Kommentar

kontertext: Kurzer Abstieg in die Provinz

Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des AutorsMathias Knauer ist Musikwissenschafter, Publizist und Filmemacher. Er ist seit Jahren in der Kulturpolitik engagiert. Er ©

Mathias Knauer /  Der Abbau in den Kulturredaktionen zeitigt Folgen: Blick in einen Abgrund aus traurigem Anlass.

Vor einem Monat, als ich über Kollateralschäden des Medienwandels schrieb, haben in Bern Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von «Bund» und «Berner Zeitung» gegen den Abbau der Redaktionen ihrer Zeitungen durch den Tamedia-Konzern protestiert. Nach diesen Plänen, die unterdessen im Detail bekannt gemacht worden sind, würde die journalistische Kreation dieser Mantelblätter künftig ganz auf Stoffe von lokaler Bedeutung borniert.
Einen Vorgeschmack auf diese Pressekultur bietet uns heute schon die Kooperation «Tages-Anzeiger» mit der «Süddeutschen Zeitung». Das Zürcher Blatt und im Gefolge auch die am Tropf der Tamedia und des «Newsnet» hängenden anderen Gazzetten haben zu gewissen Vorgängen und Ereignissen keine eigenen Stimmen mehr.
Dieser Tage ist der Komponist Klaus Huber verstorben, einer der grössten und einflussreichsten noch lebenden Schweizer Komponisten des zurückliegenden Jahrhunderts und von internationalem Ansehen. Er wurde in Bern geboren, wuchs in Zürich auf und wirkte während Jahren in Basel, bevor man ihn 1973 als Nachfolger Wolfgang Fortners nach Freiburg im Breisgau auf den Kompositionslehrstuhl berief, wo er zahlreiche namhafte Schüler aus aller Welt zu eigenständigem und unbotmässigem Komponieren angeleitet hat.
Die Nachrufe, die man in Schweizer Zeitungen zu lesen bekam, bieten ein Schulbeispiel für den desolaten Zustand der Musikpublizistik in diesem Land. Nur die NZZ brachte – weil alarmiert vom seit bald fünfzig Jahren in Deutschland wirkenden Max Nyffeler, dem Herausgeber von Klaus Hubers Schriften – einen würdigen kurzen Nachruf. Sie hat Nyffelers Text aber, als wäre der «Content» wie eine Absonderung ephemerer Politiker in der Berner Wandelhalle, mit einem Bildchen in Briefmarkengrösse ausgestattet, und an den linken Fuss der Doppelseite gestellt, auf der im übrigen – wie heute üblich: so platzheischend wie ideenlos bebildert – gross eine verstorbene Rock‘n‘Roll-Grösse gewürdigt und ein schriftstellerisches Jungtalent vorgestellt wird. Das Layout spiegelt den heutigen Geist des dortigen Feuilletons, das eine Woche später mit einer ganzen Seite über «Lady Gaga» aufmachte.

Nachruf auf Klaus Huber im NZZ–Feuilleton am Fuss der linken Seite platziert
Von den vielen anderen Musikschriftstellern und Musikkritikern, die mit ihrer Arbeit den Werdegang Klaus Hubers begleitet und über ihn publiziert haben, ist keiner von einer Schweizer Redaktion angefragt worden, einen Nachruf aus der genuinen Sicht unseres Musiklebens zu verfassen, so wie wir es in französischen und deutschen Zeitungen finden konnten.
Neben grossen Artikeln wie in der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» brachten nicht wenige kleinere Blätter autorschaftliche Texte, in denen sie an denkwürdige Aufführungen in ihrem Umfeld erinnerten, so an das oratorische Werk «Erniedrigt – geknechtet – verlassen – verachtet…» 1983 in Donaueschingen im «Schwarzwälder Boten»; in «Le Monde» an «Quod est pax» 2007 nach einer Notiz des Philosophen Jacques Derrida; an das Requiem «Cantiones de Circulo gyrante» 1985 auf Texte von Heinrich Böll und Hildegard von Bingen im «Kölner Stadtanzeiger».

