Eishockey

Es braucht Lauftechnik, Stocktechnik, Ausdauer, Schnelligkeit und Gruppen-Dynamik: Eishockey ist die am höchsten entwickelte Sportart. © TV SRF

Abgegrenzt, geregelt, messbar – darum funktioniert der Sport

Niklaus Ramseyer /  Mit Fussball-EM und Sommerspielen in Tokio war 2021 ein veritabler Sport-Sommer. Woher kommt die Faszination für dieses Treiben?

Jetzt also schon wieder Eishockey. Olympia-Sport war im Sommer aber auch ganz spannend. Schon nur der unzähligen Sportarten wegen, die da in Tokio auf höchstem Niveau durch Frauen und Männer aller Art aus aller Herren Länder vorgeführt wurden. Besonderes dann, wenn man nur zufällig ab und zu mal via Fernseher reinguckte, was die da «in Tokio hinten» gerade so machten. Da kommen etwa acht Frauen nacheinander aus einer Art Tunnel heraus. Die halten jeweils kurz an, während hinter ihnen ihre Nationalfahne an der Wand aufleuchtet. Was werden die wohl jetzt gerade aufführen? Der Konstitution der Damen nach könnte es Hammerwerfen sein. Sie warfen tatsächlich, aber den Diskus – bis über 70 Meter weit. 

Diskus
Diskuswerfer.

Vom Jahrtausende alten Diskus bis zum trendig modernen Rollbrett 

Es ist dies eine der ältesten Olympia-Disziplinen – und wurde schon 700 Jahre vor Christus ausgeübt. Zu den Uralt-Sportarten zählen auch etwa Ringen oder Speerwerfen – und natürlich Wettrennen aller Art. Nicht griechischen Ursprungs ist hingegen Hammerwerfen. Und viel jünger: Aus Schottland stammend, ist der Hammer erst seit 1900 «olympisch» – für Frauen gar erst seit 2000. 

Ganz neu dabei waren diesmal hingegen das Rollbrett und Windsurfen – oder Sportklettern in der Halle.

Nishiya
Erst 13 Jahre alt – und schon Olympia-Gold: Momiji Nishiya.

Bei diesen neuen Trendsportarten sind auch die AthletInnen teils sehr jung: Die Japanerin Momiji Nishiya etwa hat mit ihrem Skateboard das erste Gold in dieser Disziplin geholt. Sie ist erst 13 Jahre alt. Das weckte auch «ungute Gefühle»: Die NZZ kritisierte, Kinder hätten an Olympischen Spielen «nichts verloren». Es brauche «eine klare Alterslimite». 

Macht, Geld und Tricksereien möglichst ausgeschaltet

Sonst aber begeisterten und faszinierten diese Weltspiele der unzähligen Sportarten weltweit hunderte von Millionen Menschen vor ihren Bildschirmen. Wieso das?

  1. Jeder sportliche Wettbewerb läuft in einem klar abgegrenzten, überschaubaren Raum ab. Auf einem Spielfeld, in einem Schwimmbecken, an einem Gerät oder über einen Parcours. 
  2. In diesem Raum gelten einfache und klare Regeln – meist gar höchst präzise messbare. Wo ein Preisgericht Punkte verteilt, werden Extremwerte gegen oben und unten oft als «Streichresultate» nicht mitgezählt. Bei Mannschaftssportarten kommen auch immer mehr elektronische Hilfsmittel (Torraumkameras, Video-Schiedsrichter VAR) zum Einsatz, welche die «Unparteiischen» auf dem Feld unterstützen – und Zufälle oder Ungerechtigkeiten weiter minimieren. Dennoch gehören endlose Debatten über Fehlentscheide oder Schummeleien als wichtiges Element zum Sport dazu. Dies gilt ganz besonders auch bei «unerlaubten Hilfsmitteln» (Doping). 
  3. In diesen überschaubaren, geregelten Verhältnissen sind fast alle Zuschauenden sofort kritische Experten. Dies umso mehr, als sie ja die Darbietungen, die sie da in unerreichbarer Perfektion und Hochleistung bewundern, amateurmässig oft selber auch schon probiert haben – als Jogger, Schwimmerin, Fussballer oder Tennisspielerin. 
  4. Die Begeisterung für Aussenseiter und die Freude darüber, dass «Underdogs» jederzeit FavoritInnen vom Thron stürzen können, ist eine uralte menschliche Tugend. Es nährt die Hoffnung oder Illusion, dass «jeder und jede es schaffen kann»: Auch Menschen, die aus unbekannten Gegenden oder benachteiligten Verhältnissen kommen, gewinnen Goldmedaillen. 
  5. Dass Machtmissbrauch, Reichtum oder politische Erpressung dabei weitgehend wirkungslos bleiben, gefällt den meisten Menschen und bestätigt ihren Gerechtigkeitssinn. Zwar probieren Grossmächte mit Boykottaufrufen mitunter sich einseitig politisch in Sportveranstaltungen einzumischen. Bestechung kommt auch immer wieder vor. Doch das sind Ausnahmen: Der drahtigen Dreisprungsiegerin Yulima Rojas Rodriguez aus dem geplagten Venezuela konnten jedenfalls keine noch so perfiden Sanktionen der US-Regierung ihre Goldmedaille und ihren Weltrekord wegnehmen. Den Export von Gold und Silber aus Japan nach Kuba in Form zahlreicher Medaillen verhinderten die Boykotte auch nicht. 

