kontertext: Follow the money – or science?

Ariane Tanner /  Enthusiastisch forscht der Mann. Bis das Virus besiegt ist. Und das Ganze heisst dann Kapitalismus.

Als der Marsianer im gleichnamigen Spielfilm von 2015 gewahr wird, dass die Crew längst mit dem Raumschiff abgereist und jegliche Kommunikationsverbindung gekappt ist, die Vorräte zur Neige gehen und er auf dem roten Planeten gründlich in der Tinte sitzt, spricht er folgenden, bedeutungsschweren Satz für eine imaginierte Nachwelt in sein Videotagebuch: «I’m left with only one option: I’m gonna have to science the shit out of this.» Ich werde das mit Wissenschaft traktieren!

Also legt der Protagonist los mit trial and error: Experiment – Scheitern – Lernen – nächster Versuch. Die Experimentalanordnung, die in diesem Fall über Leben und Tod entscheidet, besteht aus in den roten Sand eingepflanzten Kartoffeln, einem Plastikzelt und Gasgemisch, wodurch sich tröpfchenweise Feuchtigkeit sammelt. Und ja, die oben genannte Sch… erhält auch eine massgebliche Rolle in Form von Dünger. Die Wissensbestände, die in dieser amerikanisch-englischen Koproduktion einer Romanadaption im Vordergrund stehen, sind Ökologie (geschlossene Systeme, chemische Stoffe, Licht etc.), Elektrotechnik, Informatik und ein bisschen Physiologie. Aber im Grunde besteht diese «science» aus einem Mann und Technik.

Cherchez l’homme

Genauso klassisch und männlich schildert Peter A. Fischer in der Wochenendausgabe der NZZ vom 6. Februar 2021 im Frontseitenartikel die Entwicklung von Impfstoffen gegen das Coronavirus: «Ein Erfolg mit vielen Vätern». «Forscher» und «Entwickler» hätten allüberall auf der Welt einen «enormen Enthusiasmus» an den Tag gelegt und «zu einem erheblichen Teil auf eigenes unternehmerisches Risiko» hin gearbeitet, um einen Impfstoff gegen Corona zu entwickeln. Davon leitet sich der Haupttitel ab: «Der Kapitalismus rettet uns». NZZ, 6. Februar 2021, hinter Paywall)

Der Autor räumt zwar ein, dass auch «Prestige» und «ein Milliardenmarkt» eine Rolle spielten, vor deren Hintergrund sich die pharmaindustrielle Wette auf die Zukunft in einer global grassierenden Pandemie nicht mehr ganz so waghalsig ausnimmt. Grundannahme von Fischer bleibt aber, dass der Anreiz zur Impfstoffentwicklung nur aus dem Wettbewerb entstehen kann, weswegen individuelles unternehmerisches Handeln gegen einen möglicherweise hemmenden Staat verteidigt werden muss. Abschreckendes Beispiel ist ihm da die politische Diskussion in Deutschland, wo Begriffe wie «Zwangsakquisitionen», «Not-Impfstoffwirtschaft», «Zwangslizenzen» kursiert hätten. Reglementierungen von staatlicher Seite – Prämien oder Strafzahlungen für schnelle oder verspätete Lieferungen – bei gleichzeitiger Risikoübernahme werden angedeutet, aber summa summarum sollte laut Fischer der Staat «nicht der Versuchung erliegen, selber Unternehmer zu spielen».

Kooperation statt Konkurrenz

Dass sich diese Geschichte auch ganz anders erzählen liesse, zeigt zum Beispiel die Entwicklung des Impfstoffs von Biontech/Pfizer: Erstens braucht es Unis, an denen Leute ausgebildet werden wie Özlem Türeci an der Universität des Saarlandes und Uğur Şahin an der Universität Köln, die zusammen mit ihrer Firma Biontech und ihrem Team den ersten Coronaimpfstoff entwickelten. Der Staat hat also durchaus etwas mit einem solchen medizinischen Durchbruch zu tun, denn alles Geld auf der Welt nützt nichts, wenn da keine klugen Köpfe sind, die etwas aus ihrer Erfahrung machen können. Zudem bleibt auch der beste Impfstoff ohne Wirkung, wenn er nicht verimpft wird; eine Aufgabe, für die jetzt überall der Staat in die Mitpflicht genommen wird. Zweitens ging es – wie der Name des Impfstoffs schon zeigt – um eine internationale Kooperation und auch um einen Wissensaustausch: «Kooperation ist ein absoluter Schlüssel für diese globale Herausforderung. Es gibt gar keine Diskussion, ob eine Impfung nur für China, Deutschland oder Amerika zur Verfügung steht», wird Şahin zitiert. Drittens, und es ist eigentlich müssig, es zu erwähnen, ist gerade mit dieser Kooperation offensichtlich, dass auch Frauen einen bedeutenden Anteil an der Impfstoffentwicklung hatten und haben. Aber nicht nur das: Türeci und Şahin sind im Privaten ein Paar, und gerade an ihrem Beispiel kann man zeigen, wie Liebe eine beflügelnde Produktivkraft sein kann (Lea Haller: «Die wirtschaftliche Kraft einer Ehe», NZZ am Sonntag, 15. November 2020, hinter Paywall). 

