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46 Prozent der weltweit verfügbaren zivilen Waffen befinden sich in den USA. Die Folge sind tausende Todesopfer © pixabay/Symbolbild

USA: Der tödliche Kreislauf der Schusswaffen

Tobias Tscherrig /  In den USA gibt es mehr zivile Schusswaffen als Einwohner. Die Folge sind tausende Todesopfer – ein Ende ist nicht in Sicht.

Nur wenige Städte der Vereinigten Staaten sind in den letzten Jahrzehnten von Waffengewalt verschont geblieben. Trotz zahlreicher Amok-Läufe, Morde und Unfälle durch Schusswaffen halten viele Amerikanerinnen und Amerikaner ihr in der US-Verfassung verankertes Recht, Waffen zu tragen, für unantastbar. Kritikerinnen und Kritiker des zweiten Verfassungszusatzes argumentieren dagegen, dass das Recht auf Waffenbesitz ein anderes Recht beschneidet: das Recht auf Leben.

Aber Amerikas Verhältnis zum Waffenbesitz bleibt einzigartig, die Waffenkultur gross und allgegenwärtig. So sind die Vereinigten Staaten noch immer die einzige Nation der Welt, in der die Anzahl der zivilen Waffen die Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner übersteigt. Deshalb verwundert es kaum, dass auch die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit Schusswaffen täglich steigt. Aus diesem Grund wirft der US-amerikanische Fernsehsender Cable News Network (CNN) einen ausführlichen Blick auf die US-Waffenkultur und vergleicht sie mit dem Rest der Welt.

Die USA beherbergen 46 Prozent der weltweit verfügbaren zivilen Waffen

Nach Angaben des in der Schweiz ansässigen Small Arms Survey (SAS) kommen auf 100 Amerikanerinnen und Amerikaner 120 Schusswaffen. Damit sind die USA nicht nur das einzige Land der Welt, in dem es mehr zivile Schusswaffen als Einwohnerinnen und Einwohner gibt – die Staaten brechen noch weitere Rekorde: Vergleicht man das Vorhandensein von zivilen Waffen auf internationaler Ebene, sind die USA einsame Spitze. Den zweitgrössten Bestand an zivilen Waffen beherbergen die Falklandinseln im Südatlantik, wo pro 100 Einwohnerinnen und Einwohner schätzungsweise 62 Waffen vorhanden sind. Damit ist die Waffenbesitzrate der Inselgruppe aber rund die Hälfte niedriger als in den USA. Mit 53 Waffen pro 100 Einwohnerinnen und Einwohnern weist der kriegsgebeutelte Jemen die dritthöchste Waffenbesitzrate der Welt auf.

Wegen illegalem Handel, nicht registrierten Waffen oder etwa auch globalen Konflikten ist es allerdings schwierig, die genauen Zahlen von zivilen Waffen zu ermitteln, die in einem Land vorkommen. Nichtsdestotrotz schätzen SAS-Forscherinnen und -Forscher, dass die USA 393 Millionen der weltweit insgesamt 857 Millionen verfügbaren zivilen Waffen besitzen. Das sind 46 Prozent des weltweiten zivilen Waffenbestandes. Zum Vergleich: Auch in Guatemala und Mexiko gehört das Tragen von Waffen zu den verfassungsmässigen Rechten. Trotzdem gibt es in beiden Ländern deutlich weniger zivile Schusswaffen. Die Waffenbesitzrate liegt im Vergleich mit derjenigen der USA bei einem Zehntel.

USA: Angebot und Nachfrage steigen stetig

In beiden Ländern ist die Waffendebatte weniger stark von der Politik geprägt. Ausserdem erleichtern die Verfassungen von Guatemala und Mexiko die Regulierung, da der Gesetzgeber den Waffenbesitz der Bevölkerung leichter einschränken kann. Dann gibt es zum Beispiel in ganz Mexiko nur ein einziges Waffengeschäft – das von der Armee kontrolliert wird.

In den USA steigt dagegen die Produktion von Schusswaffen stetig an. Auch weil sich immer mehr Amerikanerinnen und Amerikaner Schusswaffen kaufen. Im Jahr 2018 produzierten die US-Waffenhersteller neun Millionen Schusswaffen – mehr als doppelt so viele wie noch im Jahr 2008. Die ungebremste und stetig wachsende Lust der Amerikanerinnen und Amerikanern, sich zu bewaffnen, ist auch in den Zahlen der Anträge auf Hintergrundüberprüfung ersichtlich. Diese Prüfung muss in den USA durchlaufen, wer eine Waffe kaufen will. Im Januar 2021 verzeichneten die US-Behörden den grössten jährlichen Anstieg bei diesen Background Check-Gesuchen seit dem Jahr 2013: ein Anstieg von fast 60 Prozent gegenüber dem Januar 2020.

