Franz Josef Huber ard

Massenmörder Franz Josef Huber © ard

Massenmörder und Gestapo-Chef fast 20 Jahre im Dienste der CIA

Urs P. Gasche /  Der SS-General und Komplize von Adolf Eichmann hat Zehntausende Juden in den Tod geschickt. Doch die CIA setzte ihn als Spion ein.

Erst jetzt zugängliche Archive der Geheimdienste der USA und Deutschlands brachten es ans Licht: Einer der schlimmsten Nazi-Massenmörder wurde am Ende des Zweiten Weltkriegs vor Verfolgung verschont und geschützt, weil er der CIA und auch dem deutschen Bundesnachrichtendienst BND nützlich war als Spion gegen den kommunistischen Osten.

Der «Report München» der ARD und die New York Times haben Auszüge aus den Geheimdienst-Dokumenten am Dienstag publiziert. Nur wenige grosse Medien berichteten bisher darüber.

In Wien möglichst alle Juden vernichtet

Nach der deutschen Annexion von Österreich im Jahr 1938 wurde Huber Gestapo-Chef eines grossen Teil Österreichs einschliesslich Wiens und befahl dort alsbald, «unerwünschte … Juden sofort zu verhaften und ins Konzentrationslager Dachau zu überführen».

Huber Anordnung.1
Anordnung von Franz Josef Huber
Huber Anordnung.2
Gezeichnet «Huber»

Dachau wurde im Januar 1933 eröffnet. Jahrelang war «die Gestapo und die Polizei unter Hubers Führung in Wien dafür verantwortlich, Juden einzusammeln, sie in Züge zu verfrachten und in Konzentrationslagern ihrem Schicksal zu überlassen», erklärte Professor Moshe Zimmermann von der Hebrew University in Jerusalem in der NYT. Huber habe Zehntausende Menschen in den Tod getrieben.

Huber lebte bis zu seinem Tod im Jahr 1975 unbehelligt und mit einer Rente in München

Die CIA liess belastendes Material möglichst verschwinden und stellte Huber nach Ende des Krieges als Spion an. Erst fast zwanzig Jahre nach Kriegsende, 1964, entliess ihn die CIA nach Angaben der NYT aus Angst, seine Vergangenheit könne die Geheimdienste doch noch in Verruf bringen. Weil Huber seine Vergangenheit gegenüber der CIA nie verheimlichte, wurde seine Entlassung als «unbegründete Entlassung» eingestuft, so dass er bis zu seinem Tod 1975 im Alter von 73 Jahren eine Rente beziehen konnte.

Ab 1956, als der BND gegründet wurde, war Huber von Anfang an auch in dessen Diensten. Das bestätigte im «Report München» der BND-Chefhistoriker Bodo Hechelhammer: «Die Suche nach Geheimdienstleuten mit klarer antikommunistischer Einstellung führte viel zu oft zu ehemaligen Nazis.»

Auslieferungsgesuche von Österreich und Forderungen von Opfer-Anwälten, gegen Huber zu ermitteln, hätten die US-Besatzungsorgane und Geheimdienststellen «mit zahlreichen bürokratischen Vorwänden» abgelehnt. Die USA hätten die deutschen Behörden mit Erfolg dazu gedrängt, dass sie Huber im Entnazifizierungsverfahren mit einer bedingten Verurteilung und einer Busse davonkommen liessen.

Anders als andere Naziverbrecher musste Huber nie flüchten und untertauchen, sondern lebte stets unter seinem richtigen Namen ein unbeschwertes Leben. «Das ist kaum zu fassen und eine Schande, dass Huber ein ruhiges Leben unter seinem eigenen Namen führen konnte», erklärt Professor Shlomo Shpiro der Bar-Ilan-University in Israel.


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Keine.

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11 Meinungen

  • am 8.04.2021 um 11:15 Uhr
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    Das war ja leider kein Einzelfall. Es gab eine grosse Zahl solcher Typen.

