MailOnline_Front-1

Daily Mail online: BBC-Produzent wird als Alkoholiker blossgestellt © Daily Mail

Sie zerstören die Demokratie – dem Profit zuliebe

Urs P. Gasche /  Statt Relevantes bringen Blick, 20Minuten oder Le Matin unterhaltende Schlagzeilen. Doch noch ist ihr Niveau im Vergleich hoch.

«Die Demokratie ist auf eine aufgeklärte Öffentlichkeit angewiesen. Deshalb bedeutet jede Schwächung des Journalismus eine Schwächung der Demokratie»: Eigentlich eine Binsenwahrheit, an die SRG-Generaldirektor Roger de Weck in der NZZ am Sonntag erinnert. In den letzten Tagen erhielt man zwar den Eindruck, Economiesuisse, Gewerbeverband oder Parteiexponenten seien an einem möglichst wenig informierten Stimmvolk interessiert, das man dann umso leichter mit noch mehr Geld und einer «richtigen» Kampagne auf ihre Seite hätte ziehen können.

Bürgerinnen oder Bürger, die sich lediglich mit den Massenzeitungen Blick, 20Minuten, 20minutes oder Le Matin vor allem unterhalten statt informieren, können sich über Hintergründe und Zusammenhänge kaum ein Bild machen. Sie sind kaum in der Lage Zahlen einzuordnen oder die Relevanz einer Information zu erkennen. Immerhin sind Massenmedien in der Schweiz noch keine Medien, welche vorwiegend Fremdenfeindlichkeit, Hass und Intoleranz salonfähig machen. Sie unterscheiden auch noch zwischen Fakten und Fake-News. Zudem haben die Abstimmungen in unserer direkten Demokratie den grossen Vorteil, dass relevante, auch schwierige Themen in den Massenzeitungen zur Sprache kommen, meistens sogar kontrovers.
Europa und die USA nicht mit Schweizer Augen betrachten
Unsere bisherige Erfahrung in der Schweiz mit den grossen, noch rentierenden Massenzeitungen können wir nicht auf andere Länder übertragen. Der Wahlsieg Donald Trumps sowie das Erstarken der rechtsnationalen Parteien und Bewegungen in Grossbritannien, Frankreich, Ungarn, Polen und andern europäischen Ländern beruhen zu einem wichtigen Teil auf der Vorarbeit von Massenzeitungen und privaten Fernsehstationen.
Ein Beispiel ist die nach der «Sun» am zweithäufigste gelesene Zeitung «Daily Mail» und ihre Sonntagsausgabe «Mail on Sunday» in Grossbritannien. Die Auflage des konservativen Boulevard-Blatts erreicht zwei Millionen Exemplare. Die Zeitung schreibt schwarze Zahlen und gehört dem börsenkotierten Trust «Daily Mail and General Trust». Dieser ist beteiligt an zahlreichen Tageszeitungen, Fernseh- und Radiosendern vor allem in Grossbritannien, aber auch weltweit.

«Die Mail radikalisiert die eigentlich stoischen, fair denkenden Briten»
Mark Rice-Oxley, der beim «Guardian» eine Gruppe Recherchier-Journalisten leitet, hat den «Daily Mail» analysiert. Die urbanen Eliten würden den «Daily Mail» verabscheuen. Umso beliebter sei das Massenblatt in Kleinstädten, Fitness-Studios oder in Wartezimmern.
Schlagzeilen und Artikel beruhten auf der Prämisse, Einwanderung sei schlecht, Sozialhilfe kontraproduktiv, berufstätige Frauen suspekt, die EU zu verabscheuen, Entwicklungshilfe nütze nur den Helfenden, das öffentlich-rechtliche TV- und Radiounternehmen BBC ein Propagandasender des Staates.
Dazu dienen im Fall der BBC Storys über einen BBC-Produzenten, der als Alkoholiker blossgestellt wird, wie der der «Guardian»-Redaktor berichtet. Als ein britisches Gericht die Regierung zwang, über einen Brexit das Parlament entscheiden zu lassen, bezeichnete der «Daily Mail» die Richter als «Feinde des Volkes», die dem «Willen» von 17 Millionen Abstimmenden widersprechen. Es folgten Storys über das Privatleben einiger Gerichtsmitglieder.
Den früheren britischen Premierminister Tony Blair, der sich letzte Woche gegen den Brexit exponierte, nannte «Daily Mail» im Artikel einen «sonnengebräunten messianischen Fehlgeleiteten», der den Volkswillen missachte.