Vielsagender Lapsus

Und in der Schweiz? Wir fanden in den Tamedia-Produkten den Abdruck des Textes von Wolfgang Schreiber aus der «Süddeutschen Zeitung», nun unter einem banalisierenden Titel («Einer, der sich kümmerte»). Einmal im Zürcher Stammblatt, einmal im Berner «Bund». Der Abdruck reproduzierte einen kleinen Fehler in Schreibers kenntnisreichem Nachruf, wo er berichtet, dass Huber nach absolviertem Lehrerseminar zwei Jahre Primarschullehrer war – allerdings nicht im Berner Oberland, sondern hinterm Bachtel im Zürcher Gibswil: Es könnten von seinen Schülern dort noch leben und hätten vielleicht zur Trauerfeier nach Basel kommen wollen. Was man dem fernen Berliner Autor gern nachsieht, wäre er dem Leser als solcher vorgestellt worden, das demaskiert uns Hiesigen die plagiatorische Praxis. Bei den Nachdruckern hat offenbar weder ein in Zürich noch in Bern lebender Fachredaktor den Artikel gelesen und versucht, den oktroyierten Content wenigstens notdürftig für seine (in andern Belangen gern gehätschelten) lokalen User diskret zu emen­die­ren – gar nicht zu reden von ergänzenden originellen Recherchen, einem Nachsatz aus eigener Sicht oder sogar persönlicher Betroffenheit.

P.S.

Per Swissdox finde ich, unsicher geworden wegen der wenigen von Suchmaschinen angezeigten Schweizer Texte, zuletzt noch einen unseligen Artikel der «Basler Zeitung» (kostenpflichtig abrufbar bei Swissdox). Man hat ihn vorm «Newsnet» dort wohl wissentlich versteckt, und somit bleibt auf dem Web ein eventuelles Suchen von Leuten, die das Blatt noch lesen, ohne Resultat. Der in Musicis unbedarfte Verfasser Simon Bordier versteht Klaus Huber, wenn überhaupt, nur als «Berner Komponisten». Zweispaltig auf einer «Kultur»-Seite präsentiert wie im «Kölner Stadtanzeiger», placiert das Basler Blatt den Nachruf – statt wie dort bedrängt von einem Schlagersternchen und einer Zahnimplantat-Werbung – im Verbund mit «Drogen, Alkohol und Entjungferung» und einem «Familiendrama mit prominenter Besetzung», um die Seite zu füllen.
Das Elaborat liest sich sozusagen wie eine mit künstlicher Intelligenz gepowerte Google-Übersetzung des (ungenauen bis fehlerhaften, wohl aus Agenturstoff entnommenen) Zeit-Online-Beitrags vom Vortag. Diesem zufolge wäre Klaus Huber sogar im Berner Oberland ausgebildet worden und gehöre «zur Generation berühmter moderner Komponisten wie Pierre Boulez, Bruno Henze (sic) und Karlheinz Stockhausen». Das Berner Oberland hat die «BaZ» zwar nicht übernommen, aber zum Beispiel den hier gar speziellen Hinweis auf das Dürer-Jahr, zu dem «…inwendig ohne Figur…» komponiert worden ist.
Erst auf das Communiqué der Berliner Akademie der Künste hin hat die Depeschenagentur eine Meldung lanciert, die ihren Weg ins Tessin und sogar in den «Blick» gefunden hat.

(Die Trauerfeier für Klaus Huber findet am Donnerstag 19. Oktober um 14 Uhr in der Peterskirche in Basel statt.)


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Mathias Knauer ist Musikwissenschafter, Publizist und Filmemacher. Er ist seit Jahren in der Kulturpolitik engagiert. Er war Mitbegründer der Filmcooperative und des Filmkollektivs Zürich. Als Mitglied des Verbands Filmregie und Drehbuch Schweiz war er an der Ausarbeitung des «Pacte de l'audiovisuel» und anderer filmpolitischer Instrumente beteiligt. Er ist Vizepräsident von Suisseculture und Mitbegründer der Schweizer Koalition für die kulturelle Vielfalt, in deren Vorständen er u.a. das Dossier Medienpolitik betreut. – Mathias Knauer war mit Klaus Huber befreundet und hat mit ihm zusammen 1985 den Film «El pueblo nunca muere» gemacht.

  • Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann, Silvia Henke, Anna Joss, Mathias Knauer, Guy Krneta, Corina Lanfranchi, Johanna Lier, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Ariane Tanner, Heini Vogler, Rudolf Walther.

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