Kommentar

Sprachlust: Als Modewort ist «Diskurs» ein Opfer

Daniel Goldstein © Grietje Mesman

Daniel Goldstein /  Wenn ein Wort in Mode kommt, kann ihm das schaden: Wer «Diskurs» statt «Diskussion» sagt, zeigt, dass er das Wort schlecht kennt.

Es gibt mancherlei Gründe, Birgit Schmid für ihren Appell wider den «moralisierenden Feminismus» dankbar zu sein, der am 18. Juli unter dem Titel «Dieser ewige Opferdiskurs» im «Tages-Anzeiger» erschienen ist. Hier betrifft der Dank nur den Titel, genauer die Art, wie die stellvertretende Chefredaktorin des «Magazins» von «Diskurs» redet. Das Wort wird sonst in letzter Zeit inflationär verwendet, für jede noch so belanglose Diskussion. Dabei war es zuvor in diesem Sinn fast verschwunden, und wer «Diskurs» sagte, meinte zumeist etwas anderes: eine von einer bestimmten Absicht oder Lehre geleitete Redeweise. Eben zum Beispiel jene, die Frauen stets in der Opferrolle abbildet.
«Diskurs» in diesem prägnanten Sinn zu verwenden, entspricht eher gehobenem Stil. In der Schweizer Mediendatenbank findet man es in den Neunzigerjahren vor allem in kulturellen Abhandlungen, etwa als philosophischen, postmodernen, interessegeleiteten oder analytischen Diskurs. Es kann durchaus den Diskurs einer Einzelperson beschreiben, was an den Ursprung im französischen «discours» für (formelle) Rede erinnert. Vereinzelt war in der Presse schon damals ein Zwiegespräch ohne bestimmte Richtung gemeint, etwa zwischen Musikinstrumenten oder zwischen Liebenden in einem Theaterstück.
Bitte nicht diskurrieren
Im Duden freilich steht seit mindestens 50 Jahren als erste Bedeutung «[eifrige] Erörterung», mit dem schon damals «veraltenden» Verb «diskurrieren», das heute noch «landschaftlich» (also regional umgangssprachlich) für «sich eifrig unterhalten» gebraucht wird. Auf diese angestammte Bedeutung können sich alle berufen, die neuerdings mit «Diskurs» um sich werfen. Erst später kam die Duden-Definition «methodisch aufgebaute Abhandlung» dazu. Das passt besser zum Eigenschaftswort «diskursiv», für welches das Wörterbuch die «philosophische» Bedeutung anführt: «von Begriff zu Begriff logisch fortschreitend».
Wer will, kann sich über die Wiederbelebung des Diskurses als «eifrige Erörterung» freuen. Aber diese banale Verwendung bringt gegenüber «Diskussion» und ähnlichen Wörtern ausser der Abwechslung und dem (für eine Weile) modischen Anstrich nichts. Und sie fordert ein Opfer: die besondere, eben prägnante Verwendung für den Diskurs als bestimmte Rhetorik. In welchem Sinne bestimmt, muss jeweils eigens gesagt werden; solcher «Diskurs» ist ohne Zuordnung sinnlos. Die schwierige Disposition des Wortes mag dazu geführt haben, dass es sozusagen unterbeschäftigt war und sich daher als Alternative zu «Diskussion» anbot; der Nachahmungstrieb sorgte dann für die galoppierende Verbreitung.
Bitte nicht nachvollziehen
Ähnlich scheint es dem Wort «nachvollziehen» ergangen zu sein, dessen Karriere im Duden kürzer ist. Früher kannte man es allenfalls für eine tatsächliche Nachahmung, wie heute noch beim «autonomen Nachvollzug» von EU-Recht durch die Schweiz. Doch seit etlichen Jahren tritt es gehäuft dann auf, wenn etwas gar nicht nachvollzogen, sondern nur verstanden oder nachgefühlt wird: Der Nachvollzug findet bloss im Geiste statt, und häufig nicht einmal dort, denn «nicht nachvollziehen können» dürfte ebenso oft vorkommen wie der positive Fall.
Manchmal ist beides schade, die Verneinung und die Verbannung ins Virtuelle. Etwa hier: «Peter Bodenmann, Briger Hotelier und ehemaliger Präsident der SP Schweiz, kann die ‹Walliser Hysterie› um das neue Raumplanungsgesetz nicht nachvollziehen.» Zu gerne würde man ihm dabei zuschauen, wie er die Hysterie anschaulich und wortgewaltig nachvollzöge. Da könnte man auch wieder einmal das Schauspiel eines Diskurses miterleben, wie er im Buche steht.
— Zum Infosperber-Dossier «Sprachlust»


