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Roboter auf allen Kanälen. Wer sind die «wirklichen Menschen»? © srf

Roboter bei SRF: Eine (verpasste) Chance

Robert Ruoff /  «Roboter wie wir» heisst der SRF-Schwerpunkt in dieser Woche. Das Thema ist emotional heiss, aber das Programm ist kopfgesteuert.

«Wie ich lernte, die Roboter zu lieben», oder so ähnlich könnte das Motto für «Real Humans» lauten, die Fernsehserie, die als Koproduktion der Service-Public-Sender aus Schweden, Dänemark und Finnland zusammen mit der schwedischen Matador Film produziert wurde. Es ist eine Liebe, von der man nicht so recht weiss, ob sie nicht vielleicht an Wahnsinn grenzt.

Unterhaltung zu heissen Themen

Dass die nordischen Service-Public-Sender hervorragende Serien-Unterhaltung zu heissen Gegenwartsthemen produzieren, ist mittlerweile bekannt. «Borgen», die dänische Politserie um eine Ministerpräsidentin, oder «Killing» mit Kommissarin Lund im Zentrum, sind dänische Marken geworden, «Wallander» ist ein schwedisches Gegenstück, und sie haben weltweit Erfolg. Lars Lundgren, der Drehbuch-Autor von «Wallander», hat auch «Real Humans» produziert, was auf SRF «Roboter wie wir» heisst. Die zehn Folgen der ersten Staffel laufen am kommenden Wochenende – von Freitag, 18. Oktober, 20 Uhr, bis Sonntag, 20. Oktober – zu je drei oder vier Folgen gebündelt auf SRF 2.
Zu dieser Fernseh-Serie gibt es im Vorfeld nur eine mögliche Empfehlung: Einschalten, hinsehen und sich packen lassen von einer Fernsehvision, die alle Gefühlslagen auslotet und eine unheimliche Ähnlichkeit hat mit der Wirklichkeit. Sie spielt zwar erst morgen, aber irgendwie ist sie doch schon Gegenwart.

Spannend, bildend, unverzichtbar

Und darum, weil «Roboter wie wir» spannend ist wie ein Thriller und berührend wie ein Film über die Vereinsamung von Alten, und empörend wie die Geschichte von Sex- und Arbeitssklaven und irritierend wie unsere zwanghafte Liebe zu Maschinen – wer kann schon heute noch ohne Smartphone leben? -, ist die Serie unverzichtbar und ihre Plazierung am Ende dieser Themenwoche wahrscheinlich eine verpasste Chance.

Bereits ab Sonntagnacht, 13. Oktober, 23.40 Uhr – laufen jeweils spät nachts alte, einschlägige Filme wie «A.I. – Artificial Intelligence» oder «Terminator» oder «A Space Odyssey», und Radio «SRF 2 Kultur» bietet in «Kontext», «Reflexe» und anderen intellektuellen oder akademischen Sendegefässen vielfältige Gedankensplitter, Gespräche und Feature zum Thema Mensch und Maschine an. Auf SRF 1 meldet sich in der zweiten Prime Time immerhin «Kulturplatz» zu Wort und Bild («Die Datenbrille als erster Schritt zum Cybermenschen») und am Sonntagmorgen geht es in den «Sternstunden» während zwei Stunden um «Human Enhancement» (die Verstärkung der menschlichen Fähigkeiten über die natürlichen Grenzen hinaus) bis zur «Zukunft des Menschen» im Zusammenleben mit künstlicher Intelligenz, zum Beispiel in Form von Robotern.

Heisses Thema kalt gestellt

«Wie ich lernte, Roboter zu lieben…» ist eines der Themen der Serie, in vielfältigen Variationen, von der Befriedigung sexueller Bedürfnisse bis zur Zuneigung eines rüstigen Alten zu seinem defekten Butler. Solange der Diener nicht wieder funktionstüchtig ist, bekommt der Alte die Dominanz einer neuen, fast perfekt programmierten Pflege-Roboterin zu spüren. Ist der Blutdruck zu hoch, gibt’s nur noch Tee, keinen Kaffee.
«Real Humans» ist Emotion in allen Formen, bis hin zur Jagd auf die flüchtige RAF-Guerilla-Gruppe – «Roboter Auf der Flucht» -, bei denen der Unterwerfungsmodus nicht funktioniert, und die die Freiheit von der programmierten Dienstleistung für ihre Schöpfer und Herren suchen.

Die Roboter sind schon da

Die Geschichten der «Roboter wie wir» stecken voller Gefühle: Freude, Angst, Begeisterung und Unsicherheit provozieren Fragen zu den Beziehungen zwischen Mensch und Maschine. Also auch Fragen zu den Beziehungen zwischen den Menschen selber und der Gültigkeit ihrer hergebrachten Wertvorstellungen. Es sind Auslöser zum Nachdenken, kurz: die Serie ist bildende Unterhaltung, wie es der grosse deutsche Bildungsreformen Hartmut von Hentig gesagt hat, als man ihn im hohen Alter gefragt hat, was denn Bildung sei: «Erstens: Geschichten erzählen… Zweitens: Gespräche führen…».