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  • am 8.04.2021 um 11:40 Uhr
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    Die wohl verlässlichste und glaubwürdigste Quelle in Zusammenhang mit den Naziverbrechern und wie ihr Netzwerk auch nach dem Krieg weiter funktioniert und sie sich auch nach dem Krieg gegenseitig zu Amt und Würde verhelfen, ist wohl die Deutsche Gaby Weber. Beispiellos wird von ihr das weiterhin, oder in noch grösserem Ausmasse stattfindende, Vertuschen, Täuschen, Verschweigen, Verhindern und dergleichen mehr aufgezeigt. Von allen Medien weitgehend gemieden, verschwiegen, verhindert – versteht sich!

    Beispiele ihres beispielhaften und sehr unterstützungswerten Wirkens:

    Pimpel und Blaustern – Die BND Akten über die Strafsache Eichmann
    https://www.youtube.com/watch?v=N0GRmAVTDDM&t=1s
    Onkel Arturo und der Mossad
    https://www.youtube.com/watch?v=2M2NMMlXMNU
    Ewig geheim – Kollateralbelastung Demokratie
    https://www.youtube.com/watch?v=kmhUQwxOGOI
    Vom Arisierer der Deutschen Bank zum Mister Banker of Germany
    https://www.youtube.com/watch?v=29naEUpZ7O8

    Auch ihre übrige Videos sind Beispiele wie Recherche, Journalismus, Information funktionieren könnte.

    0
  • am 8.04.2021 um 13:44 Uhr
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    Danke!
    Da gibt es noch sehr viel Aufklärungsarbeit zu tun.
    Wenn sich die CIA wie auch der BND der Gestapoleute bedient, dann gibt es bestimmt gesinnungsmässige Übereinstimmung. Das geht leider weiter in die NATO und in die Geheimarmeen der NATO.
    Historiker, welche dies zu erforschen wagen, werden nicht gehört, sondern diffamiert.
    WER diffamiert?
    WER wird diffamiert?
    Schon diese einfachen Fragen, bzw Antworten darauf machen uns gescheiter.
    Gut, dass sich der IS diesem Thema annimmt, danke nochmals!

    0
  • am 8.04.2021 um 18:11 Uhr
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    SS-General Franz Josef Huber war bei weitem nicht der einzige NS-Kriegsverbrecher, dem nach Kriegsende die schützende Hand der Geheimdienste der USA und der jungen Bundesrepublik Deutschland (und nota bene auch jene des Vatikans unter gütiger Assistenz durch das Internationale Rote Kreuz – «Rattenlinie») Schutz und Schirm vor Strafverfolgung bot. Ein besonders prominentes Exemplar eines Nazi-Kriegsverbrechers, welcher in der Nachkriegszeit nahtlos in den Dienst westlicher Spionageorganisationen übernommen wurde, war auch der SS-Hauptsturmführer Nikolaus «Klaus» Barbie alias Klaus Altmann, seines Zeichens Gestapo-Chef von Lyon, bekannt geworden unter der Bezeichnung « Le boucher de Lyon ». Verantwortlich für unzählige schwerste Kriegsverbrechen, begangen durch die deutschen Besatzer in Vichy-Frankreich, war er dessen ungeachtet den westlichen Geheimdiensten als Handlanger in ihrem Propaganda- und Spionagekrieg gegen die Sowjetunion und deren Bündnispartner im Warschauer Pakt hoch willkommen. Ganz nach dem bewährten Motto «He may be a bastard but he’s our bastard».

