Sperberauge

Welch eine Überraschung!

Christian Müller © zvg

Christian Müller /  Die «Aargauer Zeitung» vermeldet, dass jetzt alle Staatssekretärinnen Frauen sind. Waren sie früher Männer?

«News is what’s different.» Eine Neuigkeit ist, was anders ist: in der Medienwelt eine alte und bewährte Weisheit. Aber in Zeiten immer schneller erfolgender Veränderungen nicht zuletzt in Kultur und Technologie scheint auch diese Regel nicht mehr so sicher zu sein.

Der «Aargauer Zeitung» war das Thema drei Viertel einer Zeitungsseite wert, davon fast die Hälfte ein Bild mit fünf Frauen. Und mit einer sensationellen Schlagzeile: «Die ‹Schattenministerien› in Frauenhand. Seit dem Amtsantritt von Christine Schraner Burgener sind alle Staatssekretärinnen Frauen.»

«Seit dem Amtsantritt von Christine Schraner Burgener sind alle Staatssekretärinnen Frauen.»

Muss man, gemäss der Regel «News is what’s different», die prominent aufgemachte Nachricht darauf zurückführen, dass in der Vergangenheit etliche Staatssekretärinnen Männer waren? Dann wäre es ja wirklich eine vermeldenswerte Neuigkeit, dass jetzt alle Staatssekretärinnen Frauen sind.

Zu befürchten ist allerdings, dass die sogenannte gendergerechte Sprache auch in Journalistenkreisen eher mehr Stilblüten als mehr Gerechtigkeit schafft. Siehe dazu auf Infosperber die «Sprachlupe» vom 15. Januar.


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Keine
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2 Meinungen

  • am 16.01.2022 um 15:22 Uhr
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    Die Gendersprache führt notwendigerweise immer wieder zu Widersprüchen, weil das «Maskulin» und das «Feminin» von Personenbezeichnungen nach aktueller Lesart nicht grammatisch, sondern sexuell verstanden werden: «der Lehrer» = jemand, der lehrt und ein Mann ist (Doppelbedeutung). Vor Adelung, Herder und vor allem Grimm gab es diese Widersprüche nicht. Die weiblichen Bezeichnungen für Ämter begann mit der Wahl Elisabeth Kopps in den Bundesrat. Damals erst stellten Journalisten die Frage, ob es angezeigt wäre, bei Amtsbezeichnungen für Frauen die weibliche Form zu wählen. Nicht alle fanden das eine gute Idee, weil in der Unterscheidung immer auch die Gefahr einer Abwertung steckt: «Lehrer» ist die Originalform, «Lehrerin» die abgeleitete mit der 2 am Rücken. Item, das -in hat einen unglaublichen Siegeszug erlebt. Der Moment musste kommen: Als Ruth Dreifuss gewählt wurde, hiess es in der Schweizer Presse: «Ruth Dreifuss ist die hundertste Bundesrätin.» Arthur Brühlmeier kommentierte: «Manch eine hätte sich das wohl so gewünscht.» Seit jedoch das generische Femininum hoffähig geworden ist, sind selbstverständlich auch solche linguistischen Sppitzfindigkeiten obsolet. Vielleicht kommt doch wieder eine Zeit, da die Grammatik es wagt, die Genera so zu bezeichnen, dass sie keine sexistischen Missverständnisse mehr zulassen: «männlich/weiblich/Neutrum (keines von beidem)» sind nicht sachgemäss und widerspricht sprachwissenschaftlichen Fakten. Sie müssen dringend ersetzt werden.

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    • am 17.01.2022 um 12:34 Uhr
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      Die «Grammatik» wagt gar nichts. Sprachlich ist «Lehrer = männliche Person, die lehrt» eben gerade nicht ursprünglich. Sondern seit dem Indoeuropäischen ist die Endung *-er (oder wie sie in den Einzelsprachen dann lautete) eben eine (neutrale) Funktionsbezeichnung. Dass viele (die meisten?) Funktionsbezeichnungen idR männliche Funktionäre bezeichnen, ist eine andere Sache. Auch die sog. («grammatische») «weibliche» Endung war nie biologisch gemeint: «poeta» oder «nauta» sind kaum in der Mehrheit Frauen, wie es auch «la recrue» nicht ist. «Grammatisch» wird also nichts gerichtet werden können. Wenn sich die Sprecherinnen und Sprecher darauf verständigt haben, dass sie in den sog. «grammatischen» Geschlechtern auch die biologischen «hören», dann ist das so. Und das Problem liegt eher da, wie man das jetzt einigermassen verträglich umsetzt. Die Änderung der Benennung der «grammatischen» Geschlechter ändert da jetzt auch nichts mehr. Das «Mithören» des weiblichen Funktionsträgers beim sog. generischen Geschlecht wird vor allem dann als diffamierend empfunden, wenn die Lehrerinnen und Lehrer als «Lehrer» angesprochen werden. Aber eine höfliche Anrede an ein Kollegium war eigentlich ja nie so. Fazit: Wir müssen uns daran gewöhnen. Irgendetwas wird sich durchsetzen: Binnen-I oder der Genderstern oder der Doppelpunkt mitten im Wort oder … Wir haben im Deutschen ja auch mal «That» und «thun» und «gethan» geschrieben.

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