Das von Fischer heraufbeschworene Rollenmodell des gewitzten, männlichen Einzelunternehmers, dessen Kühnheit allein im marktwirtschaftlichen Wettbewerb belohnt wird, versagt hier gründlich, aber dennoch möchte er daran festhalten. «Die Marktwirtschaft macht’s möglich», kommentiert er selbst da, wo es um die Schweizer Firma Novartis geht, die ankündigte zu helfen, wenn es um das Abfüllen von Impfdosen ginge. Ja, das ist dann die Beute, die ein Pharmariese in den markwirtschaftlichen Jagdgründen einer globalen Pandemie noch erhaschen kann, nachdem Novartis im Jahr 2014, wie Fischer erwähnt, das «Impfstoffgeschäft verkaufte». Und war es jetzt auch die «Marktwirtschaft», die es ermöglichte, oder der «Kapitalismus», der uns rettete, wenn sich ein paar wenige im Frühling 2020 damit bereicherten, an die Schweizer Armee für den Preis von 150 Millionen Franken minderwertige Masken zu verschachern, die man jetzt wohl ungenutzt vernichten muss? (Tages-Anzeiger vom 5. Februar).

Die Dramaturgie des Sozialen

In einem Spielfilm über eine globale Pandemie, so habe ich mir von einem erfahrenen Drehbuchautor sagen lassen, muss es dramaturgisch immer so ablaufen: Katastrophe, Elend und Grauen auf der Welt, Zuspitzung und drohender, finaler Kollaps, aber im letzten Moment der Hoffnungsschimmer: die Impfung. Und in der nächsten Einblendung sehen wir sie: die Mutation des Virus.

Wäre COVID-19 ein Film, dann wären wir vor dem ersehnten Ende der Pandemie jetzt gerade in diesem Cliffhänger gefangen. Ob’s dann alleine die Markwirtschaft im Sinne von unternehmerischem Geist und Risikobereitschaft richten wird, ist mehr als zweifelhaft. Selbst der hemdsärmlige, unerschrockene Marsianer setzte letztlich die gesamten internationalen Beziehungen im All in Bewegung: China schickte eine Versorgungskapsel los, während die Crew eigenmächtig, die interplanetarischen Gravitationskräfte nutzend, ein Umkehrmanöver machte, um diese Kapsel im richtigen Moment aufzunehmen und zum Mars zurückzukehren, was die NASA wiederum zwang mitzuspielen und endlich damit anzufangen, sämtliche gescheiten Leute einzuspannen und auf das ganze Arsenal von Berechnungs-, Kommunikations- und Programmierkünsten zuzugreifen. Kooperation also, internationale Beziehungen, Interdisziplinarität und ja, natürlich auch etwas Soziales: ein fortzusetzender Flirt, der im Raumschiff winkt, was den Marsianer zusätzlich anspornte, seine Überlebensübung auch erfolgreich abzuschliessen. Oder war es doch eher die Verlobte oder gar seine geschiedene Ehefrau? Ich kann mich nicht mehr genau erinnern. Jedenfalls: Money und science allein lösen nicht die wirklich anspruchsvollen Probleme auf der Welt. Es sind immer die Menschen und was sie untereinander zusammenhält.


Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine.

Ariane Tanner ist Historikerin und Texterin aus Zürich. Ihr Twitter-Account lautet interplanetarisch@ArianeTanner1

  • Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann (Redaktion, Koordination), Silvia Henke, Mathias Knauer, Guy Krneta, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Martina Süess, Ariane Tanner, Rudolf Walther, Christoph Wegmann, Matthias Zehnder.

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4 Meinungen

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    am 15.02.2021 um 15:53 Uhr
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    Schön beschrieben die Ideologie der Marktfetischisten, die alles zu ihren Gunsten drehen verbal, damit sie verbreiten die Mär von der Markt regelt’s. Letztlich geht es ihnen nur um das Narrativ, in dem sie ihre Profite sichern auf dem Buckel des Kanalarbeiters, des Chauffeurs, der Kassier- oder Lehrerin.

    0
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    am 15.02.2021 um 22:46 Uhr
    Permalink

    Man könnte die Geschichte auch so erzählen wie sie wirklich war, ohne ideologische Scheuklappen: Eine ungarische Emigrantin in den USA – Katalin Karikó – deren Mann in Ungarn mit Visumsproblemen kämpfte forschte ab 1989 jahrelang an mRNA, erhielt bei Gesuchen um Forschungsbeiträge Absage um Absage, wurde 1995 sogar auf der akademischen Leiter zurückversetzt, bis sie nach 10 Jahren mit ihrem Mitarbeiter Dr.Weissmann durch Versuch und Irrtum herausfand, wie man die Immunreaktion verhindern kann, die injizierte mRNA sofort zerstört. Alles was ab 2000 mit mRNA geleistet wurde beruht auf der Hartnäckigkeit und dem Erfolg dieser Frau. Das war reine Grundlagenwissenschaft, zu verdienen war damit rein nichts. Das Beispiel zeigt, dass es reine Wissenschaft braucht, wenn man die Natur verstehen und Probleme lösen will. Was nachher kam war angewandte Wissenschaft und grosstechnische Produktion. In letzterer sind private Firmen meist besser als Staatsbetriebe (zu erinnern, dass der oberste Eidgenössische Impfpapst Prof.Berger noch im Nov.2020 davon sprach, dass man erst im Sommer 2021 mit Impfen beginnen werde, er ist es, der die Eidgenössische Impftrölerei zu verantworten hat, ein schönes Beispiel für die „Reaktionsschnelligkeit“ des Staates). Im übrigen ist vorauszusagen, dass die Arbeiten mit der mRNA einen Nobelpreis wert sind, womöglich noch in diesem Jahr. Und er wird in erster Linie an Frau Karikó gehen, alle anderen sind „ferner liefen“.

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      am 16.02.2021 um 15:08 Uhr
      Permalink

      Herzlichen Dank für die wahre Geschichte !

      Wie leider deutlich -an den rauf/runter Däumchen- zu sehen,
      sind „schön ausgemalte Erzählungen“ deutlich beliebter als
      nur die Wahrheit mit Licht UND Schatten.

      Herzliche Grüsse !
      Wolfgang Gerlach, Ingenieur

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