Piz Cengalo

Die Abbruchstelle am Piz Cengalo im südbündnerischen Bergell © SRF

Bergsturz Bondo: Spitzkehre der Staatsanwaltschaft

Kurt Marti /  Über vier Jahre nach dem Bergsturz bei Bondo gibt die Bündner Staatsanwaltschaft endlich ein unabhängiges Gutachten in Auftrag.

Auf den Bergsturz von Bondo, der acht Menschenleben forderte, folgte ein jahrelanges Trauerspiel der Bündner Justiz. Bereits Mitte Dezember 2017, nur vier Monate nach dem Bergsturz, präsentierte die Bündner Regierung anlässlich einer Medienkonferenz einen fünfseitigen Kurzbericht zum Bergsturz, den eine Expertengruppe verfasst hatte.

In dieser angeblich «unabhängigen» Expertengruppe sassen neben externen Wissenschaftlern auch mehrere Mitarbeiter des kantonalen Amts für Wald und Naturgefahren (AWN), welche die Gemeinde Bergell im Umgang mit dem Bergsturzrisiko beraten hatten und folglich in dieser Sache befangen waren, wie Infosperber damals kritisierte.

Dieselben befangenen AWN-Mitarbeiter, die am Kurzbericht mitgearbeitet hatten, waren auch beteiligt an einem ausführlichen, 73-seitigen AWN-Bericht zuhanden der Bündner Staatsanwaltschaft.

Nach über vier Jahren endlich ein unabhängiges Gutachten

Der AWN-Bericht und der Kurzbericht kamen beide zum Schluss, dass der Bergsturz vom 23. August 2017 «nicht vorhersehbar» gewesen sei. Dieser Einschätzung schloss sich die Bündner Staatsanwaltschaft kritiklos an und stellte die Untersuchungen im Juni 2019 ein. Mit der Frage der Befangenheit der AWN-Beamten konfrontiert, antwortete damals der zuständige Staatsanwalt Bruno Ulmi: «Das ist Ihre Interpretation.»

Die Angehörigen der Todesopfer wehrten sich auf dem Beschwerdeweg erfolgreich gegen die Einstellung der Untersuchungen. Jetzt – nach einem zweijährigen Irrweg über das Kantons- und Bundesgericht – macht die Bündner Staatsanwaltschaft eine spektakuläre Spitzkehre: Wie der Beobachter in seiner neusten Ausgabe berichtet, will die Bündner Staatsanwaltschaft «erstmals ein unabhängiges Gutachten erstellen lassen» und ist dafür auf der Suche nach einem unabhängigen Experten.

SLF-Leiter Jürg Schweizer fordert ein unabhängiges Gutachten

Geht doch! Dank dem Urteil des Bundesgerichts, das die Bündner Justiz zurückpfiff, und dank dem Einspruch von Wissenschaftlern, die in zwei früheren Beobachter-Artikeln (hier und hier) eine gerichtliche Überprüfung und ein unabhängiges Gutachten forderten. So beispielsweise Jürg Schweizer, Leiter des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL).

Schweizer gehörte der Expertengruppe an, die den Kurzbericht im Auftrag der Regierung verfasst hatte. Mitte Dezember 2017 stellte er zusammen mit dem Bündner Regierungsrat Mario Cavigelli den Kurzbericht an der oben erwähnten Medienkonferenz vor (siehe Foto unten).

Gegenüber dem Beobachter sagte Schweizer im vergangenen August: «Bei so einem komplexen Thema würde ich erwarten, dass die Justizbehörden, wie in solchen Fällen üblich, ein unabhängiges Gutachten einholen.» Und im Gegensatz zur Einschätzung der Staatsanwaltschaft und des Kantonsgerichts hielt er fest, der Kurzbericht sage «nichts aus zur Vorhersehbarkeit des Bergsturzes».

Dezember 2017: Medienkonferenz der Bündner Regierung zum Kurzbericht. Regierungsrat Mario Cavigelli (2. von links), rechts neben ihm Geologieprofessor Florian Amann und Jürg Schweizer, Leiter des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) Foto: SRF

Geologieprofessor Florian Amann hat empfohlen, «sofort zu handeln»

Mehrere beteiligte Wissenschaftler, die nicht namentlich genannt sein wollten, haben laut dem Beobachter vom letzten August die Entstehung des für die Bündner Justiz so wichtigen Kurzberichts des Kantons kritisiert. Federführend sei das AWN gewesen, das auch die Behauptung eingebracht habe, der Bergsturz sei nicht vorhersehbar gewesen. Das Hauptproblem am Kurzbericht sei, «dass ihn Leute verfasst haben, die möglicherweise eine Schuld tragen».

Der Aachener Geologieprofessor Florian Amann, der ebenfalls am Kurzbericht beteiligt war und an der erwähnten Medienkonferenz des Kantons von Mitte Dezember 2017 teilnahm (siehe Foto oben), erklärte im August gegenüber dem Beobachter, dass es kaum zu inhaltlichen Debatten gekommen sei. Der Diskussionspielraum sei klein gewesen.

Amann kommt auch in der neusten Ausgabe des Beobachters zu Wort. Seine Aussagen sind brisant und nagen ebenfalls an der Nichtvorhersehbarkeit-These der Bündner Justiz und des AWN. Denn Amann informierte zwei Wochen vor dem Bergsturz den Schweizerischen Erdbebendienst der ETH, dass sich ein Bergsturz «in den nächsten Tagen bis Wochen» ereignen werde. Zudem habe er dem Geologen, der im Auftrag des Kantons den Piz Cengalo überwachte, empfohlen, «sofort zu handeln». Dieser schlug zunächst per Mail ans AWN im Departement Cavigelli Alarm. Trotzdem blieb das Tal auf Empfehlung des AWN offen.


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Keine
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Eine Meinung zu

  • am 21.12.2021 um 11:59 Uhr
    Permalink

    Danke Kurt Marti für diesen Bericht.

    Vielleicht werden ein andermal die warnenden Stimmen gehört – hoffentlich.
    Da ich den Beobachter nicht abonniert habe, bin ich froh, diese Details bei Infosperber zu lesen.
    Ist doch irgendwie komisch, wie wenig diese wichtige Story in den grossen Medien ein Thema war?
    Neben Corona hat es wohl zu wenig Platz für andere wichtige und vor allem kritische Berichte?

    0

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