Allein von A nach B, Mann gegen Mann – oder solidarisch in der Gruppe

Olympia sollte ohnehin auch immer Spiel sein. Es heisst ja «Olympische Spiele». Und die Varianten dieser «Spielereien» kennen kaum Grenzen. Die einfachsten und ursprünglichsten sind dabei die A-nach-B-Sportarten. Es sind Wettläufe aller Art zu Land und zu Wasser: Wer bewegt sich am schnellsten vom Startblock bis zur Ziellinie? Wer springt vom Balken am weitesten in den Sandkasten hinaus? Wer am höchsten – mit oder ohne Stab – über die Stange? Am weitesten entwickelt in dieser Kategorie ist wohl der Formel-1-Motorsport: Hinter den einzeln kämpfenden Rennfahrern stehen da hochspezialisierte Teams – oft gar Industriekonzerne mitsamt Forschungsabteilungen. In Punkto Eleganz und Noblesse dürfte hingegen Golf an der Spitze dieser Sport-Kategorie stehen. 

Dann kommen die Zweikämpfe. Am ursprünglichsten wohl das Boxen. Da ist das Ziel ja mitunter die körperliche Schädigung des Gegners: Es gewinnt der oder die, welche dem Gegenüber so massiv auf den Kopf schlagen kann, dass es benommen umfällt. K.O. heisst das – für «Knock-Out». Viele vorab professionelle Boxer leiden früher oder später denn auch an Hirnschäden. Neurologen kennen das – und nennen es «Boxer-Demenz». Viele dieser Fachleute setzen sich längst für ein Box-Verbot ein.

Bisher umsonst. Vor Jahrtausenden schon wurde der körperliche Zweikampf immerhin so reglementiert, dass gefährliche Verletzungen möglichst vermieden werden. So entstand etwa das Ringen (oder lokal in der Schweiz das Schwingen). Und natürlich all die asiatischen Kampfsportarten. Mann gegen Mann oder Frau gegen Frau lautet das Schema auch bei Zweikämpfen ohne Körperkontakt – so etwa im Tennis. Psychologen sprechen da von «bipersonalen Phänomenen», weil dabei auch immer der oder die GegnerIn im Auge behalten und verstanden («gelesen») werden muss.   

Sportreporter blenden Glück und Zufall oft aus

Dies gilt erst recht bei Mannschafts-Sportarten. Da kommt zu (oder gar vor) der individuellen Geschicklichkeit, Kraft und Ausdauer einzelner AthletInnen als entscheidendes Element die konstruktive Zusammenarbeit in der Gruppe mit hinzu: Wo Tennis ein bipersonales, ist Mannschaftssport mitunter ein soziales Phänomen. Da hat schon oft eine weniger hoch eingestufte, aber verschworene und solidarische Mannschaft den Sieg über eine hochdotierte aber zerstrittene Truppe von Koryphäen errungen. Das gefällt den Underdog-Liebhabern im Publikum ganz besonders. Wenn auch noch Glück und Pech mit im Spiel sind erst recht. 

Der kleine Mann und die Frau von nebenan wissen vor ihrem Fernseher ja sehr wohl, dass das Schicksal allenthalben auch sein Recht haben will und muss. Dies blenden die oft überflüssig und trivial daherredenden «Experten» im Studio («schlechten Tag erwischt», «Charakter gezeigt», «auseinander gefallen») meist geflissentlich aus: Sie wollen für alles und jedes eine stringente Erklärung liefern. 

