Kahtedrale_Leon-Scheben

Symbol für die spanische Prägung der Kolonien: Die Kathedrale von León, Nicaragua. © Helmut Scheben

Die Heimat der «Criollos»

Helmut Scheben /  Aus dem Bedeutungsreichtum des Wortes «Criollo» lässt sich die Geschichte und Kultur Lateinamerikas erklären.

«Gachupín con criollo, gavilán con pollo» hiess schon im 16. Jahrhundert ein Sprichwort in Lateinamerika: Ein Spanier ist dem Criollo, was der Sperber dem Hühnchen. Die Beziehungen zwischen Spanien und den Criollos, den Nachfahren der Conquistadoren, waren nicht immer die besten. Der Konflikt zog sich im Grunde drei Jahrhunderte lang hin, bis die Kolonien die spanische Herrschaft und das von ihr erzwungene Handelsmonopol gewaltsam abschüttelten.

Das Wort «criollo» ist schon bei Beginn der Kolonialepoche erschienen und bezeichnete die in Lateinamerika geborenen Nachkommen von Spaniern in Abgrenzung von den peninsularen Spaniern, nämlich den Vertretern der spanischen Kolonialverwaltung und ihrer Beamten. Ursprung ist möglicherweise das Verb «criar», was so viel wie aufziehen, züchten, ernähren heisst. «Me he criado en México» bedeutet zum Beispiel: Ich bin in Mexiko aufgewachsen.

Es gibt wenige Wörter im lateinamerikanischen Spanisch, die so schwer zu übersetzen sind wie «Criollo». Die deutsche Übersetzung «Kreolin» oder «Kreole» trifft die Sache nicht, denn das Wort wird bei uns oft für Formen biologischer und kultureller Verschmelzung von Weissen und Schwarzen in der Karibik oder in den Südstaaten der USA verwendet.

Criollo in der Bedeutung «einheimisch» hat heute viele Facetten. Es kann sich auf gediegene lateinamerikanische Küche oder typische Folklore beziehen, es kann aber auch Charaktereigenschaften, Handlungsweisen oder einen ganzen Lebensstil umschreiben.

«A la buena criolla» zum Beispiel kann ein Vorgehen bezeichnen, das «durchtrieben» oder «clever» ist. Denn Criollos sind die Einheimischen, sie sich auskennen am Ort, und in dem Fall betonen wollen, dass sie den Spaniern oder anderen Fremden überlegen sind. Im Guten wie im Schlechten.

Der Criollismo: eine Hassliebe zu Spanien

Der Criollismo des Kolonialreiches war gezeichnet von einer komplizierten Ambivalenz. Es galt zum einen, immer wieder drauf hinzuweisen, dass man ja zu den Nachkommen derer gehörte, die dieses Land für die spanische Krone und das Christentum erobert hatten. Man pochte also auf die spanische Herkunft, das heisst auf Verdienste und Rechte, die sich aus der Zugehörigkeit zur Madre Patria Spanien und zur Christenheit herleiteten, und die man auch geltend machte, um die Herrschaft über die indigene Bevölkerung zu begründen: über «Heiden», die ihren Göttern «Menschenopfer darbrachten».

Andererseits berief sich die neue Klasse der Conquistadoren auf eben diese Quechua-, Maya- oder Aztekenvölker und ihre Kulturen, um zu demonstrieren, dass ihre neue «westindische» Heimat «anders» war. Das betonten die Criollos gegenüber der spanischen Zentralregierung in den zahlreichen Rechtsstreitigkeiten stets von neuem. Es ging immer um Autonomie von Spanien. Die Argumentation lautete: Es gibt hier andere Menschen, eine andere Natur, ein anderes Wirtschaften und folglich andere soziale Verhältnisse, die man von der iberischen Halbinsel aus nicht begreifen kann. Wir haben dieses «Indien» erobert und kennen uns hier aus. Deshalb beanspruchen wir das Recht, selbst zu bestimmen, wie wir leben und wirtschaften. Natürlich ging es um Bereicherung, um Besitz von Agrarland und Bergwerken, um Verfügung über die Arbeitskraft der unterworfenen Völker.