Im März 2021 meldete das Federal Bureau of Investigation (FBI) fast 4,7 Millionen Background Checks – so viele wie in keinem anderen Monat, seit die Behörde vor mehr als 20 Jahren mit der Aufzeichnung begonnen hatte. Zwei Millionen dieser Überprüfungen betrafen neue Waffenkäufe – auch das ist Rekord.

Höchste Mordrate in der entwickelten Welt

Im Jahr 2019 lag die Zahl der Todesfälle durch Schusswaffengewalt in den USA bei etwa vier pro 100’000 Menschen. Das ist das 18-fache der durchschnittlichen Rate in anderen Industrieländern. Das erstaunt kaum, zeigen doch zahlreiche Studien, dass der leichte Zugang zu Schusswaffen zu einer höheren Mord- und Selbstmordrate führt. Auch die Anzahl der Verletzungen, die durch Schusswaffen entstehen, steigen, wenn mehr Waffen vorhanden sind. Nur: In den USA glauben längst nicht alle daran. Laut Umfragen denkt noch immer rund ein Drittel der Erwachsenen, dass es weniger Verbrechen gibt, wenn mehr Menschen Schusswaffen besitzen.

Es überrascht daher nicht, dass die USA pro Kopf mehr Todesfälle durch Waffengewalt zu beklagen haben als jedes andere Industrieland. Laut Daten des Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME) aus dem Jahr 2019 ist die Rate in den USA zum Beispiel achtmal höher als in Kanada, das die siebthöchste Waffenbesitzrate der Welt aufweist, 22-mal höher als in der Europäischen Union und 23-mal höher als in Australien.

Die waffenbedingte Mordrate in Washington D.C. – die höchste aller US-Bundesstaaten – ist ähnlich hoch wie in Brasilien, das den IHME-Zahlen zufolge bei den waffenbedingten Tötungsdelikten weltweit an sechster Stelle steht. Es sind die Länder Lateinamerikas und der Karibik, die weltweit die höchste Rate an Tötungsdelikten mit Schusswaffen aufweisen. Ganz zuvorderst stehen El Salvador, Venezuela, Guatemala, Kolumbien und Honduras. Dies vor allem wegen der Aktivitäten der Drogenkartelle, und weil viele Schusswaffen im Umlauf sind, die aus alten Konflikten stammen.

Zivile US-Waffen für Lateinamerika und die Karibik

Aber die Waffengewalt in Lateinamerika und der Karibik wird auch durch Waffen aus den USA verschärft. Laut einem Bericht des «US Government Accountability Office» vom Februar 2021 überqueren jedes Jahr etwa 200’000 Schusswaffen aus den USA die Grenze zu Mexiko. Im Jahr 2019 wurden etwa 68 Prozent der von den Strafverfolgungsbehörden in Mexiko beschlagnahmten und dem «Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives» (ATF) zur Identifizierung übermittelten Schusswaffen in die USA zurückverfolgt. Etwa die Hälfte der Waffen, die das ATF nach ihrer Beschlagnahmung in Belize, El Salvador, Honduras und Panama überprüft hat, wurden in den USA hergestellt oder offiziell in die USA eingeführt.

«Sicherheit durch Waffen»: Ein völlig falsches Argument

«CNN» belegt den Waffenfanatismus vieler US-Amerikanerinnen und US-Amerikaner mit weiteren Zahlen: So beherbergen die USA zum Beispiel vier Prozent der Weltbevölkerung – waren 2019 aber für 44 Prozent der weltweiten Suizide durch Schusswaffen verantwortlich.

Zwar geben amerikanische Waffenbesitzerinnen und Waffenbesitzer die persönliche Sicherheit als Hauptgrund an, um ihren Waffenbesitz zu rechtfertigen. Ein Argument, das die Zahlen klar widerlegen: So sind in den USA 63 Prozent der Todesfälle durch Schusswaffen selbstverschuldet. Im Jahr 2019 starben über 23’000 Amerikanerinnen und Amerikaner an selbst zugefügten Schusswunden. Zahlen, die die Selbstmordraten in jedem anderen Land der Welt um ein Vielfaches übersteigen.

Mit sechs Schusswaffensuiziden pro 100’000 Menschen ist die Suizidrate in den USA im Durchschnitt siebenmal höher als in anderen Industrieländern. Eine Studie der Universität Stanford aus dem Jahr 2020, für die während eines Zeitraums von elf Jahren 26 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner befragt wurden, zeigt die Gründe: Männer, die eine Handfeuerwaffe besassen, starben fast achtmal so häufig an selbst zugefügten Schusswunden als Männer, die keine Waffe besassen. Bei Frauen, die eine Handfeuerwaffe besassen, war die Wahrscheinlichkeit, durch einen Schusswaffenselbstmord zu sterben, 35-mal höher als bei Frauen, die keine Handfeuerwaffe besassen.

