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Schlagzeile in AsiaNews: «Hunderttausende afghanische Flüchtlinge in Iran: Eine humanitäre Zeitbombe auch für Europa» © asianews

Ab Frühjahr könnten Hunderttausende Afghanen nach Europa kommen

Christa Dettwiler /  Schon in der Kälte fliehen täglich über 4'000 Menschen aus Afghanistan vor Hunger und Elend nach Iran, viele weitere nach Pakistan.

Seit dem Abzug der US-Truppen und der Machtübernahme der Taliban im letzten August hat sich die Krise in Afghanistan massiv verschärft. Einkommen sind weggebrochen, es herrscht eine Hungersnot und die dringend benötigte Hilfe kommt wegen der westlichen Sanktionen gegenüber den Taliban nicht an. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung werde «extremem Hunger» ausgesetzt sein, warnte der Uno-Generalsekretär Antonio Guterres letzten Monat: «Für Afghanen ist das tägliche Leben eine gefrorene Hölle.»

Über eine Million flohen in Nachbarländer

Nicht erstaunlich, dass bereits Hunderttausende in die Nachbarländer geflohen sind. Zwischen Oktober und Ende Januar haben sich über eine Million Menschen aus dem Afghanischen Südwesten auf den Weg gemacht. Auf zwei Hauptmigrationsrouten gelangen jeden Tag 4’000 bis 5’000 Flüchtlinge in den Iran und teils weiter nach Pakistan. Laut David Mansfield, einem Fachmann für Migration, seien im Januar täglich bis zu viermal mehr Afghaninnen nach Pakistan und in den Iran geflohen als im Jahr zuvor.  

Routen nach Europa werden frei

Die Regierungen nicht nur dieser Länder sind alarmiert. Auch Europa fürchtet, dass sich die Flüchtlingskrise von 2015 wiederholen könnte, als über eine Million Menschen – hauptsächlich aus Syrien – in Europa um Asyl ersucht hatten. Viele fürchten, dass der Frühling die schneebedeckten Routen freigibt, und ein wahrer Flüchtlingsstrom die EU-Grenzen erreichen könnte.

Schon im Herbst hatte die EU mehr als eine Milliarde US-Dollar humanitäre Hilfe in Aussicht gestellt – für Afghanistan selbst und für die Nachbarländer, die Flüchtlinge aufnehmen. Allerdings dauern die Diskussionen darüber an, wie der Bevölkerung geholfen werden kann, ohne die Taliban-Regierung zu stützen. Laut New York Times haben die Vereinigten Staaten nach Versprechungen betreffend Bildung für Mädchen und dem Erfüllen anderer Bedingungen, letzten Monat 308 Millionen US-Dollar freigegeben. 

Allerdings ist Hilfe in einem Land, das in den wirtschaftlichen Kollaps schlittert, schwierig. Sofern der Westen das Finanzsystem des Landes nicht rasch wieder zum Laufen bringt, werden Afghanen Arbeit und bessere Lebensbedingungen im Ausland suchen. Die 7-Milliarden-Guthaben der afghanischen Zentralbank haben die USA gesperrt. Mit 3,5 Milliarden dieser afghanischen Gelder will die Biden-Administration Opfer von 9/11 entschädigen, obwohl die Taliban für 9/11 nicht verantwortlich sind.

Drei Millionen Menschen warten in Iran und der Türkei auf die Ausreise

Schon vor der Machtübernahme der Taliban belegten afghanische Flüchtlinge den zweiten Platz hinter Syrien bei den Asylanträgen in Europa. Rund drei Millionen Menschen warten vor allem im Iran und in Pakistan auf eine Ausreise. Weil die Wirtschaft immer mehr zusammenbricht, haben Taliban Offizielle den Flüchtlingsschmuggel als Einkommensquelle entdeckt. So muss etwa an der Grenze jedes Fahrzeug eine neue Gebühr von rund zehn US-Dollar entrichten. Auch an den Hauptmigrationsrouten werden Gebühren erhoben. 

Allerdings ist das Überqueren der Grenze nur die erste Hürde für Flüchtlinge. Seit die Taliban an der Macht sind, haben Pakistan und der Iran mit Deportationen begonnen. Die fragile Wirtschaftslage der beiden Länder könne den Flüchtlingsstrom nicht verkraften. Laut der Internationalen Organisation für Migration der Uno wurden zwischen August und Dezember letzten Jahres mehr als 500’000 Menschen deportiert oder kehrten aus Angst vor Deportation freiwillig nach Afghanistan zurück.  


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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Zum Infosperber-Dossier:

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Migrantinnen, Migranten, Asylsuchende

Der Ausländeranteil ist in der Schweiz gross: Die Politik streitet über Asyl, Immigration und Ausschaffung.

afghanistan

Nach dem Nato-Krieg in Afghanistan

Von 2001 bis 2021 führte die Nato unter Führung der USA in Afghanistan einen «Krieg gegen den Terror».

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3 Meinungen

  • am 18.02.2022 um 16:59 Uhr
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    Die Not in Afghanistan ist gross. Sieben Milliarden der afghanischen Nationalbank lagern auf der US-Zentralbank. Die Hälfte diese Mittel sollen nun den Opfern der Anschläge von 9/11 und deren Angehörigen zur Verfügung gestellt werden, als Schadenersatz. Dazu ist zu sagen, dass Taliban Regime hatte nichts mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 zu tun. Deshalb sollte alles Geld nach Afghanistan überwiesen werden, auch wenn man mit dem fundamentalistischen Regime nicht einverstanden ist. Nach der offiziellen Version der Ereignisse waren die Attentäter und Organisatoren von 9/11 keine Afghanen, die meisten sollen Saudis gewesen sein. Die sieben Milliarden sollten also Afghanistan voll zurückgegeben werden.
    Fünf Jahre nach 9/11 gab das FBI zu, keinen «stichhaltigen Beweis» dafür zu besitzen, dass auch Osama bin Laden in Verbindung zu 9/11 steht. Der Journalist Ed Haas entdeckte, dass auf dem FBI-Steckbrief von Osama bin Laden (auf die Webseite der Behörde) kein Wort über seine mutmassliche Rolle bei 9/11 steht. Der Journalist fand das höchst seltsam.
    Angehörige der Opfer der Terroranschläge vom 11. September 2002, Feuerwehrleute und Sanitäter, die bei den Aufräumarbeiten dabei gewesen sind und erkrankt sind, aber auch Piloten, Architekten, Ingenieure und Polizisten, verlangen schone lange eine neue Untersuchung was am 11. September 2001 passiert ist.

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  • am 18.02.2022 um 17:06 Uhr
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    Es zeigt sich einmal mehr, dass die amerikanische Sanktionspolitik kurzsichtig, nicht zielführend, sondern eine ungewollte, für intelligente Berater vorhersehbare Schwanzbeissertaktik ist. Diese Flüchtlingsproblematik war voraussehbar.
    Hätte man mit dem Iran einigermassen verlässliche, offene (Verhandlungs)-Türen, liessen sich solche Probleme sicherlich verhandeln und lösen. So wie es derzeit läuft kann/könnte der Iran diese Flüchtlinge elegant weiterschicken und Europa ein «Geschenk» machen. Den USA sei Dank! – Aber die USA haben ja weite unbevölkerte Landstriche. Dort hätten sie ja Platz für afghanische Kolonieen, nicht Internierungslager, ich möchte nicht falsch verstanden werden.

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