Macron 2018

Emmanuel Macron Ende Januar 2018 © cc-by Jacques Paquier

Macron fördert Französisch in neuem Mass

Jeremy Ahearne /  Auch mit einem Vorzeigebau soll sich Französisch als Weltsprache behaupten. In Afrika kommen die Bemühungen nicht nur gut an.

psi. Dies ist ein Gastbeitrag. Jeremy Ahearne ist Professor für Moderne Sprachen und Kulturen an der Universität Warwick. Der Text erschien zuerst am 1. September 2022 bei The Conversation.

Seit Beginn seiner ersten Amtszeit als französischer Staatspräsident im Jahr 2017 hat Emmanuel Macron die Wiederbelebung des Französischen als Weltsprache zu seinem wichtigsten kulturellen Projekt gemacht.

Etwa drei Jahrhunderte lang galt der Status des Französischen als Weltsprache als einer der wichtigsten Trümpfe der französischen Nation. Die Sprache wird in 106 Ländern gesprochen und ist in 32 Staaten und Regierungen Amtssprache.

Frankreich profitierte von seinem «Besitz» der Sprache, in der viele der einflussreichen politischen, kommerziellen, intellektuellen und künstlerischen Diskussionen in der Welt geführt wurden. Schon vor einem halben Jahrhundert, unter den Präsidenten Charles de Gaulle und Georges Pompidou, war jedoch zu spüren, dass die französische Sprache an Bedeutung verlor. Wichtige Diskussionen wurden zunehmend in anderen Sprachen geführt, vor allem in Englisch, das sich allmählich als weltweit dominierende Verkehrssprache etabliert hatte.

In jüngster Zeit haben die Verteidiger des Französischen den französischen Eliten vorgeworfen, sie hätten sich dem Englischen – oder dem «Globish, wie einige seiner internationalen Varianten manchmal abschätzig genannt werden – unterworfen.

Macron hat in einer Reihe von hochkarätigen Reden und Unternehmungen versucht, diesen Geist der Kapitulation umzukehren. Seine Ideen wurden vor allem in einer Rede im Institut de France in Paris vorgestellt, aber auch bei Präsentationen in Ouagadougou, Frankfurt, Eriwan und an der Sorbonne erläutert.

In Villers-Cotterêts vor den Toren von Paris bereitet sich sein neues 185 Millionen Euro teures architektonisches Grossprojekt, die Cité internationale de la langue française, auf die Eröffnung vor. Ziel ist es, der Welt das Französische als eine historisch verwurzelte, aber zukunftsorientierte und dynamische Weltsprache neu zu präsentieren.

In einem kürzlich veröffentlichten Paper habe ich untersucht, warum Macron diese «Reprojektion» des Französischen in Angriff genommen hat und wie sich sein Ansatz von dem seiner Vorgänger unterscheidet. Ich habe untersucht, auf welche Schwierigkeiten er dabei gestossen ist und wie er mit einer anderen seiner ersten politischen Prioritäten, der Neugestaltung der Beziehungen zwischen Frankreich und Afrika, zusammenhängt.

Neue Darstellungen des Französischen

Früher galt das Französische als eine der beiden Sprachen (neben dem Englischen), die ihren Sprechern einen möglichst direkten Zugang zu den Korridoren des diplomatischen Einflusses, zur Spitze der intellektuellen Innovation und zu den Verhandlungen über Geschäftsmöglichkeiten verschaffte.

Doch die Bedeutung und Attraktivität des Französischen ist nicht mehr selbstverständlich. In den letzten drei Jahrzehnten hat sich Englisch unbestreitbar zur dominierenden Arbeitssprache in der Welt entwickelt. Und andere Sprachen wie Mandarin, Arabisch, Hindi, Spanisch und Portugiesisch haben zusammen mit ihren jeweiligen geopolitischen Regionen an Bedeutung gewonnen.

In meinem Beitrag habe ich untersucht, was an Macrons Ansatz neu war, wie er dem neuen globalen sprachlichen Umfeld Rechnung trug und wie erfolgreich er auf lange Sicht sein könnte.

Erstens versuchte Macron, die Sprache in einem neuen transnationalen Raum zu positionieren. Die Sprache sollte nicht mehr auf Frankreich selbst als Nation konzentriert sein. Er präsentierte sie als eine «Sphäre», deren «Epizentrum» im «Herzen Afrikas» lag.

Der Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union bedeutete in Macrons Augen, dass die französische Sprache einen neuen Platz in Europa erhielt. Die Zukunft der Sprache liege jedoch vor allem in Afrika, der geopolitischen Schlüsselregion der Sprache.

Macron  zog eine Konsequenz aus der  Vorhersage, dass die Zahl der Französischsprechenden bis 2050 von etwa 300 Millionen Menschen weltweit auf schätzungsweise 750 Millionen anwachsen könnte, und dass 85 % von ihnen in Afrika leben würden. (Solche Prognosen hängen stark von den Bildungstrends und den Entscheidungen ab, die in den kommenden Jahrzehnten in Afrika getroffen werden.) Die restlichen 15 % würden grösstenteils in Europa und im frankophonen Kanada leben.

Zweitens hat Macron neue Wege beschritten, um das Französische als Objekt der Begierde für künftige Sprecher vorzustellen. Traditionell wurde das Französische im Vergleich zu anderen Sprachen oft als klar und präzise im Ausdruck dargestellt.

Macron setzte alternative Vorstellungen ein, die insbesondere von frankophonen afrikanischen und karibischen Autoren stammen. Diese präsentierten das Französische als eine lebendige und hybride Sprache, die sich kreativ an anderen Sprachen reibt, um neue Ausdrucksformen zu schaffen.

