Raissa Gorbatschowa WDR

Raissa Gorbatschowa, 5. Januar 1932 - 20. September 1999, die Ehefrau von Michail Gorbatschow, war Professorin für Philosophie und Soziologie an der Lomonossow-Universität in Moskau. © WDR

Raissa: Die Welt ahnt nicht, was sie dieser Frau verdankt!

Leo Ensel /  Am 5. Januar wäre Raissa Maximowna Gorbatschowa 90 Jahre alt geworden. Die Bedeutung der Philosophieprofessorin wird unterschätzt.

Red./cm – Hinter den Ideen von Michail Gorbatschows programmatischen Schriften Perestroika (die Umgestaltung) und Glasnost (die Offenheit) stand nicht zuletzt seine Frau Raissa. Das sagt der deutsche Publizist Leo Ensel, der später Michail Gorbatschow persönlich kennenlernte und bis heute mit ihm in Kontakt steht. Ein Gastbeitrag.

Der neue jugendliche Held, der Mitte der Achtziger Jahre plötzlich auf der politischen Bühne der anderen Seite der Welt aufgetaucht war und alle in Staunen versetzte, war nicht allein. Ihm stand eine Frau zur Seite, die überall die Aufmerksamkeit auf sich zog: Klug, gebildet, attraktiv. Eine Frau, die, auch wenn sie sich bei öffentlichen Auftritten eher dezent im Hintergrund hielt, grosses Selbstbewusstsein ausstrahlte. Ebenso sicher wie ihr Auftreten war, wie nicht zuletzt ihre Kleidung verriet, ihr Geschmack. Solch eine sowjetische First Lady hatte die Welt noch nicht gesehen. – Falsch: Sie war die erste und einzige sowjetische First Lady überhaupt!

Liebe an der Macht

Und die beiden strahlten etwas aus, was man nicht nur in Politikerkreisen äusserst selten antrifft: Es war unübersehbar, dass eine tiefe Liebe sie verband. Man sah die Hochachtung, die der neue Generalsekretär seiner Frau entgegenbrachte. Und man glaubte die Unterstützung, die Energie förmlich zu spüren, die er durch sie erhielt. Ein Chef der feindlichen Supermacht, die eben noch vom amerikanischen Präsidenten als «Reich des Bösen» bezeichnet worden war, der liebevoll seinen Arm um seine Gattin legt; Raissa, die ihren Kopf vertrauensvoll an dessen Schultern schmiegt. Im Hintergrund Tochter Irina mit Mann. Und vorne kuschelt sich Enkelin Xenia zu Füssen ihrer Grosseltern.

Langsam gewöhnte die westliche Welt sich an die sensationelle Neuigkeit, dass auch russische Frauen elegant aussehen können. Raissa Gorbatschowa bewegte sich mit einer Selbstverständlichkeit und einem Selbstbewusstsein unter den Prominenten der westlichen Welt, als hätte sie niemals woanders gelebt. Aber es war nicht Glamour, der ihre Attraktivität ausmachte. Klugheit und Bildung verbanden sich mit der Eleganz dieser Frau und brachten ihr überall Respekt ein. Legendär, wie die Philosophieprofessorin einmal während eines Museumsbesuches in Washington Nancy Reagan korrigierte, nein: belehrte! Nicht wenige im Westen konnten sich damals ein gewisses schadenfrohes Grinsen nicht verkneifen.

Wir wussten, dass sie es im eigenen Lande nicht leicht hatte. Viele Menschen in der Sowjetunion waren nicht etwa stolz, solch eine kultivierte Persönlichkeit als First Lady an der Spitze zu haben, sie neideten ihr vielmehr ihre Schönheit, ihre Bildung, ihr selbstbewusstes Auftreten. Wir aber im Westen drückten diesem Ehepaar, das nichts Geringeres war als unsere personifizierte Hoffnung auf eine bessere Welt, auf eine Welt ohne die brandgefährliche Ost-West-Konfrontation, auf eine Welt, endlich befreit von der Atomkriegsgefahr und den erdrückenden Lasten des Wettrüstens – wir drückten diesem in Liebe verbundenen Paar alle unsere Daumen.

