sprache gefunden». Da hilft nur eines: Sofort auslisten!


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Autor einer regelmässigen Sprachlupe in der Zeitung «Der Bund» und ab 2012 Redaktor der Zeitschrift «Sprachspiegel».

Zum Infosperber-Dossier:

Portrait_Daniel_Goldstein_2016

Sprachlupe: Alle Beiträge

Daniel Goldstein zeigt, wie Worte provozieren, irreführen, verharmlosen – oder unbedacht verwendet werden.

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