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Daniel Goldstein © Grietje Mesman

Sprachlupe: Hoffen auf Vernunft, hüben und drüben

Daniel Goldstein /  Statt «Illusionen» soll künftig die Vernunft den westlichen Umgang mit einem «zur Vernunft gebrachten» Russland leiten.

«Mer miessed uf allnen Äbene probiere, Russland zer Vernunft z’bringe». Was Bundesrätin Viola Amherd in ihrer unnachahmlichen Direktheit schon in der ersten Kriegswoche sagte, gilt noch immer – und noch immer ist nicht abzusehen, wie es gelingen könnte, und ob Vernunft überhaupt ein geeignetes Werkzeug ist, mit dem Krieg in der Ukraine fertig zu werden, ob gedanklich oder in der Realität. Ohne philosophischen Tiefgang muss hier die Duden-Definition für «Vernunft» genügen: «geistiges Vermögen des Menschen, Einsichten zu gewinnen, Zusammenhänge zu erkennen, etwas zu überschauen, sich ein Urteil zu bilden und sich in seinem Handeln danach zu richten».

Dieses Vermögen wurde dem russischen Präsidenten Wladimir Putin vor dem Krieg weitherum attestiert. «Weltwoche»-Chef und SVP-Nationalrat Roger Köppel sah ihn gar als Lehrmeister; just nach Kriegsbeginn erschien ein Kommentar, der zuvor geschrieben und danach oft zitiert wurde: «Kehren wir dank Putin zur Vernunft zurück? Der eisige Stratege aus dem Osten ist womöglich die Schocktherapie, die der Westen dringend braucht, um sich von seinen gefährlichen Illusionen zu befreien.» Als derartige Illusion nannte Köppel namentlich die Ansicht, Putin wolle die Ukraine erobern und die Westmächte könnten mit Waffenlieferungen einen Krieg verhindern, indes: «Gut möglich, dass sie mit ihrer Einmischung genau das Gegenteil bewirken.»

Wenn Moskau Vernunft verlangt

Manche glauben noch heute, gerade das sei geschehen: Das Näherrücken der Nato habe Moskau erst zum Angriff veranlasst, ja gar genötigt. Putins enger Vertrauter Dimitri Medwedew droht nun Finnland und Schweden im gleichen Sinn und Geist, wenn sie der Nato beiträten, würde Russland in Reichweite «ihres eigenen Hauses» aufrüsten, auch atomar; indes: «Wir wollen hoffen, dass die Vernunft der nördlichen Partner doch noch siegt.» Zu befürchten hätten sie ja nichts, denn Russland habe mit ihnen «keine Gebietsstreitigkeiten wie mit der Ukraine». Ist es unvernünftig, zu fragen, wer denn diese «Streitigkeiten» herbeigeführt hat?

In entgegengesetzter Perspektive schrieb der britische Osteuropa-Historiker Timothy Garton Ash nach Russlands Invasion: «Und so stehen wir hier, bekleidet mit nichts ausser den Fetzen unserer verlorenen Illusionen.» Von Radio SRF befragt, worauf sich das beziehe, nannte er das vermeintliche Vermeiden von Kriegen durch eine europäische Sicherheitsarchitektur «und natürlich die Illusion, dass wir mit Wladimir Putin noch vernünftig verhandeln könnten» (vgl. Sprachlupe vom 12. 3.). Immerhin hofft auch Garton Ash nun, die EU werde den «Weckruf» vernehmen. Demnach soll sie fortan eine «Politik der Stärke» führen, mit Aufnahme einer am Ende des Kriegs gefestigten, demokratischen Ukraine. Mit einem Russland ohne Putin hält der Historiker dann sogar ein «gemeinsames Haus Europa» für möglich (von dem einst Gorbatschow sprach), samt Sicherheitsarchitektur. Vernunft oder neue Illusion (Duden: «Wunschvorstellung; Wahn, Sinnestäuschung»)?

Vernunft und Geschäft

Als weitere Berufungen auf die Vernunft sind mir aufgefallen: «Angesichts der jüngsten Entwicklungen sind Bundesrat und Parlament hoffentlich zur Vernunft gelangt» (SVP-Nationalrat Werner Salzmann gegen den bereits beschlosenen Verkauf der Ruag-Munitionsfabrik). «Die Vernunft gebietet» anzuerkennen, dass sich die politische Lage grundlegend geändert habe (Ex-Nato-General Heinrich Breuss, ebenfalls für eine Politik der Stärke). «Man muss vernünftig Geschäfte machen können» (SVP-Nationalrätin Magdalena Martullo-Blocher darüber, dass z. B. Diskriminierung oder Enteignung ein Grund für ihre Ems-Chemie wäre, sich aus einem Land zurückzuziehen).

Vernunft allenthalben, nur recht weit weg vom Krieg. Mittendrin aber der ukrainische Präsident Wolodimir Selenski: «Das Böse kann sich nicht durchsetzen, es ist gegen die Logik des gesunden Menschenverstands.» Und der gilt ja als Ausdruck der Vernunft, nicht der Illusion.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Zum Infosperber-Dossier:

Portrait_Daniel_Goldstein_2016

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Daniel Goldstein zeigt, wie Worte provozieren, irreführen, verharmlosen – oder unbedacht verwendet werden.

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2 Meinungen

  • am 23.04.2022 um 15:53 Uhr
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    Vernunft? Soweit meine Geschichtskenntnisse reichen, habe ich noch ganz selten eine vernünftige Menschheit festgestellt
    Mensch gut oder böse? (Sternstunde Philosophie von Ostern.) Wenige sind böse, man kann sie nur beherrschen, wenn man ihre Macht beschränkt. Das tun wir bisher nicht, obschon es die UNO längst tun müsste. Von Vernunft ist da gar nichts zu erwarten.

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  • am 24.04.2022 um 11:48 Uhr
    Permalink

    Ich würde den aktuellen Umgang mit dem Begriff «Vernunft» folgendermassen zusammenfassen/karikieren:
    Vernünftig ist, wer in meinem Sinn denkt und handelt. Wer dies nicht tut, ist der Vernunft nicht zugänglich, und daher brauche ich mich mit dessen naturgemäss unvernünftigen Überlegungen und Argumenten (Illusionen) erst gar nicht auseinanderzusetzen.
    Da ich fürsorglich veranlagt bin, sorge ich dafür, dass der Unvernünftige versorgt (entsorgt?) wird, damit er nicht weiteren Schaden verursacht. In der grossen weiten Welt nennt man dieses fürsorgliche Abwenden weiteren Unheils auch «Regime Change» oder «Demokratisierung» oder «Entnazifizierung», was auch immer gerade passt.

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