Die Fragen, die «Roboter wie wir» uns stellt, gehen uns alle an. Es geht nicht um utopische Vorstellungen für eine ferne Zukunft. «Die Roboter kommen nicht. Sie sind schon da», schrieb Tom Brady in der «New York Times» (NYT weekly, 11. February 2013). Und er zeigt die Reaktion auf ihre Gegenwart in Abhängigkeit von der jeweiligen Kultur. Die US-Amerikaner reagieren mit panischer Angst vor Verlust von Arbeitsplatz und Freiheit. Japaner hingegen mögen Maschinen, die aussehen wie Menschen und in der Alten- und Krankenpflege eingesetzt werden. Die Deutschen zeigen stolz ihre automatisierte Produktion während die Amerikaner sie ängstlich verbergen.

Die verpasste Chance

Es wäre spannend, mehr herauszufinden über die Reaktion und die Haltung von Schweizerinnen und Schweizern zu Robotern, zum Beispiel mit Hilfe interaktiv genutzter Medien. Es wäre eine grossartige Chance, auch in der hoch industrialisierten Schweiz das Medium Fernsehen mit der Kraft des Boulevardmediums einzusetzen, wie es in dieser nordischen Serie einmal mehr meisterhaft getan wird: Mit «story telling», Geschichten erzählen, mit der Emotionalisierung, die Engagement und Fragen produziert, und mit Personalisierung, die Identifikation im positiven wie im negativen Sinn, als Zustimmung oder Ablehnung erst möglich macht. Das produziert engagierte Diskussion, Nachdenken und am Schluss, sofern die Medienmacher dazu Anregung und Gelegenheit geben, eine eigene Haltung zu nicht nur heissen sondern auch wesentlichen Fragen der Gegenwart.

Statt dessen wird das Thema in den Sendungen der «Roboter»-Woche:

  • Intellektualisiert und kopfgesteuert abgehandelt. Auf SRF 2 wird das Thema «journalistisch durchdekliniert», wie es heisst, bevor dem gemeinen Publikum als «Zückerchen» am Wochenende die hervorragende Serie über die «realen Menschen» auf SRF 2 noch angeboten wird.
  • Die alten Quotenbringer – von «Artificial Intelligence» bis «Blade Runner» laufen rund um Mitternacht für die Minderheit der Liebhaber schlafloser Nächte (auch während der Arbeitswoche).
  • Die wichtigen Fragen werden im Minderheitenradio von SRF 2 Kultur tagsüber abgehandelt, anstatt sie mit der Ausstrahlung der Fernseh-Serie über mehrere Wochen zu verteilen (wie das «arte» im Frühling beispielhaft getan hat).
  • Und «Konvergenz» wird gerade mal als Behandlung des gleichen Themas auf den drei Kanälen Radio, Fernsehen und Online praktiziert – ohne zeitliche Verbindung zwischen den Sendungen, zum Beispiel zwischen Fernsehen und Radio oder zwischen Radio/Fernsehen und Online, und ohne inhaltliche Verknüpfung der jeweiligen Themen.

Ein attraktives Wochenendprogramm

Es bleibt noch viel zu tun, wenn aus dem Kästchendenken in den drei Kanälen und zwischen Radio, Fernsehen und Online lebendige Konvergenz werden soll.

Aber auch wenn es wahrscheinlich – und ich will mich gerne irren -, auch wenn es wahrscheinlich eine verpasste Chance ist: Es bleibt sinnvoll, dem Thema einen Schwerpunkt zu widmen, mit einigen Facetten zu einem wichtigen Thema. Und das lange Wochenende mit den «Robotern wie wir» sollte man sich durchaus reservieren.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine. Der Autor war bis 2004 Mitarbeiter von SRG und Schweizer Fernsehen.

Zum Infosperber-Dossier:

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Eine Meinung zu

  • am 22.10.2013 um 00:39 Uhr
    Permalink

    Guten Tag miteinander. Ich liebe dieses Thema. Meine erste Ausbildung war Informatiker. Noch heute fröhne ich diesem als Hobby, wo es meine Behinderung zulässt. Und was wir heute immer noch versuchen, ist eine KI-Lösung zu finden, ein selbstlernendes Modell. Das erste was wir damals gebastelt hatten war eine neue Version von Dr. Z. Eine welche von alleine dazu lernt, und fähig sein sollte, sich in den Probanden über dessen Antworten ein zu fühlen. Die Freude am schreiben und kompilieren dieser Skripte scheiterte an der begrenzten Leistungsfähigkeit der Rechner. Und so wäre es auch heute noch. Jede Küchenschabe hat ein Gehirn und mehrere Untergehirne für die Beinsteuerung, welche um ein vielfaches Leistungsfähiger sind als unsere schnellsten Rechner der Welt. Wenn also keine bahnbrechende Erfindung kommt, z.B. ein Quantenrechner, werden wir noch lange warten müssen, bis wir die Hardware haben, worin sich eine KI (Künstliche Intelligenz) weiter entwickeln kann als nur bis zu einem 7 jährigen sehr langsam denkenden Kind, welches noch nicht mal selber gehen kann, ohne ein ganzes Stockwerk an Rechnern im Hintergrund zu haben. Also Geduld. Es wird kommen, nur wann, das ist die Frage.

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