Die Ideologie des Criollismo war in diesem Sinn Widerstand gegen die Beamten aus Madrid, gegen die politische Kontrolle, die Steuerauflagen und die Gesetze, die die spanische Monarchie erliess, um eine Überausbeutung und Ausmerzung der nativen Völker zu verhindern und die Macht der Conquistadoren einzuschränken. 1542 erliessen Isabel von Aragón und Fernando von Kastilien zum Beispiel die Leyes Nuevas, die eine direkte Folge der Berichte des Dominikanerpaters Bartolomé de las Casas waren. Las Casas, Bischof von Chiapas im heutigen Mexiko, prangerte Missbräuche an und setzte sich für die Rechte der nativen Bevölkerung ein.

Es gab also für die Criollos stets zwei Spanien: das gute, christliche Spanien der Herkunft ihrer Vorfahren und der zum Heldenepos verklärten Conquista und das böse Spanien des Consejo de Indias, der Real Audiencia und anderer Behörden, welche dazu dienten, den Willen der spanischen Krone in Lateinamerika durchzusetzen.

Der englische Missionar Thomas Gage hatte zwölf Jahre in den spanischen Kolonien gelebt, als er 1648 seine Erlebnisse unter dem Titel «A new Survey oft he West Indies» publizierte.

Er riet der britischen Krone, die spanischen Kolonien anzugreifen, denn die Küsten seien weitgehend ungeschützt, und wenn es etwas gäbe, dass die Briten sich zunutze machen könnten, dann sei es der «Hass zwischen Criollos und Spaniern».

Die Encomienda als System der Zwangsarbeit

Die nativen Völker Lateinamerikas waren formalrechtlich Untertanen der spanischen Krone, und die Krone hatte sie den Conquistadoren und ihren Nachkommen «anvertraut» – der offizielle Ausdruck für das System der Zwangsarbeit hiess Encomienda (von spanisch «encomendar», anvertrauen; lateinisch «in comendam», Prinzip des mittelalterlichen Feudalsystems).

Die Criollos durften die indianischen Untertanen ihrer Encomienda zur Zwangsarbeit heranziehen (Repartimiento genannt) und Abgaben verlangen, waren aber auch per Gesetz verpflichtet, für das Wohlergehen der Anvertrauten zu sorgen und einen Kulturwandel zu erzwingen, den man als Christianisierung bezeichnete. Es galt, «die Tempel des Teufels zu zerstören». Hernán Cortés zum Beispiel, der Eroberer von Mexiko, erhielt in seinen verschiedenen Encomiendas 23’000 eingeborene Untertanen zugeteilt für seine Verdienste. Mit den Leyes Nuevas von 1542 wurde verfügt, dass die Encomienda nach dem Tod des Encomendero an die Krone zurückfiel. Die Criollos leisteten heftigen Widerstand gegen diese Regelung und erreichten, dass sie später annulliert wurde.

Es gab Bibliotheken füllende akademische Diskussionen, ob man die Verhältnisse in den «Indias» als feudal oder halbfeudal bezeichnen sollte. Für den Laien reicht es festzuhalten, dass der Zwang zum Arbeitsdienst und die erzwungenen Abgaben in Mais, Weizen, Wolle, Holz, Oel oder Vieh grosse Ähnlichkeit mit der mittelalterlichen Leibeigenschaft in Europa hatte.

Die «Hidalguía de Indias»: Der Criollo-Adel arbeitet nicht

Die Nachkommen der Conquistadoren beanspruchten eine «Hidalguía de Indias», die sich nicht selten in opulentem Lebensstil und aristokratischer Prachtentfaltung äusserte. Ein Hidalgo war ein Edelmann, wörtlich «hijo de algo», Sohn von Etwas (Besserem), eine im Spanien der Barockzeit weit verbreitete Art von Patriziat oder niederem Adel. Die strenge Trennung zwischen der Masse der unterworfenen Eingeborenen, Sklaven und Farbigen einerseits und der besitzenden Criollo-Aristokratie andererseits war Teil dieser Ideologie der «Hidalguía de Indias».  