    0
  • am 8.04.2021 um 19:40 Uhr
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    Sie stoßen ein sehr wichtiges, weitgehend totgeschwiegenes Thema an, Herr Gasche. Im Interesse der globalen Sicherheit sollte sich die Weltöffentlichkeit hierzu viel umfassender informieren. Der ehemalige Leiter der Geheimoperationen der CIA in der Sowjetunion, Harry Rositzke, sagte es offen: „Es war unbedingt notwendig, dass wir jeden Schweinhund verwendeten, Hauptsache, er war Antikommunist.“ Nichts enthüllt deutlicher die Doppelmoral der USA, die als Ankläger im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess gleichzeitig Tausende nationalsozialistische Kriegsverbrecher zur Weiterverwendung in Forschung, Wissenschaft, Industrie und Geheimdienst rekrutierten. Ziel sollte das „Ende des Kommunismus in der UdSSR“ sein. Wie wir heute wissen, war aber „Kommunismus“ nur vorgeschobenes Motiv, denn die kommunistische Sowjetunion gibt es nicht mehr, der Kampf gegen Russland, das nicht nach der Pfeife der USA zu tanzen bereit ist, geht mit denselben Mitteln weiter. Nach Madeleine Albright sollte über die weltweit größten Bodenschätze Russlands nicht ein Land allein verfügen dürfen, sondern die ganze Menschheit, diesem Ziel ist ein souveränes Russland natürlich im Weg. Bestechung, Einsatz von Kriegsverbrechern bzw. „Terroristen“, politische Morde, kriegerische Interventionen, Regierungsstürze – die US-Außenpolitik bestimmt vorwiegend der „NSC“ (National Security Council), wichtigen Stützen wie CIA oder NSA u.ä. sind keinerlei Grenzen gesetzt, weder internationales Recht noch ethische Grundsätze.

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  • am 8.04.2021 um 21:33 Uhr
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    Absolut skandalös, aber bei Weitem nicht der einzige Fall. Eigentlich sollte der Staat Israel an solchen Dingen erkennen, wie «tief» und «ehrlich» die Freundschaft zwischen den USA und Israel ist. Immer wieder spielt sich die USA als Beschützer Israels auf, gleichzeitig aber kungelt sie mit den allergrössten Verbrechern, wenn es von Nutzen ist für die USA. Franz Huber ist ein Verbrecher und hat sich in schwerster Weise am Holocaust aktiv beteiligt. Das Schlimme ist, dass auch der Mossad, als einer der effizientesten Geheimdienste, darüberhinaus noch “befreundet” mit der CIA, möglicherweise um diese «Zusammenarbeit» wusste. Und trotzdem geschah dem Schwerverbrecher nichts, weder von Seiten der USA noch von Seiten Israels. Dass Eichmann richtigerweise von Israel zum Tod verurteilt wurde, hat offenbar damit zu tun, dass Eichmann für die USA/CIA nicht von Nutzen oder gerade nicht greifbar war. Das alles wirft ein schiefes Licht auf die “Moral” der involvierten, westlichen Demokratien.

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  • am 9.04.2021 um 14:23 Uhr
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    Wie die Protektion schlimmster Nazi-Verbrecher durch die USA nach Kriegsende funktionierte, hat Marcel Ophüls in seinem Dokumentarfilm «Hotel Terminus» schon 1988 präzise aufgezeigt. Ein veritables Schutzsystem der US-Geheimagenten für deutsche Kriegsverbrecher hintertrieb systematisch die Arbeit jener Polizei- und Gerichtsgruppen, die im Auftrag der Alliierten ab 1944 überall in Europa Nazi-Verbrecher aufspüren und vor Gericht bringen sollten. Sogar auch den «Schlächter von Lyon», den SS-Schergen Klaus Barbie deckten und rekrutierten die US-Geheimdienste und verhalf ihm 1951 zur Flucht nach Bolivien, wo er 33 Jahre lang unbehelligt lebte. Erst 1984 wurde er gefasst, nach Frankreich ausgeliefert und verurteilt. Er starb 1991 im Gefängnis. Noch krasser der Fall Wernher von Braun: Als «Hitlers Raketenbauer» war er direkt mitverantwortlich für den Tod von zehntausenden von KZ-Häftlingen und ZwangsarbeiterInnen, die in teils unterirdischen Fabriken die Raketen V2 montieren mussten – «die Raketenwaffe, die mehr Tote bei ihrer Produktion verursachte, als bei ihren Einsätzen» (gegen England). Von Braun wurde nie zur Rechenschaft gezogen: Der brutale SS-Offizier stritt seine Untaten ab – und begann 1945 nahtlos eine steile Karriere als führender Raumfahrt-Ingenieur in den USA. Als «Nazi bei der Nasa» – wo er als «Erbauer der Mondrakete» gefeiert wurd. Auf Fotos stand er nun nicht mehr lachend neben seinem Führer, sondern neben US-Präsident John F. Kennedy. Ramseyer, BERN