Bilder

Bilder, die sich in unser westdeutsches Gedächtnis eingegraben haben: Der triumphale Empfang, den die enthusiastisch «Gorbi! Gorbi!» rufende Bonner Bevölkerung den beiden im Juli 1989 bereitete. Raissa auf dem Balkon des Bonner Rathauses, wie sie den kleinen, vielleicht vier Jahre alten Sebastian entdeckte, der schick gekleidet – und, wie es schien, ohne Eltern – mit einem Blumenstrauss vor der Treppe stand; wie sie in Angst, der Kleine könnte von der Menge erdrückt werden, die Stufen hinuntereilte, ihn auf den Arm nahm, mit ihm zurück nach oben ging und ihn ihrem Mann hinüberreichte. Alle lachten, alle winkten, allen stand die Erleichterung ins Gesicht geschrieben: Das also waren unsere «Feinde», deretwegen wir noch kurz zuvor beinahe einen Atomkrieg riskiert hätten.

Die Strickjackenszene im kaukasischen Archys ein Jahr später. Die Mauer war gefallen, Gorbatschow machte den Weg für die deutsche Vereinigung frei. Er liess dem vereinten Land sogar die Freiheit, das Militärbündnis selbst zu wählen. Mehr Entgegenkommen von sowjetischer Seite war unmöglich. Genscher, Gorbatschow und Kohl auf Baumstümpfen am Fluss. Und zwischen ihnen Raissa in einem langen, blauschwarzen Cardigan. So zauberleicht ging der Kalte Krieg zu Ende.

Dann der 21. August 1991. Die Rückkehr aus Foros auf der Krim unmittelbar nach dem gescheiterten Putsch. Der sichtlich mitgenommene sowjetische Präsident, in Moskau nun fast Neuland betretend, empfangen von seinen Verrätern. Ein paar Meter hinter ihm auf der Gangway seine Ehefrau, die ihren Arm schützend um Enkelin Xenia legte. Man sah ihr an, dass sie gezeichnet war. Später hiess es, sie habe zahlreiche private Dokumente vernichtet – aus Angst, der KGB könne ein weiteres Mal zuschlagen.

Leukämie

Das erste Mal, dass ich Michail Gorbatschow persönlich sah, war im Herbst 1997 in Bremen. Er hielt die Eröffnungsansprache zu einem Festival des russischen Films. Ohne seine Frau. Ihr ginge es gesundheitlich nicht gut, war die offizielle Erklärung.

Schliesslich die schockierende Nachricht im Juli 1999. Die 67-jährige Raissa Maximowna in Deutschland – im Universitätsklinikum Münster. Diagnose: Akute myeloische Leukämie. Eine Welle von Mitgefühl durchwogte Deutschland. Und, wie man hörte, erhielt sie nun auch zahlreiche Genesungswünsche aus Russland – dem Land, wo sie lange Zeit sehr distanziert betrachtet, gar angefeindet worden war. Mein grosser Blumenstrauss, den ich ihr in hilfloser Verehrung und Verzweiflung in die Klinik schickte, konnte sie auch nicht retten.

Die Beerdigung auf dem Novodevitschij-Friedhof in Moskau. Es war herzzerreissend, es am Bildschirm miterleben zu müssen: Der grosse Held, der die kommunistische Diktatur besiegt, die gefährlichste Waffenkategorie verschrottet, 80 Prozent aller Atomsprengköpfe weltweit vernichtet, der Welt die akute Atomkriegsangst genommen, seinem Land Freiheit und Demokratie verschafft, die Mauer zum Einsturz gebracht und den Völkern Osteuropas die Unabhängigkeit geschenkt hatte, der Visionär des «Gemeinsamen Europäischen Hauses» – dieser Ausnahmepolitiker und -mensch seiner über alles geliebten Frau beraubt! Wie er sie, bis ins Innerste erschüttert, ein letztes Mal umarmte und küsste, bevor der Sarg verschlossen wurde. Er wirkte wie amputiert. Und dieser Mann erwies sich auch im tiefsten Leid als aussergewöhnlich stark: Stark genug, sich vor den Augen der ganzen Welt seiner Tränen nicht zu schämen.

Jedesmal wenn ich seitdem in Moskau war, besuchte ich das Grab mit der schönen Skulptur einer jungen Frau auf dem Prominentenfriedhof des Neujungfrauenklosters.

«Sie wissen hoffentlich, was mein Mann riskiert!»