Online-Titel vom Daily Mail am 17. Februar 2017
«Guardian»-Redaktor Mark Rice-Oxley findet es «besonders beunruhigend», dass der «Daily Mail» mit seiner Art und Weise der Berichterstattung die meist normalen, stoischen und fair denkenden Britinnen und Briten radikalisiert.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine

Zum Infosperber-Dossier:

Bildschirmfoto20120107um17_56_48

Die Demokratien im Stress

Die Finanz- und Politkrisen setzen den Demokratien im Westen arg zu. Auch mit der Gewaltenteilung haperts.

Business_News_Ausgeschnitten

Medien: Trends und Abhängigkeiten

Konzerne und Milliardäre mischen immer mehr mit. – Die Rolle, die Facebook, Twitter, Google+ spielen können

War dieser Artikel nützlich?
Ja:
Nein:


Infosperber gibt es nur dank unbezahlter Arbeit und Spenden.
Spenden kann man bei den Steuern in Abzug bringen.



Die Redaktion schliesst den Meinungsaustausch automatisch nach zehn Tagen oder hat ihn für diesen Artikel gar nicht ermöglicht.

3 Meinungen

  • am 21.02.2017 um 11:46 Uhr
    Permalink

    Umso mehr sollten wir bereit sein, für guten Qualitätsjournalismus zu bezahlen oder die Idee von R. De Weck – staatliche Förderung von (bitte nur Qualitäts)-Medien weiter zu denken…..!

    0
  • am 23.02.2017 um 06:39 Uhr
    Permalink

    Das Verrückte finde ich, dass es ja nicht die Boulevardmedien waren, die das erfunden haben. Fehlende rationale Argumente mit persönlichen Diffamierungen aufzupolstern, damit haben eigentlich die grossen Leitmedien angefangen. «Putinversteher» für Leute, die versuchten, Konflikte nicht nur durch die «Der Russe ist böse!» Brille zu sehen, war nur der Anfang. Bald folgten schon pseudoseriöse psychiatrische Qualifikationen für Putin (zum Beispiel im SPIEGEL), und mehr noch für Donald Trump.

    Nein, ich bin kein Trump Fan, aber dass Medien wie TagesAnzeiger, SPIEGEL und NZZ einander in «Ferndiagnosen» über seinen Geisteszustand überbieten, finde ich extrem geschmacklos und kontraproduktiv, und es ist mit Sicherheit keine Diskussion oder auch nur Berichterstattung auf Sachebene.

    Die Gegenseite reagiert eher, als dass sie agiert. «Sonnengebräunter messianischer Fehlgeleiteter» finde ich direkt noch witzig-nett im Vergleich zu all dem, was Trump und Putin in Berichten der Qualitätsmedien alles sind.

    Zumal Blair ja tatsächlich ein Fehlegeleiteter ist: Er hat sich an einem Angriffskrieg mit hunderttausenden von Toten beteiligt und gehört deswegen eigentlich vor ein Gericht. Aber das ist eine andere Geschichte.

    0
  • am 24.02.2017 um 20:56 Uhr
    Permalink

    Das Schlimme an solchen Analysen ist ja die dahinterstehende Wahnvorstellung: Es gibt keine wirklich Interessenunterschiede zwischen dem Establishment und den «kleinen Leuten». Die kleinen Leute werden nur fehlinformiert darüber, wie gut wir vom Establishment es mit ihnen meinen. Alles wird gut, wenn nur endlich jemand durchgreift, die Gazetten der kleinen Leute verbietet und dem service public ein Monopol verschafft, so dass die kleinen Leute gezwungen sind uns zuzuhören und wir sie endlich wirksam über ihre «wahren Interessen» aufklären können.
    Schrecklich!

    0

Comments are closed.

Ihre Meinung

Lade Eingabefeld...

Die Schlagzeilen der täglich drei neusten Artikel erhalten Sie nach Wunsch täglich oder wöchentlich.

Vielen Dank, dass Sie unseren Newsletter abonnieren!

Der Bestätigungslink ist nicht mehr gültig.