Drittens – und pragmatischer – wollte Macron die französische Sprache als eine Sprache darstellen, die ihren Sprechern greifbare Vorteile bringt. Dies war etwas, was seine Vorgänger nicht zu betonen brauchten, da sie sich auf die frühere Aura der Sprache als Prestige- und Elitensprache verliessen.

Doch Macron sagte in seiner Rede im Institut de France, dass eine Sprache mit internationaler Reichweite ihren Sprechern Zugang zu einem breiteren Spektrum an Bildungsressourcen, Beschäftigungsmöglichkeiten und Informationsquellen verschaffe. Und sie trage dazu bei, dass die Welt nicht der Verflachung durch eine einzige globale Lingua franca erliege.

Durch Programme wie den zweisprachigen Immersionsunterricht komme ihr sogar eine besondere Rolle beim Schutz der Stellung anderer afrikanischer Sprachen zu, mit denen sie in Kontakt stehe.

Nicht alle Zuhörer, wie die Studenten bei der bahnbrechenden Rede in Ouagadougou im November 2017, waren davon überzeugt. Macron musste später den Verdacht entkräften, er wolle das Französische «gegen» andere afrikanische Sprachen schützen.

Hindernisse für Macrons Bemühungen

Solche Verdächtigungen waren nicht die einzigen Hindernisse für Macrons Einsatz für die französische Sprache.

Seine Versuche, die Beziehungen zwischen Frankreich und Afrika neu zu gestalten, stiessen auf zahlreiche Probleme. Er wollte, dass diese Beziehungen künftig als ein für beide Seiten vorteilhafter Austausch betrachtet werden, der sich allmählich von den schweren Hinterlassenschaften des Kolonialismus und den oft undurchsichtigen Geschäften der Zeit nach der Unabhängigkeit löst.

Doch die militärische Stagnation in der Sahelzone, der Anstieg der antifranzösischen Stimmung in Westafrika, die Anprangerung der «herablassenden» Ansprache durch die neuen Juntas in Mali und Guinea und die Auseinandersetzungen mit der algerischen Regierung über das historische Erinnern haben sich negativ ausgewirkt.

Auch die politische Förderung des Französischen an sich steht in der Kritik. In einem ausführlichen Bericht aus dem Jahr 2021 über den Völkermord in Ruanda im Jahr 1994 wurde die Verantwortung dafür zum Teil auf den Wunsch von Präsident François Mitterrand zurückgeführt, eine spannungsgeladene «frankophone» Einflusssphäre aufrechtzuerhalten.

Und unter der kamerunischen Regierung zeigten die gewalttätigen Entwicklungen, dass die Förderung der französischen Sprache in Afrika nicht auf ein Narrativ über gemeinsame Vorteile reduziert werden kann.

In der Tat argumentieren führende afrikanische Intellektuelle wie Achille Mbembe und Alain Mabanckou, dass Französisch eine lebendige und florierende afrikanische Sprache ist. Ihre Entwicklung würde jedoch behindert, wenn sie ostentativ mit den aussenpolitischen Interessen der französischen Nation verbunden wird.

Die Zukunft des Französischen in Afrika

Das Französische wird sich nur dann dauerhaft als afrikanische Sprache etablieren, wenn Französisch von den Afrikanern selbst eindeutig als in ihrem Interesse liegend wahrgenommen wird. Nur so kann verhindert werden, dass die jüngste vollständige – oder teilweise – Hinwendung zum Englischen in Ländern wie Ruanda, Gabun und Algerien zu einem unausweichlichen Prozess wird.

Die öffentlichen Debatten über die Eröffnung der Cité internationale de la langue française dürften einen ersten Hinweis darauf geben, ob Macrons nachdrückliches Eintreten für die französische Sprache auch in seiner zweiten Amtszeit fortgesetzt wird. Und mit welchen Anpassungen.


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3 Meinungen

  • am 9.09.2022 um 11:53 Uhr
    Permalink

    Ach Gott, die «Grande Nation» muss sich halt endlich damit abfinden, dass sie nicht mehr der Nabel der Welt ist und sollte vom Ross der sprachlich-kulturellen Überheblichkeit heruntersteigen. Englisch ist heute nun mal die globale lingua franca. Das hat in erster Linie mit der ökonomischen und politischen Position der angloamerikanischen Länder zu tun, allen voran den USA. Kommt dazu, dass Englisch auch einfacher zu erlernen ist als Französisch. Da kann Macron noch so tolle «Cités» eröffnen.

    1
  • am 9.09.2022 um 13:53 Uhr
    Permalink

    La «francophonie» en Afrique …

    Ich erinnere mich des «sommet de la francophonie» in Bujumbura. Es war schön, den Herrn Mitterand im Concorde in Bujumbura landen zu sehen. Die geopolitischen Implikationen waren aber unübersehbar.

    Ich habe volles Verständnis dafür, dass Herr Kagame, dessen Truppen bei der Rückkehr aus Uganda, von französischen Helikoptern beschossen wurden, für die Zukunft eher auf die Commonwealth Partner Ostafrikas vertrauen wollte. Das war objektiv auch für die anderen Länder der Region rational eher zu empfehlen.

    Kolwezi hat in der ganzen Region Spuren hinterlassen. Flugplätze zu bauen, um die Francophonie zu stärken, hat in der Region nicht nur positive Erwartungen geschaffen.

    Eine importierte Kultur kann nur akzeptiert werden, wenn sie für die lokale Bevölkerung einen echten Mehrwert anbieten kann. Das ist bei den ex-Kolonialmächten immer weniger der Fall.

    Würden wir in der Schweiz dem Herrn Gessler eine Statue errichten ? In Afrika gibt es das noch zuhauf.

    0

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