Fussball und Eishockey an der Spitze der Entwicklung

Die mit Abstand bekannteste Mannschafts-Sportart ist der Fussball. Die entsprechende EM erfuhr im Frühling fast ebenso viel Beachtung, wie Olympia in Tokio danach. Von den Anforderungen her an die individuelle Geschicklichkeit und ans ganze Team her ist indes Eishockey noch fast höher einzustufen. Dies vor allem darum, weil dieses Spiel viel schneller geht. Und weil zum präzisen Umgang mit dem Spielgerät (der Scheibe, die viel kleiner und schneller ist, als der Ball) noch die läuferischen Qualitäten erlernt und entwickelt werden müssen: Auf einem Rasenplatz herum rennen kann jede und jeder – auf zwei Kufen sicher und schnell übers Eis zu gleiten ist hingegen an sich schon eine Kunst, die mühsam erlernt und trainiert werden muss. 

Fragwürdige Tier-Sportarten

Bleiben die Sonder-Sportarten, bei denen etwa auch Tiere mit im «Spiel» sind – und dies meist als brutal-bitteren Ernst erleben. «Sportfischer» etwa machen sich einen Spass daraus, ein Tier mit einem Haken im Maul an einer Schnur aus dem Wasser zu ziehen. Und wem das in einer bestimmten Zeit am häufigsten gelingt, der oder die hat gewonnen. Ein besonders fragwürdiges «Vergnügen» ist dies da, wo «der Fang» dann nicht einmal gebraten und verzehrt – sondern verletzt wieder in den See oder in den Bach zurückgeworfen wird. Zum Glück ist derlei quälerisches Treiben noch nicht «olympisch» – und inzwischen vielerorts verboten.

Springreiten
Quer durch die Halle in Tokio deutlich hörbar: Schmerzhafte Schläge gegen schwere Holzstangen.

Olympisch (und entsprechend geadelt) sind hingegen immer noch Pferde-Sportarten aller Art – von der Dressur über Springreiten bis zum fraglos tierquälerischen Military, was heute «Vielseitigkeit» genannt wird. Treibt der Mensch das zum Sportgerät umfunktionierte und missbrauchte Tier dabei durch schmerzhafte Schläge mit Sporen und Peitschen bis zur schweren Verletzung, kann es mitunter auch kurzerhand «abgetan» (erschossen oder eingeschläfert) werden. In Tokio führte diese rücksichtslose Praxis zu entsprechender Empörung und weltweiten Protesten. 

Reporter hingegen reden weiterhin beschönigend von «Gerte einsetzen» oder «das Pferd unterstützen» – wo jeder und jede doch sehen kann, dass die Tiere einfach brutal geschlagen werden. Was in dieser «Sportart» erst recht alles geschieht, wenn im «Training» niemand zuschaut, hat man etwa schon bei Prozessen gegen prominente Sportreiter hören können, die wegen Tierquälerei vor Gericht standen. 

Verbote müssten Mensch und Tier schützen

Das geschieht leider allzu selten. Denn auch dort, wo nicht auf Pferde eingedroschen wird, hat das Zufügen von Schmerzen im Pferdesport vielfach System: Die hohen Hindernisse sind teils so schwer (Holzstangen), dass die Pferde diese beim Abwurf mit deutlich hörbarem (und entsprechend schmerzhaftem) Schlag touchieren, wenn sie nicht hoch genug springen. Zu behaupten, die Tiere, die in freier Wildbahn kaum je so hoch springen (in steile Abhänge hinein wie beim Military schon gar nicht!), hätten Spass daran, ist verlogen und zynisch. 

Wie das Menschen schädigende Boxen, so müsste darum auch tierquälerischer Pferdesport eigentlich von Olympia ausgeschlossen werden – oder gar ganz verboten. Sportfischerei sowieso. Es gibt ja sonst noch längst genug Sportarten, die der Mensch lernen, perfektionieren und im Wettstreit mit anderen vorführen kann – an Olympiaden, in Meisterschaften oder an Fussball- und Eishockey-Turnieren. 


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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2 Meinungen

  • am 10.10.2021 um 12:50 Uhr
    Permalink

    Sport ist etwas Edles, allerdings nicht als Beruf, nicht als Träger von Devotionalienhandel. So wie die Medizin durch die Kommerzialisierung ihr humanes Antlitz verlor und zum Gewerbe verkommen ist, so geschah das auch dem Sport durch das Profi- Unwesen. Ökonomisierung ausserhalb der Wirtschaft ist der moralische Offenbarungseid.

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