In Spanien stiess das schon bald einmal auf Spott und Hohn: Wer daheim ein Hidalgo-Habenichts war, sei da drüben in den «Indias» im Handumdrehen ein «Don Fulano» geworden. Tatsache war, dass die gigantische Menge der Silberimporte aus den Kolonien – angeheizt durch den Geldbedarf des erwachenden Finanzkapitalismus und die katastrophale Verschuldungspolitik der spanischen Habsburger, welche mit ihren Kriegen in Flandern den Staat mehrmals in die Insolvenz trieben – in Europa hohe Inflation und Verelendung weiter Bevölkerungskreise verursacht hatten. So setzte eine starke Auswanderung nach Amerika ein. Viele hofften, in den Kolonien ihr Glück zu machen. Bald entwickelten sich auch Misstrauen und Feindseligkeit zwischen alteingesessenen und neuen Criollos. Erstere beriefen sich auf die Verdienste als Nachfahren der Conquistadoren, hatten sich aber an ein Parasiten-Dasein gewöhnt und wurden von den Neuankömmlingen als faul, hochnäsig und unfähig beschrieben.

Diese späteren Immigranten aus dem spanischen Mutterland und aus anderen europäischen Ländern brachten keine Hidalgo-Mentalität mit. Sie kamen aus einem frühkapitalistischen Europa des 17. und 18. Jahrhunderts, wo der absolutistische Staat wie auch der grundbesitzende Adel mehr und mehr Macht an die bürgerlichen Kreditinstitute verloren hatte und Fronarbeit weitgehend durch Lohnarbeit ersetzt worden war. Diese europäischen Immigranten waren in der Regel Leute, die gelernt hatten, um ihre Existenz zu kämpfen und hart zu arbeiten. In Amerika stiessen sie auf eine Gesellschaft, die noch frühfeudale Strukturen aufwies. Sie wurde von einer eingesessenen Criollo-Elite beherrscht, die immer noch an der Conquistadoren-Ideologie festhielt, die besagte, die Masse der «Indios» habe ihnen zu Diensten zu sein und für sie zu arbeiten.

Spätestens im 18. Jahrhundert zerplatzte die aristokratische Illusion einer zweigeteilten Gesellschaft, als nicht mehr zu übersehen war, dass sich auch alteingesessene Conquistadoren-Familien zwangsläufig in kapitalistische Geschäftsleute verwandelt hatten, und dass Titel und Familienwappen schon lange zu kaufen und zu verkaufen waren.

Verstärkt wurde diese Entwicklung durch eine demographische Zeitbombe: den biologischen Mix. Das spanische Kolonialreich war – im Gegensatz zu den angelsächsischen Kolonien im Norden – von Beginn an kein Apartheid-System in Bezug auf die Hautfarbe. Die spanische Monarchie erkannte, dass sie nicht genug Menschen hatte, um das riesige Territorium zu kolonisieren. Sie förderte die Ehe zwischen Spaniern und Nativen.

Hernan Cortés heiratete 1523 eine Maya-Frau, die den Spaniern als Übersetzerin diente, weil sie auch Nahuatl, die Sprache der Azteken beherrschte. Der Sohn aus dieser Ehe, Martín Cortés, wurde durch eine päpstliche Bulle legitimiert. Er stand gleichsam symbolisch am Anfang einer Entwicklung, die in zwei bis drei Jahrhunderten das «Mestizentum» Lateinamerikas hervorbrachte. Die «limpieza de sangre» und die Trennung der Gesellschaft in «Farbige» und «Weisse» verschwand und taugte folglich nicht mehr, um politische Klassen anhand der Hautfarbe zu unterscheiden. 

Die Unabhängigkeitskriege und der neue Criollismo

In den ersten Jahrzehnten des 19.Jahrhunderts erkämpfte das Bürgertum der Kolonien seine Unabhängigkeit von Spanien und gründete Republiken. Dabei diente in der Regel das napoleonische Rechtssystem als Vorbild. Die Criollo-Mythologie war aber mit der Entstehung der neuen lateinamerikanischen Republiken keineswegs erschöpft.

Aus aristokratischen Rentiers und Hidalgos waren längst kapitalistische Unternehmer geworden. Diese suchten mehr denn je ihre Identität im Criollismo, auch wenn es fortan nicht mehr um Abgrenzung von Spanien ging, sondern vielleicht um Abgrenzung von den neuen Herren: von den europäischen oder nordamerikanischen Investoren, die Minen, Eisenbahnen, Zuckerrohr-Ingenios, Kautschuk-Plantagen oder den Export des Vogeldüngers Guano kontrollierten.

Aufschlussreich für die Entwicklung der lateinamerikanischen Gesellschaften ist der Bedeutungswandel des Wortes Criollo. Dieser erfolgte parallel zum biologischen und sozialen Prozess, in dem die Criollos sich mit denen vermischten, die sie einst als Kolonialherren beherrschten.