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  • am 9.04.2021 um 14:33 Uhr
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    Inzwischen gehen sehr viele Initiativen und Forschungsvorhaben diesen überdeutlichen Spuren der recycelten NS-Verbrecher nach. Vieles ist bereits veröffentlicht. Die Bewältigung und Auswertung der Archivfülle wird noch lange dauern (die Archive geben ihre Geheimnisse erst fristgebunden frei!).
    Ein wenig beruhigt mich, dass die Recherchen vielfach in den Händen fest installierter Einrichtungen liegen (z.B. Fritz Bauer Institut) und damit nicht zu «Eintagsfliegen» werden. Einzelne Wissenschaftler haben sich an der Entwirrung dieser unsäglich amoralischen Netzwerke festgebissen und lassen zum Glück nicht mehr los (z.B. Gerald Steinacher – lesenwert «Nazis auf der Flucht»). Als Kunstinteressierter habe ich noch einmal weit zurückgeblättert und die spannende Recherche von Frances Stonor Saunders gelesen «Wer die Zeche zahlt» (1999). Und sehr aktuelle Einblicke in diese Schattenwelt der skrupellosen Strippenzieher liefert David Talbot’s «Das Schachbrett des Teufels».

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  • am 9.04.2021 um 19:03 Uhr
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    Hier ein Auszug aus einer ARTE-Dokumentation  «Deckname Artischocke» . Hintergrund ist das Schicksal des Dr. Frank Olson (US-amerik. Wissenschaftler und CIA-Mitarbeiter)
    Von besonderem Interesse ist in diesem Zusammenhang die Personalie >Prof. Kurt Blome<. – Dazu auf der Zeitskala von 0:01 min. bis 1:08 min. eine kurze Einlassung.

    Die Sequenz von 1:49 min. bis 2:14 min. zeigt den Stand der Technik 1947 in Bezug auf Seuchenexperimente . – Sind diese Vorhaben noch im Experimentierstadium bzw. welche daraus abgeleiteten Vorgänge können aktuell benannt werden ?

    https://www.youtube.com/watch?v=ehHmzSH5oAc

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  • am 17.04.2021 um 17:34 Uhr
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    Der Titel des Artikels ist m.E. nicht belegbar. Sofern der Artikel Bezug nimmt auf Ronen Bergmann in der NYT vom 5.4.2021 (https://www.nytimes.com/2021/04/05/world/europe/franz-josef-huber-gestapo-nazi.html), dann enthält dieser NYT-Artikel keinen Hinweis auf eine Tätigkeit von Hrn. Huber für die CIA. Es handelt sich m.E. um einen Übersetzungsfehler. In der NYT wird lediglich erwähnt, dass (BND-)Führungskräfte fast 20 Jahre nach Kriegsende eine Zusammenarbeit mit Huber nicht mehr tolerierten. Eine tatsächliche Tätigkeit für den CIA ist im genannten Artikel nicht erwähnt. Sofern der Sperber sich auf einen anderen NYT-Artikel bezieht, sollte man diesen bitte verlinken.
    Unabhängig davon ist der Sperber-Artikel trotzdem sehr aufschlussreich und in Bezug auf die Anstellung von Nazi-Größen beim BND vollkommen richtig.

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    • am 18.04.2021 um 12:08 Uhr
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      Gemäss Aussage des israelischen Professors Shlomo Shpiro in «Report München» haben die US-Nachrichtendienste Huber eingesetzt und ihm Dokumente ausgestellt, die ihn mit falschen Angaben reinwaschten. Vom BND-Vorgänger soll er erst 1955 angeheuert worden sein.
      Der CIA weigerte sich, gegenüber der ARD zu Huber Stellung zu nehmen.

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