Kommentar

Champagner auf schlingerndem Schiff

Hanspeter Guggenbühl © bm

Hanspeter Guggenbühl /  Im Zeitraum, in dem sich die privaten Millionärsvermögen verdoppelten, stiegen die Staatsschulden um fünfzig bis hundert Prozent.

Die Familien Reich und Gier sitzen auf dem Erstklassdeck, trinken Champagner und speisen Kaviar. Da erreicht sie vom Unterdeck die Nachricht, der Dampfer sei mit einem Eisberg kollidiert, gerate ins Schlingern und drohe zu sinken. Der Kapitän ersucht die Erstklasspassagiere, beim Stopfen des Lecks zu helfen, damit das Schiff nicht absäuft. Doch diese weigern sich. Denn solange in der Luxusklasse der Champagner perlt, ist ihnen das Schicksal des Schiffs egal.

In den letzten zehn Jahren haben sich die privaten Vermögen der Millionäre weltweit verdoppelt. Im gleichen Zeitraum erhöhten die Industrieländer ihre Staatsschulden um fünfzig bis hundert Prozent, um das Wachstum der Wirtschaft sowie die Banken zu retten. Heute stehen viele Staaten vor dem Bankrott, und der Weltwirtschaft droht der Kollaps. Derweil lehnen die Republikaner in den USA jegliche Steuererhöhungen für die Reichen strikte ab.

Die Neue Zürcher Zeitung klagt täglich, die verschuldeten Staaten hätten über ihre Verhältnisse gelebt und müssten jetzt den Gürtel enger schnallen, um ihren Haushalt zu sanieren. Reichs und Giers nicken zustimmend. Denn im Unterschied zum Kapitän verlangt die NZZ nicht, dass die Erstklasspassagiere sich am Stopfen des Lecks respektive der staatlichen Finanzlöcher beteiligen. Steuererhöhungen sind auch für die bürgerlichen Schweizer Parteien SVP und FDP kein Thema, im Gegenteil: Damit die Reichen noch etwas reicher werden, fordern FDP und SVP im Kanton Zürich zurzeit eine Halbierung der Vermögenssteuern.

Die Reichs und ihre Sachwalter sind nicht nur gierig, sondern auch etwas dumm. Denn Sie lassen ausser Acht, dass auf einem sinkenden Ozeandampfer auch die Erstklasspassagiere baden gehen – und ihr Champagner versalzen wird.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

nein

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.

IBAN: CH 0309000000604575581


Der Meinungsaustausch wird nach zehn Tagen automatisch beendet. Oder er wurde zu diesem Artikel gar nicht ermöglicht.