Sperberauge

Die Krux der Aufrüstung

Portrait Andres Eberhard © zvg

Andres Eberhard /  Der Ukraine-Krieg gibt Realisten recht. Auch sie sollten aber wärmere Ideale nicht zu Gunsten einfacher Bestätigung verscharren.

Der Nationalrat will mehr Geld für die Armee. Andere Länder haben bereits massiv aufgerüstet.

Das Beispiel Ukraine zeige, dass eine starke Armee zur Selbstverteidigung nötig ist. Gegen dieses Argument ist schwer anzukommen. Wer in diesen Zeiten den Pazifismus verteidigt, muss aushalten, dass er oder sie als naiv bezeichnet wird.

Zum Vorschein kommen zwei unterschiedliche Weltanschauungen, die für einmal nicht direkt mit Parteipolitik zu tun haben: jene der Realistinnen und Realisten sowie jene der Idealistinnen und Idealisten.

Treffend beschrieben hat diesen Gegensatz der Schriftsteller Markus Werner in seinem furiosen Roman «Zündels Abgang». Der genauso intellektuelle wie depressive Protagonist Konrad Zündel sinniert im Zug nach Italien über den Sinn und Zweck der Armee, während er zwei Schweizer Offizieren gegenübersitzt:

«Der Realist nämlich hat immer recht. Sofern er die wärmeren Ideale gründlich genug verscharrt hat, erfährt er nur noch Bestätigung. Bricht ein Krieg aus, nickt er geschmeichelt. Er hat es ja immer gesagt. Die Katastrophe gibt ihm recht, und das ist ihr erfreulicher Aspekt. Der Realist hat den Krieg nicht gewollt. Darum war er stets für Rüstung und Aufrüstung. Aber das Unvermeidliche kann auch ein Realist nicht vermeiden, und darum bereitet er sich anständig darauf vor. Und trifft es dann ein, das Unvermeidliche, so ist bewiesen, wie notwendig die Vorkehrungen waren.»

Idealist Zündel ist zweifellos zynisch, wenn er Realistinnen und Realisten angesichts eines ausgebrochenen Krieges ein geschmeicheltes Nicken unterstellt. Zudem gibt es wohl eine Art gesundes Mass an Realismus. In einer Sache trifft er es aber auf den Punkt. Nur wer die Erwartungen an die Menschheit tief hängt, muss nicht auch noch innere Widersprüche aushalten.

Als Realist oder Realistin durchs Leben zu gehen, mag einfacher sein. Für etwas Selbstbestätigung das Ideal einer besseren Welt aufzugeben – ohne Atomwaffen, Armut oder Abgase beispielsweise – ist aber eigennützig und falsch. Eine bessere Zukunft setzt den Glauben an sie voraus.


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Keine
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5 Meinungen

  • am 14.05.2022 um 11:44 Uhr
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    Wer das Desaster in der Ukraine verstehen will, muss Brzezinski lesen: The Great Chessboard (TGCZB); Zbigniew Brzezinski; 1997; Basic Books, New York; Deutsche Ausgabe (Die einzige Weltmacht): Fischer Taschenbuch-Verlag (dtv) unter Lizenz Beltz Quadriga Verlag, Weinheim u. Berlin; ISBN 3-596-14358-6
    Zur Rolle der Ukraine kann man nachlesen:
    „Die Ukraine, ein neuer und wichtiger Raum auf dem eurasischen Schachbrett, ist ein geopolitischer Dreh- und Angelpunkt, weil ihre bloße Existenz als unabhängiger Staat zur Umwandlung Russlands beiträgt. Ohne die Ukraine ist Russland kein eurasisches Reich mehr.“
    TGCZB; S. 75/76
    Zbigniew Brzezinski, ein gebürtiger Pole mit ukrainischen Wurzeln war einer der einflussreichsten Gestalter innerhalb der US-amerikanischen Politik. Er war Berater mehrerer US-Präsidenten und Präsidentschaftskandidaten.- Am Macht- und Beherrschungswahn der US-Eliten und ihrer europäischen Marionetten ist anzusetzen, nicht an den «Realisten» bzw. «Idealisten».

    0
  • am 14.05.2022 um 12:04 Uhr
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    Schliesst sich Idealismus und Realismus wirklich gegenseitig aus? Kann man nicht darauf hin arbeiten mit realistischen Etappen an der Erreichung idealistischer Zeile zu arbeiten.?

    0
  • am 14.05.2022 um 13:10 Uhr
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    «Spare in der Zei, so hast du in der Not».Ja, die Schweiz hat seit rund 30 Jahren bei der Armee gespart, nun steht sie vor einem Scherbenhaufen, heute wo man eine starke, glaubwürdige Armee brauchte und damit seine Neutralität gegenüber allen fremden Mächten vertreten könnte.
    «Andere Länder haben bereits massiv audgerüstet.» Fehlanzeige, nur Absichtskundgebungen, laute unnötige Sprüche, die EU-Nato-Armeen rüsten gar weiter ab, weil sie Teile ihrer Waffen in der Ukraine entsorgen…
    Der Realist wird die Oberhand behalten, aber dies wird die Schweiz nicht von einem 3. Weltkrieg fernhalten, so sitzen eben doch der Realist und der Utopist (Idealist) im gleichen Boot und erwarten gemeinsam den Untergang…!

    3
  • am 14.05.2022 um 13:50 Uhr
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    Herzlichen Dank für dieses Sperberauge!
    Man kann es nicht oft genug sagen – generell und besonders in Zeiten wie diesen.
    Viel zu oft wird vergessen, dass es eine unveränderliche «Realität» i.d.S. nicht gibt, sondern dass alle Realitäten, die uns gegenwärtig bedrohen, von uns (mit-)geschaffen werden, durch unser Denken, unser Sprechen, unser Handeln. Eines folgt dem Anderen. Auch Kriege fallen nicht vom Himmel.
    Insofern halte ich einen (jedenfalls ausschließlichen) «Realismus» im hier besprochenen Sinn nicht nur eigennützig und falsch, sondern langfristig auch für selbstzerstörerisch. Kriegslogik (in diesem Kontext imho mit «Realismus» gleichzusetzen) gebiert immer wieder Kriege, nur Friedenslogik (zB. https://www.ekiba.de/frieden-gerechtigkeit/forum-friedensethik/ffe-erklaerung-zum-krieg-in-der-ukraine/?stichwortsuche=FFE-Erkl%C3%A4rung%2CKrieg%2CUkraine%2Cgegenw%C3%A4rtigen%2CErkl%C3%A4rung%2Cerkl%C3%A4ren%2CUkrainischen%2CKriegsverbrechen%2CFFE%2CErkl%C3%A4rungen) führt zu Frieden.

    1
  • am 16.05.2022 um 20:13 Uhr
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    Wer ist hier naiv? Die Pazifisten sagen: «Vorsicht! Waffen, die vorhanden sind, könnten auch verwendet werden. Darum sollten wir auf allen Seiten abrüsten, damit beim nächsten Krieg ein weniger grosser Schaden entsteht.» Die Militaristen sagen: «Wenn auf allen Seiten reichlich Waffen vorhanden sind, wäre der Schaden eines Krieges dermassen gross, dass niemand mehr einen Krieg beginnen wird. Darum sollten wir tüchtig aufrüsten.» Frage: Wer ist hier naiv, und wer ist realistisch?

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