Während in den ersten Jahrzehnten nach der Eroberung das Adjektiv «criollo» wohl eine klare Abgrenzung von «indio» und «mestizo» signalisierte, begann spätestens mit den Unabhängigkeitskriegen die Instrumentalisierung des indigenen und autochthonen Elementes im Kampf gegen die Monarchie in Madrid. Die bürgerliche Elite war auf den Rückhalt der Volksmassen und auf die farbigen Kombattanten angewiesen waren, um die Unabhängigkeit zu erlangen.

In diesem historischen Moment wollten die Criollos nichts mehr wissen von «Hidalguía de Indias» und behaupteten, sie seien als einfache Citoyens Teil der grossen Indigenen-Völkerfamilie Lateinamerikas. Als aber der Sieg über Spanien einmal errungen war, blieb von dieser Verbrüderung nicht mehr viel übrig. Das Ende der Kolonialgesetze bedeutete, dass der Ausdehnung des Grossgrundbesitzes und dem freien Verkauf des einst geschützten Landes der Indigena-Gemeinden keine Grenze mehr gesetzt war. Wie stark die soziale Ausgrenzung der nativen Völker in den Köpfen und Herzen der Menschen noch in der Mitte des 20. Jahrhunderts war, zeigt zum Beispiel das literarische Werk von José Maria Arguedas in Peru.

«Wir haben alle Indioblut in den Adern»

In den Siebzigerjahren hörte ich in Lima im typischen Smalltalk der einigermassen akkomodierten Mittelklasse, man habe selbstverständlich Indioblut in den Adern:

«Los criollos, todos tenemos un poco de sangre india.»

Diese «öffentliche Meinung» war zum einen das Ergebnis von Bildung, Politisierung und Demokratisierung der lateinamerikanischen Gesellschaften. Man wollte sich nicht Rassismus nachsagen lassen. Zum andern war es aber auch ein Kokettieren mit dem «Anderssein». Bei den Linken ging es nicht zuletzt darum, sich abzugrenzen vom politischen Feind im Norden, dem imperialistischen «weissen Gringo». Bei Linken und Rechten war es bisweilen Folklore, bisweilen aber auch ernsthafte Hinwendung zur indigenen «Mama Pacha» (Mutter Erde) als Antwort auf die Suche nach Identität. Also eine Heimatideologie, die von weit herkam, und deren ökonomische und politische Ursprünge – der Konflikt mit dem kolonialen Spanien – ihre Repräsentanten sich nicht eingestanden oder nicht erkennen konnten.

Der «Wir-haben-alle-Indioblut-Diskurs» mag bei vielen aufrichtige demokratische Haltung sein, er hat aber etwas Unechtes, weil er die soziale Realität nicht abbildet. In vielen Familien der lateinamerikanischen Oberschicht ruft es Stirnrunzeln der Eltern hervor, wenn der Sohn oder die Tochter mit einem «cholo» oder einer «chola» aus dem Hochland nach Hause kommt. Man mag dahinter keinen Rassismus sehen, sondern ein Problem der sozialen Klassengegensätze. Nur ist im kolonialen Lateinamerika die Trennung in oben und unten stets entlang der Grenzen der ethnischen Zugehörigkeit erfolgt. Kein Land entkommt jemals seiner Geschichte.

Ideologien sind im Übrigen oft ein schwer zu entsorgendes Material, das sich hervorragend für Recycling eignet. Die Vorstellung von der Hidalguía de Indias und ihren Widersprüchen geisterte das ganze 20. Jahrhundert bis heute als literarisch sublimierte Obsession durch Lateinamerika. Da sind zum Beispiel die unverwüstlichen Legenden vom peruanischen Vizekönig Amat und der Perricholi, seiner farbigen Geliebten aus dem niederen Volk. Oder die Tragödie einer nicht gesellschaftsfähigen Liebe zwischen einer «Dama de noble cuna» und einem «einfachen Plebejer». Hunderte von Volksmusikern haben diese Geschichten auf Millionen Schallplatten festgehalten. Und die meisten dieser Legenden wurden in Peru in eine in ganz Lateinamerika bekannte Liedform gegossen: Sie heisst «Vals Criollo».


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

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Eine Meinung zu

  • am 28.03.2022 um 17:26 Uhr
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    In Europa hören wir selten über Lateinamerika. Ich finde diesen Artikel sehr hilfreich. Besten Dank

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