Meinungsfreiheit «à votre discretion»

Christian Müller /  Was darf man sagen, was nicht? Das hängt davon ab, ob einer ein Widerstandskämpfer, ein Rebell oder ein Terrorist ist.

Ein Mann in Tschechien, der 71-jährige Antonín Drobner, der vor 40 Jahren schon vom kommunistischen Regime in der damaligen Tschechoslowakei wegen seiner lautstarken Opposition gegen den Staat inhaftiert worden war, wird jetzt erneut inhaftiert: wegen «Billigung des Mordes» an tschechischen Soldaten.

«Am Dienstag verurteilte das Bezirksgericht Pilsen Drobner zu einer dreimonatigen Haftstrafe und 18 Monaten auf Bewährung, weil er in einer Internet-Diskussion die Tötung von drei tschechischen Soldaten in Afghanistan guthiess, die 2018 bei einem Selbstmordattentat ums Leben kamen.» Die drei tschechischen Soldaten wurden während der NATO-Mission «Resolute Support» getötet, die das afghanische Militär für die Verteidigung gegen Taliban und andere Terrorgruppen ausbilden sollte, wie das tschechische Portal «Prague Daily Monitor» nun berichtet.

Vor dem regionalen Gericht in Pilsen verteidigte Drobner seine Haltung mit den Worten: «Ich habe das Gefühl, dass die bolschewistische Ära zurückkommt. Es ist mein verfassungsmässiges Recht, im Internet meine persönliche Meinung zu äussern. In meinen Äusserungen habe ich nie einen Mord unterstützt. Aber ein Kriegsverbrechen ist ein Kriegsverbrechen … Die tschechischen Soldaten gingen freiwillig nach Afghanistan und wurden dafür auch gut bezahlt.»

Drobners These: Der damalige Selbstmordattentäter sei kein Mitglied von ISIS oder einer anderen extremistischen Gruppe gewesen, sondern ein einheimischer Dorfbewohner, der sich im Widerstand gegen die «unmoralische Invasion der NATO» das Leben genommen habe. «Ich würde ihn als afghanischen Nationalhelden bezeichnen, denn sich in die Luft zu sprengen und zum Wohle seines Heimatstaates zu sterben, ist eine heroische Tat. In ähnlicher Weise wird in unserem Land Jan Palach als Held betrachtet, auch er hat sich zum Wohle seines Heimatstaates geopfert.»

Ursprünglich drohte Drobner sogar eine Höchststrafe von 15 Jahren Gefängnis, aber das Gericht entschied sich für eine niedrigere Strafe, weil es die genaue Motivation des Selbstmordattentäters nicht feststellen konnte. Deshalb könnten Drobners Kommentare nicht mit Sicherheit als Gutheissung des Terrorismus angesehen werden.

War er ein Widerstandskämpfer? Dann verdient er Verehrung! War er ein Rebell? Dann verdient er Achtung. War er ein Terrorist? Dann kommt 15 Jahre lang ins Gefängnis, wer ihn lobt.

Wörter wandeln Werte.

Nachsatz vom 28. Januar 2021:  

In der heutigen Ausgabe der CH Media-Zeitungen (Aargauer Zeitung, St. Galler Tagblatt, Luzerner Zeitung, u.a.) schreibt Ausland-Chef Fabian Hock in seinem – von historischen Fakten ziemlich unbelasteten – Kommentar zu Putins Rede am virtuellen WEF: «Dass unter seiner (Putins) politischen Führung Bürger in Russland wegen online publizierter Meinungen in den Kerker gehen, wenn diese dem Sicherheitsapparat nicht passen, blieb am Mittwoch sowohl von Putin als auch von WEF-Gründer Klaus Schwab unerwähnt.» Dass auch in einem EU-Land –  siehe oben – «Bürger wegen online publizierter Meinungen in den Kerker gehen», hat der Ausland-Chef der CH Media Zeitungen natürlich noch nie gehört – oder eben noch nie hören wollen. 


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine.

Zum Infosperber-Dossier:

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Meinungsfreiheit

Wo hört sie auf? Wie weit soll sie gehen? Privatsphäre? Religiöse Gefühle? Markenschutz? Geheimhaltung?

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2 Meinungen

  • am 28.01.2021 um 16:13 Uhr
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    Freiheit kann von einem intelligenten Menschen, der in der Realität lebt, nie als absolut»frei» gesehen werden – sondern nur im Einklang mit der jeweiligen Situation.
    Denn für jegliche Freiheit, die gleichzeitig einerseits nutzt und anderweits Schaden erwachsen lässt, trägt man einerseits hohe Verantwortung –
    und kann sich andererseits nie sicher sein, aus welcher Perspewktive andere die sich jeweils genommene «Freiheit» werten !

    Afghanistan, Lybien, Syrien, Libanon, Irak, Iran, halb SüdAmerika und … und… noch viele mehr Länder, Völker. Menschen
    kennen viele ANDERE Länder, Völker, und auch «eigene Menschen», die sich die Freiheit nehmen und nahmen, über deren Freiheiten und Leben –gewalt-tätig– entscheiden zu dürfen.
    So ähnlich «läuft es» von Anbeginn, seit es Menschen, Tiere und Pflanzen gibt: Der natürliche Drang, auf Kosten/zu Lasten anderer so gross und fruchtbar/furchtbar wie nur möglich zu werden, ist Grund-Programm
    aller Lebe-Wesen.

    Ob wir Menschen insgesamt -oder wenigstens überwiegend- es TROTZ DEM wirklich mal schaffen werden , «menschlicher» miteinander umzugehen ?!

    Hut ab vor all den paar wenigen Menschen, welche sich öffentlich und unbequem DA ZU, zu UN-Menschlichkeiten äussern – und wissend eine Be-Strafung dafür inkauf nehmen!

    Wolfgang Gerlach, Ingenieur

    1
    • am 29.01.2021 um 13:42 Uhr
      Permalink

      Danke, guter Bericht, gute Worte. Ich bevorzuge jedoch eine andere Formulierung. Es ist immer die selbige, aber es ist diejenige, welche mit den wenigsten Worten am meisten aussagt: Wenn jeder Mensch auf dieser Welt, auf allen Ebenen auf jede Form von Gewalt verzichten würde, welche jenseits von Notwehr liegt, wie würde die Welt dann aussehen? Wenn dazu noch jeder Mensch, welcher in eine Situation kommt in welcher Notwehr erforderlich ist, diese ausschließlich mit dem Ziel ausübt, eine Situation her zu stellen, in welcher alle wieder «Sicher» sind, um gemeinsam Lösungen zu finden welche nicht auf faulen Kompromissen basieren, dann hätten wir den ideal zu erreichenden Zustand an Konsens und Frieden, welcher den Völkern gestattet, sich weiter zu entwickeln. Mit einem solchen Ethos als Basis, wäre es möglich, die besten Werte hervor zu bringen, welche allen gerecht werden könnten. Eigentlich ist es das, was wir Menschen, welche Bedürfniswesen sind, brauchen und wollen, um zu gedeihen und um an Bildung und Erfahrung zu wachsen. Es ist das, was wir unseren Kindern hinterlassen sollten. Somit wäre alles gesagt, damit aus dem Tier Mensch ein vollständiger Mensch werden kann. Ausser an den Non-Violence Schulen von Marshall Rosenberg gegründet, wird sowas an keiner Schule und an keiner Universität gelernt. Es wird nur um den Brei geredet, es wird geredet und geredet, es werden Sitzungen gemacht und Professoren lassen sich hofieren. Dieser Systemfehler wird unser aller Ende sein. Danke

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