Mit Michail Sergejewitsch und Raissa Maximowna hatten sich ein Mann und eine Frau gefunden, die nicht nur in Liebe, sondern auch in einem intensiven geistigen Austausch miteinander engstens verbunden waren. Was werden die beiden die vielen Jahre über auf ihren zahllosen langen Spaziergängen bei Wind und Wetter, wo sie sich vor den Abhörwanzen des KGB sicher fühlten, besprochen haben? Welche Ratschläge wird Raissa Maximowna ihrem Mann in den stürmischen Zeiten von Perestroika und Glasnost gegeben haben? Und wieviel von Gorbatschows epochalem Neuen Denken wird wohl von der Philosophieprofessorin Raissa angeregt worden sein? Vermutlich viel mehr, als die Welt ahnt.

Lassen wir dem langjährigen deutschen Aussenminister Hans-Dietrich Genscher, der nochmals von der berühmten Kaukasus-Szene berichtet, das letzte Wort: «Auf dem Weg zu dem Ort mit den Baumstümpfen legte sich plötzlich eine Hand in meine Hand. Das war die Hand von Frau Gorbatschowa, die sich mir von hinten angenähert hatte, mich etwas zurückzog, um mit mir zu sprechen. Sie sagte zu mir: ‹Herr Genscher, Sie wissen hoffentlich, was mein Mann riskiert! Es wird ganz wichtig sein, dass Deutschland alle seine Verpflichtungen, die Sie übernehmen, auch einhält!› Und ich antwortete: ‹Wir wissen das sehr wohl.› – Das war die Sorge einer Frau, die mit grossem politischen Verständnis auch die Risiken dieser Entwicklung für Gorbatschow richtig einschätzte und die nun auf einer ganz persönlichen Grundlage helfen und uns bewusst machen wollte, was das bedeutete.»

Die Deutschen mögen selbst einschätzen, ob ihr glücklich wiedervereintes Land Wort gehalten hat!

Raissa Maximowna Gorbatschowa und Michail Gorbatschow waren nicht nur ein Show-Paar für die Politik, auch wenn Raissa es liebte, sich gut gekleidet zu zeigen. Viele gute Ideen entstanden in deren Gesprächen und Diskussionen auch von ihrer Seite.

Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Dr. Leo Ensel ist Trainer für interkulturelle Kommunikation, Konfliktforscher, spezialisiert auf den postsowjetischen Raum, und freier Publizist.

Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.

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8 Meinungen

  • am 5.01.2022 um 13:27 Uhr
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    Das ist ein sehr lesenswerter Artikel von Leo Ensel. Die Gefühle der persönlichen psychischen Entspannung, des ungläubigen Wahrnehmens der radikalen Abkehr von der atomaren Bedrohung kommen mir wieder hoch. Ich war da um die 30 Jahre alt.
    Und was daraus geworden ist, das wäre guter Stoff für einen Infosperberbeitrag. Einerseits war die Deutsche Wiedervereinigung unbestritten historisch, gesellschaftlich und wohl auch wirtschaftlich äusserst bedeutsam. Was aber bezüglich der «Machtblöcke» USA und RUS bis heute erreicht worden ist, ist nur eine Schande für den Westen. Das Versprechen der NATO beispielsweise, diese keinen cm nach Osten zu erweitern, ist quasi zu deren Erbsünde mutiert. Und wer mit offenen Augen durch die Welt geht, dem müsste auffallen, dass nicht Putin Säbelrasseln veranstaltet, sondern der vergreiste Biden, der nicht bloss altert, sondern nur die Marionette der Mächtigen und des militärisch industriellen Komplexes ist. Seien wir froh dass in RUS ein Putin regiert, der verlässlich ist. Verlässlich als Gegenteil von unberechenbar!

    2
    • am 8.01.2022 um 15:59 Uhr
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      Ausser mit dem Schluss weitgehend einverstanden. Mein Eindruck ist ebenfalls, dass unsere Generation die einmalige Chance bekam auf echten Frieden nach dem Ende des Kalten Krieges. Diese Chance hat unsere Generation wir vertublet.
      Dass Putin nicht mit dem Säbel rassle, hingegen halte ich für Blödsinn: Putin macht was seit den russischen Zaren vor 300 Jahren immer schon das grosse geopolitische Thema Russlands war: Das Gebiet vergrössern, Pufferzonen jenseits der eigenen Grenzen schaffen, den Zugang zu eisfreien Häfen sichern. Die Krim wurde annektiert, die Ostukraine ist als Zugang notwendig. Die Russen haben Zeit. Wenn Putin sie nicht annektiert, macht es der nächste.