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Der Autor ist Redaktor der Zeitschrift «Sprachspiegel» und schreibt für die Zeitung «Der Bund» die Kolumne «Sprachlupe», die auch auf Infosperber zu lesen ist. Er betreibt die Website Sprachlust.ch

Zum Infosperber-Dossier:

Portrait_Daniel_Goldstein_2016

Sprachlupe: Alle Beiträge

Daniel Goldstein zeigt, wie Worte provozieren, irreführen, verharmlosen – oder unbedacht verwendet werden.

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Eine Meinung zu

  • am 27.07.2013 um 12:16 Uhr
    Permalink

    Daniel Goldstein, damals in Ennetbaden wohnhaft, ist mir als einer der klügsten und wägsten «Typen» meiner Studentengeneration um 1968/70 in Erinnerung. Schon damals zu kultiviert, um auf blosse Schlagworte abzufahren. Mit dem «Nachvollziehen der Hysterie» kommt bei ihm auch der Nachweis der unfreiwilligen Komik als Mittel der «reductio ad absurdum» zum Zuge, einer seit der Scholastik gepflegten Methode zur Widerlegung schlechter Argumente.
    Für den Gebrauch des Wortes «Diskurs» scheint mir der französische Philosoph Roland Barthes einer der grossen Meister, etwa mit seinem bei Suhrkamp übersetzten Buch «Fragmente einer Sprache der Liebe". Der Diskurs der Liebe ist gerade nicht mit Diskussion zu verwechseln, sondern hat mit einem eher monomanen Sprachgebrauch zu tun. Was soll die Geliebte schon antworten auf das Kompliment: «Du bist anbetungswürdig"? Desgleichen der politische Diskurs. Dieser kann beispielsweise auf seinen Feindbildgehalt analysiert werden. Diese Analyse ist dann aber nicht Diskurs, sondern Diskussion und bei gutem dialektischem Erwägen von Pro und Contra sogar Disputation. In diesem Sinn ist etwa «nachhaltig» ein Wort aus dem politischen Diskurs. Nur Dummen ist es nicht klar, dass es sich hier um ein Schlagwort handelt. Wer seine Zielsetzungen als «nachhaltig» bezeichnet, positioniert sich in der Politik als Kunst des Rechthabens und Rechtbehaltens, und zwar zunächst einmal verbal. Politik ist in diesem Sinn ein Sprachspiel mit Diskurs-Elementen. Intellektuelle beherrschen das eher als der bestimmt nicht dumme Ueli Maurer. Sein Fehler war aber, den tatsächlichen Schluss-Strich betr. das Massaker von 1989, welcher mit der praktischen Politik der Schweiz absolut real gezogen wird, auch verbal als solchen zu bezeichnen. In der politischen Diskussion darf man den Gebrauch moralischer Diskurs-Momente nie vernachlässigen. Dies lehrte Meister Machiavelli mit der Empfehlung, machtpolitische Massnahmen mit dem richtigen Ausmass frömmelnder Sprüchen zu begleiten. Ein kluger Politiker dürfe jedoch nicht selber noch glauben, was er sage, weil er sonst das Bewusstsein für die Realität und die Handlungsfähigkeit in Richtung des Gegenteils verlieren würde. Wie in der Liebe sind auch in der Politik die Regeln des Diskurses immer einzuhalten! Das gilt z.B. auch bei der Kommentierung von Erdbeben im Zusammenhang mit Geothermie-Bohrungen usw.

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