Sprachlupe: Von «durchseucht» zu «durchgeseucht»

Daniel Goldstein /  Muss sich das Land durchseuchen, um des Coronavirus Herr zu werden? Das kommt ganz darauf an, wie wir das Verb betonen.

Ist die Schweiz durchseucht? Ist sie bald schon durchgeseucht? Und besteht zwischen den beiden Partizipien, mit und ohne «ge» drin, ein Unterschied?  Das medizinische Wissen über das Coronavirus reicht noch nicht, um die Sachlage restlos zu klären. Aber mit sprachlicher Klarheit liesse sich vermeiden, dass zusätzliche Verwirrung stiftet, wer etwas übers Durchseuchen sagt.
Was liegt näher als ein Griff zum Duden? Der gedruckte lässt uns im Stich, aber online finden wir «durchseuchen», mit der Betonung auf «seu», der Umschreibung «ganz und gar verseuchen» und den Beispielen «das Gebiet war völlig durchseucht; (in übertragener Bedeutung:) durchseucht von Doping». Das Partizip Perfekt lautet hier allein «durchseucht», und für es ist als weitere, medizinische Bedeutung angegeben: «infiziert», z.  B.: «In Deutschland sind junge Erwachsene zu 5 % mit dem Hepatitis-A-Erreger durchseucht.»
Die Schweiz ist somit zu einem gewissen, freilich kaum bestimmbaren Prozentsatz mit Sars-CoV-2 durchseucht. Noch weniger genau lässt sich sagen, ob und wann sie durchgeseucht sein wird – in dem Sinn, dass nach durchgemachter Seuche genug Leute gegen das Virus immun sind, um neue Infektionswellen aufzuhalten. Um «durchseuchen» in dieser Bedeutung zu finden, helfen die Nachfolger der Brüder Grimm. Deren Wörterbuch wird unter der Adresse dwds.de digital weitergeführt. Als Bedeutung steht zwar auch nur «ganz und gar verseuchen», aber als Beispiel aus der «Zeit»: «Nach drei Wochen war dann alles ‹durchgeseucht›, und dann waren alle Tiere immun.»
Überführt oder übergeführt?
Steht «ge» im Partizip, so betont man es automatisch am Anfang, und diese Betonung gilt auch für die andern Formen des Verbs. Keine Mühe bereitet das bei Zusammensetzungen, die uns in zweierlei Betonung vertraut sind: Das Wetter ist heute durchzogen, soeben ist ein Gewitter durchgezogen. Die Wörterbücher führen solche Verben doppelt, mit unterschiedlicher Bedeutung, Betonung, Partizipbildung und Trennbarkeit: Das Gewitter zieht durch, aber eine Ungewissheit durchzieht die Prognosen.
Ein Paradebeispiel wäre «überführen»: Der Einbrecher wird seiner Tat überführt und dann ins Gefängnis übergeführt. Nur steht für die Bedeutung «an einen anderen Ort führen» schon im Duden Rechtschreibung von 1961 zwar die Betonung auf «über», aber neben dem ebenfalls am Anfang betonten Partizip «übergeführt» steht in Klammern: «häufig auch schon: überführt», also mit Betonung auf «füh». Nach aktuellem Duden wird der Täter zwar mittels Beweisen überführt, aber dann mit beliebiger Betonung und Partizipbildung ins Kittchen über(ge)führt. Heuer («Richtiges Deutsch») stuft es als «schlecht» ein, hier die Form ohne «ge» zu verwenden.

Schweizer Errungenschaft?

Das Coronavirus verseucht schon genug, hoffentlich lässt es das Verb «durchseuchen» unversehrt: Die Hoffnung, das Land, ja die Welt möge dereinst durchgeseucht sein, soll zumindest sprachlich erhalten bleiben. Bereits liest man da und dort «durchseucht», wenn nicht etwa der aktuelle Grad der Durchseuchung gemeint ist, sondern der künftige Zustand nach durchgemachter Seuche. Das am Anfang betonte Wort «durchseuchen» könnte allerdings eine helvetische Besonderheit sein – was kein Grund wäre, es in unserem Hochdeutsch nicht zu verwenden. Immerhin stand das entsprechende Partizip «durchgeseucht» schon 2001 in der Hamburger «Zeit», wenngleich in Anführungszeichen.
Das regionalsprachliche Woerterbuchnetz.de verweist für «durchseuchen» einzig aufs schweizerdeutsche Idiotikon: «Man kann nichts machen, das Vieh muss einmal dur(ch)sücht oder usg’sücht sein.» Zum Grundwort Süch steht, es sei «uns erst durch die Schriftsprache zugekommen», denn «die echte mundartliche  Form müsste Süchi lauten»,  vom althochdeutschen siuhhi abgeleitet. Mit «durch» angereichert, können wir das Wort der Schriftsprache zurückgeben – ein schwacher Corona-Trost.
— Zum Infosperber-Dossier «Sprachlupe»


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Der Autor war Redaktor beim «Sprachspiegel» und zuvor beim Berner «Bund». Dort schreibt er die Kolumne «Sprachlupe», die auch auf Infosperber zu lesen ist. Er betreibt die Website Sprachlust.ch.

Zum Infosperber-Dossier:

Portrait_Daniel_Goldstein_2016

Sprachlupe: Alle Beiträge

Daniel Goldstein zeigt, wie Worte provozieren, irreführen, verharmlosen – oder unbedacht verwendet werden.

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