      0
    • am 9.01.2022 um 00:05 Uhr
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      Wäre Putin ein Gorbatschow, sähe die Welt anders aus, da bin ich mir sicher, viel friedlicher.
      Mit (noch) mehr Un-Demokratie & «Putins», auch im Denken, wäre Krieg in Europa!
      Jedes Volk MUSS das Recht haben, SELBER zu entscheiden, wie es sich verteidigen will. Die SU war sehr unfriedlich, ich hätte als Nachbar & ehemaliger Besetzter auch immer noch Angst!

      1
  • am 5.01.2022 um 14:18 Uhr
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    Sehr geehrter Herr Leo Ensel,
    Ich würde Sie am liebsten umarmen, um Ihnen anstelle dieser von Ihnen so einfühlsam geschilderten Frau ganz herzlich zu danken. Ich finde es jammerschade, dass an der Spitze der USA keine ebenbürtige, auch nur annähernd so grossherzige, intelligente, rücksichtsvolle, menschenfreundliche, grundehrliche und alle Friedliebenden überzeugende Persönlichkeit das Sagen hatte, welche die von Gorbatchev dargehaltene Hand für eine friedlichere Welt hätte ergreifen können.
    Auch ich bin grundsätzlich ein Optimist und trotz allem voller Hoffnung auf eine für viel mehr Leute als heute lebenswerte Zukunft. Sie schreiben: «So zauberleicht ging der Kalte Krieg zu Ende.» Sie sind ja das Gegenteil von einem naïven Menschen, und im Gegensatz zu mir ein ausgewiesener Kenner der gegenwärtigen, von den USA geschürten, hassdurchtränkten Hetze gegen Putin. In meinen Augen ist deshalb der Kalte Krieg formell zu Ende, aber das US-Säbelrasseln ist beängstigend .
    Wie kommen Sie zu Ihrer Einschätzung? Es gibt ja noch keinen Namen für diese neue Bedrohungs-Strategie der NATO.
    Sehr geehrter Herr Ensel, ich wollte eben Ihren Artikel über das Ende der Sowjetunion nachlesen. Leider fehlt mir ein wichtiger Teil. Ich werde die fehlenden Seiten mit Sperbers Hilfe ergänzen. Ich habe eine Frage an Sie: «Werden Sie bald einmal Ihre Sicht von Putin und seiner Politik in dieser Zeitung schildern? » Da bin ich wieder ein totaler Optimist: Ich rechne einfach fest damit. Danke schön!

    2
  • am 5.01.2022 um 16:34 Uhr
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    Danke für dies berührende Gedenken. – Wie schmählich wurden sie und ihr Mann von der «Achse der Guten» enttäuscht, ja betrogen.

    1
  • am 5.01.2022 um 17:56 Uhr
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    Wunderbar, diesen Beitrag hier zu finden. Danke.

    0
  • am 6.01.2022 um 10:15 Uhr
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    Es gibt an der Politik der USA nichts zu beschönigen. Die Europäer sollten aber vor allem den eigenen Stall ausmisten. Es sind doch vor allem die Lakaien in der EU, besonders der Nato-Ländern, die es ermöglichen, dass die USA überhaupt in Europa das Sagen haben. Mit der neuen Deutschen Regierung mache ich mir keine grosse Hoffnung auf Entspannung.

    1
  • am 6.01.2022 um 13:03 Uhr
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    Diese Frau musste eine unglaubliche Weitsicht gehabt haben. Und wir in Deutschland haben anscheinend kein Erinnerungsvermögen. Das grenzt an Verrat. Während wir nach der «Wende» Wiedervereinigung feiern konnten, erfuhr die russische Bevölkerung in den 90er Jahren ihre wohl dunkelste Zeit. Was uns wirtschaftlichen Aufschwung brachte, bedeutete in Russland Hungersnot. Doch wir hätten uns 2001, als Putin seine historische Rede vor dem Bundestag hielt, wieder an unsere durch unseren damaligen Aussenminister Genscher erklärte Verpflichtung erinnern müssen. Leider haben wir seinen ausgestreckten Arm ausgeschlagen. Warum bauen wir Denkmäler für Kriegsherren, nicht aber für eine solche Frau ?

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