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Daniel Goldstein © Grietje Mesman

Sprachlupe: Wir alle sind überforderte Liseli Müller

Daniel Goldstein /  Verständlichkeit sollte im Journalismus stets ein guter Vorsatz sein. Der wird aber zuweilen abschätzig geäussert – oder vergessen.

«Schreib so, dass es das Liseli Müller von der Langstrasse auch versteht.» So, mit despektierlich dämlichem Diminutiv, ermahnte mich Redaktionsneuling vor vielen Jahrzehnten der wenig ältere Kollege beim «Tages-Anzeiger». Damals stand die heute etwas zwielichtige Zürcher Langstrasse einfach für das Arbeiterquartier, durch das sie führt. Das Basler Pendant dazu und zur redaktionellen Ermahnung war der «Leser vom Bläsiring», wie sich ein gleichaltriger Veteran erinnert. Die Leserin war damals bestenfalls mitgemeint, heute aber ist sie – nicht unbedingt zu ihrem Vorteil – wieder in den Vordergrund gerückt. So stand kürzlich im Fachblatt «Edito», einen Referenten anpreisend: «Er gibt Einblick in die KI-Anwendungen beim ‹Blick› und zeigt, wie die Redaktion ihre Arbeit mit KI so auf den Punkt bringt, dass auch Frau Müller am Bläsiring etwas davon hat.»

Ob Herr Müller den «Blick» auch dann versteht, wenn die Texte ohne KI oder gar nicht auf Verständlichkeit getrimmt sind, kann ich nicht beurteilen. Hingegen ist das sagenhafte Liseli beim «Tagi» und seinen Ablegern quer durch die Deutschschweiz offenbar ganz in Vergessenheit geraten. Dabei wäre die Phantomleserin, wenn bei der Lektüre überfordert, in zahlreicher Gesellschaft, der ich nicht selten ebenfalls angehöre. Um es mit der heute gängigen Vereinnahmung zu sagen: Wir alle sind Liseli Müller.

Lieber nachschlagen als hereinfallen

Manchmal mag es einfach am Alter liegen; vielleicht war ich der Einzige, der den Bericht über den gemeinsamen Auftritt der Popgruppen Krokus und Gotthard zwar las, aber darin nicht verstand, was der (ausgebliebene) Moshpit gewesen wäre. «Mopshit» konnte ich mir als Schlager zum Naserümpfen noch zurechtlegen, aber in richtiger Schreibweise meldete mir Wikipedia: «vor der Bühne entstehender Kreis, in dem die Zuschauenden tanzen». Den Bühnenhelden schauen sie dabei allerdings kaum noch zu.

Ein Wort nachzuschlagen, ist keine Schande und heute dank Internet einfach – aber man mag es beim Zeitunglesen trotzdem nicht allzu oft tun. Meistens reicht Raten und Weiterlesen, nur sollte man nicht darauf hoffen, die genauere Erklärung folge schon noch. Sie könnte unaufdringlich eingeflochten werden, aber oft lässt namentlich der Wirtschaftsteil jede Erläuterung vermissen. Einige Beispiele aus jüngerer Zeit: Fiatgeld, Indexanbieter, Saron, Geldmarkthypotheken, Basel III, Basispunkte (bei Bedarf bitte selber nachschlagen). Besonders ärgerlich ist der Eindruck, da werfe jemand mit Fachwörtern um sich, obwohl es im Zusammenhang auch einfacher ginge.

Rückfall in den Snobismus

Snobistisch wirken auch immer wieder Artikel im Kulturteil; vor allem sie haben mich schon zu etlichen «Sprachlupen» animiert: Wortimport mit und ohne guten Grund,* Spoiler Alert: Hier wird Kudos nicht gelikt und Wenn die Blasensprache in die Zeitung rinnt. Oft sind es englische Wörter, die nach Erklärung schreien, auch solche in deutschem Gewand: «Thierry Burkart versichert den Skeptikern, es handle sich um eine Rückfallposition.» Damit meinte der FDP-Präsident nicht etwa, wer Atomkraftwerke grundsätzlich ermöglichen wolle – wie seine Partei –, sei rückfällig geworden. Vielmehr ging es um die «fallback position», auf die man zurückfällt, wenn andere Optionen nicht ausreichen.

Nun kann man mir vorwerfen, «snobistisch» oder «Optionen» seien ebenfalls hochgestochene Wörter – aber ich nehme an, wer «Sprachlupen» lese, könne damit etwas anfangen. Je nach Publikation und Ressort fallen solche Annahmen unterschiedlich aus. Nur sollte, wer für ein breites Publikum schreibt, keine allzu spezifischen Fachkenntnisse voraussetzen. Was ein Penalty ist, wird man im Fussballbericht nicht erklären müssen, ein Offside auch nicht – wohl aber, wann so eine Abseitsstellung als aufgehoben gilt.

Erst recht brauchen Fachbegriffe eine Erklärung, wenn sie ausserhalb ihres Gebiets auftreten. Als ein «Streetworker» (Gassenarbeiter) einen gefährdeten Jugendlichen bei sich aufnahm, deutete der Journalist das als «Übersprunghandlung» («Verhalten, das bei ungelösten Konflikten auftreten kann und als Ersatzhandlung zu verstehen ist», Karrierebibel.de) – eine in diesem Fall überflüssige und wohl unpassende Anleihe bei der Verhaltensbiologie. Diese Wissenschaft hat aber einen passenden Ausdruck für hochtrabendes Vokabular parat: Imponierverhalten.

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