Massenerschiessungen und Amok-Läufe sind ein amerikanisches Phänomen

Dasselbe Bild bei Amokläufen und Massenerschiessungen: In der Hälfte der Industrieländer gab es zwischen 1998 und 2019 mindestens eine öffentliche Massenerschiessung. In keinem Industrieland gab es in 22 Jahren mehr als acht Vorfälle – während in den USA im selben Zeitraum mehr als 100 Vorfälle verzeichnet wurden, bei denen knapp 2’000 Menschen verletzt oder getötet wurden.

Regelmässige Massenerschiessungen sind ein einzigartiges amerikanisches Phänomen. So sind die USA das einzige Industrieland, in dem in den letzten 20 Jahren jedes Jahr Massenerschiessungen verübt wurden. Im Jahr 2019 wurden in den USA 417 Massenerschiessungen gezählt – im Jahr 2021 sind es bisher bereits 641. Was auffällt: In den US-Bundesstaaten mit freizügigeren Waffengesetzen und höherem Waffenbesitz kommt es auch zu mehr Massenerschiessungen. Ein Ende der traurigen Vorfälle scheint trotzdem nicht in Sicht zu sein. Die Regierung von Joe Biden forderte in diesem Jahr zwar erneut eine Waffenreform, die entsprechenden Gesetzesentwürfe wurden im Senat aber blockiert und es gibt keine Anzeichen dafür, dass sie genügend Unterstützung finden. Auch in der Bevölkerung spiegelt sich die Kluft zwischen den Republikanern und Demokraten wider: 80 Prozent der Republikaner und 19 Prozent der Demokraten sind der Meinung, dass die Waffengesetze im Land entweder genau richtig sind oder weniger streng sein sollten.

Dazu kommt, dass die Waffenverkäufe nach jeder Massenerschiessung ansteigen – weil sich die Menschen mit eigenen Waffen vor ähnlichen Vorfällen schützen wollen. Darunter leiden dann Menschenrechte wie etwa das Recht auf Leben und das Recht auf Unversehrtheit. So ist es Waffenbesitzern in insgesamt 25 Bundesstaaten nach wie vor erlaubt, in jeder Situation, in der sie glauben, dass ihnen ein unmittelbarer Schaden droht, tödliche Gewalt anzuwenden – ohne sich vorher um eine Deeskalation der Situation oder um einen Rückzug zu bemühen.

Strengere Gesetze zeigen Wirkung

Dabei ist die Zahl der Todesfälle durch Schusswaffen in vielen Ländern zurückgegangen, nachdem strengere Gesetze eingeführt wurden. Nach einer Massenschiesserei im Jahr 1996 verbot zum Beispiel Australien den Verkauf von Schnellfeuergewehren und Schrotflinten und verschärfte die Zulassungsvorschriften. In den folgenden zehn Jahren ging die Zahl der Todesfälle durch Schusswaffen um 51 Prozent zurück. In den fünf Jahren nach den Gesetzesverschärfungen gingen die Suizide mithilfe von Schusswaffen um 74 Prozent zurück.

In Südafrika hat sich die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit Schusswaffen innerhalb von zehn Jahren fast halbiert, nachdem im Juli 2004 ein neues Waffengesetz in Kraft getreten war. Mit den neuen Gesetzen wurde der Erwerb einer Schusswaffe erheblich erschwert. Eine Massenerschiessung im Jahr 1996 veranlasste das britische Parlament, die Waffengesetze des Landes weiter zu verschärfen. Der private Waffenbesitz wurde quasi verunmöglicht. Die Zahl der Todesfälle durch Schusswaffen ging in den folgenden zehn Jahren um ein Viertel zurück. Und drei Massenerschiessungen innerhalb von drei Jahren veranlassten Finnland 2011, seine Waffengesetze zu überarbeiten. Die Zahl der Todesfälle durch Schusswaffen war damals zwar bereits rückläufig, sank in den folgenden Jahren aber noch einmal um 17 Prozent.

In Neuseeland wurden die Waffengesetze nach den Schiessereien in der Moschee von Christchurch im Jahr 2019 rasch geändert. Nur 24 Stunden nach dem Anschlag, bei dem 51 Menschen getötet wurden, kündigte Premierministerin Jacinda Ardern an, dass die Gesetze verschärft würden. Weniger als einen Monat später stimmte das neuseeländische Parlament fast einstimmig für eine Änderung der Waffengesetze und verbot alle halbautomatischen Waffen im militärischen Stil.

Diese und weitere Beispiele zeigen, wie es Länder geschafft haben, die Waffengewalt in den Griff zu bekommen. Nicht so in den USA: Trotz den tausenden Todesopfern befürwortet nur knapp die Hälfte der US-Bürgerinnen und -Bürger strengere Waffengesetze. Politische Reformen werden blockiert und versanden – der tödliche Kreislauf der Gewalt scheint unaufhaltsam zu sein.



Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors

Keine
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